in Wissenschaft & Frieden 2016-3: Politischer Islam, Seite 21–24

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Was wissen wir über den »Islamischen Staat«?

von Dietrich Jung und Klaus Schlichte

Das Wissen über den »Islamischen Staat« (IS) ist noch begrenzt und eher fragmentarisch. Wohl wächst das Datenmaterial zum IS beständig, doch eine theoriegeleitete sozialwissenschaftliche Auswertung dieser zunehmenden Informationsdichte steht noch aus. Dazu trägt nicht nur die oft unüberschaubare Kriegssituation in Syrien und im Irak bei, sondern auch die Nachlässigkeit der deutschen Sozialwissenschaften, die die Beschäftigung mit anderen Weltgegenden als Europa und Nordamerika in ihre Randgebiete verdrängt haben. Diese Gemengelage steht der Reflektion darüber im Wege, mit welchem Gegner es die internationale Allianz gegen den IS eigentlich zu tun hat. Politik als Vorrang des Kurzfristigen erfordert die schnelle Verfertigung eines Feindbildes, sowohl in der politischen Rede wie in der medialen Berichterstattung. Die Reduzierung des IS auf eine Terrororganisation, so unsere These, greift aber bei Weitem zu kurz.1

Das Ziel dieses Beitrags ist es, einige vorläufige Aussagen über die Organisationsform, die Genese und die Dynamik des IS auf sozialwissenschaftlicher Grundlage zu treffen. Unsere Überlegungen beruhen neben der Presseberichterstattung auf wissenschaftlichen Publikationen über den IS und auf Analogien zu Befunden über andere bewaffnete Gruppen.2 Die Grundannahme ist dabei, dass die Effekte der kriegerischen Gewalt die sozialen und politischen Dynamiken bestimmen, die innerhalb des IS und um ihn herum wirken. Aus der politischen Soziologie bewaffneter Gruppen lassen sich deshalb in Analogieschlüssen Hypothesen darüber ableiten, welche Mechanismen im Innern des IS wirken.

Hierarchie oder Netzwerk?

Probleme einfacher Analogieschlüsse finden sich in der gesamten Diskussion über den IS. Im strategischen Denken, vor allem dem militärischer Sicherheitskreise, scheint die Tendenz zu überwiegen, sich die Organisation des Gegners als Spiegelung des Selbstbilds vorzustellen. Dies war auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 beobachtbar, als die sicherheitspolitische Diskussion sich das lose Netzwerk um den mobilen Inspirator von al-Qaida, Osama bin Laden, so vorstellte wie ein multinationales Unternehmen mit Hierarchien, Hauptsitz und Filialen. Fast fünfzehn Jahre später, mit der Verbreitung des »network-centric warfare« als strategische Anpassung auch westlicher Militärapparate, geschieht dasselbe: Auch der IS wird als globales »Netzwerk« charakterisiert, ohne dass exakt nachvollziehbar wäre, aus welchen Teilen dieses Netz besteht und was diese organisatorisch verbindet. Schon die Erfahrungen in Afghanistan seit 2001 haben gezeigt, wie volatil die Konstellationen und Bündnisse sind, die dort vereinfacht als »Taliban« bezeichnet wurden und werden.3 Ähnliches gilt auch für den Irak, wo im Oktober 2006 nach dem Tod von Abu Musab az-Zarqawi, dem jordanischen Inspirator des IS, der Islamische Staat im Irak (ISI) gegründet wurde. Dieser repräsentierte zunächst ein loses Bündnis dschihadistischer Gruppierungen, sunnitischer Stämme und ehemaligem Baath-Personal, das sich nach dem so genannten sunnitischen Aufstand gegen die Besatzung (2004-2006) um den Kern von al-Qaida im Irak formiert hatte.

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive erscheint es sinnvoll, drei Bilder des IS zu unterscheiden: erstens die hierarchische Organisation, die der IS offenbar in den von ihm kontrollierten Gebieten in Syrien und im Irak ist; zweitens das symbolische Bezugssystem des Islamischen Staats, sein ideologisches Fundament, das er für unterschiedliche Gruppen militanter Islamisten in geografisch weit voneinander entfernt liegenden Kontexten repräsentiert; und drittens das mediale Artefakt der »globalen terroristischen Organisation des IS«, das von westlichen Medien und der Propagandamaschine des IS gemeinsam konstruiert wird.4

Das erste Bild: Nach allem, was an gesichertem und öffentlichem Wissen über den IS vorliegt, ist dieser im Kern eine hierarchische Organisation, und zwar dort, wo er territorial regiert. In Syrien und im Irak verfügt er über eine administrative, politische und ökonomische Infrastruktur, die pyramidal aufgebaut ist. Hier verwaltet der IS die von ihm kontrollierten Territorien wie ein effektiver Protostaat. Hier übt er mit einem rigiden Sicherheits- und Justizapparat territoriale Kontrolle über Millionen von Menschen aus und stützt sich auf eine relative diversifizierte Kriegs­ökonomie, welche auch die Besteuerung der verwalteten Gebiete umfasst.5

Das zweite Bild: Ein Netzwerk ist der IS hauptsächlich insofern, als das Signum »IS« als symbolische Referenz für eine Reihe anderer bewaffneter Akteure in innerstaatlichen Kriegen dient. Mit der Ausrufung eines islamischen Kalifats artikulierte der IS einen Führungsanspruch in der militanten panislamischen Bewegung, die seit den 1980er Jahren eine immer stärkere Rolle in den Konflikten in der muslimischen Welt spielt. Dabei handelt es sich um eine von inneren Konflikten und Konkurrenzkämpfen geprägte Bewegung, deren dschihadistische Gruppen sich alle in einem Kampf zur Verteidigung des Islam verstehen.6 Die Verbindungen dieser Gruppen mit dem IS sind aber höchst unterschiedlich, und sein Führungsanspruch wird nicht nur von al-Qaida bestritten. Was die internationalen Unterstützer des IS anbelangt, so stehen diese nicht notwendigerweise in einer strikten Befehl-Gehorsam-Beziehung zur Führung des IS. Während der IS in Libyen und auf dem ägyptischen Sinai wohl über regionale Branchen verfügt, scheint er für dschihadistische Gruppen, wie z.B. Boko Haram in Nigeria, wohl nicht mehr als eine symbolische Referenz zu sein.7 Auch bei den Verbindungen zwischen militanten Islamisten im Westen und dem IS handelte es sich zumindest bis zum Sommer 2015 in der Mehrzahl um diskursive Bezüge und indirekte Formen der Unterstützung. Direkte Bezüge zwischen in Europa und den USA operierenden Dschihadisten und dem organisatorischen Kern des IS waren dagegen selten.8 Inwieweit dieser Befund auch noch nach den Anschlägen von Paris (2015) und Brüssel (2016) gültig ist, werden die laufenden Ermittlungen zeigen.

Das dritte Bild: Die Vorstellung eines global agierenden IS als eine hierarchisch strukturierte Organisation ist eher der Effekt einer homogenisierenden internationalen Berichterstattung. Zusammen mit der medialen Strategie des IS bindet diese politische Dynamiken diskursiv zusammen, obwohl empirische Belege für diese Zusammenhänge häufig fehlen. Der globale Diskurs über den IS spielt somit eine zentrale Rolle in dessen Kon­struktion als ein veritabler transnationaler Akteur.

Als Beleg für die Transnationalität des IS gelten oftmals die nachgewiesenen Wanderungen von IS-Kämpfern unterschiedlicher Nationalität zwischen unterschiedlichen Kriegen. Doch diese Wanderung von Gewaltexpertise ist weder historisch neuartig noch belegt sie irgendeine Form von übergreifender organisatorischer Gliederung. Was die nichtstaatlichen Akteure von heute mit denen früherer Zeiten teilen, ist, dass viele von ihnen ihre militärische Schulung in staatlichen Gewaltapparaten erhielten. Seit 2010 sind die militärischen Kommandostrukturen des IS fast ausschließlich in der Hand von Irakern mit einem professionellen militärischen Hintergrund im vormaligen Baath-System.9 Nach Schätzungen vom Frühjahr 2015 befehligten diese ca. 30.000 Milizionäre, von denen wiederum ungefähr die Hälfte »ausländische Kämpfer« waren, die aus über 80 verschiedenen Ländern rekrutiert wurden.10 Die lange Geschichte der Wanderung von gewalterfahrenen Akteuren stellt zwar gleichsam einen personellen Zusammenhang zwischen verschiedenen lokalen Konfliktarenen her, sie ist aber damit noch keineswegs die Manifestation einer transnationalen Organisationsform.11

Wahrscheinlicher als eine zentral gesteuerte, transnationale Organisation ist das Gegenteil: die Übermacht des Lokalen. Denn überall müssen sich Gewaltakteure langfristig in lokale Gefüge einordnen. Diese lokale Umgebung hat ihre eigenen Strukturelemente, so stark diese sich dann auch unter den Bedingungen des Krieges modifizieren. Und so sehr die Fremden mit ihren Gewalthandlungen die Kriegsdynamik beeinflussen, so sehr sind sie auch denjenigen politischen Konstellationen unterworfen, die überall auf der Welt aus der lokalen politischen Geschichte hervorgegangen sind.

Die Genese des IS

Für alle bewaffneten Gruppen gilt, dass die Strukturen und politischen Praktiken ihres Kontextes sich auch in ihrem Innern wiederfinden. Im Fall des IS sind dies wahrscheinlich Fragmente des Baath-Regimes, Loyalitäten, die auf Freundschaften und Familienbanden beruhen, über die dschihadistische Ideologie vermittelte Vergemeinschaftungen und im Krieg entstandene personale Beziehungen, die teilweise ihren Ausgangspunkt in der Ankunft von Abu Musab az-Zarqawi im Dezember 1989 in Afghanistan haben.12 Im Irak war die Veränderung der innerstaatlichen Machtbalance zum Vorteil der schiitischen Bevölkerung ein wesentlicher Faktor. Diese Veränderung spiegelt sich in der radikalen anti-schiitischen Ideologie des IS und seiner Unterstützung durch Teile der sunnitischen Bevölkerung des Irak wider.

Nicht untypisch spielen in der Formierungsphase dschihadistischer Gruppen die Gefängnisse eine Bündnis stiftende Rolle: In der Zeit des Irakkrieges entstand hier das Band zwischen den meist als »sunnitisch« charakterisierten Fragmenten des Sicherheitsapparates Saddam Husseins und der radikal-islamistischen Gruppe az-Zarqawis.13 Auch einige der mit dem IS konkurrierenden dschihadistischen Widerstandsgruppen in Syrien, wie z.B. Ahrar al-Sham, Liwa al-Islam oder Suqur al-Sham, wurden von ehemaligen Insassen des Sednaya-Gefängnisses bei Damaskus gegründet, in welchem das Assad-Regime die islamistische Opposition weggesperrt hatte.14 Der „Kult des Geheimnisses und der Gewalt“,15 der diese Gruppen offenbar durchzieht, dürfte im Gefängnis geformt und gefestigt worden sein. Für die Politik der Gruppe wird dann aber der komplexe Zusammenhang von Legitimität und Gewalt wirksam: der »Schatten der Gewalt«.

Der Schatten der Gewalt

Neben der Frage, wie eine bewaffnete Gruppe ihren eigenen Mitgliedern gegenüber Gewalt legitimiert, stellt sich für sie das Problem, die Gewalt auch gegenüber denen zu rechtfertigen, über die sie Herrschaft erlangen will. Das Verhältnis von Gewalt und Legitimität ist aber paradox: Legitimierende Effekte der Gewalt stehen delegitimierenden gegenüber. Legitimierend wirkt die Herstellung von Ordnung, delegitimierend wirkt die Verletzung lokaler Moralität, an der jeder Herrschaftsanspruch zunächst eine Grenze findet. Viele bewaffnete Gruppen sind an dieser Herausforderung gescheitert; andere, darunter die Hizbullah im Libanon oder die Jamaat al-Islamiyya in Ägypten, mussten die Erfahrung machen, dass ihre drakonischen Strafregime ihre Legitimität bedrohten, und milderten sie daher ab.16 Das enorm rigide normative Regime des IS über die Lokalbevölkerung, das vor allem von fremden Kriegern mit brutaler Härte implementiert wird, kann dieser Problematik auf Dauer nicht entgehen.17

Die Heterogenität von unterschiedlichen Herkünften, lokalen Loyalitäten und politischen Orientierungen, die im Innern des IS wie in jeder anderen bewaffneten Gruppe zu vermuten ist, schafft ein weiteres Problem für die Kohäsion des Verbandes. Hier spielt insbesondere der Einsatz ausländischer Kämpfer eine Rolle. Während diese im militärischen Kalkül und der expansiven Strategie des IS eine entscheidende Funktion haben, ist ihr Verhältnis zur Lokalbevölkerung prekär. Insbesondere die Beschlagnahmung von Wohneigentum und anderen Gütern durch Milizionäre des IS kann sich für dessen Herrschaftsanspruch langfristig als destabilisierend auswirken. In jeder bewaffneten Gruppe sind unterschiedliche Legitimitätsquellen wirksam, die auch in Widerspruch zueinander geraten können. Vor allem wenn familiale und kommunitäre Loyalitäten dem Gewalthandeln entgegenstehen, werden Anpassungen des Gewalthandelns an traditionale Geltungen nötig, wenn stabile Herrschaftsbeziehungen entstehen sollen.18 Die charismatischen Ideen eines reinen religiösen Lebens oder der politischen Revolution können die Geltung dieser Traditionen nicht einfach ignorieren.

Legitimierende Wirkung hat auch die von der Gegenseite erfahrene Gewalt. Die Bombardierungen und Drohnenangriffe sorgen für Unterstützung, weil diese Gewaltpraxis trotz allen militärtechnischen Fortschritts zivile Opfer fordert. Der Schutz vor Gefahr, das Ressentiment und die Stereotypisierung eines »gemeinsamen Gegners« sind Hauptmotive, die bewaffneten Gruppen neue Mitglieder zuführen und die Tolerierung durch die sie umgebende Bevölkerung ermöglichen. Die Mischung aus Gewaltkult und religiöser Heilslehre, die den Wesenskern der dschihadistischen Variante der panislamischen Ideologie des IS bildet, gewinnt mit jedem militärischen Schlag gegen den IS an Plausibilität, auch außerhalb der Kriegsgebiete in Syrien und Irak.19

Das Problem der Transformation

Nur die Kombination legitimatorischer Ressourcen erlaubt die Stabilisierung der Machtbeziehungen in bewaffneten Gruppen. Im Fall so heterogener Gruppen wie des IS ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Legitimationsquellen und die Dynamiken der Gruppe früher oder später zu Gewalt innerhalb des Verbandes führen. Dieser innere Widerspruch wird durch die Trennung von Jabhat al-Nusra vom IS und die Konkurrenz unter einer Vielzahl von islamistischen Gruppierungen im syrischen Bürgerkrieg bestätigt, wo die Zahl relativ unabhängiger bewaffneter Gruppen im Frühjahr 2015 auf bis zu 1.500 geschätzt wurde.20

Während sich die im syrischen Bürgerkrieg aktiven dschihadistischen Milizen ideologisch nahe stehen, unterscheiden sie sich deutlich in ihrer Strategie und ihren Rekrutierungsformen. Dem Anspruch des IS, ein transnationales Kalifat zu repräsentieren, stehen so die Interessen lokaler syrischer Islamisten entgegen, denen es um die Errichtung eines islamischen Regimes innerhalb der Grenzen des syrischen Nationalstaates geht. Kriegscharisma allein reicht ebenso wenig wie »Beute« dafür aus, diese Unterschiede zu überbrücken. Diese Ressourcen erlauben kurzfristige Bindungen, aber sie setzen das Problem der Verstetigung des Charismas nicht außer Kraft.

»Erfolgreiche« bewaffnete Gruppen, also solche, die heute Staaten regieren, wie in Ruanda, Uganda, Eritrea, Zimbabwe, Kosovo, Äthiopien oder Ost-Timor, konnten auf weitere Quellen der Legitimität zurückgreifen und diese miteinander verknüpfen. Traditionale Legitimität, wie die Abstammung der Kader aus den führenden Familien, größere Verwandtschaftszusammenhänge und das kulturelle Kapital eines nicht-militärischen Habitus, der reguläre Politik, die Gabe der Rede und politische Klugheit vereint, zählen dazu. Denn die eigentliche Herausforderung einer bewaffneten Gruppe ist die Transformation der Gewalt als Aktionsmacht in reguläre Politik, in Verwaltung und politische Institutionen, in denen Widersprüche prozessierbar werden. Ob der IS tatsächlich über solche Organisationsressourcen verfügt oder sie im Kontext seiner eigenen ideologischen Prämissen überhaupt entwickeln kann, ist fraglich.

Wohl ist es aber plausibel anzunehmen, dass eine wichtige Legitimationsressource des IS in der Ordnungsfunktion besteht, die die Gruppe in dem von ihr beherrschten Gebiet ausübt: Die Unterdrückung lokaler krimineller Banden, die Wiedererrichtung einer funktionierenden lokalen Verwaltung und regulierte Preise für Grundnahrungsmittel werden lokal wenigstens teilweise dem IS zugeschrieben.21 Ob die Anerkennung des IS über diese pragmatischen Motive hinausgeht, ist gegenwärtig schwer abzuschätzen; seine extreme dschihadistische Ideologie wird von einer überwältigenden Mehrheit der Muslime auch im syrischen Kriegsgebiet wohl nicht geteilt.

Im Unterschied zu den oben genannten »erfolgreichen« Gruppen ist ihm zudem etwas verwehrt, was für diese eine weitere Erfolgsbedingung war: internationale Nichtbeachtung oder Sympathie bei wenigstens einigen Großmächten.

Wie mit dem IS umgehen?

Auf die Frage, wie mit einem stark von Gewalterfahrungen geprägten Raum so umgegangen werden kann, dass nicht die Fortsetzung der Dynamiken von Gewalt und Legitimität, sondern eine Delegitimierung der Gewalt wahrscheinlicher wird, hat weder die Diplomatie noch das militärische Denken eine Antwort gefunden. Dieses Dilemma wird an der Strategie der westlichen Regierungen seit Afghanistan deutlich. Die Delegation der Gewalt an Oppositionsgruppen in den kriegsbetroffenen Staaten ist hierfür kein Patentrezept. Weitere militärische Expertise und neue Ressourcen zu liefern, macht weitere Eskalationen wahrscheinlich; auch mit der Verselbständigung der Auftragnehmer ist zu rechnen – wie in Syrien zu sehen ist.22

Es greift zu kurz, den IS als bloße »Terrororganisation« zu charakterisieren; er darf auch nicht auf seine Gewaltstrategie reduziert werden. Daher müssen militärisch dominierte Gegenstrategien kritisch geprüft werden. Es wird möglich sein, mit Gewaltmitteln die Expansion des IS zu stoppen und ihn zurückzudrängen. Die damit einhergehenden Fragmentierungen können jedoch, auch hierfür steht Syrien, zur weiteren Diffusion der Gewalt beitragen. Und die in Betracht zu ziehende lokale Legitimität des IS ist damit nicht zu erschüttern.

Das Augenmerk wäre daher stattdessen darauf zu richten, wie eine politische Transformation des Krieges erreicht werden kann. Dabei geht es um den Aufbau von Institutionen, in denen die politischen Gegensätze prozessiert werden können. Im Irak etwa gilt es, den militärischen Kampf gegen den IS mit einer Stärkung der bestehenden politischen Institutionen zu verbinden. Zentral ist hierbei die Einbindung der sunnitisch-arabischen Bevölkerung. In Syrien stellt sich hingegen der Aufbau politischer Institutionen anders dar. Weder die Reste des Assad-Regimes noch die proto-staatlichen Institutionen, die sich während des Krieges in den kurdischen und den vom IS kontrollierten Gebieten herausgebildet haben, scheinen als Fundamente für einen staatlichen Wiederaufbau zu taugen. Hier kann die Lösung nur in einer Zusammenarbeit zwischen internationalen Akteuren, Staaten und Nichtregierungsorganisationen mit lokalen Formen der Verwaltung liegen. Diese erfordert aber zunächst eine Beendigung des Kriegszustandes.

Dies zu erreichen, solange die beteiligten Akteure keine ernsthafte Verhandlungslösung wollen, bleibt immens schwierig. Mit Blick auf den IS scheint die Anwendung militärischer Gewalt unabweisbar, womit sich das klassische Dilemma wiederholt, dass mit Gewalt zugleich neue Gewalt erzeugt wird. Zu bedenken ist dabei nicht zuletzt, dass diese Gewalt die symbolische Rolle des IS als ideologischer Repräsentant eines »Islam im Widerstand« noch verstärken kann. Letztlich führt kein Weg daran vorbei, dass die muslimische Welt selbst den Vertretern radikaler dschihadistischer Ideologien jegliche politische Legitimität entzieht. Kluge Politik wäre es daher, diesen schwierigen Prozess vorsichtig zu befördern.

Anmerkungen

1) Dieser Aufsatz beruht zu Teilen auf Schlichte, K.: Mutmaßungen über den IS. Soziopolis, 19.1.2016; tinyurl.com/zmyfe25.

2) Vgl. Weiss M.; Hassan, H. (2015): ISIS – Inside the Army of Terror. New York: Regan Arts.
Stern, J.; Berger, J.M. (2015): Isis – The State of Terror. New York: Ecco.
Lister, C.R. (2015): The Syrian Jihad – Al-Qaida, the Islamic State and the Evolution of an Insurgency. Oxford: C Hurst & Co Publishers.
Said, B.T. (2015): Islamischer Staat – IS-Miliz, al-Qaida und die deutschenBrigaden. München: C.H. Beck.

3) Vgl. Giustozzi, A. (2007): Koran, Kalashnikov, and Laptop – The Neo-Taliban Insurgency in Afghanistan. New York: C Hurst & Co.

4) Ingram, H.J. (2014): Three Traits of the Islamic State’s Information Warfare. RUSI Journal, 159(6), S. 4-11.

5) Charles R. Lister (2014): Profiling the Islamic State. Brookings Doha Centre Analysis Paper13/2014.
Al-Tamimi, A. (2015): The Evolution in Islamic State Administration – The Documentary Evidence. Perspectives on Terrorism 9(4), S. 117-129.

6) Hegghammer, T. (2010/11): The Rise of Muslim Foreign Fighters – Islam and the Globalization of Jihad. International Security 35(3), S. 53-94.

7) Die bestenfalls untergeordnete Rolle des IS in anderen Kontexten als im Irak und Syrien wird in Fallanalysen deutlich, vgl. z.B. zur Genese der Al-Shabaab-Milizen in Somalia Marchal, R. (2009): A Tentative Assessment of the Somali Harakat Al-Shabaab. Journal of Eastern African Studies 3(3), S. 381-404; oder zu Boko Haram Loimeier, R. (2009): Boko Haram – The development of a militant religious movement in Nigeria. AfrikaSpektrum, 48(2), S. 137-155.

8) Hegghammer, T.; Nesser, P. (2015): Assessing the Islamic State’s Commitment to Attacking the West. Perspectives on Terrorism 9(4), S. 14-30.

9) Lister, C.R. (2014): Assessing Syria’s Jihad. Survival 56(6), S.  87-112.

10) Jung, D. (2016): The Search for Meaning in War – Foreign Fighters in Comparative Perspective. IAI Working Papers 16/2016.

11) Diese Angaben beruhen auf einem Sample von achtzig bewaffneten Gruppen; vgl. Schlichte, K. (2009): In the Shadow of Violence – The politics of armed groups. Frankfurt a.M. und Chicago, Ill.: campus, S. 35f.

12) Weaver, M.A. (2006): The Short, Violent Life of Abu Musab al-Zarqawi – How a video-store clerk and small-time crook reinvented himself as America’s nemesis in Iraq. The Atlantic, July/August.

13) Weiss und Hassan 2015, a.a.O., S. 9.

14) Lister 2014, a.a.O. , S. 87.

15) Autorenkollektiv Noria (2015): Qui est l’Etat Islamique? noira-research.com, 9. Dezember.

16) Vgl. Malthaner, S. (2011): Mobilizing the Faithful – Militant Islamist Groups and their Constituencies. Frankfurt a.M.: campus.

17) Lister 2015, a.a.O., S. 274.

18) Vgl. hierzu Malthaner 2011, a.a.O. sowie Rzehak, L. (2005): Die Taliban im Land der Mittagssonne – Geschichten aus der afghanischen Provinz. Erinnerungen und Notizen von Abdurrahman Pahwal. Wiesbaden: Reichert.

19) Vgl. Weber, M. ([1922] 1985): Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriß der verstehenden Soziologie., Tübingen: Mohr , 5. Aufl., S. 671ff.

20) Lister 2015, a.a.O., S. 3.

21) Vgl. Malik, S. (2015): The Isis papers – behind »death cult« image lies a methodical bureaucracy. The Guardian, 7. Dezember.

22) Lawson, F. (2016): Syria’s Civil War and the Reconfiguration of Regional Politics. In: Beck, M.; Jung, D.; Seeberg, P. (eds.): The Levant in Turmoil – Syria, Palestine, and the Transformation of Middle Eastern Politics. London und New York: Palgrave Macmillan, S. 13-38.

Dietrich Jung leitet das »Center for Contemporary Middle East Studies« an der University of Southern Denmark.
Klaus Schlichte lehrt am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien an der Universität Bremen.

Der Artikel ist eine gekürzte und leicht bearbeitete Fassung des Beitrags »Im Schatten des Krieges« der beiden Autoren im »Friedensgutachten 2016« (LIT-Verlag). W&F dankt den Autoren und dem Verlag für die Abdruckrechte.

in Wissenschaft & Frieden 2016-3: Politischer Islam, Seite 21–24

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