in Wissenschaft & Frieden 2012-3: Klimawandel und Sicherheit, Seite 29–31

zurück vor

Klimawandel und die Landwirtschaft

von Zoe Heuschkel

Die Landwirtschaft leidet nicht nur unter den Folgen der Klimaveränderungen, sondern beschleunigt diese zugleich und ist mitverantwortlich für die fortschreitende Degradation natürlicher Ökosysteme. Ein fundamentaler Wandel ist daher notwendig, um gleichzeitig drei Herausforderungen zu meistern: die ausreichende Erzeugung von gesunden Nahrungsmitteln, die Anpassung an den Klimawandel und die Verringerung von klimarelevanten Gasen in der Atmosphäre.1

Die globale Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion im Verlauf der letzten einhundert Jahre wird als Erfolgsgeschichte derer angesehen, die davon am meisten profitiert haben. Über die sozial-ökologischen Kosten dieses Erfolgs wird dabei häufig hinweggesehen. Gleichermaßen wird die unvorstellbare Zahl von knapp einer Milliarde hungernder Menschen in Kauf genommen, denen wiederum eine weitere Milliarde krankhaft übergewichtiger Menschen gegenüber steht. Welchen Veränderungen der Landwirtschaft unter dem Einfluss des Klimawandels sehen wir entgegen? Ist eine drohende Verringerung der Erntemengen wirklich unser vordringliches Problem? Kann eine weitere Produktionssteigerung in der Landwirtschaft wirklich das Welternährungsproblem lösen?

Wie sonst kein anderer Sektor ist die Landwirtschaft stets abhängig von den Unwägbarkeiten natürlicher Einflüsse wie beispielsweise Niederschlag, Wind und Sonneneinstrahlung und der Regulationsfähigkeit von (Agrar-) Ökosystemen. Seit jeher ist landwirtschaftliche Erzeugung durch Ackerbau, Viehzucht, Forstwirtschaft und Fischerei eingebettet in ihre natürliche Umwelt und hat zu ihrer (Um-) Gestaltung beigetragen. Die klimatischen Bedingungen sind Teil der natürlichen Umwelt, deren Veränderung nun die Landwirtschaft plagt – zu der sie aber auch einen gewissen Teil beiträgt.

Schätzungsweise 30-45% der Treibhausgasemissionen sind auf die landwirtschaftliche Tätigkeit des Menschen direkt oder mittelbar über Landnutzungsänderungen und Transport zurückzuführen (IPCC 2007). Hierbei schlagen vor allem die enormen Energieaufwendungen zur Erzeugung von Stickstoffdünger, die Ausgasung der Abbauprodukte aus dem Boden und die Trockenlegung von Feuchtgebieten zur Ackerlandgewinnung zu Buche. Landwirtschaft ist damit neben dem Abbau von Erzen und fossilen Brennstoffen einer der einflussreichsten Eingriffe des Menschen in natürliche Ökosysteme und deren Regulationsfähigkeit.

Doch Landwirtschaft ist nicht gleich Landwirtschaft, und Landwirtschaft ist auch nicht gleich Ernährung. Internationale Studien warnen vor den drohenden Auswirkungen des Klimawandels, jedoch verweisen sie dabei auf Faktoren wie Dürren oder Überschwemmungen, die sich hauptsächlich auf die Produktionsmengen auswirken (FAO 2009; IFPRI 2009; Hoffmann 2011). Warum die globale Produktion nicht allein ausschlaggebend für die Versorgung mit ausreichenden und hochwertigen Nahrungsmittel ist und warum die Menschheit trotzdem gut daran täte, ihre landwirtschaftliche Produktion umzustellen, soll hier im Weiteren diskutiert werden.

Auswirkungen der Klimaveränderungen

Wissenschaftler schätzen, dass sich bei einem Anstieg der durchschnittlichen Temperatur um zwei Grad Celsius bis 2050 die Getreideernten in den Ländern des Südens um 15-30% verringern werden. Zudem wird eine Verkürzung der Anbauperiode im Nordosten Südamerikas, dem Mittelmeerraum und weiten Teilen Afrikas erwartet (IPCC 2007). Eine erhöhte CO2-Konzentration in der Luft führt zwar zu einer Steigerung der Stoffwechselrate der Pflanzen in den gemäßigten Breiten und bewirkt damit einen Düngeeffekt; Temperaturanstiege können damit in diesen Regionen zu einer Verlängerung der Ernteperiode führen. Im Gegensatz dazu kommen in extremeren Lagen wie bspw. in den Tropen, den Subtropen und besonders ariden Gebieten moderne Industriesorten schon jetzt nah an ihr physiologisches Limit. Damit treffen die klimatischen Veränderungen die Weltregionen am härtesten, die schon heute mit Dürren, Überschwemmungen und Hunger zu kämpfen haben.

Sicher ist außerdem, dass in Zukunft vieles unsicherer ist: Niederschlagsmengen, -häufigkeit und –verteilung oder Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse wie Hitzewellen, Starkregen oder Stürme. Die Landwirtschaft wird direkt durch eine schlagartige Vernichtung der Ernten und längerfristig durch die Degradation ökologischer Systeme bedroht. Zusätzlich trägt der allgemeine Temperaturanstieg zur Abschmelzung der Gletscher bei, die die großen, zur Bewässerung genutzten Flüsse v.a. in der Himalaya-Region speisen.

Landwirtschaft ist nicht gleich Landwirtschaft

Die landläufig verwendeten Szenarien zur Berechnung von Erntemengen haben einen grundsätzlichen Schönheitsfehler: Sie legen die industrialisierte Landwirtschaft zugrunde. Eine energieintensive Bewirtschaftungsform, die in Monokulturen auf Hilfsmittel wie Dünger und Pestizide angewiesen ist, trägt vermutlich mehr zum Problem als zur Lösung bei. Die Abhängigkeit von billiger Energie, die bisher fast ausschließlich über die Nutzung fossiler Energieträger und nicht-regenerative Erze erzeugt wird, verursacht damit erhebliche weltweite Emissionen von klimarelevanten Gasen.

Die Integration pflanzlicher und regenerativer Energieträger in den Energiemix steckt noch in den Anfangswehen. Die erste Generation der Pflanzentreibstoffe hat bisher viel Kritik und wenig Erfreuliches zu Tage gefördert: Regenwaldvernichtung zugunsten von Ölpalm- und Zuckerrohr-Plantagen, Landvertreibungen aufgrund großflächiger internationaler Investitionen in die Energiepflanzenerzeugung, Wasserverknappung und die Gefährdung der Ernährungssicherheit (Fritz 2010). Ein Rückgang günstig verfügbarer Energie zeichnet sich deutlich ab, und der verschwenderische Einsatz natürlicher Ressourcen kann keine Zukunft haben. Nach »Peak Oil« folgt »Peak Soil« und schlussendlich »Peak Everything« (Heinberg 2007).

Sinnvoll wäre eine Integration der kleinflächigen Energieerzeugung in den landwirtschaftlichen Prozess und eine stärkere Selbstorganisation der Energieerzeuger und -verbraucher. Ein solcher Ansatz findet sogar außergewöhnliche Unterstützung: In seiner Studie zu »Peak Oil« kommt das Zentrum für Transformation der Bundeswehr zu folgender Empfehlung: „Auf gesellschaftlicher Ebene ist deshalb auch eine Stärkung von Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Selbstorganisation von Bürgern auf lokalem Level denkbar […]“ (2010).

Es ist fraglich, ob sich die erwarteten Ernteeinbußen bei Weizen in den Ländern des Südens direkt auf die Ernährungssicherheit auswirken. Rund ein Drittel der Produktion landet nämlich in den Futtertrögen der industrialisierten Tierproduktionsstätten und als Billigfleisch auf den Tellern der Industrieländer. Notwendig ist eine Verabschiedung vom Kraftfutter und eine konsequentere Regelung der Tierhaltungsbestimmungen hin zu artgerechter Haltung und Fütterung. So kann aus dem vermeintlichen »Klimakiller« Kuh (vgl. Idel 2011) wieder ein wertvolles Nutztier werden, das für Menschen unverwertbares Gras in proteinreiche Nahrung verwandelt. Dennoch: Ein verantwortungsbewusster Konsum von Fleisch sollte auch bei einer artgerechten Tierhaltung an erster Stelle stehen.

Auch eine klimatische Verdrängung der allgemein prestigeträchtigeren Getreidearten Weizen und Reis und deren Hochleistungssorten und die Rückkehr zu stresstoleranteren und angepassteren Getreidearten wie Hirse und Sorghum wären denkbar. Die damit verbundene Wiederbelebung traditioneller und vielfach gesünderer Küchen erscheint als Antwort auf das Überernährungsproblem interessant. Das setzt natürlich voraus, dass der rasant voranschreitende Verlust an biologischer Vielfalt schnellstmöglich gestoppt wird. Nicht nur wildlebende Pflanzen und Tiere sind vom Arten- und Sortensterben betroffen, sondern auch Nutzpflanzen und -tiere. Deren Verlust macht es dem Menschen mit jeder verlorenen Sorte und jeder verlorenen Art schwerer, sich an die Klimaveränderungen anzupassen. Gerade in ihrer Angepasstheit an die lokalen Bedingungen und ihrer Anpassungsfreudigkeit an deren Veränderung liegt der große Vorteil der so genannten traditionellen Sorten.

Schließlich verdient die Verortung der Landwirtschaft in der allgemeinen Ökonomie eine genauere Betrachtung. Darf ein Wirtschaftszweig, der der Befriedigung essentieller menschlicher Bedürfnisse dient, der allgemeinen Wachstumslogik unterworfen sein, oder werden hier ganz andere Indikatoren und Maßzahlen benötigt? Auf welcher Basis erfolgt die Effizienzberechnung, und weshalb werden in solche Kalkulationen sehr wohl die Güter, nicht aber die externen Effekte wie Ökosystem, Dienstleistungen oder Umweltzerstörungen berücksichtigt? Trotz ihrer Jahrtausende alten Tradition steht die Landwirtschaft als Dienstleistungszweig und im Hinblick auf die Anerkennung der geleisteten Dienste für die Allgemeinheit erst am Anfang – in der Forschung wie in der Wertschätzung. Gleiches gilt für die Erfassung und Berechnung ihrer langfristigen Schädlichkeit unter anderem für das globale Klima. Über kurz oder lang wird aber gezeigt werden können, dass die industrialisierte Landwirtschaft ein unrentables, nicht nachhaltiges Auslaufmodell ist.

Landwirtschaft ist nicht gleich Ernährung

Der Unterschied zwischen Ernährungssicherheit und Nahrungsmittelverfügbarkeit wird von Frances Moore-Lappé, Trägerin des Right Livelihood Award, sehr treffend formuliert: „Hunger is not caused by a scarcity of food but a scarcity of democracy.“ (Hunger wird nicht durch einen Mangel an Nahrungsmitteln, sondern durch Mangel an Demokratie verursacht.) Zu welchen Folgen ein Mangel an politischen Beteiligungsmöglichkeiten führt, zeigt die Gegenüberstellung zweier Entwicklungen: der weltweiten Hungerstatistik und des Produktionsindex landwirtschaftlicher Produkte.

Der Produktionsindex der globalen Landwirtschaft folgt einem permanenten Aufwärtstrend. Durch technische Innovation, Einsatz von chemischen Wirkstoffen und neue Züchtungsverfahren verzeichnet die industrialisierte landwirtschaftliche Produktion eine stetige Steigerung. Dennoch bleibt die Zahl der Hungernden erschreckend konstant. Die unzureichende Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und die Nichtgewährleistung von Nahrungssicherheit gehören mit zu den zuverlässigsten Indikatoren mangelhafter politischer Systeme.

Allein die ungleiche Verteilung von Nahrungsmitteln schafft den Hunger. Es gibt heute genug Nahrungsmittel für alle Menschen auf der Welt, möglicherweise sogar mehr als nötig. Die Beziehung von globaler Nahrungsmittelproduktion und Nahrungsmittelverfügbarkeit sollte immer wieder neu durchdacht werden. Nicht allein die Nachfrage schafft das Angebot. Der Verweis auf die Regulationsmacht des Marktes erscheint in diesem Zusammenhang mehr als zynisch und funktioniert allenfalls dort, wo die Nachfragenden über genügend Kaufkraft für die tägliche Mahlzeit verfügen. Die dann entstehende Abhängigkeit von Importen schafft eine enorme Anfälligkeit für volatile Weltmarktpreise und verursacht neue Probleme.

Analysen der so genannten Hungeraufstände von 2007 und 2008 in einigen afrikanischen Ländern haben zwar gezeigt, dass nicht nur ein hoher Nahrungsmittelpreis und die Knappheit von Nahrungsmitteln für den Ausbruch von gewaltförmigen Ausschreitungen ausreichen, sondern dass auch politische Unfreiheit und ein Mangel an sozialem Kapital relevante Faktoren sind (Berazneva 2011; Scheffran et al. 2012). Damit erklärt sich auch zum Teil, warum es in Indien, der Region, in der es nach Schätzungen von 2003 die meisten Hungernden gibt, vergleichsweise ruhig ist. Dennoch, das milliardenfache Leid bleibt bestehen.

Während vorwiegend Männer in vielen urbanen Zentren Afrikas verzweifelt protestierten, verhungern Frauen und Mädchen auf dem Land völlig lautlos. Das ist so schrecklich wie unverständlich, schließlich werden gerade in den ländlichen Gebieten Nahrungsmittel produziert. Lange Zeit war das jedenfalls so, bis lokale und regionale Märkte im Süden mit subventionsgestützten Billigimporten aus Europa und den USA überschwemmt wurden und lokale Bauern mit den Preisen nicht mehr konkurrieren konnten.

Wer kann, wandert heute in die Stadt und sucht nach einer neuen Arbeit und Einnahmequelle. 2008 war das Jahr, in dem weltweit erstmals mehr Menschen in den Städten lebten als auf dem Land, und der Trend hält an (UN Habitat 2009). Die Frauen bleiben mehrheitlich zu Hause auf dem Land und versuchen, sich und ihre Familien mit der Landwirtschaft durchzubringen. Ihr Mangel an formaler Bildung einerseits und ihre Rolle in der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die den Frauen die Hauptlast der Arbeit in der afrikanischen Landwirtschaft zuteilt, andererseits lassen ihnen wenige Wahlmöglichkeiten.

Was wäre verantwortlich zu tun?

Wir müssen die Verantwortung für unser Tun auf diesem Planeten annehmen und die Landwirtschaft als eine Tätigkeit anerkennen, die in natürliche Kreisläufe sowie in soziale und kulturelle Systeme eingebettet ist. Ihre Abhängigkeit von und gleichzeitig ihre Verantwortung für intakte Ökosysteme und deren Regulationsmechanismen müssen akzeptiert und die Konsequenzen daraus getragen werden. Ein komplexes System wie das der Welternährung lässt sich weder durch Klimaveränderungen zerstören noch durch eine »one fits all«-Lösung reparieren. Es braucht vielmehr lokal angepasste, vielfältige landwirtschaftliche Systeme, die sich durch die Annäherung an die natürliche Umwelt stabilisieren und ihre Regulationsmechanismen stärken.

Wir haben den Kampf ums Überleben unserer Spezies schon seit so vielen Generationen gewonnen. Nun sonnen wir uns in einer Allmachtsphantasie und gefährden damit unsere weitere Existenz auf dem Planeten. Ein Wandel in der Landwirtschaft ist notwendig und beinhaltet letztendlich auch einen Friedensschluss mit unserer natürlichen Umwelt.

Literatur

Berazneva, Julia; Lee, David (2011): Explaining the African Food Riots of 2007-2008: An Empirical Analysis. New York: Cornell University.

Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) (Hrsg.) (2009): Expert Meeting on How to Feed the World in 2050. Rom , 24-26.06.2009, FAO.

Fritz, Thomas (2010): Das Große Bauernlegen – Agrarinvestitionen und der Run aufs Land. Berlin: Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL).

Hoffmann, Ulrich (2011): Assuring Food Security in Developing Countries under the Challenges of Climate Change: Key Trade and Development Issues of a Fundamental Transformation of Agriculture. Genf: United Nations Commission on Trade and Development, UNCTAD Discussion Papers 201.

Idel, Anita (2011): Die Kuh ist kein Klimakiller. Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können. Marburg: Metropolis.

International Food Policy Research Institute (IFPRI) (Hrsg.) (2009): Climate Change: Impact on Agriculture and Costs of Adaptation. Washington D.C.: International Food Policy Research Institute.

International Panel on Climate Change (IPCC) (Hrsg.) (2007): Fourth Assessment Report. Genf: IPCC.

Scheffran, Jürgen; Brzoska, Michael; Kominek, Jasmin; Link, Michael; Schilling, Janpeter (2012): Past and Future Research on Climate Change and Violent Conflict. CLISEC-18. Universität Hamburg.

Zentrum für Transformation der Bundeswehr (Hrsg.) (2010): Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologien im 21. Jahrhundert. Umweltdimensionen von Sicherheit. Teilstudie 1: Peak Oil. Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen. Strausberg: ZTransfBW.

Anmerkungen

1) Die Autorin dankt PD Dr. Stephan Albrecht herzlich für seinen wissenschaftlichen Rat und die hilfreichen Kommentare.

Zoe Heuschkel ist Ethnologin und Landschaftsökologin und ist als Referentin des Projekts zur Zukunft der Ernährung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler tätig.

in Wissenschaft & Frieden 2012-3: Klimawandel und Sicherheit, Seite 29–31

zurück vor