Dossier Nr. 67

in Wissenschaft & Frieden 2011-2: Kriegsgeschäfte

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Kriegsvergewaltigung

Eine Typologie

von Elvan Isikozlu

Kriegsvergewaltigung, so wird angenommen, ist so alt wie der Krieg selbst. Die systematischen1 und weit verbreiteten2 Vergewaltigungen in den Kriegen in Bosnien und Herzegowina (BiH) sowie in Ruanda haben dazu geführt, dass sie als »Kriegswaffe« eingestuft und aus diesem Grund international geächtet werden. Die UN-Resolution 1820 vom Juni 2008 fordert einen sofortigen Stopp jeglicher sexueller Gewalt als Methode der Kriegsführung. Das BICC (Internationales Konversionszentrum Bonn) hat dieses Thema wissenschaftlich aufgegriffen. Die Forschung im Bereich »Kriegsvergewaltigung durch bewaffnete Gruppen« hat gezeigt, dass es viele Arten, Gründe und Täter gibt. Verschiedene Kriegsparteien verfolgen damit unterschiedliche Ziele. Die verheerenden Konsequenzen von Kriegsvergewaltigung – sei es für die Überlebenden oder die betroffene Gesellschaft – werden eben davon beeinflusst. Das BICC hat die vielfältigen Ausprägungen dieser Gewalt im Krieg untersucht und will damit dazu beitragen, ihren negativen Folgen effektiv begegnen oder Vergewaltigung im Krieg sogar völlig verhindern zu können. Dieses Dossier fasst den Forschungsstand einer diesem Thema gewidmeten BICC-Typologie3 zusammen. Sie berücksichtigt viele verschiedene Aspekte, die die Ausübung sexueller Gewalt in Kriegen prägen.

Die Forschung des BICC gründet auf der Hypothese, dass die Folgen von Kriegsvergewaltigung stark variieren können und vom jeweiligen Vergewaltigungstyp4 abhängen. Nach Ende eines Konflikts gilt es um so mehr, adäquate Hilfs-, Rehabilitations- und Vorsorgemaßnahmen zu finden.

Die vorläufigen Forschungsergebnisse5 zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen den Typen und den Folgen von Kriegsvergewaltigung besteht und dass je nach Vergewaltigungstyp manche Folgen wahrscheinlicher sind als andere. Mit ihrer Hilfe soll es sowohl Mittelgebern als auch Praktikern erleichtert werden, die notwendigen Informationen zu erhalten, um sachkundig und gezielt Interventionen zu entwickeln. Sie können aber auch dazu dienen, Hilfeleistungen daraufhin zu untersuchen, ob sie tatsächlich den Bedürfnissen von Individuen, Familien und Gemeinschaften, die unter dieser Form von Gewalt zu leiden haben, gerecht werden.

Hervorzuheben ist, dass diese veröffentlichten Forschungsergebnisse nur Vergewaltigungstypen betreffen, die von einer bewaffneten Gruppe an der Zivilbevölkerung begangen wurden. Ausdrücklich ausgenommen sind andere Arten der Vergewaltigung, bei denen die vergewaltigte Person kein Zivilist oder bei denen der Vergewaltiger nicht Teil einer bewaffneten Gruppe ist.6

Was ist Kriegsvergewaltigung?

Die BICC-Forschung definiert Vergewaltigung als einen Akt, der

ein Eindringen in den Mund, die Scheide oder den Anus durch ein Objekt oder einen Körperteil beinhaltet,

erzwungen oder uneinvernehmlich geschieht.7

Kriegsvergewaltigung beinhaltet zwei Komponenten:

die physische Vergewaltigung an sich (d.h. erzwungenes Eindringen) wie oben definiert, die von einem Mitglied einer bewaffneten Gruppe während eines Krieges begangen wird,

unzählige Kriegsdynamiken, in denen die Vergewaltigung geschieht und die sie beeinflussen.

Mit anderen Worten, Kriegsvergewaltigung ist mehr als der Akt des erzwungenen Eindringens. Es hängt maßgeblich von den verschiedenen Kriegsdynamiken ab, wer wen vergewaltigt, aus welchem Grund, auf welche Art, wo und wann. Diese Umstände bestimmen nicht nur den Kontext der Vergewaltigung, sondern wahrscheinlich auch ihre Folgen. Kriegsvergewaltigung nur als erzwungenen, uneinvernehmlichen sexuellen Akt zu verstehen, würde diese Unterscheidungen übersehen und zu dem Schluss führen, dass alle Vergewaltigungen im Krieg gleich sind. Ein solch eingeschränktes Verständnis scheint in der Literatur bisher vorzuherrschen. Auf diese Diskrepanz will die BICC-Forschung eingehen.

Gründe für eine Typologie von Kriegsvergewaltigung

Die Idee zur Entwicklung einer Typologie von Kriegsvergewaltigung entstand, als frühere Forschungen des BICC ergaben, dass bei Kriegsvergewaltigungen weder die individuelle Erfahrung noch ihre Gründe oder Folgen Verallgemeinerungen zulassen. Ganz im Gegenteil: Es gibt eine große Vielfalt an Umständen und Gründen für Vergewaltigung im Krieg und für die Folgen. Dennoch konnten Muster oder Trends identifiziert werden, die länderübergreifend gültig waren. Dies veranlasste die Autorinnen, dieses Phänomen systematischer zu analysieren. Auf Grundlage dieser Untersuchung entwickelten sie eine Typologie, die auf der Verschiedenheit (insbesondere auf Arten) des Verbrechens beruht und gleichzeitig sichtbare Muster, wie diese Verbrechen weltweit begangen wurden (d.h. Schlüsselcharakteristika), berücksichtigt.

Hat man die verschiedenen Typen von Kriegsvergewaltigung verstanden, kann auch ein besseres Verständnis ihrer Varianten, Folgen und Gründe entwickelt werden. Dies wiederum ermöglicht es, den Herausforderungen, die oft in der Zeit nach Ende des Krieges durch diese Art von Gewalt entstehen, zu begegnen und Möglichkeiten zu finden, wie dieses Verbrechen verhindert werden kann.8 Die während der Forschung untersuchte Literatur9 argumentiert folgendermaßen:

Kriegsvergewaltigungen werden aus vielen Gründen und zu vielen Zwecken begangen.

Es gibt mannigfaltige Varianten der Kriegsvergewaltigung, die u.a. von der Art der bewaffneten Gruppe, den Dynamiken innerhalb dieser Gruppe, dem einzelnen Täter und/oder der Art des Konflikts abhängen.

Individuen, die im Krieg vergewaltigt wurden, reagieren auf dieses Verbrechen sehr unterschiedlich und verarbeiten es verschieden. Abgesehen von idiosynkratischen und soziokulturellen Faktoren, so wird argumentiert, spielen möglicherweise auch eine Rolle, wie die Vergewaltigung begangen wird.

Es muss betont werden, dass die Autorinnen nicht beabsichtigen, bei der Entwicklung einer Typisierung von Kriegsvergewaltigung dieses Phänomen zu vereinfachen. Vielmehr ging es darum, die Komplexität dieses Verbrechens in leichter fassbaren Einzelaspekten darzustellen. Diese Typologisierung ermöglicht ein besseres Verständnis der Ereignisse. Kurz: Die eindimensionale Perspektive wird verlassen. Sie wirft auch neue Fragestellungen auf und verweist auf fehlende Informationen und Wissenslücken zur Untersuchung dieser Art von Kriegsgewalt. Letztliches Ziel einer solchen Typisierung ist es, ein größeres Verständnis für das Phänomen »Kriegsvergewaltigung« zu entwickeln, das dazu beitragen kann, vor Ort kohärentere Maßnahmen zu ergreifen. So kann sie ein erster Schritt zur Entwicklung eines gezielten Programms werden, das Maßnahmen für Einzelne, die im Krieg vergewaltigt wurden, ihre Familien und ihre Gemeinschaften umfasst.

Die Grundlage der Typologie

Die Typologie von Kriegsvergewaltigung beruht auf der oben beschriebenen Definition und entstand durch die Notwendigkeit, die sozioökonomischen Folgen der Kriegsvergewaltigung auf der Ebene des Individuums, seiner Familie und der Gemeinschaft zu identifizieren. Der Schwerpunkt liegt dabei überwiegend auf sozioökonomischen Folgen, da diese bis dato nur selten in Forschung und Literatur Eingang gefunden haben. Sie sind allerdings oft stark mit physischen und psychischen Folgen der Vergewaltigung im Krieg verknüpft. So kann z.B. eine Schwangerschaft oder HIV-Infektion eine physische Konsequenz sein, die jedoch nicht nur viele psychologische, sondern auch soziale und wirtschaftliche Auswirkungen auf die Betroffenen hat. Bei der Wahl des sozioökonomischen Fokus waren sich die Autorinnen durchaus bewusst, dass diese Verknüpfungen existieren. Dass alle Folgen von Kriegsvergewaltigung identifiziert und berücksichtigt werden müssen, um einen Genesungsprozess in Gang zu setzen, ist unbestritten, hätte aber den Rahmen dieses Forschungsprojektes gesprengt. Gleichwohl wäre es in Zukunft sicherlich hilfreich und sinnvoll, zu untersuchen, ob verschiedene physische und psychologische Folgen mit den in der Typologie identifizierten Arten von Kriegsvergewaltigung in Verbindung gebracht werden können.

Die Vergewaltigungstypen, die die BICC-Forschung identifiziert hat, beanspruchen keine Vollständigkeit, sondern basieren zunächst auf zwei Länderstudien zu Bosnien und Herzegowina sowie El Salvador, die in einer ersten Phase (November 2008 bis Mai 2009) sowohl durch Feldforschung wie auch Sekundärquellenanalyse (desk study) durchgeführt wurden. In der zweiten Forschungsphase (September 2009 bis Mai 2010) wurden sie durch eine Literaturauswertung über Kriegsvergewaltigung in zehn zusätzlichen Ländern (Demokratische Republik Kongo, Liberia, Ruanda, Sierra Leone, Kambodscha, Nepal, Kolumbien, Peru, Papua Neuguinea/Bougainville, Timor Leste) ergänzt.

Zunächst wurden die Kriegsdynamiken, die Täter und Folgen von Vergewaltigungen im Krieg beeinflussen, identifiziert und in Kategorien eingeteilt (siehe Tab. 1).

Tab. 1: Kriegsdynamiken, die Täter und Folgen von Vergewaltigungen im Krieg beeinflussen

Art des Konflikts Konflikte in Bosnien und Herzegowina und in El Salvador wurden intern ausgetragen. Somit entsprechen alle hier beschriebenen Arten internen Konfliktdynamiken. 10 (Kriegsvergewaltigung fand und findet auch in internationalen Konflikten statt. In welchem Ausmaß die Art des Konflikts die Folgen der Vergewaltigung bestimmt, ist ohne weiterführende Analyse nicht zu ermessen.)
Merkmale bewaffneter Gruppen, die Vergewaltigungen begehen Mit Hilfe dieser Kategorie sollen die Merkmale bewaffneter Gruppen identifiziert werden, die einen Vergewaltigungstyp wahrscheinlicher bzw. unwahrscheinlicher erscheinen lassen.Die Autorinnen untersuchten u.a. die Struktur der bewaffneten Gruppe (gibt es einen klare Hierarchie, Berichterstattungsstruktur und eine funktionierende Befehlskette?), die Gruppendynamik (sind die Soldaten diszipliniert?), Alkohol bzw. Drogenmissbrauch innerhalb der Gruppe und Vergewaltigungsdynamiken innerhalb der Gruppe (gibt es feste Regeln innerhalb der Gruppe, die Vergewaltigung betreffen, und wenn dies so ist, werden sie auch durchgesetzt?).
Motive für Kriegsvergewaltigung Was sind die Gründe dafür, dass sowohl auf individueller als auch auf Gruppenebene vergewaltigt wird? Vergewaltigen Einzelne durch Gruppenzwang, als Zeichen der Solidarität mit der Gruppe, aus persönlichen Gründen, so z.B. sexuellem oder Verlangen nach Machtausübung, oder weil ihnen dies befohlen wurde? Auf der Ebene der bewaffneten Gruppe werden auch die Gründe für Kriegsvergewaltigung und die Ziele des Krieges, in dem die Vergewaltigung geschieht, mit berücksichtigt.
Merkmale des Vergewaltigers11 In dieser Kategorie werden Informationen über den Vergewaltiger gesammelt. So wird z.B. der Hintergrund beleuchtet, der einen Menschen möglicherweise dazu veranlasst, im Krieg zu vergewaltigen. Hier wird nicht auf psychologische Faktoren eingegangen, sondern eher auf die Begleitumstände und Gründe, wegen derer eine Person einer bestimmten bewaffneten Gruppe beitritt, auf den Bildungsgrad, religiöse und/oder politische Überzeugungen, Familienstand sowie Drogen- oder Alkoholmissbrauch vor der Vergewaltigung.(Das Thema »Täter« war ursprünglich Teil der Forschung, ist jedoch aufgrund fehlender Daten bei der Typologie nicht berücksichtigt worden. Diese Kategorie wird hier angeführt, um die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines besseren Verständnisses der Täter zu betonen, da letztendlich auch dies dazu beitragen kann, Kriegsvergewaltigung zu vermeiden bzw. zu beenden.)
Merkmale der vergewaltigten Person In dieser Kategorie werden Hintergrundinformationen über vergewaltigte Personen wie Geschlecht, Alter, Volkszugehörigkeit, religiöse Überzeugungen, Beruf, Bildungsgrad und die Merkmale ihrer Vergewaltigung (d.h. durch wen, wo, wie oft, auf welche Weise, Zeuge anderer Vergewaltigungen etc.) sowie die physischen Folgen der Vergewaltigung (körperliche Verletzungen, Schwangerschaft etc.) untersucht. Durch diese Variablen wird versucht, die Erfahrungen weiblicher wie auch männlicher Opfer von Vergewaltigungen einzubeziehen. Auf diese Weise sollen auch mögliche Faktoren herauskristallisiert werden, die mit der Fähigkeit des Einzelnen zusammenhängen, langfristig dieses Erlebnis zu verarbeiten.
Merkmale der Vergewaltigung In dieser Kategorie wird die Art und Weise, auf die eine Vergewaltigung begangen wird, und die Brutalität der Vergewaltigung abgebildet. Variablen wie Ort (öffentliche Plätze, Privatwohnungen/-häuser, bestimmte Räumlichkeiten etc.), Zeitpunkt der Vergewaltigung (vor, während oder nach einem militärischen Einsatz), Vergewaltigung durch Waffen oder Objekte, die Anzahl der Angreifer Häufigkeit und die Rolle anderer Arten von Gewalt während der Vergewaltigung werden berücksichtigt.

Typen der Kriegsvergewaltigung

Die Typologisierung ist auf drei allgemeinen Kategorien in der Beziehung von Vergewaltiger zu vergewaltigter Person aufgebaut, innerhalb derer viele Arten von Kriegsvergewaltigung vorkommen:

Kategorie A – Vergewaltigung eines Mitglieds einer bewaffneten Gruppe oder Armee durch Mitglieder der gleichen bewaffneten Gruppe oder Armee: Kategorie A ist zwar möglicherweise die am wenigsten bekannte, aber bei weitem nicht die am wenigsten verbreitete Kategorie von Kriegsvergewaltigung. Hauptmerkmal ist, dass sowohl der Vergewaltiger wie auch die vergewaltigte Person zur gleichen bewaffneten Gruppe oder Armee gehört. Im Allgemeinen scheint es Bestimmungen zu geben, die sexuelle Gewalt innerhalb einer bewaffneten Gruppe oder Armee regeln, aber in vielen Fällen helfen sie wenig, wenn es um Prävention oder Verurteilung eines solchen Geschehens geht.

Kategorie B – Vergewaltigung eines Mitglieds der Zivilbevölkerung durch eine bewaffnete Gruppe oder die Armee: Diese Kategorie ist die bekannteste und anerkannteste Kategorie von Kriegsvergewaltigung. Es existiert eine Reihe von Vergewaltigungsarten mit verschiedenen Vorgehensweisen.

Kategorie C – Vergewaltigung von Mitgliedern einer bewaffneten Gruppe durch Mitglieder einer anderen bewaffneten Gruppe: Im Gegensatz zu Kategorie A wird nicht ein Mitglied der gleichen bewaffneten Gruppe vergewaltigt, sondern ein Mitglied einer anderen oder gegnerischen bewaffneten Gruppe.

Auch wenn es überaus wichtig ist, alle drei Kategorien zu untersuchen, liegt der Schwerpunkt der Veröffentlichung der BICC-Forschungsergebnisse allein auf den Arten und Folgen der Kriegsvergewaltigung der Kategorie B. Insgesamt wurden hier acht verschiedene Typen der Kriegsvergewaltigung identifiziert (siehe Tab. 2).

Tab. 2: Vergewaltigungstyp und dafür dokumentierte Länder

Vergewaltigungstyp Untersuchte Länder,
in denen diese Art dokumentiert ist
Vergewaltigung durch einen Verbündeten El Salvador
Sexuelle Sklaverei BiH, Kolumbien, DR Kongo, Liberia, Peru, Papua Neuguinea/Bougainville, Ruanda, Sierra Leone, Timor Leste
Vergewaltigung als Militärstrategie BiH, Kolumbien, DR Kongo, El Salvador, Liberia, Peru, Papua Neuguinea/Bougainville, Ruanda, Sierra Leone
Vergewaltigung durch einen Nachbarn BiH, Ruanda
Vergewaltigungslager BiH, Ruanda, Timor Leste
Vergewaltigung in Gefangenschaft BiH, Kambodscha
Opportunistische Vergewaltigung Kolumbien, DR Kongo, Nepal, Peru, Papua Neuguinea/Bougainville, Sierra Leone
Gezielte Vergewaltigung Kolumbien, Nepal, Peru, Timor Leste

Der soziale Kontext:
ein wichtiger Faktor

Die Typologisierung von Kriegsvergewaltigungen erfolgte unabhängig von einem bestimmten sozialen bzw. regionalen Zusammenhang. Stattdessen wurde versucht, Faktoren und Konsequenzen zu identifizieren, die in vielen unterschiedlichen sozialen Kontexten anzutreffen sind. Der soziale Kontext umfasst u.a. rechtliche und kulturelle Normen, Handlungsweisen, Haltungen und Überzeugungen in Bezug auf Vergewaltigung, Sexualität, Maskulinität und Geschlechterrollen, die möglicherweise zu länder- und gemeinschaftspezifischen aber auch individuellen Folgen von Kriegsvergewaltigungen führen können. Um Kriegsvergewaltigung und ihre Folgen im Einzelfall verstehen zu können, kann die Typologie allerdings nicht allein verwendet werden. Hierfür müssen Kontextfaktoren einbezogen werden, um effektive Maßnahmen gegen diese Art der Gewalt zu entwickeln und zu ergreifen.

Typologie der Vergewaltigung von Zivilpersonen im Krieg

Vergewaltigung durch einen Verbündeten

Vergewaltigung durch Mitglieder einer bewaffneten Gruppe an der Zivilbevölkerung, die sie repräsentieren

Gründe

Es gibt Hinweise, die darauf schließen lassen, dass sich die Vergewaltigung einer Zivilperson durch eine bewaffnete Gruppe, die sie eigentlich verteidigen oder beschützen soll, von der Vergewaltigung einer »feindlichen« Zivilperson unterscheidet. So erfolgt sie meist aus individuellen Gründen und hat nichts mit der Erfüllung einer militärischen oder kriegsbedingten Aufgabe zu tun. Die Autorinnen gehen davon aus, dass sich auch die Folgen dieses Vergewaltigungstyps von anderen unterscheidet, in denen Zivilpersonen als »Feinde« vergewaltigt werden. Da die Bevölkerung dieser bewaffneten Gruppe besonders vertraut, sie unterstützt und ihr gegenüber loyal ist, weil sie ihre Ideale und Ziele teilt, erwartet sie nicht, dass sie von ihren Mitgliedern vergewaltigt wird.

Hauptmerkmale

Vergewaltigung scheint den Einzelinteressen der Täter zu dienen, obwohl sie den Interessen der bewaffneten Gruppe widerspricht.

Vergewaltigung wird nicht von anderen Arten körperlicher Gewalt begleitet und es werden keine Objekte zur Vergewaltigung verwendet.

Frauen werden zufällig ausgesucht; häufig sind sie jung.

Diese Vergewaltigung ist nicht weit verbreitet.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

El Salvador

Sozioökonomische Folgen

Die Hauptkonsequenz dieses Vergewaltigungstyps ist der Verlust der Unterstützung der bewaffneten Gruppe durch die Zivilbevölkerung. Er hat also direkte negative Folgen für die bewaffnete Gruppe selbst. Das Vertrauen der Gemeinschaft wie auch von Einzelpersonen in die salvadorianische Guerillaorganisation FMLN wurde durch Vergewaltigungen der ländlichen Bevölkerung gefährdet. Dies bedrohte die Existenz der Befreiungsfront, die auf Unterstützung und Versorgung durch die Bevölkerung angewiesen war. Da dieser Preis zu hoch war, wurde Vergewaltigung mit dem Tod bestraft und konsequent innerhalb aller Ebenen in der FMLN verfolgt. Dieser strenge Kurs war effektiv; er schreckte ab und führte dazu, dass diese Art der Vergewaltigung in den späteren Jahren des Konfliktes Berichten zufolge völlig aufhörte. Es ist möglich, dass diese Folge nur dann eintritt, wenn die Existenz einer bewaffneten Gruppe, wie die der FMLN, von einer verbündeten Zivilbevölkerung abhängt.

Sexuelle Sklaverei

Vergewaltigung von Mitgliedern der Zivilbevölkerung, die als »Feind« wahrgenommen und zum Zweck sexueller Dienste gefangen gehalten werden, durch Mitglieder einer bewaffneten Formation

Gründe

Zivilpersonen werden von einer bewaffneten Gruppe oder einzelnen Mitgliedern dieser Gruppe festgehalten, um sie für sexuelle und andere Dienste zu missbrauchen. Hierzu gehören etwa auch Kochen, Saubermachen und Munition und/oder Waffen tragen. Vergewaltigung ist daher ein wichtiger, aber nicht der einzige Zweck der Gefangenschaft. Erkenntnisse aus den Länderstudien zeigen, dass das Festhalten von Zivilpersonen als Sexsklavinnen besondere Merkmale aufweisen, die sich darauf auswirken, wie Personen mit ihrer Vergewaltigung umgehen und wie sich ihre Umgebung, ihre Familien und/oder Gemeinschaften ihnen gegenüber verhalten. Anders als bei anderen Arten der Kriegsvergewaltigung schämen sich Familie und Gemeinschaft oft für ehemalige Sexsklavinnen und unterstellen ihnen, dass sie sexuellen Handlungen zugestimmt haben.

Das »Römische Statut« definiert als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« u.a. folgende Handlungen, die im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung und in Kenntnis des Angriffs begangen werden: „Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Nötigung zur Prostitution, erzwungene Schwangerschaft, Zwangssterilisation oder jede andere Form sexueller Gewalt von vergleichbarer Schwere […]“.12

Laut Bericht des »Special Rapporteur on Systematic Rape» über sexuelle Sklaverei und Sklaverei ähnliche Praktiken während eines bewaffneten Konflikts umfasst sexuelle Sklaverei auch solche Fälle, in denen Frauen und Mädchen zu Hausknechtschaft, »Heirat« oder Zwangsarbeit genötigt werden, die „letztlich erzwungene sexuelle Aktivitäten wie auch die Vergewaltigung durch ihre Kidnapper mit einschließen“.13 Der BICC-Forschungsbericht definiert sexuelle Sklaverei als eine Gefangennahme von Frauen zum Zweck erzwungener sexueller Beziehungen, die aber auch Zwangsarbeit und Haushaltsdienste beinhaltet.

Hauptmerkmale

Bewaffnete Gruppen, die diese Art der Vergewaltigung begehen, verfügen im allgemeinen über eine funktionierende Befehlskette. Vergewaltigung ist weder verboten noch wird sie bestraft.

Frauen sind das Ziel der sexuellen Sklaverei, wobei insbesondere Mädchen und junge Frauen, die noch Jungfrauen sind, besonders gefährdet sind.

Sklavinnen werden oft unter Androhung von Gewalt oder Tod sowohl gegen sie wie auch ihre Angehörigen festgehalten.

In den Ländern, in denen sexuelle Sklaverei verbreitet praktiziert wurde, wusste die militärische Obrigkeit im Allgemeinen davon, duldete sie oder bestärkte die Täter dabei.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Bosnien und Herzegowina

Kolumbien

Demokratische Republik Kongo

Liberia

Peru

Papua Neuguia/Bougainville

Ruanda

Sierra Leone

Timor Leste

Unterarten

Während der ersten Forschungsphase wurde dieser Kriegsvergewaltigungstyp auf der Grundlage der sehr einheitlichen Berichte einiger Frauen aus Bosnien und Herzegowina identifiziert. Aus der Sekundärquellenanalyse ging hervor, dass auch in anderen Ländern sexuelle Sklaverei mannigfaltige Formen aufweisen kann. Es ist möglich, dass die Motivationen jeder einzelner Form leicht voneinander abweichen und dass die Folgen je nach Umständen der Gefangenschaft der Einzelnen unterschiedlich sind. Dies bleibt jedoch im Dunkeln, da sexuelle Sklaverei in der Literatur generell als ein homogenes Verbrechen behandelt wird. Die Autorinnen haben deshalb sexuelle Sklaverei in folgende vier Untergruppen aufgeteilt, um ihre Formen zu unterscheiden und die Untersuchung der möglichen Folgen jedes Untertyps in Zukunft zu fördern:

Sexuelle Sklaverei an einem zentralen Ort: Frauen und Mädchen werden häufig zusammen an einem Ort, wie einer Militärbasis, ob statisch oder mobil, festgehalten und mehrfach durch verschiedene Täter vergewaltigt. Fälle gab es in:
– Bosnien und Herzegowina
– Demokratische Republik Kongo
– Liberia
– Papua Neuguia/Bougainville
– Ruanda
– Sierra Leone
– Timor Leste

Sexuelle Sklaverei in einem zentralen Ort, wobei Einzelpersonen einem Kämpfer »zugeordnet« werden: Manche festgehaltene Frauen und Mädchen werden gezwungen, zu »heiraten« und als »Ehefrau« einem bestimmten Kämpfer zur Verfügung zu stehen. Sie werden mehrfach von ihrem »Ehemann« vergewaltigt, jedoch weniger häufig, wenn überhaupt, von anderen Kämpfern. Fälle gab es in:

Demokratische Republik Kongo

Sierra Leone

Sexuelle Sklaverei »auf Bestellung«: Frauen und Mädchen werden nicht an einem zentralen Ort festgehalten, sondern auf Bestellung der Kämpfer, die die Gegend besetzen, mit Gewalt herangeschafft, um ihnen sexuell gefügig zu sein. Den Frauen und Mädchen wird danach erlaubt, wieder nach Hause zu gehen. Fälle gab es in:
– Kolumbien
– Peru
– Sierra Leone
– Timor Leste

Sexuelle Sklaverei in einem häuslichen Umfeld, in dem die Frauen als »Eigentum« eines Kämpfers betrachtet werden: Frauen und Mädchen werden nicht an einem zentralen Ort festgehalten, sondern werden dazu gezwungen, sich wie die »Ehefrau« eines bestimmten Kämpfers zu verhalten und in ihrem eigenen Haus sexuelle und häusliche Tätigkeiten für ihn zu verrichten. Der Kämpfer besucht dieses Haus, wann er will, und erwartet, dass ihm die Frau oder das Mädchen zu Diensten ist. Fälle gab es in:
– Bosnien und Herzegowina
– Liberia
– Ruanda
– Timor Leste

Sozioökonomische Folgen

Viele Frauen, die als sexuelle Sklavinnen gehalten wurden, gerieten in eine finanzielle und gesellschaftliche Abhängigkeit. Dies betraf insbesondere diejenigen, die als »Ehefrauen« galten und nicht fliehen konnten. Diese Frauen fügen sich oft in ihre Misshandlungen und Vergewaltigungen, die sie sich mit der wirtschaftlichen und/oder psychologische Lage während des Krieges erklären. Auch noch lange nach dem Krieg kann dies zu einer gewissen »Normalisierung« dieser Art der Gewalt führen. So merkt z.B. die Truth and Reconciliation Commission in Sierra Leone an, dass die meisten Opfer sexueller Sklaverei unter einer Art des Stockholm-Syndroms leiden – sie behaupteten, dass sie von ihren Geiselnehmern gut behandelt wurden, obwohl die Kommission viele ihrer Erlebnisse als Missbrauch einschätzte.14

Obwohl es üblich war, dass Kämpfer »ihre Frauen« anderen Kämpfern zu sexuellen Zwecken überließen, wurden hierfür keine Beispiele genannt.15 Es ist möglich, dass Vergewaltigung und andere Formen sexueller und körperlicher Gewalt von Frauen in intimen Partnerbeziehungen nach den Übergriffen »normalisiert« werden. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass diese Gewalt für die vergewaltigenden Männer »normal« wird. Manche Täter in Sierra Leone, die selbst vergewaltigt haben oder Zeuge von Vergewaltigungen wurden, waren so jung, dass sie Vergewaltigung als typisches Sexualverhalten ansehen.16

Viele Frauen können aus verschiedenen Gründen nicht mehr nach Hause zurück kehren oder in ihren Gemeinden bleiben, nachdem sie als sexuelle Sklavinnen missbraucht worden sind. Soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung ist einer der Gründe hierfür. Ohne Geld und Zukunftsperspektiven bleibt vielen Frauen, insbesondere jungen Mädchen, nur der Ausweg in die Prostitution und sexuelle Ausbeutung im Austausch für Waren und Dienstleistungen. Manchmal werden Frauen oder Mädchen wieder von ihrer Familie aufgenommen, aber ihr Stigma in der Gemeinde ist so groß, dass die gesamte Familie wegziehen muss – als Konsequenz gerät die gesamte Familie in wirtschaftliche Not.17

Schwangerschaft und die Geburt von Kindern, bei die bei einer Vergewaltigung gezeugt wurden, sind weit verbreitete Folgen sexueller Sklaverei. Frauen, die mit in der Gefangenschaft geborenen Kindern wieder nach Hause kommen, können die Vergewaltigung oft weder verstecken noch verleugnen und werden daher von ihrer eigenen Familie und Gemeinschaft stark stigmatisiert.

Dies trifft nicht nur auf sexuelle Sklaverei, sondern möglicherweise auch auf andere Vergewaltigungstypen zu, bei denen Frauen oder Mädchen festgehalten und mehrfach vergewaltigt werden. In einer Untersuchung von über 4.000 Aufzeichnungen sexueller Gewalt im Panzi-Hospital in Bukavu (Demokratische Republik Kongo) zwischen 2004 und 2008 fand Bartels heraus, dass viele Frauen, insbesondere sexuelle Sklavinnen, durch Vergewaltigung schwanger wurden.18 Sie stellte ebenfalls fest, dass Frauen, die schwanger wurden, sich anscheinend mehr schämten als diejenigen, die nicht schwanger wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass schwangere, verheiratete Frauen von ihren Männern verstoßen wurden, war hoch.19

Frauen, die als sexuelle Sklavinnen vergewaltigt wurden, sind oft Opfer sozialer Stigmatisierung, da sie das, was ihnen angetan wurde, weder verleugnen noch verstecken können – selbst wenn sie nicht durch die Vergewaltigung schwanger wurden. Eigene Reaktionen und die der Gesellschaft auf diese Art der Vergewaltigung beruhen oft auf einem völligen Fehlverständnis davon, ob die Frauen eine Wahl hatten, sexuelle Sklavin oder »Ehefrau« eines bestimmten Kommandanten zu werden. So unterschied die Gemeinschaft in Timor Leste nicht, ob Frauen, die als sexuelle Sklavinnen missbraucht wurden, dazu gezwungen wurden, außereheliche sexuelle Beziehungen einzugehen, oder nicht. Alle hatten den Ruf »billig« und »Huren« zu sein.20 Dieses Stigma brachte Schande über die ganze Familie der Frauen, einschließlich ihrer Kinder.

Soziale Stigmatisierung ist daher eine weitere Last, mit der vergewaltigte Frauen umgehen müssen, insbesondere wenn sie dazu führt, dass sie auch von ihren Familien verstoßen werden und ihre wirtschaftliche Basis verlieren.

Vergewaltigung als Militärstrategie

Vergewaltigung, die von Mitgliedern einer Armee an der von ihr als »Feind« wahrgenommenen Zivilbevölkerung begangen wird

Gründe

Vieles deutet darauf hin, dass eine Vergewaltigung von Zivilpersonen, die als »Feinde« identifiziert wurden, im Krieg aus unterschiedlichen Gründen geschieht und anders durchgeführt wird, als die übrigen Vergewaltigungstypen. Sie geht einher mit willkürlichen, systematischen und weit verbreiteten Angriffen auf die Zivilbevölkerung und wird oft angewendet, um bestimmte Kriegsziele zu erreichen. Die von den Autorinnen gesammelten Informationen deuten auch darauf hin, dass durch die Art und Weise, wie Zivilpersonen ausgewählt und als »Feinde« bekämpft werden, auch die Folgen dieser Art von Vergewaltigung anders sein können als bei anderen Typen.

Hauptmerkmale

Dieser Vergewaltigungstyp wird oft von einer gut organisierten bewaffneten Gruppe begangen, die den Befehl hat, Zivilistinnen und Zivilisten anzugreifen. Ob die Täter den Befehl haben zu vergewaltigen, ist in keinem der Fälle klar belegbar; nichtsdestotrotz wird während der Angriffe systematisch und weit verbreitet vergewaltigt.

Vergewaltigungen finden während eines militärischen Angriffs auf ländliche oder Stadtgebiete statt. Oft werden Menschen in ihren Häusern oder ihrem Dorf vergewaltigt. Manchmal wird dieser Typ Vergewaltigung als Kriegstaktik eingesetzt. Hauptziel dabei ist es, Zivilpersonen zu terrorisieren, damit sie sich unterwerfen, oder sie aus kriegstaktischen Gründen in die Flucht zu schlagen. Vergewaltigung ist auch eine Art der »Kommunikation mit dem Feind«, durch die ihm deutlich gemacht wird, dass er besiegt wurde und/oder nicht in der Lage war, seine Bevölkerung zu schützen.

Ziel dieser Art der Vergewaltigung sind überwiegend Frauen, wobei Frauen im Fertilitätsalter (zwischen 15 und 24 Jahren) besonders gefährdet sind.

Gruppenvergewaltigung ist besonders häufig.

Diese Art der Vergewaltigung wird häufig im Zusammenhang mit der Ermordung von Zivilpersonen, der Plünderung und dem Anzünden von Dörfern begangen, um die Zivilbevölkerung weiter zu terrorisieren und ihren Lebensunterhalt zu zerstören.

Diese Art der Vergewaltigung ist oft sehr brutal. Frauen werden häufig mit Objekten vergewaltigt, die sie verletzen sollen, wobei ihr Tod in Kauf genommen wird. Manchmal wurden vergewaltigte Frauen auch verstümmelt oder ihnen wurden Gliedmaßen amputiert.

Dieser Vergewaltigungstyp findet absichtlich vor Zeugen statt, insbesondere vor Familienmitgliedern. Häufig wird vor oder nach der Vergewaltigung anderen Familienmitgliedern Gewalt angetan. Oft geschieht es auf öffentlichen Plätzen, wo die Wahrscheinlichkeit von Zeugen hoch ist.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Bosnien und Herzegowina

Kolumbien

Demokratische Republik Kongo

El Salvador

Liberia

Peru

Papua Neuguia/Bougainville

Ruanda

Sierra Leone

Unterarten

Im Rahmen der Vergewaltigung als Militärstrategie fand in drei Konflikten (?osnien und Herzegowina, Demokratische Republik Kongo, Sierra Leone) auch erzwungener Inzest statt. Täter zwingen Zivilisten, die sie als »Feind« identifiziert haben, unter Androhung des Todes, inzestuöse Vergewaltigungen zu begehen. Dies wurde als Unterart der Vergewaltigung als Militärstrategie identifiziert, da es scheint, dass die Motivationen der bewaffneten Gruppen, die feindliche Zivilisten zum Inzest zwingen, sich von den Gründen bewaffneter Gruppen, die selbst Zivilisten vergewaltigen, unterscheiden. Es ist auch möglich, dass die Folgen hiervon sich von denen anderer Vergewaltigungen unterscheiden, da erzwungener Inzest direkt die Familieneinheit betrifft. Im folgenden werden jedoch nur die Folgen von Vergewaltigungen, die von Mitgliedern einer Armee an der »feindlichen« Zivilbevölkerung begangen werden, untersucht.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Bosnien und Herzegowina

Demokratische Republik Kongo

Sierra Leone

Sozioökonomische Folgen

Viele Jungen und Männer wurden gezwungen, die Vergewaltigung ihrer Schwestern, Frauen, Mütter und Töchter mit anzusehen. Ihre Scham- und Schuldgefühle darüber, dass sie nicht in der Lage waren, sie zu beschützen, und somit ihrer Rolle als starker, dominanter Beschützer nicht nachgekommen sind, führte dazu, dass die Familienstruktur und der soziale Zusammenhalt zusammenbrachen. Manchmal zogen sich Männer sogar vor ihrer Familie zurück oder verließen sie ganz. In anderen Fällen, etwa in Liberia, übten viele Männer sexuelle und physische Gewalt gegenüber Frauen aus, um ihre Dominanz und Macht wiederherzustellen.21 Viele Frauen in der Demokratische Republik Kongo, die vor Familienmitgliedern vergewaltigt wurden, erwähnten besonders die zusätzliche Schande, dass diese ihre Vergewaltigung mit ansehen mussten.22 Gleiches ist für Peru zu berichten, wo manche Vergewaltigungen vor den Augen des gesamten Dorfs stattfanden.23

Diese Art der Vergewaltigung geht oft einher mit der Zerstörung von Hab und Gut. Dadurch müssen die Bewohner, die sich dazu entscheiden, im Dorf zu bleiben, genauso wie die Flüchtlinge eine neue Existenz aufbauen. Wirtschaftlich gesehen sind beide Gruppen gefährdet.

Vergewaltigung durch einen Nachbarn

Vergewaltigung der Zivilbevölkerung, die als »Feind« definiert ist, durch Mitglieder einer bewaffneten Gruppe, wobei Vergewaltiger und die vergewaltigte Person oft aus dem gleichen Dorf stammen

Gründe

Die gesammelten Daten zeigen auf, dass die Folgen der Vergewaltigung, wenn die vergewaltigte Person und ihr Vergewaltiger aus der gleichen Gemeinschaft stammen, sich vor Beginn der Feindseligkeiten gekannt haben und nun auf verschiedenen Seiten stehen, überwiegend durch diese Bekanntschaft beeinflusst sind.

Hauptmerkmale

Dieser Vergewaltigungstyp taucht dann auf, wenn Feindseligkeiten zwischen Mitgliedern der gleichen Gemeinschaft ausbrechen, wodurch sich die vergewaltigte Person und ihr Vergewaltiger fast unvermeidlich kennen.

Manchmal wird sogar eine feindliche Person absichtlich ausgewählt, weil der Vergewaltiger sie kennt. In diesem Fall ist die Vergewaltigung sehr persönlich. Ihr Zweck ist es u.a., sich zu rächen, die Person zu bestrafen oder Genugtuung zu erhalten für ein Unrecht, das die Person in der Vergangenheit angeblich begangen hat. Diese Motivation des Täters kann tatsächlich zu einer brutaleren Vergewaltigung führen; d.h., es wird mehr körperliche Gewalt angewendet als wenn die Vergewaltigung nicht aus dem Gefühl der persönlichen Rache begangen wird.

Diese Art der Vergewaltigung kann sowohl im Rahmen der Kriegstaktik einer bewaffneten Gruppe wie auch aus opportunistischen Gründen begangen werden.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Bosnien und Herzegowina

Ruanda

Sozioökonomische Folgen

Dieser Vergewaltigungstyp kann zu einem Zusammenbruch der sozialen Zusammenhänge führen. Vergewaltigte Personen kehren nach dem Krieg wieder in die gleichen Dörfer zurück wie ihre Vergewaltiger, so z.B. in Bosnien und Herzegowina. Aber die sozialen Interaktionen dieser Gemeinschaften können nicht wie früher fortgesetzt werden. Sie sind nun gespalten oder, wie es eine befragte Person formuliert, „durch Zäune getrennt“.24 Die Verhaltensmuster und das Vertrauen zwischen Mitgliedern dieser Gemeinschaften haben sich verändert, was dazu führt, dass die Gemeinschaft weitaus fragmentierter ist als vor dem Krieg und der Kriegsvergewaltigung.

Aus mangelnder Rechtssicherheit können sich Personen, die es nicht riskieren wollen, auf ihre Vergewaltiger zu treffen, nur eingeschränkt innerhalb der Gemeinschaft bewegen. So entgehen ihnen Gelegenheiten zur sozialen Interaktion und zur wirtschaftlichen Entwicklung. Ihr wirtschaftliches Vorankommen ist gefährdet. Manche Personen verlassen ihre Gemeinden, um sich mit der Vergewaltigung auseinandersetzen zu können und zu vermeiden, Tür an Tür mit ihrem Vergewaltiger leben müssen. Sie ziehen in ein anderes ländliches oder städtisches Zentrum oder in ein ganz anderes Land. Wahrscheinlich werden sie nicht in der Lage sein, ihren Lebensunterhalt wie noch vor dem Krieg und vor der Vergewaltigung zu verdienen, und müssen sich an eine neue wirtschaftliche Landschaft anpassen, die ihnen möglicherweise andere Kenntnisse oder Fertigkeiten abverlangt. All diese Faktoren wirken sich auf die wirtschaftliche Sicherheit der betroffenen Person und ihrer Familie aus.

Vergewaltigungslager

Vergewaltigung einer feindlichen Zivilbevölkerung durch Mitglieder einer bewaffneten Gruppe, wobei die vergewaltigte Person oft an einem Platz festgehalten wird, der für die Vergewaltigung vorgesehen ist

Gründe

Forschungsergebnisse der Autorinnen weisen darauf hin, dass das Festhalten nur zum Zweck der Vergewaltigung durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird und zu anderen Folgen führt als andere Arten der Vergewaltigung im Krieg. So fanden die Autorinnen Hinweise darauf, dass Personen, die in Lagern gefangen gehalten werden, häufiger vergewaltigt werden und dadurch mehr körperliche Verletzungen und andere Komplikationen davontragen als die, die anderen Arten der Kriegsvergewaltigung ausgesetzt waren.

Das Festhalten von Personen in Vergewaltigungslagern wird in der internationalen Gesetzgebung als eine Form sexueller Sklaverei angesehen, da es die Versklavung von Einzelnen für sexuelle Zwecke vorsieht. Die Autorinnen hingegen unterscheiden das Festhalten von Personen in Vergewaltigungslagern zum alleinigen Zweck erzwungener sexueller Beziehungen von sexueller Sklaverei, bei der Personen auch gewisse Hausarbeiten erledigen müssen. Ihrer Auffassung nach kann diese Unterscheidung bedeutend dafür sein, wie Einzelne, Familien und ganze Gemeinschaften diese Erfahrung interpretieren und ihr begegnen.

Hauptmerkmale

Frauen sind die Hauptziele dieser Vergewaltigungsart. Sie sind im Allgemeinen jung und im Fertilitätsalter. Frauen werden ausschließlich zum Zweck der Vergewaltigung eingesperrt und werden anders im Fall der sexuellen Sklaverei zu keinen anderen Tätigkeiten gezwungen.

In diesen Lagern werden die Frauen mehr als einmal vergewaltigt, manche täglich, und von mehr als einem Täter.

Die Gründe, warum Frauen in Vergewaltigungslagern festgehalten werden, sind von Fall zu Fall unterschiedlich.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Bosnien und Herzegowina

Ruanda

Timor Leste

Sozioökonomische Folgen

Es liegen kaum Daten vor, die die Folgen belegen. Die einzige Folge, die direkt mit diesem Vergewaltigungstyp in Verbindung gebracht werden kann, sind Kinder, die nach der Vergewaltigung in dafür bestimmten Lagern geboren wurden. Viele Frauen in Vergewaltigungslagern in Bosnien und Herzegowina wurden aufgrund der Kriegsvergewaltigung schwanger. Unbekannt ist jedoch, ob Schwangerschaft auch in Ruanda oder Timor Leste häufig Ergebnis solch einer Vergewaltigung war. In der Literatur heißt es, dass Frauen, die durch die Vergewaltigung schwanger werden, es schwerer haben, die Vergewaltigung zu verarbeiten. So fand Folnegovic-Smalc heraus, dass bosnische Frauen, die infolge ihrer Kriegsvergewaltigung schwanger wurden, häufiger Selbstmordgedanken hatten als andere.25 Die Länge der Gefangenschaft in Vergewaltigungslagern machte es Frauen fast unmöglich, die Ursache ihrer Schwangerschaft gegenüber ihrer Familie und Freunden zu verheimlichen. Dies kann zu ihrer Ausgrenzung oder Ablehnung und/oder der Ablehnung ihres aus der Vergewaltigung geborenen Kindes führen.

Aufschlussreich ist eine Studie von Loncar et al. über bosnische Flüchtlingsfrauen, die im Krieg vergewaltigt wurden. Sie sagt, dass Frauen, die einmal vergewaltigt wurden, im Gegensatz zu Frauen, die mehrfach vergewaltigt wurden, ein siebenmal höheres Risiko hatten, schwanger zu werden.26 Dies impliziert, dass Frauen, die auf andere Art im Krieg vergewaltigt werden, ein genauso hohes, wenn nicht höheres, Schwangerschaftsrisiko haben wie Frauen, die zum Zweck der Vergewaltigung eingesperrt sind (ob in Vergewaltigungslagern oder als sexuelle Sklaven). Aus diesem Wissen heraus kann man tatsächlich die falsche Vorstellung widerlegen, dass eine Schwangerschaft nur Folge einer langfristiger Gefangenschaft ist, in der, wie allgemein angenommen, Frauen sexuellen Beziehungen mit einem bewaffneten Kämpfer zugestimmt haben (s. o.).

Vergewaltigung während der Gefangenschaft

Vergewaltigung von »feindlichen« Zivilpersonen durch Mitglieder einer bewaffneten Gruppe, bei der die vergewaltigten Personen an einer zentralen Stelle gefangen gehalten werden, die zwar nicht vorsätzlich für Vergewaltigungen vorgesehen war, in der aber Vergewaltigung stattgefunden hat

Gründe

Vergewaltigung während einer Gefangenschaft, ob im Gefängnis oder in Konzentrationslagern, unterliegt anderen Dynamiken als die Gefangenschaft zum Zweck der Vergewaltigung (wie sexuelle Sklaverei und Vergewaltigungslager). Die Autorinnen fanden Beweise, die die Vermutung unterstützen, dass in Gefängnissen vergewaltigte Personen vielfältigen traumatischen Ereignissen ausgesetzt sind, die neben dem sexuellen Missbrauch auch Hunger und/oder den Tod von Familienmitgliedern einschließen können. Diese Belastung kann sich auf mannigfaltige Weise äußern, darunter auch durch Verschweigen der Vergewaltigung. Die Autorinnen fanden ferner heraus, dass die Vergewaltigung in Lagern, in denen nicht alle Frauen vergewaltigt wurden, den betroffenen Frauen die Möglichkeit gab, die Vergewaltigung zu verschweigen oder, wenn gefragt, zu verneinen. Die Folgen einer Vergewaltigung in Gefangenschaft mögen deshalb andere sein als bei Vergewaltigungslagern, in denen alle Gefangenen vergewaltigt wurden und wo es unmöglich war, diese Erfahrung zu verbergen oder abzustreiten.

Hauptmerkmale

Vergewaltigung ist nicht notwendigerweise weit verbreitet, geschieht aber systematisch.

Die Vergewaltigung von männlichen und weiblichen Zivilpersonen in Gefangenschaft scheint aus unterschiedlichen Motiven zu erfolgen, obwohl es unklar ist, was abgesehen von Folter die Motivationen für die Vergewaltigung von Männern sind.

Die Gelegenheit und individuelle Gründe wie sexuelles Verlangen oder das Verlangen nach Macht bzw. Dominanz über andere scheinen die Hauptmotive für die Vergewaltigung von Frauen in Gefangenschaft zu sein.

Viele Gefangene, die vergewaltigt wurden, haben die Haft nicht überlebt oder wurden noch im Gefängnis hingerichtet.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Bosnien und Herzegowina

Kambodscha

Sozioökonomische Folgen

Es liegen keine Daten vor.

Opportunistische Vergewaltigung

Vergewaltigung, die von Mitgliedern einer bewaffneten Gruppe an der Zivilbevölkerung begangen wird, die keiner Krieg führenden Partei zugeordnet werden kann

Gründe

Dieser Vergewaltigungstyp wurde aufgrund von Informationen identifiziert, dass Zivilpersonen oft aus opportunistischen und individuellen Gründen wie sexuelles Verlangen oder das Verlangen nach Macht und Dominanz, die wenig mit dem Kriegsziel gemein haben, vergewaltigt werden. Die Autorinnen fanden ebenfalls Hinweise darauf, dass diese Motivation Auswirkungen auf die Art und Weise der Vergewaltigung und ihre Folgen hat.

Hauptmerkmale

Bewaffnete Gruppen, die diese Art Vergewaltigung begehen, haben meist eine schwache oder schlecht funktionierende Kommandostruktur, in der Vergewaltigung durch die Gruppe weder verboten noch bestraft wird.

Frauen verschiedenen Alters sind Ziele dieses Vergewaltigungstyps.

Gruppenvergewaltigung ist üblich.

Sexuelles Verlangen des Täters scheint die Hauptmotivation zu sein.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Kolumbien

Demokratische Republik Kongo

Nepal

Peru

Papua Neuguia/Bougainville

Sierra Leone

Sozioökonomische Folgen

Es liegen keine Daten vor.

Gezielte Vergewaltigung

Vergewaltigung von Zivilpersonen, die gezielt ausgewählt wurden, weil sie angeblich mit dem Feind in Verbindung stehen oder in Aktivitäten involviert sind, die als umstritten oder gefährlich für die bewaffnete Gruppe gelten, durch Mitglieder einer bewaffneten Gruppe

Gründe

Vergewaltigungen werden oft begangen, wenn Mitglieder einer bewaffneten Gruppe glauben, dass Zivilpersonen (z.B. Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler) mit feindlichen Truppen kollaborieren oder bei Aktionen mitmachen, die sie für umstritten oder bedrohlich halten. Eine solch gezielte Vergewaltigung hat laut Forschungsergebnis besondere Eigenschaften, die sowohl die Folgen beeinflussen wie auch dazu beitragen können, diese Vergewaltigung zu vermeiden.

Hauptmerkmale

Dieser Vergewaltigungstyp ist eine eindeutige Kriegstaktik, die dazu verwendet wird, aktive Einzelpersonen zu bestrafen und abzuschrecken. Getroffen werden sollen die feindlichen Truppen auch dadurch, dass ihre Angehörigen (Frauen, Schwestern, Mütter, Verwandte etc.) vergewaltigt werden.

Dieser Vergewaltigungstyp wird im allgemeinen von Regierungstruppen oder von durch die Regierung unterstützte Milizen begangen.

Männliche und weibliche Zivilpersonen sind Ziele dieses Vergewaltigungstyps. Manchmal werden sie in ihren Häusern vergewaltigt, manchmal aber auch zunächst gefangen genommen und dann als eine Art der Folter vergewaltigt.

Länder, für die dieser Typ dokumentiert ist

Kolumbien

Nepal

Peru

Timor Leste

Sozioökonomische Folgen

Es liegen keine Daten vor.

Zusammenfassung

Tab. 3: Zusammenfassung der Typen und sozioökonomischen Folgen von Kriegsvergewaltigungen

Typ Sozioökonomische Folgen
Vergewaltigung durch einen Verbündeten Verlust der Unterstützung einer bewaffneten Gruppe durch die Zivilbevölkerung während des Kriegs.
Sexuelle Sklaverei »Normalisierung« von Vergewaltigung und sexueller Gewalt in intimen Partnerbeziehungen während des Krieges und nach seinem Ende.Wirtschaftliche Vulnerabilität der Vergewaltigten und ihrer Familien.Kinder, die nach einer Vergewaltigung geboren ­werden.Soziale Stigmatisierung.
Vergewaltigung als Militärstrategie Zusammenbruch der Familie und des sozialen Zusammen­halts.Wirtschaftliche Vulnerabilität ganzer Familien.
Vergewaltigung durch einen Nachbarn Zusammenbruch des sozialen Zusammenhalts.Wirtschaftliche Vulnerabilität ganzer Familien.
Vergewaltigungslager Kinder, die nach einer Vergewaltigung geboren ­werden.
Vergewaltigung im Gefangenschaft Unbekannt.
Opportunistische Vergewaltigung Unbekannt.
Gezielte Vergewaltigung Unbekannt.

Dieses Dossier fasst die Ergebnisse des BICC-Forschungsprojekts zur Entwicklung einer Typologie von Kriegsvergewaltigungen zusammen. Diese Forschung zeigt, dass es acht unterschiedliche Formen gibt, die wiederum jeweils verschiedene Folgen in der Nachkriegszeit nach sich ziehen. Dies hat Auswirkungen auf die Effizienz von Interventionen und muss daher bei der Auswahl von Interventionen in Betracht gezogen werden.27 Die Autorinnen hinterfragen etabliertes Wissen und geben zu bedenken, dass die Durchführung und die Folgen dieses Gewaltakts nicht allein durch die Handlung des erzwungenen Eindringens definiert werden sollte. Vielmehr werden sie durch zahlreiche Kriegsdynamiken beeinflusst, die durch verschiedene »Themen« in der Typologie erfasst werden.

Bei der Entwicklung der Typologie wurde ersichtlich, dass die Folgen der Kriegsvergewaltigung nicht immer durch die gleichen Themen, z.B. durch die Motivation für die Vergewaltigung, beeinflusst werden. Im Gegenteil können sich verschiedene Themen auf die Folgen auswirken, einschließlich der individuellen Beziehung zwischen Vergewaltigern und Vergewaltigten sowie die Art und Weise der Vergewaltigung (im Gefängnis, durch sexuelle Sklaverei, im Vergewaltigungslager etc.). Obwohl es einige Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Typen und ihren Folgen gibt, sollten Informationen, auf denen Interventionen beruhen, so detailgenau wie möglich sein, damit nichts, was möglicherweise für ihren Erfolg bedeutsam sein kann, übersehen wird. Dies schließt die Berücksichtigung des sozialen Kontexts, in dem die Vergewaltigung begangen wird, ein – ein Faktor, der bei der Erstellung der Typologie allerdings nicht berücksichtigt werden konnte. Die bestehenden Wissenslücken sowie fehlende Daten über manche Folgen von Kriegsvergewaltigung machen deutlich, dass eine längerfristige Erforschung dieses Themas nötig ist.

Bislang konzentrierte sich die Forschung in Ländern, in denen Kriegsvergewaltigung stattgefunden hat, auf die einzelnen Personen, die vergewaltigt wurden. Dies ist jedoch nur eine Seite der Gleichung. Um die offenen Fragen zu beantworten, sollten auch die Täter sowie die Art und Weise, wie das Verbrechen begangen worden ist, berücksichtigt werden. So wird z.B. die Frage, warum im Krieg vergewaltigt wird, in der Literatur nur in Hinsicht auf die Folgen der Vergewaltigung (Zusammenbruch von Familien) oder die Eindrücke vergewaltigter Personen („der Täter wollte uns erniedrigen“) beantwortet. Auch wenn diese Motive zutreffen mögen – die Täter selbst werden selten gefragt. Dies ändert sich langsam. Mehr und mehr Forscher und selbst Dokumentarfilmer bemühen sich gemeinsam, Vergewaltiger oder männliche Kämpfer aus Gruppen, die im Krieg vergewaltigt haben, zu interviewen.28 Inwiefern Kämpfer freiwillig zu Tätern werden oder welche Folgen die Vergewaltigung von Zivilisten auf sie hat, ist ebenfalls unbekannt. Diese Aspekte und die »Kosten-Nutzen Kalkulation« der Vergewaltiger im Krieg wirklich zu verstehen, kann einen großen Einfluss darauf habe, diese Art der Gewalt in Zukunft zu stoppen und zu vermeiden.

BICC (Internationales Konversionszentrum Bonn)

Als unabhängige, gemeinnützige Organisation fördert das BICC Frieden, Sicherheit und Entwicklung. Auf Grundlage von anwendungsorientierter Forschung leistet das BICC Beratungstätigkeit, gibt politische Empfehlungen und bildet aus. Der internationale Mitarbeiterstab führt eigene und von Förderern und Auftraggebern finanzierte Projekte durch.

Zu den Forschungsschwerpunkten des BICC gehören globale Rüstungsentwicklungen und Abrüstung, Sicherheit, Migration, natürliche Ressourcen und Konflikte sowie Konversion. Das Zentrum sammelt und veröffentlicht Informationen, erstellt Gutachten und Publikationen und stellt diese Materialien NGOs, Regierungen und privaten Organisationen zur Verfügung.

Das BICC wurde 1994 mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) als gemeinnützige GmbH gegründet. Nach dem Global »Go-To Think Tanks«-Report der University of Pennsylvania 2010 gehört das BICC zu den führenden 50 Think Tanks weltweit (außer US-Einrichtungen).

Anmerkungen

1) Der Begriff »systematisch« bedeutet hier „die organisierte Art von Gewalttaten und die Unwahrscheinlichkeit, dass diese zufällig begangen werden. Muster von Verbrechen sind ein üblicher Ausdruck solch systematischen Auftretens“. Siehe United Nations Security Council: Report of the Secretary-General Pursuant to Security Council Resolution 1820 (2008). UN-Dokument S209/362 vom 20. August 2009, S.2, Fußnote 3.

2) Der Begriff »weit verbreitet« ist hier definiert durch eine große Anzahl an vergewaltigten Einzelpersonen sowie die geographische Verbreitung des Verbrechens.

3) Die folgende Publikation behandelt dieses Thema im Detail: Isikozlu, Elvan und Millard, Ananda S. (2010): Towards a Typology of Wartime Rape. Bonn: Bonn International Conversion Center. BICC brief 43.

4) »Typ« ist definiert durch das Zusammenspiel einer Reihe von Aspekten der Vergewaltigung, die in den folgenden Themen enthalten sind: Art des Konflikts, Merkmale der bewaffneten Gruppe, Motive für die Vergewaltigung, Merkmale des Vergewaltigers, Merkmale der vergewaltigten Person und Merkmale der Vergewaltigung.

5) Bei der Erforschung dieses Themas war nicht vorgesehen, ursächliche Zusammenhänge zwischen verschiedenen Arten der Kriegsvergewaltigung und ihren Folgen herzustellen, da Daten dazu nicht vorhanden sind.

6) Diese Vergewaltigungstypen sind auch Teil der Typologie der Kriegsvergewaltigung, wurden jedoch nicht veröffentlicht.

7) Diese Definition von Vergewaltigung beruht größtenteils auf der Definition des »Römischen Statuts«, das 1998 von dem Internationalen Strafgerichtshof (International Criminal Court, ICC) in »Elements of Crimes, Article 7, Crimes Against Humanity, 7 (1-g), Crime against humanity of rape« definiert wurde. Der Text des »Römischen Statuts» wurde am 17. Juli 1998 in Rom verabschiedet und trat am 1. Juli 2002 in Kraft. Deutsche Übersetzung unter www.admin.ch/ch/d/sr/i3/0.312.1.de.pdf.

8) Der Schwerpunkt dieser BICC-Forschung lag darauf, die Erfahrung von Kriegsvergewaltigung und die Folgen dieser Form von Gewalt zu beschreiben. Einschränkend muss bemerkt werden, dass Kausalfaktoren für Kriegsvergewaltigung nur wenig erforscht sind.

9) Für eine Literaturübersicht siehe: Isikozlu, Elvan und Millard, Ananda S. (2010), op.cit.

10) Manche definieren den Konflikt in BiH als internationalen, manche als internen Konflikt. Die Autorinnen definieren »internationalen Konflikt« als einen Konflikt, an dem zwei oder mehr staatliche Armeen, die nationale Interessen repräsentieren, miteinander Krieg führen. Dies war in BiH nicht der Fall; daher wurde er hier als interner Konflikt aufgeführt.

11) Die maskuline Form ist aus rein sprachlichen Gründen gewählt; sie bezieht sich sowohl auf männliche wie auf weibliche Täter.

12) Römisches Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, Artikel 7(g); op.cit.

13) United Nations Economic and Social Council (ECOSOC), Commission on Human Rights: Contemporary Forms of Slavery. Systematic rape, sexual slavery and slavery-like practices during armed conflict. Final report submitted by Ms. Gay J. McDougall, Special Rapporteur (E/CN.4/Sub.2/1998/13), 22. Juni 1998, Absatz 30.

14) Sierra Leone Truth and Reconciliation Commission (2004): Witness to Truth: Report of the Sierra Leone Truth & Reconciliation Commission. Kapitel 3, Vol. 3b, S.174.

15) Ibid.

16) Integrated Regional Information Networks/IRIN (2008): Sierra Leone: Sex Crimes Continue in Peacetime, 20. Juni; www.irinnews.org/report.aspx?REportID=78853.

17) Interview der Autorinnen mit Nidzara Ahmetasevic, Sarajevo, Februar 2009.

18) Bartels, Susan (2010): Now, The World Is Without Me. An Investigation of Sexual Violence in Eastern Democratic Republic of Congo. Cambridge: Harvard Humanitarian Initiative und Oxfam International, April 2010; www.hhi.harvard.edu.

19) Ibid, S.27.

20) Commission for Reception, Truth and Reconciliation in Timor-Leste: Chapter 7.7, Sexual Violence. In: CAVR, Report of Commission for Reception, Truth and Reconciliation in Timor-Leste, Dili: CAVR, 2005. S.98–99.

21) Munala, June (2007): Challenging Liberian Attitudes Toward Violence Against Women: Forced Migration Review, Vol. 27, S.36-37.

22) Bartels, Susan (2010), op.cit, S.23.

23) Americas Watch: Untold Terror. Violence Against Women in Peru’s Armed Conflict. New York: Human Rights Watch, Dezember 1992.

24) Interview der Autorinnen mit Altaira Krvavac, Tuzla, Februar 2009.

25) Folnegovic-Smalc, Vera: Psychiatric Aspects of the Rapes in the War against the Republics of Croatia and Bosnia-Herzegovina. In: Stiglmayer, Alexandra (ed.) (1994): Mass Rape: The War against Women in Bosnia-Herzegovina. Lincoln and London: University of Nebraska Press, S.174-179.

26) Loncar, Mladen, Vesna Medved, Nikolina Jovanovic and Ljubomir Hotujac (2006): Psychological Consequences of Rape on Women in 1991-1995 War in Croatia and Bosnia and Herzegovina. Croat Med Journal, Vol. 47, No. 1, S.67-75.

27) Siehe Isikozlu und Millard (2010), op.cit., für eine Betrachtung dieser Implikationen.

28) So z.B. der Dokumentarfilm »Weapon of War« von Ilse und Femke van Velzen, der sich mit Vergewaltigern im Krieg in der Demokratische Republik Kongo auseinandersetzt; www.weaponofwar.nl.

Dieses Dossier beruht auf der BICC-Publikation »Towards a Typology of Wartime Rape«, BICC brief 43, aus dem Jahr 2010; Autorinnen: Elvan Isikozlu und Ananda S. Millard. Der brief ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts über Kriegsvergewaltigung, das durch das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert und nach einem doppelblinden Peer-Review-Prozess veröffentlicht wurde. In diesem Dossier werden die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Die komplette Publikation ist unter www.bicc.de zu finden.

in Wissenschaft & Frieden 2011-2: Kriegsgeschäfte

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