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2020-4
Umwelt, Klima, Konflikt – Krieg oder Frieden mit der Natur?

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Die Kritik der Waffen – Denken an Otfried Nassauer (1956-2020)

Corinna Hauswedell und Jürgen Nieth

Kennengelernt haben wir Otfried Anfang 1983 im Koordinierungsausschuss (KA) der Friedensbewegung, der, wie im Oktober des Jahres sichtbar wurde, die größten Friedensdemonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik auf über zwei Millionen Beine stellen konnte. Otfried, damals 27 und parteiloser Experte, half kenntnisreich und listig, den Streit um die Bewertung von Pershing-II, Cruise Missiles und SS-20 in die großen gemeinsamen Aktionen gegen Raketenstationierung, nukleare Abschreckung und Kalte Krieger auf beiden Seiten des »Eisernen Vorhangs« münden zu lassen.

Damals und auch später immer wieder, wenn Otfried mit seinen peniblen militär- und sicherheitspolitischen Recherchen und Analysen Bewegung und Wissenschaft, Medien und Politik trefflich beriet, schien er sich von einem Marx‘schen Credo leiten zu lassen: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen.“ Seine präzisen Kenntnisse, wie Atomwaffen, Drohnen, Kleinwaffen, neue Cybertechnik und der Export dieser Waffen »funktionieren«, versetzten ihn und folgerichtig auch diejenigen, die er beriet, in die Lage, die mit Militär und Rüstung grundlegend verbundenen (Un-) Sicherheitsstrategien und Gefahren zu erkennen und zu kritisieren.

So wurde der studierte Theologe Otfried für viele von uns ein Friedens- und Konfliktforscher ganz besonderer Qualität – und er wird mit seinem enzyklopädischen Wissen, das in seinem Kopf lebendiger war als in den Regalen seines Berliner Instituts für Transatlantische Studien (BITS), unersetzbar bleiben! Wie kaum einem anderen ist es ihm gelungen, von außerhalb des »Mainstream« in eben diesen Mainstream hinein zu wirken – die hohe Kunst des wirklichen (Gegen-) Experten! Das hat ihm zwar nicht die materiellen Ressourcen beschert, die er so nötig gebraucht hätte, um noch wirksamer sein zu können. Aber es entstand eine Art vertrauensvoller Anerkennung als Gesprächspartner, die eben weit in die Kreise des sicherheitspolitischen Establishments wie auch der Bundeswehr hineinreichte – ein »Aufklärer« im besten Sinne.

Er war ein Wanderer und Streiter in den verflixt schwierigen und gefährlichen Welten von Krieg und Frieden, der nie den friedenspolitischen Kompass oder den Humor verlor. Wenn man mit ihm beim Bier, im Zug oder im Auto saß und über die Kontroversen einer gerade stattgefundenen Diskussionsveranstaltung sinnierte, war da nie ein zynischer, selten ein sarkastischer Ton zu hören, eher ein wieherndes Lachen, ein verschmitzter Blick, eine Erinnerung daran, wie wir in den Achtzigern über Aufrufinhalte, Rednerlisten und Aktionsformen gestritten hatten und wie daraus eine tiefe Freundschaft entstand. Oft zeigte er auch Verständnis für die Sturheit des »Gegners«. Otfried war ein Menschenfreund, der das Leben liebte und dafür mit Leidenschaft brannte.

Etwas mehr Würdigung seiner Arbeit, so, wie es jetzt in den vielen Nachrufen anklingt, hätte ihm sicher zu Lebzeiten gut getan.

Dankbar sind wir, dass wir so lange Jahrzehnte gemeinsam mit ihm streiten und kämpfen konnten, dass er auch für unsere Zeitschrift so viele wertvolle Beiträge geleistet hat, zuletzt noch in diesem Jahr »Weniger Sprengkraft, aber mehr Risiko – Kleine Atomsprengköpfe auf großen U-Boot-Raketen« (W&F 2/2020, S. 43-46). Weitere Beiträge von Otfried Nassauer sind auf der W&F-Website zu finden.

Wir vermissen Dich bereits jetzt sehr, lieber Otfried! Es wird verdammt viel schwerer ohne Dich.

Corinna Hauswedell (ehem. Mitherausgeberin des Friedensgutachtens, Vorsitzende der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden)
Jürgen Nieth (ehemaliger verantwortlicher Redakteur von W&F)

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2020-4 Umwelt, Klima, Konflikt – Krieg oder Frieden mit der Natur?

Die massive Ausbeutung der Natur hat vielfach gravierende Folgen für die Lebensqualität, oft sogar für die Überlebensfähigkeit von Menschen. Die zunehmende Erwärmung der Erde und damit einhergehende Veränderungen der Klimamuster verschlimmern vielerorts die Lage. W&F 4-2020, »Umwelt, Klima, Konflikt ‑ Krieg oder Frieden mit der Natur?« untersucht einige Aspekte des Themas.

Außerhalb des Schwerpunkts wird von Kritikern des deutsch-französischen Krieges 1870/71 berichtet. Außerdem geht es um die Zukunft der nuklearen Teilhabe sowie um die Entscheidung, Gorleben von der Suche nach einer Endlagerstätte für hochradioaktiven Müll auszunehmen.

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Dossier 90

Autonome Waffensysteme – auf dem Vormarsch?

 Autonome Waffensysteme – auf dem Vormarsch?

W&F-Dossier 90 stellt die Frage »Autonome Waffensysteme – auf dem Vormarsch?«. Autonom entscheidende und agierende Waffensysteme, die ohne menschliche Kontrolle ihre Ziele anvisieren und Menschen töten – was klingt wie Science-Fiction, wird vielleicht bald Realität. Letale autonome Waffensysteme, umgangssprachlich Killerroboter genannt, werfen vielfältige definitorische, friedens- und sicherheitspolitische, friedensethische, völkerrechtliche und verifikationstechnische Fragen auf. Die Autor*innen des Dossiers erläutern kundig und doch verständlich das Problem, die Gefahren und den Sachstand.

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Gastkommentar

zum Artikel Palästinas Weg zu Freiheit und Frieden

Mustafa Barghouti
Gastkommentar

Die schlimmste Form der Unterdrückung ist die geleugnete Unterdrückung. Die schlimmste Form der Unterdrückung verweigert den Unterdrückten das Recht auf Widerstand. Das ist heute die Situation der Palästinenser*innen.

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In der aktuellen Ausgabe

zum Artikel Welthunger nach Rohstoffen

Soziale und umweltpolitische Konflikte um Ressourcen in der Tiefsee

Ulrike Kronfeld-Goharani

In den vergangenen Jahrzehnten ist der weltweite Bedarf an Rohstoffen rasant gewachsen. Computer, Flachbildschirme, Hybridfahrzeuge, Windkraft- und Solaranlagen – alle brauchen große Mengen an Metallen.1 Die mineralischen Rohstoffe werden heute fast ausschließlich in Bergwerken unter Tage oder im Tagebau gewonnen. Zwar kann der Vorrat der Reserven an Land die derzeitige Nachfrage decken, aber steigende Rohstoffpreise und ein schwieriger werdender Abbau in schwer zugänglichen Regionen oder in politisch instabilen Staaten haben die mineralischen Rohstoffe der Tiefsee verstärkt in den Fokus gerückt. Für Staaten – im Folgenden solche im Südpazifik –, die Landnutzungskonflikten aus dem Weg gehen oder sich eine größere Unabhängigkeit von Exportnationen verschaffen wollen, erscheint die Tiefsee als willkommene Möglichkeit. Allerdings birgt der Tiefseebergbau auch ein erhebliches Konfliktpotential.

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zum Artikel Biodiversitätskonflikte

Eine sozial-ökologische Perspektive

Thomas Fickel & Robert Lütkemeier & Diana Hummel

Am Umgang mit Biodiversität entzünden sich weltweit Konflikte, die bisher nicht umfassend erforscht und systematisiert wurden, da die Zusammenhänge zwischen Biodiversitätsverlust und gesellschaftlichen Konflikten vielfältig sind (Fickel und Hummel 2019; Scheffran 2018). Der jüngste Bericht des Intergovernmental Panel on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES 2019) prognostiziert, dass der Verlust der globalen biologischen Vielfalt in den kommenden Jahrzehnten dramatisch ansteigen wird. Somit werden gesellschaftliche Konflikte infolge der Degradation oder des Zusammenbruchs von Ökosystemen wohl weiter zunehmen. Die Bewältigung von Biodiversitätskonflikten muss daher sowohl die nachhaltige Lösung von Umweltproblemen als auch die Deeskalation und Bearbeitung von Konflikten zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteur*innen einschließen.

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zum Artikel Keine Taler für den Krieg

August Bebel und Wilhelm Liebknecht als Kritiker des Krieges von 1870/71

Karlheinz Lipp

Das Deutsche Kaiserreich (1871-1918) wurde als Ergebnis des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 im Spiegelsaal von Versailles »von oben« gegründet. Somit hatte Preußen-Deutschland in wenigen Jahren erfolgreich drei Kriege geführt (zuvor bereits 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich-Ungarn). Diese Siege stabilisierten einen Militarismus in Deutschland, der von weiten Teilen der Bevölkerung mitgetragen wurde (Wette 2011). Umso wichtiger ist es, auf jene Stimmen hinzuweisen, die diesen Militarismus kritisch hinterfragten.

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Redaktion und Vorstand von W&F bedanken sich bei der Deutschen Stiftung Friedensforschung,
deren Förderung 2007 diese Internetpräsentation von Wissenschaft & Frieden ermöglicht hat

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Unser Dank gilt der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die 2009 die Überarbeitung dieser Internetseiten förderte