in Wissenschaft & Frieden 2016-3: Politischer Islam, Seite 1

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Politischer Islam – ein schwieriger Begriff

von Bentje Woitschach

Der »Islamische Staat«, Ajatollah Khomeini, die ägyptische Muslimbruderschaft, der säkulare iranische Reformer Abdulkarim Soroush – all diese unterschiedlichen Personen und Gruppierungen fallen unter den Begriff »politischer Islam«. Er subsumiert sowohl liberale Denker ohne jegliche autoritäre Tendenzen als auch Bewegungen, die auf brutalste Weise ihre Vorstellungen von Staat und Gesellschaft durchsetzen. Erschwerend kommt hinzu, dass der politische Islam oft synonym mit anderen diffusen Begriffen, wie »Islamismus« oder »Fundamentalismus«, verwendet wird. Gemeinsam ist den zwei Letzteren, dass die Rückbesinnung auf religiöse Wurzeln im Zentrum steht. Solche Tendenzen gab und gibt es in jeder Religion.

Der Salafismus ist wohl die bekannteste Strömung im Islam, die eine solche Rückbesinnung anstrebt. Salafisten vertreten die Ansicht, dass der Islam im Laufe der Geschichte durch kulturelle Neuerungen und Neuinterpretationen negativ beeinflusst wurde. Sie fordern eine Rückbesinnung auf die Werte und Lebensweisen zu Zeiten des Propheten Muhammed und der auf ihn folgenden vier Kalifen. Viele Anhänger des Salafismus verfolgen ihre Ziele »unpolitisch«, Abd al-Hakeem Carney nennt sie eine „ruhige Religionsgemeinschaft“, die peinlich genau auf die Einhaltung religiöser Praktiken achtet, aber den Staat selbst nicht verändern will. Politisch werden diese Strömungen dann, wenn sie Gesellschaften und Gesetze nach religiösen Grundsätzen gestalten wollen. Ob dies – wie in Tunesien – lediglich bedeutet, dass der Islam zur Staatsreligion erklärt wird, ob islamische Werte Eingang finden in demokratische Verfassungen oder ob Gesetze, politische Herrschaft oder im Extremfall sogar Gewalt durch den Islam legitimiert werden, ist bei den verschiedenen Gruppierungen, die unter den Begriff »politischer Islam« fallen, völlig unterschiedlich.

Es liegt nahe, den Begriff »politischer Islam« aufgrund der angesprochenen analytischen Ungenauigkeit zu verwerfen. Auch in der W&F-Redaktion gab es intensive Diskussionen darüber, ob man an dem Begriff festhalten solle, ihn überhaupt als Hefttitel verwenden dürfe. Selbst wenn man ihn differenziert betrachtet, so läuft man Gefahr, allein durch seine Verwendung vorhandene Stereotype zu bestätigen. Wir sind uns als Redaktion dieser Gradwanderung bewusst. Dennoch erschien uns kein anderer Begriff geeignet, das Thema des Heftes angemessen zu fassen. Nicht zuletzt die Artikel zeigen, dass eine einheitliche Sichtweise des Begriffes politischer Islam schwierig ist.

Unsere Absicht war es, in diesem Heft Herkunft und unterschiedliche Erscheinungsformen des politischen Islam zu beleuchten und damit der begrifflichen Weite zumindest annähernd gerecht zu werden. So beschreibt Adrian Paukstat in seinem Artikel die Denkrichtung der Salafiyya als ideengeschichtliche Grundlage des politischen Islam, entstanden sowohl als Reaktion auf den westlichen Kolonialismus als auch aus einem Modernisierungsbestreben im theologischen wie im politisch-gesellschaftlichen Bereich. Ob und inwieweit sich der politische Islam als Staatsideologie niederschlägt, wird anhand zweier Fallstudien zu Iran und Indonesien angesprochen. Stephan Rosiny erläutert die Rolle moderater Islamisten im Arabischen Frühling und kommt zu dem Schluss, dass die anfänglichen Wahlerfolge auf die Attraktivität ihrer islamisch geprägten Identitätsangebote und klaren Gesellschaftsvisionen zurückzuführen seien. Einen weiteren wichtigen Akteur im Spektrum des politischen Islam beleuchten Dietrich Jung und Klaus Schlichte. Sie analysieren in ihrem Beitrag die Organisationsstruktur des Islamischen Staates und erläutern seine hierarchisierte Organisation, die sich weniger im globalen als vielmehr im lokalen Kontext zeige. Warum der politische Islam eine Anziehungskraft auf Jugendliche ausübt, diskutiert Götz Nordbruch in seinem Beitrag. Als mögliche Gründe führt der Autor insbesondere die Instrumentalisierung von Diskriminierungserfahrungen und die Bereitstellung klarer Gesellschaftsvisionen an. Elhakam Sukhni rückt in seinem Beitrag den Islam als Religion ins Zentrum und erläutert unter Verweis auf Originaltexte das Verhältnis des Islam zu Krieg und Frieden. Dabei beleuchtet er auch den Begriff des »Dschihad«, der häufig als »Heiliger Krieg« übersetzt wird, aber wörtlich »Anstrengung« bzw. »Eifer« bedeutet. Gemeint ist damit das Bemühen des Einzelnen gegen Versuchungen des Alltags, gegen die eigenen Triebe und Laster, um schließlich das Wohlgefallen Gottes zu erlangen.

Dieses Heft ist ein Versuch, sich mit Ereignissen, Akteuren und Themenbereichen auseinanderzusetzen, die unter dem Begriff »politischer Islam« zusammengefasst werden. Dabei sollte die angesprochene sprachliche und inhaltliche Differenzierung stets präsent sein. Es bleibt zu hoffen, dass die Wissenschaft in naher Zukunft Instrumente und Begrifflichkeiten bereitstellt, die eine verantwortungsvolle Analyse ermöglichen und zugleich gefährlichen Vereinnahmungen entgegentreten.

Ihre
Bentje Woitschach

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