in Wissenschaft & Frieden 2017-3: Ressourcen des Friedens, Seite 31–33

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Theaterräume und die Kunst des Sehens

Friedensressource Kultur

von Hannah Reich

Wie können sich Menschen sicher fühlen, eine andere Identität annehmen, dem Alltag auch einmal entfliehen und damit die Konfrontation auch mit anderen Narrativen aushalten? Im Artikel wird Kultur als Ressource hierfür dargestellt. Insbesondere wird auf die Ausdrucksform des Theaters und seine Möglichkeiten der Konflikttransformation eingegangen.

Friedensbildung verlangt Arbeit: Arbeit an den bestehenden Machtverhältnissen, Rechtssystemen und Ressourcenverteilungen, den Weltanschauungen und Beziehungen, einschließlich der sie formenden Einstellungen, Handlungen und Haltungen. Diese Arbeit kann auch mittels kultureller Ausdrucksformen vorangetrieben werden. Dazu möchte ich auf die Kraft des “ästhetischen Raumes” (Boal 2000, S. VI) der interaktiven Theaterform »Forumtheater«1 als eine ergründende, verbindende und ermächtigende Ressource in Friedensbildungsprozessen verweisen. Die Wirkkraft dieses Raumes entsteht dadurch, dass er einen gemeinschaftlichen »Liminalraum« darstellt, in dem ein vom gewohnten Alltag zu unterscheidendes Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln praktiziert werden kann.

Nicht zuletzt durch den starken Einfluss von Paolo Freires Befreiungspädagogik erfüllt das Forumtheater die Erfordernisse der Konflikttransformation nach einem „entlockenden Ansatz“ (engl. elicitive approach) nach John Paul Lederach (vgl. z.B. Lederach 1995). Dieser Ansatz kann eine gewisse universelle Gültigkeit in Anspruch nehmen, während er gleichzeitig den Unterschieden in den sozio-kulturellen Gegebenheiten und Kontexten Rechnung trägt. Hierbei ist zu betonen, dass der Schlüssel zur erfolgreichen Transformation in der komplexen Gemengelage von Friedensbildungsprozessen nicht allein in dem Grundsatz der Partizipation zu finden ist. Denn es besteht die Herausforderung, eine Beteiligung und Aneignung der Prozesse zu ermöglichen, ohne dabei lediglich die geläufigen Narrationen, Mythen und Formen der Geschichtenerzählung zu verstärken, die bereits im Konfliktgefüge zirkulieren (Thompson 2004). Auf Grund des »entlockenden Charakters« wundert es nicht, dass interaktive Theaterprojekte vermehrten Eingang in den Bereich der Konflikttransformation finden.

Die Kunst des Sehens lernen

In einem Gruppenprozess interaktives Theater zu spielen, erlaubt es unter dem Deckmantel, als »Schauspieler« zu agieren, andere Facetten der eigenen Identität ins Scheinwerferlicht zu stellen als die, die im Alltag unter Umständen stark von dominierenden Gruppenzugehörigkeiten geformt werden, und lässt andere Verhaltens- und Sichtweisen des »Ich« in den Vordergrund treten. Außerdem ermöglicht der interaktive Ansatz des Forumtheaters eine sorgfältige Durchleuchtung erlebter Beziehungsverhältnisse durch die Darstellung, welche eine erfahrbare und dennoch distanzierte Reflektion der Interaktionen erlaubt. Die Arbeit am »Selbst« und seiner Wahrnehmung sowie auch die Vergegenwärtigung und Bewusstwerdung über die Beziehungsverhältnisse in der Gemeinschaft bedingen sich gegenseitig und münden in einem individuellen und gleichzeitig kollektiven Transformationsprozess.2 Wobei gerade auch die non-verbale Dimension der Kommunikation einen Ausdruck findet. Dreh und Angelpunkt ist hierbei die Art und Weise des Sehens, des Blickes auf sich, auf das Kollektiv und auf die Welt. Die »Kunst des Sehens« zu lernen, stellt ein Kernstück der Arbeit dar. Dieses Sehen erlaubt neue Perspektiven und damit auch neue Handlungsmöglichkeiten. Die zu erlernende Kunst des Sehens unterscheidet sich von einem normalen Schauen bezüglich folgender Aspekte:

1. Präsenz: Das Sehen erwartet ein Wahrnehmen, in dem der Sehende ganz und gar präsent ist und nicht mit seinen Gedanken in der Vergangenheit oder der Zukunft umherwandert, sondern ganz dem Hier und Jetzt zur Verfügung steht. Dies bedeutet auch ein Wahrnehmen mit allen Sinnen, einschließlich des Riechens, Schmeckens, Fühlens, Hörens und des sechsten Sinn.

2. Wertschätzung: Dies bedeutet von einem urteilenden zu einem nicht-urteilenden, sondern annehmenden Blick zu gelangen, in dem das Beobachtete so, wie es sich zeigt, wahrgenommen werden kann.

3. Sich als Teil eines Größeren wahrnehmen und die Wahrnehmung von Details: Durch dieses kollektive Bewusstsein kann das Erlebte in einen kollektiven Zusammenhang gestellt werden, in dem die Erfahrung als eine dem menschlichen Kollektiv zugehörige wertgeschätzt werden kann. Gleichzeitig verlangt dieses Sehen nicht nur ein Rauszoomen, sondern auch ein fokussiertes Wahrnehmen kleiner Veränderungen in der Haltung und Gestik, in Blicken, Stimmlage und Redeweise. Dadurch kann eine kleine Veränderung überhaupt als Änderung wahrgenommen werden, welche im Alltag leicht übersehen würde.

Diese Kunst des Sehens kennzeichnet das Sehen – und nicht nur das Darstellen – als eine aktive Handlung, ein »aktives Sehen»« mit allen Sinnen. D.h. es wird nicht nur der/die Schauspieler*in als aktiv am Prozess beteiligt konzipiert, sondern als genauso aktiv – wenn auch still sitzend – wird der/die präsente, wahrnehmende, bezeugende Zuschauer*in gewertet.

Die Kunst des Sehens wird in einem Gruppenprozess geübt, in dem Körper­übungen gemacht, Spiele gespielt und Meditationstechniken und Sprechweisen trainiert werden. Der wertschätzende, präsente Blick ermöglicht, dass die Teilnehmer*innen mehr und mehr die Alltagsmasken fallen lassen und sich in all ihrer Blöße und Verletzlichkeit in der Gruppe zeigen. Es entsteht eine Stimmung, in der sich alle der Gruppe zugehörig fühlen können, obwohl die Einzelnen sehr unterschiedlich sind. Denn das gemeinsame Handeln, das körperliche Interagieren verbindet trotz möglicher großer Differenzen bezüglich bestimmter Werte und Normen, und es ermöglicht die Öffnung für ein kollektives Bewusstsein der Zugehörigkeit ohne Homogenisierung. Mittels der Kunst des Sehens kann ferner gelernt werden, auch kleine Veränderungen als Veränderungen wahrzunehmen, da der Beobachter nicht so sehr mit Urteilen beschäftigt ist als damit, mit allen Sinnen alles auf der Bühne bewusst aufzunehmen. Gleichzeitig wird diese Erfahrung auf der Bühne mithilfe einer Mittlerfigur, dem »Joker«, gemeinschaftlich reflektiert und diskutiert.

Dabei möchte ich auf die komplexe Beziehung des Darstellens und Geschichtenerzählens in Bezug auf das Sicherheitsgefühl und die Integrität einer Person gerade in kriegsgeprägten Gesellschaften verweisen. Wie James Thompson deutlich gezeigt hat, basiert das interaktive Theater auf der Idee, dass unterschiedliche Geschichten in einer Performance gezeigt werden können, und impliziert das Recht jeder Geschichte, erzählt zu werden (Thompson 2004). Die Essenz des Prozesses liegt darin, dass sich aus einer Geschichte andere Geschichten entwickeln können, mit einem anderen Ende, und dass nicht nur eine Geschichte die Wahrheit beanspruchen kann. Das verlangt besondere Achtsamkeit in Kontexten, in denen lineare Geschichten als Überlebensstrategie Schutz vor Scham und Schuld bieten und Schmerz, Verlust und Leid erträglich machen. Im Licht einer Kunst des Sehens nähert man sich sensiblen Themen achtsam. Dies erzeugt manchmal ein Dilemma, da somit auch Stereotype des Anderen und generalisierte Erzählungen stehen gelassen werden, die es aber zur Konflikttransformation zu dekonstruieren gilt. Der Akt des Geschichtenerzählens und des Darstellens in der komplexen Gemengelage von Konfliktgefügen verlangt weitere Untersuchungen. Die Kunst des Sehens kann nicht mehr als eine Richtung aufzeigen, in der deutlich wird, welche Kraft für Veränderung in dem Blick, im Ansehen und der Anerkennung steckt, und die wieder mal betont, wie wichtig für eine konstruktive soziale Veränderung die Entwicklung qualitativer Beziehungen ist, die in dem Gruppenprozess interaktives Theater entstehen können.

Kultur als Ressource für Sicherheit

Warum hat diese Ressource »Kultur« auch mit Sicherheit zu tun – am besten noch mit Sicherheit in Deutschland?

Hierbei möchte ich auf drei Aspekte verweisen, die m.E. in Diskussionen um »Sicherheit« zu kurz kommen:

Erstens die Tatsache, dass das individuelle Gefühl von (Un-) Sicherheit eng verknüpft ist mit dem Beziehungsgefüge, in dem sich die Person befindet und das ihr (Un-) Sicherheit gibt. Dies ist wichtig zu betonen, denn es erlaubt, auf die Abwesenheit von Beziehung, das Fehlen von qualitativ hochwertigen Beziehungen zu verweisen, in denen eine konstruktive Konfliktkultur3 herrscht, wenn Menschen sich unsicher fühlen. Und dieses qualitative Netzwerk von Beziehungen entsteht nicht durch das Aufstellen von Videokameras, bewachten Mauern und/oder Zäunen. Ein qualitatives Beziehungsnetz entsteht durch Beziehungsarbeit, durch gemeinschaftliche Tätigkeiten und in fragmentierten Gesellschaften durch Arbeit der Vertrauensbildung. Hierbei können kollektive Rituale eine Bedeutung bekommen und auch gemeinschaftliche Praktiken, wie z.B. durch kulturelle Veranstaltungen, Musik, Sport oder vielleicht auch interaktives Theater. Wirkliches Vertrauen verlangt jedoch ein Vertrauen in sich selbst und ein einigermaßen gesundes Selbstwertgefühl. Dies führt zum nächsten Aspekt:

Zweitens: Bedrohung ist ein komplexes Konstrukt, welches individuelle Gefühle, Wahrnehmungen und Erfahrungen genauso umfasst wie die kollektiven Darstellungen, Konstruktionen und medialen Repräsentationen. Dies bedeutet, dass das Sicherheitsgefühl von Personen schwer objektiv gemessen werden kann. Der subjektive Aspekt der Bedrohung ist eng mit dem objektiven Aspekt verwoben: der wirklich existierenden Desintegration, Konflikten und Gewalt. Dabei ist es unmöglich, beide Aspekte voneinander zu trennen, und es wird deutlich, wie sehr der wahrgenommene »subjektive« Aspekt auch in objektiv ungefährlichen Situationen gewalttätige Handlungen unterstützt und somit mehr Unsicherheit schafft. Zusätzlich muss man festhalten, dass der »subjektive« Aspekt nicht in dem Sinne subjektiv ist, dass er individuell ist, sondern er ist verwoben mit kollektiven und kulturellen Erinnerungen, Bedeutungssystemen und Verhaltensweisen.4 Das vorhandene kulturelle Kapital ist also sehr wichtig dafür, ob eine Situation als subjektiv gefährlich wahrgenommen wird und ob sich jemand von einer Politik der Angst verführen lässt. Denn auf der anderen Seite kann sogar in objektiv sehr gefährlichen Situationen ein kulturelles Wissen uns daran hindern, Handelnde der Angst zu werden.5 Dies führt zu dem letzten Aspekt:

Drittens: Ich möchte Sicherheit auf ganz direkte Weise mit der Frage der Bildung, verstanden als Faktenwissen und als wissensgenerierende Praxis, verknüpft sehen. D.h. es geht einerseits um das Wissen, welches hilft, sich gegen Stereotype und allzu schemenhafte »grandes narrations« der Welterklärung zu wenden und diese zu ergänzen bzw. zu dekonstruieren. Aber vielleicht noch viel wichtiger ist die Frage, welches Wissen dazu in der Lage ist, Menschen auf den Weg eines Bewusstwerdungsprozesses zu führen, der es ihnen erlaubt, individuell erlebte Erfahrungen von Angst, Verlust und Verzweiflung zu überwinden und sich selbst als wertvollen und würdigen Teil des menschlichen Kollektivs sinnvoll handelnd wahrzunehmen. Hier, denke ich, kann die Ressource Kultur, wie z.B. die Wissensgenerierung durch interaktives Theater – welches einerseits Geschichten hervorgräbt, die anderes Wissen als das gängig gehörte auf die Bühne bringen, und andererseits auf einem Gruppenprozess basiert, der kollektive Erfahrungen, Bewusstwerdung und Selbst-Gewahrwerdung impliziert – durchaus einen Beitrag leisten.

Kultur kann als Ressource gesehen werden, um Sicherheiten zu schaffen und Frieden zu bilden. Dafür eignet sich gerade die Gemeinschaftskunst des interaktiven Theaters, wo kollektive Zugehörigkeiten konstituiert werden, welche auch konstruktive Kommunikationsformen und Konfliktbearbeitung trainieren können. Gerade durch die Möglichkeit, non-verbal zu kommunizieren und körperlich zu agieren, kann auf der Beziehungsebene auch eine Qualität hergestellt werden, die es erlaubt, auf der Sachebene Differenzen auszuhalten, ohne sich zu distanzieren. Auf der Basis kultureller Praktiken kann ein Gemeinschaftsgefühl kreiert werden, das es ermöglicht, eine konstruktive Konfliktkultur zu üben und zu praktizieren. Diese Prozessorientierung kann die Ambiguitätstoleranz ebenso stärken wie die Fähigkeit, mit ungeordnetem, chaotischen Zuständen umzugehen.

Ambivalenz von Kunst und Kultur

Spätestens hier wird deutlich, dass Kunst und Kultur nicht per se zur Friedensbildung beitragen. Im Gegenteil, diese Medien können als soziale Ausdrucksmittel genauso gut zur Polarisierung und Fragmentierung der Gesellschaft wie auch zur Eskalation von Konflikten verwendet werden, wie anhand der rechten Musikszene in Deutschland einleuchtend vor Augen geführt werden kann.

Genauso muss man betonen: Eine konstruktive Verwendung der Ressource Kultur kann nicht eine sozio-ökonomische und politische Re-Strukturierung der globalen Regierungsführung ersetzen. Wird Kultur aber konstruktiv und bewusst eingesetzt, kann sie dazu beitragen, die Qualität des sozialen Gefüges zu verbessern und andere Formen des Wissens in die Gesellschaft einspeisen.

Wenn Diana Francis sagt, „Konflikttransformation bedeutet Kulturtransformation für uns alle“, dann erkennt sie an, dass es an der Zeit ist, sich neue Räume der Wissensgenerierung anzueignen, in denen neben Faktenwissen Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung und der persönlichen und kollektiven Bewusstwerdung einen Raum haben, und dass es an der Zeit ist, soziale Orte zu konzipieren, in denen kollektive Zugehörigkeiten praktiziert werden können, ohne dass die Teilnehmenden notwendigerweise sozio-politisch einer Meinung sind. Hier können kulturelle Praktiken eine Vorreiter­rolle spielen.

Anmerkungen

1) Zur Funktionsweise des Forumtheater siehe Reich, H. (2010): Die friedensbildende Kraft interaktiver Theaterräume. W&F 4-2010, S. 40-43.

2) Ich beziehe mich auf den Forumtheater-Prozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass eine von den Teilnehmern als ungerecht erlebte Situation auf der Bühne bis zu einem Krisenpunkt dargestellt wird und im Anschluss daran das Publikum gebeten wird, auf die Bühne zu kommen und als einer der Charaktere das Stück zu einem anderen Ende zu bringen, während es nochmal von vorne gespielt wird.

3) Siehe dazu auch Heitmeyer, der deutlich macht, dass Gewalt nicht durch Toleranz verhindert werden kann, sondern durch „kontinuierliche Handlung“ (Heitmeyer 2002, S. 276).

4) Um diesen Punkt deutlich zu machen: Wenn wir nur die Narration kennen, „helle Frauen mit Stirnband sind bereit, sich in die Luft zu jagen“, dann wird, selbst in objektiv nicht gefährlichen Situationen, das Sicherheitsgefühl durch die Anwesenheit einer Frau mit Stirnband erschüttert werden. Wenn jetzt diese Geschichte durch die Narration „eine rothaarige Frau mit Gewehr wird uns schützen“ vervollständigt wird, dann wird die Anwesenheit einer rothaarigen Frau wiederum das Sicherheitsgefühl erhöhen.

5) Gerd Spittler hat zum Beispiel gezeigt, dass in objektiv sehr gefährlichen Situationen, wie Hungerkatastrophen, eine „kulturelle Vitalität“, die kulturelles Gedächtnis und sozio-kulturelle Aktivitäten einschliesst, die Tuaregs im Niger dazu befähigt hat, trotz dieser Bedrohung ihre Würde zu erhalten (Spittler 2004).

Literatur

Boal, A. (2000): Rainbow of Desire. The Boal method of theatre and therapy. London: Routledge.

Heitmeyer, W. (2002): Deutsche Zustände – Folge 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lederach H.P. (1995): Preparing for Peace – Conflict Transformation Across Cultures. Syracuse, NY: Syracuse University Press.

Spittler, G.; Probst, P. (eds.) (2004): Between Resistance and Expansion – Explorations of local vitality in Africa. Münster: LIT.

Thompson, J. (2004): Digging up stories – An archaeology of theatre in war. The Drama Review, Vol. 48, No. 3, S. 150-164.

Prof. Dr. Hannah Reich ist Hochschullehrerin am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

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