in Wissenschaft & Frieden 2016-3: Politischer Islam, Seite 25–27

zurück vor

Die diskursive Macht des IS

von Axel Heck

Aus den Nachrichten kaum mehr wegzudenken: gewaltbeladene Aktionen des »Islamischen Staates«. Gleichzeitig wachsen die Vorbehalte gegenüber MuslimInnen in der Bevölkerung. Wie der IS die neuen Medien nutzt, um bestimmte Narrative zu etablieren, die wiederum Vorbehalte gegenüber MuslimInnen stärken, wird im folgenden Artikel dargelegt.

Im Jahr 2010 verkündete der deutsche Bundespräsident Christian Wulff: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Tradition. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ (Wulff 2010, S. 6) Andererseits tritt seit 2014 in einigen deutschen Städten mit den »Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes« (PEGIDA) eine Bewegung in Erscheinung, für die Islamfeindlichkeit die Motivation für ihre Aktivitäten ist. Und die Alternative für Deutschland (AfD) formuliert in ihrem jüngst beschlossenen Bundesparteiprogramm explizit: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ (AfD 2016, S. 49) Umfragen belegen, dass in Deutschland die Vorbehalte gegenüber MuslimInnen und »dem Islam« in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind (Bertelsmann Stiftung 2015, S. 7-8).

Deutungskampf um den Islam

Islamistischer Terrorismus ist spätestens seit den Anschlägen in New York und Washington (2001), Madrid (2004) und London (2005) als Phänomen in den westlichen Gesellschaften präsent (Frindte et al 2011, S. 16-17; Benz 2012, S. 21-22). Islamophobie aber wird erst seit wenigen Jahren regelmäßig und straff organisiert in aller Öffentlichkeit propagiert. Ein Blick auf aktuelle Umfragen zeigt, dass Islamophobie keineswegs nur am »rechten Rand« der Gesellschaft angesiedelt ist, sondern Vorurteile und stereotype Zuschreibungen bis weit in die bürgerliche Mitte hinein verbreitet und geteilt werden (Bertelsmann Stiftung 2015, S. 9-10; Decker et al. 2014, S. 48-51, 62). Es wird zwar immer wieder betont, die übergroße Mehrheit der MuslimInnen in Deutschland und anderen europäischen Staaten seien »unbescholtene BürgerInnen« und hätten weder mit Anschlägen zu tun noch hegten sie Sympathien für den Terror des Islamischen Staats (IS); dennoch scheinen MuslimInnen unter einen diffusen Generalverdacht gestellt zu werden, der aus einer diskursiven Gleichsetzung von »Islam« und »Terrorismus« hervorgeht (Brassel-Ochmann 2015, S. 58, 81; Mazyeck 2014; Körting et al 2015, S. 16-17, 47).

Dabei wird immer deutlicher, dass »der Islam« längst Gegenstand eines diskursiven Deutungskampfes ist, in dem unterschiedliche muslimische wie nicht-muslimische Kräfte darum ringen, ihre jeweiligen Vorstellungen zu etablieren (Kliche et al. 1997; Karis 2013; Kalwa 2013; Wehrstein 2013; Kliche 1998). Und der IS, der vor allem die Eigenlogik der so genannten neuen Medien nutzt, um an diesem Deutungskampf zu partizipieren (Weimann und Jost 2015), hat sich zu einem der wichtigsten Diskurs­akteure entwickelt. Da hilft es wenig, wenn z.B. der Islamwissenschaftler und Buchautor Navid Kermani explizit erklärt: „Alle maßgeblichen theologischen Autoritäten der islamischen Welt haben den Anspruch des IS verworfen, für den Islam zu sprechen, und im Detail herausgearbeitet, inwiefern dessen Praxis und Ideologie dem Koran und den Grundlehren der islamischen Theologie widersprechen.“ (Kermani 2015b, S. 10)

Das Narrativ des IS

Bislang wurde die von der IS-»Propaganda« ausgehende Gefahr meistens vor dem Hintergrund des Radikalisierungspotentials thematisiert. (Lister 2014, S. 24; Atwan 2015, S. 14). Einige Studien gehen dabei auf Versuche des IS ein, die Tötung von Geißeln als »Bestrafung« für Gewalttaten des Westens gegen muslimische Glaubensbrüder in aller Welt zu legitimieren und hierdurch weitere Unterstützung zu gewinnen (z.B. Zech und Kelly 2015). Eine weitere, bislang unterschätze Gefahr besteht darin, dass der IS mit seinen medial verbreiteten Botschaften die vorherrschenden Vorstellungen beeinflusst, was unter »Islam« zu verstehen ist. Überdies sollen die Botschaften von Hass und Gewalt, die im Namen des IS um die Welt geschickt werden, nicht nur Angst und Schrecken verbreiten, sondern in westlichen Ländern auch antiislamische und rassistische Vorurteile gegenüber MuslimInnen schüren und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionsgemeinschaften und Kulturen unterminieren. Diese Ziele werden in den Ausgaben des IS-Magazins »Dabiq« ganz offen verkündet.

Dazu bietet der IS ein Islamverständnis an, wonach der Islam eine „Religion des Schwerts und nicht des Friedens“ sei (Dabiq 2015, S. 20) und sich somit fundamental von den Vorstellungen solcher islamischer Gelehrter unterscheidet, die darauf verweisen, der Islam sei eine Religion der Freiheit und Gerechtigkeit, des Friedens und der Kultur (Kermani 2015a). Navid Kermani schilderte in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels seine Lesart des Islam: „Als Philologe hatte ich vor allem mit den Schriften der Mystiker, der Philosophen und der Rhetoriker und ebenso der Theologen zu tun. Und ich, nein: Wir Studenten konnten und können nur staunen über die Originalität, die geistige Weite, die ästhetische Kraft und auch humane Größe, die uns […] begegnen, die weltlich sind, ja weltlich und erotisch und übrigens auch feministisch und zugleich auf jeder Seite durchdrungen vom Geist und den Versen des Korans. […] Nichts, absolut nichts findet sich innerhalb der religiösen Kultur des modernen Islams, das auch nur annähernd vergleichbar wäre, eine ähnliche Faszination ausübte, von ebensolcher Tiefe wäre wie die Schriften, auf die ich in meinem Studium stieß. Und da spreche ich noch gar nicht von der islamischen Architektur, der islamischen Kunst, der islamischen Musikwissenschaft – es gibt sie nicht mehr.“

Kermani kam zum Schluss, das „Problem des Islams [sei] weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses“, was er als „zivilisatorische Amnesie“ bezeichnet (Kermani 2015b, S. 11). Dieser Tradition setzt der IS ein radikales und menschenverachtendes Narrativ entgegen, das historisch-traditionell aufgeklärte DenkerInnen des Islam kurzerhand zu »Abtrünnigen« und »Feinden« erklärt. Die politischen und gesellschaftlichen Folgen dieser durch den IS propagierten diskursiven Gleichsetzung von »Terror« und »Islam« sind nahezu unabsehbar.

Neue Medien für die politische Kommunikationsstrategie

Die politische Kommunikationsstrategie des IS scheint gezielt die Bilder terroristischer Gewalt mit einer totalitären Ideologie und einem universellen Herrschaftsanspruch zu verknüpfen und setzt im Kampf um Aufmerksamkeit und Klicks insbesondere auf die »neuen« Medien (Twitter, YouTube und das IS-eigene Magazin Dabiq). Akil Awan spricht von einer symbiotischen Beziehung“, die den IS mit diesen Medien verbinde (Awan 2014).

Mit seiner »Ikonographie des Schreckens« bedient der IS einerseits bereits in Teilen der Gesellschaft verankerte rassistisch-islamophobe Vorurteilsstrukturen. Andererseits ist das IS-Narrativ aufgrund seiner auf Gewalt und Brutalität basierender medialen Wirkmächtigkeit durchaus in der Lage, konkurrierende Konzepte eines friedlichen, offenen, toleranten und demokratischen Islam in den Hintergrund zu drängen. Dabei ist es der Aufmerksamkeitsökonomie neuer (und teilweise auch klassischer) Medien geschuldet, dass die Botschaft der Gewalt rasch Verbreitung findet, während die Botschaft eines friedlichen Islam in den Medien gar nicht erst ankommt. In einer Mediengesellschaft, in der Klickzahlen, Re-tweets und User-likes als »harte Währung« zählen, hat das Wort Navid Kermanis einen ungleich schwereren Stand als das neueste Hinrichtungsvideo des IS.

Soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung der muslimischen Minderheiten in westlichen Gesellschaften werden als performative Effekte solcher Videobotschaften bewusst in Kauf genommen und aktiv gefördert. Als Arena zur Austragung des Deutungskampfes wählt der IS nicht nur den inner-islamischen Diskurs, sondern ebenso die nicht-muslimisch geprägte Öffentlichkeit. Die Videobotschaften des IS, die in regelmäßigen Abständen gezielt den Weg in westliche Medien finden, zeigen fast ausnahmslos Darstellungen von Gewalt und Zerstörung unvorstellbaren Ausmaßes. Einige dieser Videos haben geradezu ikonische Bedeutung gewonnen, etwa die Enthauptung des US-Amerikaners James Foley, die Verbrennung des jordanischen Kampfpiloten Moaz al-Kasasbeh bei lebendigem Leibe oder die Zerstörung der antiken Stadt Palmyra.

Neben den Machtphantasien und Gewaltdarstellungen zeichnet sich die Kommunikationsstrategie des IS durch das Legitimationsnarrativ aus, demzufolge die Herrschaft des IS auf dem Glauben der Menschen an dessen Rechtmäßigkeit basiere. Die Legitimität wird durch Verweis auf eine legale und traditionale Ordnung sowie die charismatischen Führereigenschaften des »Kalifen« Abu Bakr al Baghdadi erzeugt (Heck 2016). Auch das Video über die Verbrennung Moaz al-Kasasbehs ist in ein Legitimationsnarrativ eingebettet, wonach der IS Verbrechen vergelte, die al-Kasasbeh und andere Kampfpiloten mit der Bombardierung von Städten begangen hätten. In ähnlicher Weise wird die Enthauptung James Foleys inszeniert, der als Repräsentant eines westlichen Eroberungsfeldzuges »bestraft« werde. Selbst wenn solche Versuche der Legitimation von Gewalt im Namen der Religion von islamischen Gelehrten zurückgewiesen werden, entfalten sie in einem nicht-muslimisch geprägten Diskurs Wirkung. Denn einerseits sind die Verweise auf Verbrechen des »Westens und seiner Verbündeter« oftmals nicht falsch, andererseits sind die brutal inszenierten Hinrichtungen grausam, zutiefst menschenverachtend und nicht legitimierbar. Dennoch »erzwingen« diese Botschaften unsere Aufmerksamkeit, da wir Teil der Mediengesellschaft sind und uns ihnen kaum entziehen können. Da das einmal Wahrgenommene nicht ohne Weiteres wieder vergessen werden kann, entfalten diese Botschaften ihre performativen Effekte, indem sie zu einem Teil unserer Vorstellungswelt werden – ob wir wollen oder nicht.

Fazit

»Der Islam« erfährt durch die »Ikonographie des Schreckens« des Islamischen Staates eine narrative Aufladung, in der bereits abgespeicherte rassistische und islamophobe Vorurteilsstrukturen in westlichen Gesellschaften mit fanatisch-religiös motivierter Gewaltbereitschaft und universalen Herrschaftsansprüchen verkoppelt werden. Der IS entwickelt ein Narrativ, wonach sich sein totaler Herrschaftsanspruch nicht nur auf die Region des Nahen Ostens beschränkt, sondern die »westliche Kultur« der »Ungläubigen« in Europa und Nordamerika vernichtet werden soll. Indem der IS mit der Brutalität seiner Botschaften die Aufmerksamkeitsökonomie neuer Medien gezielt nutzt, gelingt es ihm, die identitäre Konstruktion eines radikal-islamischen »Selbst« auch in einem nicht-muslimischen Diskurs zu verankern und aufgeklärt-traditionelle Konzeptionen des friedlichen und kulturell so reichen Islam zu marginalisieren. Die durch den IS angeheizte Islamophobie führt zu einer immer stärkeren Ausgrenzung von MuslimInnen und bereitet so den Nährboden für weitere Radikalisierung und Gewaltbereitschaft.

Literatur

Alternative für Deutschland (AfD) (2016): Programm für Deutschland – Grundsatzprogramm der Alternative für Deutschland. Beschlossen auf dem Bundesparteitag in Stuttgart am 30.4./1.5.2016.

Atwan, A.B. (2015): Islamic State – The Digital Caliphate. Oakland: University of California Press.

Awan, A.N. (2014): Terrorism craves an audience and we are playing into Islamic State’s hands by watching. The Conversation, 16.9.2014.

Benz, W. (2012): Deutschlands Muslime im Spiegel des Antisemitismus. In: Schneiders, T.G. (Hrsg.): Verhärtete Fronten – Der schwere Weg zu einer vernünftigen Islamkritik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 15-23.

Bertelsmann Stiftung (2015): Religionsmonitor – verstehen was verbindet. Sonderauswertung Islam 2015 – Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Brassel-Ochmann, A. (2015): Die trügerische Akzeptanz von Islam, Homosexualität und Suizid – Das doppelte Meinungsklima in Deutschland. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Dabiq (2015): From Hypocrisy to Apostasy. The Extinction of the Greyzone. Issue VII. Online auf der Website von The Clarion Project, Washington D.C.

Decker, O.; Kiess, J.; Brähler, E. (2014): Die stabilisierte Mitte – Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014. Leipzig: Universität Leipzig.

Frindte, W.; Boehnke, K.; Kreikenbom, H.; Wagner, W. (Hrsg.) (2011): Lebenswelten junger Muslime in Deutschland – Abschlussbericht. Berlin: Bundesministerium des Inneren.

Heck, A. (2016): The Struggle for Legitimacy of the Islamic State – Facts, Myths, and Narratives. In: Gadinger, F.; Kopf, M.; Mert, A.; Smith, C. (eds.): Political Storytelling – From Fact to Fiction. Duisburg: Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research, Global Dialogues series, S. 82-90.

Kalwa, N. (2013): Das Konzept »Islam« – Eine diskurslinguistische Untersuchung. Berlin/Boston: de Gruyter.

Karis, T. (2013): Mediendiskurs Islam – Narrative in der Berichterstattung der Tagesthemen 1979-2010: Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Kermani, N. (2015a): Wir wehren uns. DIE ZEIT, 15. Januar 2015.

Kermani, N. (2015b): Über die Grenzen – Jacques Mourad und die Liebe zu Syrien. Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015. Frankfurt: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.

Kliche, T. (1998): Vom Feindbild zum Fluktuat – »Islam« als mediales Feld flexibler diskursiver Ausgrenzung. In: Hitzler R.; Peters, H. (Hrsg.): Inszenierung: Innere Sicherheit – Daten und Diskurse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 25-38.

Kliche, T.; Adam, S.; Jannink, H. (1997): Bedroht uns der Islam? Die Konstruktion eines postmodernen Feindbildes am Beispiel Algerien an zwei exemplarischen Diskursanalysen. Hamburger Forschungsberichte aus dem Arbeitsbereich Sozialpsychologie – HAFOS Nr. 19.

Körting, E.; Molthagen, D.; Öney, B. (2015): Ergebnisse des Expertengremiums der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit. In: Molthagen D. (Hrsg.): Handlungsempfehlungen zur Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit – Arbeitsergebnisse eines Expertengremiums der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn: FES, S. 11-60.

Lister, C. (2014): Profiling the Islamic State. Brookings Doha Center Analysis Paper 13, S. 17.

Mazyek, A. (2014): Wenn der Islam missbraucht wird. The European, 2.9.2014.

Wehrstein, D. (2013): Deutsche und französische Pressetexte zum Thema »Islam« – Die Wirkungsmacht impliziter Argumentationsmuster. Berlin/Boston: de Gruyter.

Weimann, G.; Jost, J. (2015): Neuer Terrorismus und Neue Medien. Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, 8(3), S. 369-388.

Wulff, C. (2010): Vielfalt schätzen – Zusammenhalt fördern. Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 in Bremen.

Zech, S.T.; Kelly, Z.M. (2015): Off With Their Heads – The Islamic State and Civilian Behead­ings. Journal of Terrorism Research 6(2).

Dr. Axel Heck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Governance in Mehrebenensystemen der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

in Wissenschaft & Frieden 2016-3: Politischer Islam, Seite 25–27

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden