in Wissenschaft & Frieden 2016-4: Weltordnungskonzepte, Seite 44–46

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Gefährliche Symbiose?

Neonazis und ihr Verhältnis zu den Medien

von Katharina Neumann

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen terroristischen, auch neonazistischen, Akten und der Medienberichterstattung darüber. Spektakuläre Vorfälle greifen die Medien gerne auf, um ihre Auflagen zu steigern. Im Gegenzug erhalten die Akteure eine hohe Aufmerksamkeit, die sie zur Selbstdarstellung nutzen können. Die Autorin geht hier der Frage nach, welche Rückwirkungen die Berichterstattung über Rechtsextremismus auf die rechte Subkultur hat und ob eine bestimmte Form der Berichterstattung zur Nachahmung inspiriert bzw. diese eher verhindert. Im Fokus der Untersuchung steht, welche Effekte durch Berichterstattung über Rechtsextremismus innerhalb der rechtsextremen Szene selbst ausgelöst werden.

Am 22. Juli 2011 starben in Oslo und auf der Insel Utøya 77 junge Menschen bei terroristischen Anschlägen mit rechtsextremem Hintergrund. Der Attentäter, Anders Breivik, begründete seine Taten wie folgt: „Ich wollte genug töten, damit die Veröffentlichung meines Manifests genug Aufmerksamkeit in der Weltpresse auf sich zieht. Die Operation war nur eine Formalität.“ (zitiert in Traufetter 2011). Viele Medien entschieden sich dennoch für eine ausführliche Berichterstattung. Die Terrorismusforschung spricht in diesem Zusammenhang von einer „symbiotischen Beziehung“ (Glaab 2007, S. 13). So liefern Terroristen den Medien publikumsgenerierende Inhalte, während sie im Gegenzug mediale Aufmerksamkeit erhalten und die damit verbundene Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Eine solche symbiotische Beziehung birgt für Journalist*innen ein Dilemma: Wie sollen Medienmacher*innen die Öffentlichkeit informieren und aufklären, ohne ideologischem Gedankengut eine Plattform zu geben? Dass dieser Spagat durchaus schwierig sein kann, darauf deutet die Tatsache hin, dass, wie schon nach früheren Berichterstattungswellen über fremdenfeindliche Anschläge (Brosius und Esser 2002), auch in den Monaten nach der Aufdeckung der NSU-Morde die Anzahl fremdenfeindlicher Gewaltverbrechen sprunghaft anstieg und bundesweit bis heute auf einem hohen Niveau verblieben ist: In Deutschland werden laut dem jüngsten Verfassungsschutzbericht durchschnittlich drei rechtsextreme Gewalttaten pro Tag verübt (Verfassungsschutzbericht, 2015).

Es stellt sich demnach die Frage, welche Rückwirkungen die Berichterstattung über Rechtsextremismus auf die rechte Subkultur hat und ob eine bestimmte Form der Berichterstattung zur Nachahmung inspiriert bzw. diese eher verhindert (vgl. Neumann und Baugut 2016). Ebendiesen Fragen geht die hier vorgestellte Studie nach. Die forschungsleitende Frage lautet: Welche Effekte werden durch Berichterstattung über Rechtsextremismus innerhalb der rechtsextremen Szene ausgelöst?

Durch die Beantwortung dieser Frage sollen Wege für einen verantwortungsbewussten medialen Umgang mit dem Phänomen Rechtsextremismus aufgezeigt werden.

Theoretischer Hintergrund

Das Konzept reziproker Effekte (vgl. u.a. Lang und Lang 1952) dient als theoretische Basis der Untersuchung. Dieses beschreibt die spezifische Wirkung medialer Berichterstattung auf deren »Protagonisten«; also auf die Personen, über die berichtet wird und die laut Kepplinger stärkeren Medieneffekten unterliegen als die unbeteiligten Zuschauer*innen bzw. Leser*innen (Kepplinger 2007).

Um reziproke Effekte theoretisch zu konzeptualisieren, entwickelte Kepplinger (2007; 2010) ein Modell, in dem Art und Intensität der reziproken Effekte (2010, S. 138 ff.) von einer Vielzahl von Faktoren abhängen, die in einem komplexen Wechselverhältnis zueinander stehen und die Reaktionen der Protagonisten auf die Berichterstattung beeinflussen. Diese Reaktionen sind unter Umständen Ausgangspunkt für erneute Berichterstattung. Obwohl Ursache und Wirkung also nicht eindeutig voneinander zu trennen sind, unterscheidet Kepplinger (ebd.) aus Gründen der Übersichtlichkeit analytisch zwischen Ursachen (Mediennutzung), Verarbeitungsprozessen und Wirkungen. Als Ausgangspunkt des Modells wählt Kepplinger die Medienberichterstattung und begründet dies mit dem Verweis auf eine zunehmende Medialisierung; so geschähe in modernen Gesellschaften vieles nur deshalb, weil die Medien darüber berichteten (ebd., S. 138).

Untersucht wurden reziproke Effekte bislang allerdings nur bei Personen, die konkret in der Berichterstattung auftauchen, beispielsweise Politiker*innen (Kepplinger 2009) oder Spitzensportler*innen (Bernhart 2008). Die vorgestellte Arbeit überträgt das Modell reziproker Effekte auf Anhänger der rechtsextremen Szene in Deutschland. Es wird argumentiert, dass mediale Berichterstattung auch bei den Mitgliedern einer sozialen Gruppe zu reziproken Effekten führen kann, wenn innerhalb der Gruppe eine starke „soziale Identität“ (Tajfel and Turner 1979) besteht und sich die Gruppenmitglieder entsprechend stark mit »ihrer« Gruppe identifizieren. Es wird angenommen, dass u.a. die Verfolgung gemeinsamer ideologischer Ziele zu einer solch starken Identifikation des einzelnen Mitgliedes mit der jeweiligen rechtsextremen Gruppierung führt. Durch diese Identifikation würde wiederum eine unmittelbare, persönliche Betroffenheit von Berichterstattung über die rechte Szene ausgelöst und damit die Basis für die Entstehung jener besonders intensiven Medienwirkungen gelegt, die Kepplinger als reziproke Effekte bezeichnet.

Methode

Um die Forschungsfrage beantworten zu können, bedurfte es eines Zugangs zu Mitgliedern der rechtsextremen Szene, die bereit waren, bei einer wissenschaftlichen Untersuchung mitzuwirken. Da eine Befragung aktiver Mitglieder aus verschiedenen Gründen nicht umsetzbar war, wurden sieben ehemalige Führungsmitglieder, die an dem Ausstiegsprogramm der Initiative »EXIT Deutschland« teilnahmen, mittels halbstandardisierter, problemzentrierter Interviews befragt. Diesem methodischen Vorgehen lag die Annahme zugrunde, dass Aussteiger*innen am ehesten dazu in der Lage wären, reflektiert über die Dynamiken innerhalb rechter Gruppierungen Auskunft zu geben. So waren diese selbst in der Szene aktiv, sollten aber durch den Bruch mit der Ideologie ihre Erlebnisse aus einer distanzierteren, weniger strategisch geprägten Perspektive schildern können. Die anschließende Datenauswertung fand mithilfe einer inhaltlichen Strukturierung nach Mayring (2010) statt.

Ergebnisse

Die folgende Ergebnisdarstellung orientiert sich an den Variablen des Modells reziproker Effekte nach Kepplinger (2010).

Mediennutzung

Die Frage, welche Medien Rechtsextreme nutzen, ist grundsätzlich abhängig von der Gruppenzugehörigkeit und der Hierarchiestufe der Szenemitglieder.

Den Massenmedien wird jede Glaubwürdigkeit abgesprochen, da von einer Infiltration der Medien durch den Staat ausgegangen wird. Führungskader rezipieren neben den gruppeninternen Medien dennoch auch die Massenmedien, um öffentlichkeitswirksame Themen zu identifizieren und für ihre polittaktischen Zwecke zu instrumentalisieren sowie Jugendliche durch die Selbstinszenierung in Massenmedien als neue Mitglieder für die Szene zu rekrutieren.

Die rechtsextremen Szenemedien dienen ebenfalls der Rekrutierung neuer Jugendlicher, sollen aber vor allem dafür sorgen, dass die Basismitglieder durch Konsum der »richtigen Nachrichten« in ihrem hermetisch abgeriegelten Weltbild verhaftet bleiben. Der Befragte A sagt hierzu: „Man versucht, die Basismitglieder eher von Massenmedien fernzuhalten, weil eine gewisse Hermetik des Weltbildes nur dadurch aufrechterhalten werden kann, dass man sich von den richtigen Nachrichten die Infos holt“. Außerdem sollen die Szenemedien am Tag des »Systemzusammenbruchs«, auf den die Szene hinarbeitet, die traditionellen Massenmedien ersetzen.

Verarbeitungsprozesse

Die von Kepplinger (2010) beschriebenen Verarbeitungsprozesse sind auch in der rechten Szene zu beobachten. So zeigen die Interviews, dass sich Szenemitglieder auf verschiedenen Identifikationsebenen durch Berichterstattung über Rechtsextremismus persönlich betroffen fühlen, was sich in einer erhöhten Medienaufmerksamkeit niederschlägt. Massenmedien wird eine kategorische Feindseligkeit gegenüber Szenemitgliedern unterstellt und die »Schuld« an der »Umerziehung der Gesellschaft« nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben.

Die Ablehnung, die sie von ihrem sozialen Umfeld erfahren, wird von Rechtsextremen häufig auf eine »verzerrte« Medienberichterstattung geschoben. Dies macht deutlich, dass die rechte Szene von erheblichen Effekten der Medienberichterstattung auf das Publikum ausgeht. Der Befragte C beschrieb dies so: „Die Leute behandeln einen anders. Ich habe es damals in der Schulzeit gemerkt gehabt, als in der Oberstufe dann auch teilweise bekannt wurde: ,Ja, der denkt rechts.‘ Einige haben um mich rum dann plötzlich einen riesigen Bogen gemacht, ich wurde dann auch nicht mehr blöd angemacht. Weil ich denk mal, dass viele dieses Bild von Rechten aus den Medien hatten und dachten: ,Wer weiß, was bei dem dann der Freundeskreis macht.‘“

Wirkungen

Die wohl wichtigste Erkenntnis hinsichtlich der Wirkungen ist die Tatsache, dass die Führungsriege der rechten Szene die Berichterstattung in Massenmedien aktiv rezipiert und auf Basis dieser Rezeption politische Strategien und Taktiken für ihre Selbstinszenierung entwickelt. Hierbei verfolgen unterschiedliche Gruppierungen auch unterschiedliche Wunschdarstellungen in den Medien. Während manche Gruppen eher massenwirksam und jugendaffin wirken wollen (z.B. autonome Nationalisten), werden durch andere Gruppierungen gezielt Gewaltverbrechen verübt, um ein entsprechendes Medienimage zu etablieren. Der Befragte E begründet dies mit der Annahme, dass davon ein entsprechend gewaltbereites Publikum angezogen würde: „Das ist dann auch eine gewisse Marke, weil man extrem viele Leute anzieht, die durch die Medien wissen, dass da was los ist, dass die Leute zu allem bereit sind.“ Als ärgerlich hingegen würden Berichte über Widersprüche oder Doppelmoral innerhalb der Szene wahrgenommen, die sogar dazu beitragen könnten, hochgradig radikalisierte Mitglieder zum Nachdenken anzuregen (Befragter E). Im Hinblick auf eine Nachahmung rechtsextremer Gewaltverbrechen sind sich die Befragten darin einig, dass vor allem eine Heroisierung der Täter*innen und die Aussicht auf Erfolg zu einer Nachahmung anrege, während eine Betonung der drohenden juristischen Konsequenzen eher von Nachahmungstaten abhalte.

Diskussion

Insgesamt zeigt die Analyse, dass sich das Modell reziproker Effekte auch auf Gruppen übertragen lässt – zumindest was die Anhänger*innen der rechten Szene betrifft. So fühlen sich auch jene Szenemitglieder von negativer Berichterstattung betroffen, die gar nicht persönlich in der Berichterstattung auftauchen, was eine Reihe starker Medienwirkungen zur Folge hat, die größtenteils der Beschreibung in Kepplingers Modell (2007; 2010) entsprechen.

Wie also kann ein verantwortungsbewusster medialer Umgang mit Rechtsextremismus aussehen? Anhand der Ergebnisse lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass vor allem eine intensive, fundierte Recherchearbeit und eine möglichst objektive Berichterstattung wichtig sind, um der Szene nicht noch mehr Grund zu geben, die Glaubwürdigkeit der Massenmedien in Frage zu stellen. Auch sollte im Hinblick auf eine Verstärkung der Anziehungskraft gewalttätiger Gruppierungen und die Nachahmung von Gewaltverbrechen eine Überzeichnung der Gefährlichkeit rechter Gruppierungen und eine damit verbundene Heroisierung bzw. Mystifizierung der Täter eher vermieden werden.

Im Idealfall deckt eine intensive Recherche Widersprüche innerhalb der Szene auf, die sowohl potentielle Mitglieder abschrecken als auch aktive Mitglieder zum Nachdenken anregen. Ein Vergleich dieser basalen Empfehlung mit Untersuchungen zum medialen Umgang mit Rechtsextremismus zeigt jedoch eine enorme Diskrepanz, wird doch die Medienlandschaft gerade von einer oberflächlichen, boulevardesken und stereotypen Berichterstattung über Rechtsextremismus dominiert (Ettinger, Imhof und Udris 2007; Schafradd, Sheepers und Wester 2008). Diese Diskrepanz gilt es zu verringern, um der rechtsextremen Ideologie zumindest teilweise ihren Nährboden zu entziehen und die rechte Szene durch eine mediale Überzeichnung nicht attraktiv zu machen.

Literatur

Bernhart, S. (2008): Reziproke Effekte durch Sportberichterstattung. Wiesbaden: Springer VS.

Brosius, H. B.; Esser, F. (2002): Fremdenfeindlichkeit als Medienthema und Medienwirkung – Deutschland im internationalen Scheinwerferlicht. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Ettinger, P.; Udis, L.; Imhof, K. (2007): Rechtsextremismus und Öffentlichkeit in der Schweiz. Ein Forschungsbericht. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung; pbp.de

Glaab, S. (2007): Medien und Terrorismus – eine Einführung. In Glaab, S. (Hrsg.): Medien und Terrorismus – auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung. Berlin: BWV Verlag, 3. Aufl., S. 11-16.

Kepplinger, H. M. (2009): Politikvermittlung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kepplinger, H. M. (2010): Medieneffekte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Lang, K.; Lang, G.E. (1952):The unique perspec­tive of television and its effect – A pilot study. In W. Schramm; D.F. Roberts (Hrsg.): The process and effects of mass communication. Urbana: University of Illinois Press, S. 169-188.

Mayring, P. (2010): Qualitative Inhaltsanalyse – Grundlagen und Techniken. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 11. Aufl.

Neumann, K.; Baugut, P. (2016): Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien – Eine Analyse reziproker Medieneffekte innerhalb der Neonazi-Szene in Deutschland. Wiesbaden: Springer VS.

Schafraad, P.; Scheepers, P.; Wester, F. (2008): Der Umgang mit den Dämonen der Vergangenheit – Berichterstattung über Rechtsextreme in der deutschen Presse (1987-2004). Publizistik, 53(3), S. 362-385.

Tajfel, H.; Turner, J. C. (1979): An integrative theory of intergroup conflict – The socialpsychology of interpersonal conflict. In Worchel, S. and Austin, W.G. (eds.): Psychology of intergroup relations. Chicago: Nelson-Hall, S. 7-24.

Traufetter, G. (2011): Muttersohn und Massenmörder. Spiegel Online, 23.12.2011.

Bundesministerium des Innern (2016): Verfassungsschutzbericht 2015.

Katharina Neumann, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für empirische Kommunikationswissenschaft des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für ihre hier vorgestellte Masterarbeit erhielt sie den Gert-Sommer-Preis 2016 des Forum Friedenspsychologie für die beste Abschlussarbeit im Jahr.

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