in Wissenschaft & Frieden 2016-2: Stadt im Konflikt – Urbane Gewalträume, Seite 52–54

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Expedition zum Frieden

Vom partizipatorischen Umgang mit regionaler Kriegserinnerung

von Wilhelm Bauhus, Anne Harnack, Catharina Kähler und Sabine Kittel

Wissenschaft, und speziell die universitäre Wissenschaft, ist dem Menschen verpflichtet. Dass ein so zentrales und elementar wichtiges Thema wie der Umgang mit Krieg und Frieden die Menschen beschäftigt, war der Ausgangspunkt der »Expedition zum Frieden«, einem Projekt der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Einer der Grundgedanken der Bürgerwissenschaften (Citizen Sciences) ist es, Denkimpulse einer interessierten Öffentlichkeit in wissenschaftsbasierten Projekten aufzugreifen sowie die Kooperation von WissenschaftlerInnen mit BürgerInnen zu fördern. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung reflektiert in dem Grünbuch »Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland« (März 2016), welcher Mehrwert durch eine Stärkung der Citizen Sciences erzielt werden kann und welche Potentiale dies freisetzt. Ein Kernelement von Bürgerwissenschaften ist, dass sich engagierte Menschen in unterschiedlicher Art und Weise an der Wissensbeschaffung und am Erkenntnisgewinn beteiligen.

Ein ähnliches Ziel verfolgen die Universitäten mit Wissenschaftstransfer. Aktuelle Forschung soll aus den Universitäten und Wissenschaftsinstituten in den Alltag der BürgerInnen überführt werden. Forschungsergebnisse und technologische Neuerungen werden mit Ausstellungen, für Laien verständlichen Vorträgen, Großveranstaltungen, Performance-Aktionen, Exkursionen und vielem mehr nachvollziehbar und eindrücklich präsentiert. Das Wirkungsfeld des Wissenschaftstransfers erstreckt sich von den Naturwissenschaften bis hin zu den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Im Kontext eines Dialogs zwischen Universität und Praxis spielen auch die Bürgerwissenschaften eine zunehmend wichtige Rolle. Sie fordern den Alltagsbezug von Wissenschaft und Forschung ein und versuchen, interessierte Menschen aktiv in wissenschaftliche Entdeckungsprozesse einzubinden. Der Austausch zwischen Forschung und Lebensalltag führt idealerweise zu einer »Demokratisierung von Wissenschaft«, d.h. zu mehr gegenseitiger Akzeptanz, verstärkt das bürgerschaftliche Engagement in unserer stark wissenschaftsbasierten Gesellschaft und kann den Erkenntnisgewinn in vielen Wissenschaftsbereichen fördern bzw. überraschende Erkenntnisse zutage bringen. Am Beispiel der »Expedition zum Frieden«, einem Projekt der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), wird im Folgenden dargestellt, wie Wissenschaftstransfer und Bürgerwissenschaften kombiniert werden können und welche Ergebnisse daraus entstehen können.

Den Beginn des Ersten Weltkrieges vor einhundert Jahren nahmen das Historische Seminar mit seinem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte und die Arbeitsstelle Forschungstransfer (AFO) zum Anlass, gemeinsam die »Expedition zum Frieden« ins Leben zu rufen. Durch eine Kombination von Kunst und Wissenschaft sollten nicht nur die interessierte Öffentlichkeit, sondern auch Studierende der Universität in einer Form an die Ereignisse des Ersten Weltkrieges herangeführt werden, die sich von den konventionellen geschichtspolitischen und erinnerungskulturellen Herangehensweisen unterscheidet. Bei der »Expedition zum Frieden« ging es in besonderem Maße darum, durch die geschichtliche Aufarbeitung lokaler Geschehnisse im Münsterland eine identifikationsstiftende Wirkung zu erzielen.

Ausgangspunkt der »Expedition« war ein Workshop, bei dem sich WissenschaftlerInnen unterschiedlichster Disziplinen gemeinsam mit ExpertInnen, Schulklassen, Studierenden sowie zahlreichen BürgerwissenschaftlerInnen mit verschiedenen Aspekten der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg befassten. Die existierenden und vielfach aktualisierten »Großerzählungen« zum Ersten Weltkrieg wurden dezidiert »regionalisiert«, indem sie mit Bezug auf authentische historische Orte und Ereignisse der Region, aber auch durch künstlerische Interpretationen einzelner Aspekte, auf neue Weise reflektiert wurden.

Die in dem Workshop entstandenen Ideen für Veranstaltungen setzten den konzeptionellen und organisatorischen Rahmen für das weitere Programm: den Besuch verschiedener Kriegs-Erinnerungsstätten und Kriegerdenkmäler in Münster und der Umgebung. Das lebhafte Interesse der Teilnehmenden mündete in etlichen Initiativen. In und um Münster entwickelten engagierte Arbeitsgruppen neue und nachhaltige »Friedensbotschaften« und boten Veranstaltungen an, auf die im Folgenden noch eingegangen wird. Die Veranstaltungen repräsentierten deutlich einen eigenen – gegenwärtigen – erinnerungskulturellen Zugang zum Thema. Die Beteiligten entwickelten gewissermaßen »Werkzeuge«, mit denen sie die Orte mit Bezug zum Ersten Weltkrieg erschlossen. Das Konzept der »Expedition zum Frieden« sprach die Menschen jenseits herkömmlicher massenmedialer Geschichtsvermittlung an und stellte damit ein Gegengewicht zum kommerziellen »Histotainment« dar, das sich meist auf Zuschauer- und Verkaufszahlen ausrichtet.

Prolog: „Was verbinden Sie mit dem Ersten Weltkrieg?“ – „Nicht viel.“

Das Projekt baut auf zahlreichen Erfahrungen im Bereich der Wissenschaftskommunikation und des Wissenschaftstransfers auf. Im Rahmen der »Expedition Münsterland« werden von der WWU seit 2010 regelmäßig auch historische Themen aufgegriffen und in Zusammenarbeit mit engagierten BürgerInnen für die Öffentlichkeit aufbereitet und präsentiert. Ein herausragendes Beispiel aus dem Jahr 2011 ist die Wiederentdeckung des stillgelegten Eisenbahntunnels in Lengerich, dessen vielschichtige Vergangenheit lange Zeit vergessenen war. Forschende des Historischen Seminars der WWU und des Geschichtsortes Villa ten Hompel – einer ehemaligen Fabrikantenvilla, Sitz der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus, Ort der Entnazifizierung und Dezernat für Wiedergutmachung im Nachkriegsdeutschland, heute Geschichtsort – recherchierten gemeinsam mit Studierenden und engagierten BürgerInnen der Stadt Lengerich die Historie des Ortes. 1944-1945 war der Eisenbahntunnel ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme; in den letzten Kriegstagen um Ostern 1945 nutzte die Bevölkerung den leeren Tunnel zudem als Zufluchtsort. Die nahezu vergessene und verdrängte Geschichte dieses Ortes war sicherlich ein Grund für die hohe Motivation aller Beteiligten. Sie organisierten eine Ausstellung, um gegen das Vergessen anzukämpfen.

Eine in Münster durchgeführte, filmisch dokumentierte Umfrage in der Bevölkerung bestätigte die Vermutung, dass das Wissen um den Ersten Weltkrieg eher gering ist. Diese (allerdings nicht repräsentative) Befragung wurde zum Ansporn und Startschuss für das Projekt »Expedition zum Frieden« und leitete als Vorfilm den Auftakt-Workshop ein.

Das Projekt: Geschichtsorte der Kriegserinnerung – vitale Symbole des Friedens

„Was kann die aktuelle Friedensbotschaft des spezifischen Ortes sein, die auch langfristig sichtbar und erhalten bleibt?“ Unter dieser leitenden Fragestellung erarbeiteten KünstlerInnen in interdisziplinären Teams mit SchülerInnen, BürgerwissenschaftlerInnen, Studierenden, Mitgliedern von Heimat- und Erinnerungsvereinen und anderen Interessierten konkrete, aktuelle »Botschaften« zu verschiedenen »Geschichtsorten des Ersten Weltkriegs« – Gedenksteine, Ehrenmale, Kriegerdenkmale, Friedhöfe u.a. – und inszenierten diese vor Ort. Durch diese unkonventionellen Forschungsgemeinschaften entstanden neue Ideen sowie Vermittlungsmodelle, mit dem Anspruch, eine heterogene Zielgruppe zu erreichen. Durch die Anwendung verschiedener Kreativ- und Transferwerkzeuge konnten Menschen vielfältige Umsetzungsideen entwickeln. Dadurch wurde eine ergebnisoffene Themenfindung zu den Orten erreicht, und es wurden langfristige, vitale Symbole des Friedens erarbeitet.

Die Aktionen: eine gegenwärtige Reise in die Vergangenheit

Im Verlauf des Jahres 2014 nahm die »Expedition zum Frieden« zahlreiche Teilnehmende mit auf die Reise. Die »Expedition« ging in ihren Veranstaltungen zurück in die Vergangenheit im Münsterland, zu den damaligen Ereignissen, Lebensbedingungen und Verlusten des Ersten Weltkriegs. Gleichzeitig begann jedoch auch eine Reise in die Zukunft, die zeigen sollte, wie wichtig es für die Gegenwart ist, die Erinnerung an Ereignisse und Orte des Ersten Weltkrieges aufrecht zu erhalten. Ziel war es, auf dieser Basis zeitgemäße Botschaften für einen friedlichen Dialog zu generieren. Die nachfolgende Skizzierung einzelner Projekte soll einen Einblick in die Vielfalt der Ideen geben und deren Botschaften vermitteln.

Eine Ausstellung, Ergebnis eines interdisziplinären Seminars der Münsteraner Fachhochschule für Design und der WWU, befasste sich mit dem Ehrenfriedhof Haus Spital, einer Kriegsgräbergedenkstätte im Norden Münsters. Auf dem Friedhof ruhen über 1.100 Kriegsgefangene aus dem Ersten Weltkrieg und wenige im Zweiten Weltkrieg Gestorbene. In direkter Nachbarschaft zum Friedhof befand sich ein Kriegsgefangenenlager, in dem etwa 21.000 Gefangene lebten. Die Studierenden recherchierten in Zusammenarbeit mit BürgerwissenschaftlerInnen, ExpertInnen, Schulklassen und WissenschaftlerInnen der WWU die genaue Lage des nicht mehr sichtbaren Lagers; sie werteten historische Texte und Fotografien aus und stellten Überlegungen zum Alltag in der Kriegsgefangenschaft an. Ihre Ergebnisse präsentierten sie in einem künstlerischen »Erinnerungsparcours«, der das ehemalige Gefangenenlager umrundete. Historische Fotografien konnten anhand von Fixpunkten und Details aus der Umgebung einem ungefähren Aufnahmepunkt zugeordnet werden. Menschengroß fanden sich diese Aufnahmen des Lageralltags schließlich an ihrem historischen Ursprungsort in der heutigen Landschaft wieder. Die Studierenden verknüpften auf diese Weise Vergangenheit und Gegenwart. Den zahlreichen BesucherInnen boten sie mit Erzählungen aus einem Tagebuch Einblicke in das Lagerleben. Anhand der Fotos und verschiedener Überreste auf dem Gelände verglichen die Studierenden historische Perspektiven mit aktuellen Blickwinkeln und eröffneten damit neue Einsichten. Der Titel der Veranstaltung lautete dementsprechend »Ich sehe was, was du nicht siehst«.

Ein weiteres Projekt entwickelte sich in Havixbeck, Kreis Coesfeld im Münsterland. Hier beschäftigte sich eine Arbeitsgruppe mit einer Kriegergedächtniskapelle aus der Nachkriegszeit. Die Kapelle ist, anders als das heute von Wiesen und Wäldern überwachsene Kriegsgefangenenlager in Münster, unmittelbar durch ihre Größe präsent. Zahlreiche Beteiligte der ortsansässigen Anne-Frank-Gesamtschule, des Heimatvereins, der Theatergruppe »Das Törchen«, des Friedenskreises sowie das Blasorchester Havixbeck gestalteten verschiedenste Veranstaltungen. Sie entwickelten an diesem Geschichtsort ganz unterschiedliche Friedensbotschaften: Theateraufführungen, die die Gräuel des Krieges thematisierten, eine Ausstellung sowie ein Konzert rückten das zwar präsente, aber in seiner Bedeutung unbekannte Mahnmal im Verlauf des Jahres 2014 wieder in das Blick- und Wahrnehmungsfeld der BürgerInnen. Das Blasorchester Havixbeck von 1878 e.V. widmete sich mit einem Konzert ganz der »Expedition zum Frieden«. Die MusikerInnen spielten neben längst vergessenen Stücken aus der Zeit des Ersten Weltkrieges auch komponierte Friedensbotschaften der Nachkriegszeit. Der Auftakt der Havixbecker Veranstaltungen am Ehrenmal war emotional und fand direkt vor dem Friedhof statt: ein »Last Post« – ein militärisches Hornsignal zum Gedenken an die im Krieg gefallenen Soldaten aus vier Nationen.

Eine weitere Arbeitsgruppe der »Expedition« erarbeitete eine Gedenktour, die sich mit den verschiedenen Kriegerdenkmälern entlang der Promenade um Münsters Innenstadt befasste. Diese sind zwar nach wie vor sichtbar und gepflegt, werden jedoch häufig nicht in ihrer Intention, der Heldenverehrung, erkannt. Durch Recherchearbeiten engagierter BürgerInnen konnten Hintergründe über die Entstehung, Intention und Aussage der steinernen Zeugen zusammentragen werden. Im Zuge dieser Forschungen stieß die Gruppe gar auf ein – im Rahmen des Zweiten Weltkrieges der »Metallspende« zum Opfer gefallenes – Friedensdenkmal, das nicht wieder errichtet worden war. Die ursprüngliche Idee der Arbeitsgruppe, die Kriegerdenkmäler auf der Promenade in einer Kunstaktion hervorzuheben, zu kennzeichnen und anhand von Landschaftsfenstern Informationstafeln anzubringen, wurde aufgrund fehlender Genehmigungen verworfen. Stattdessen entschieden sich die Mitglieder für eine schriftliche Zusammenstellung der Ergebnisse. Der Beitrag der Arbeitsgruppe wird im Mai 2016 in dem fünfbändigen Radtourenführer »Durch Münsteraner Geschichte(n)« veröffentlicht.

Epilog: Für ein lebendiges Erinnern

Die »Expedition zum Frieden« hat gezeigt, dass ein Austausch zwischen Wissenschaft und BürgerInnen funktionieren kann und die beiderseitige Anerkennung und Wahrnehmung fördert. Die Projekte ermöglichten entdeckungsfreudigen Menschen nicht nur, die historische Dimension von »Erinnerungsorten« aktiv herauszuarbeiten, sondern sie konnten deren Botschaften darüber hinaus in gegenwärtige, politische und gesellschaftlich aktuelle Zusammenhänge einbringen. Damit wurde vor Ort ein nachhaltiger Kommunikationsraum für die Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden geschaffen. Der kooperative und partizipatorische Ansatz des Projektes ermöglichte die Zusammenführung unterschiedlichster Ressourcen, und durch die Bündelung von bisher getrenntem Wissen entstanden Synergieeffekte, welche selbst nach Beendigung der »Expedition« fortdauern. Besonders hierin liegt der Anspruch eines der Gesellschaft verpflichteten Wissenschaftstransfers: Zugänge zu Wissenschaft und Forschung zu eröffnen und Menschen zur aktiven Beteiligung am wissenschaftlichen Erkenntnisprozess zu motivieren. Wenn eingangs von der »Demokratisierung von Wissenschaft»« gesprochen wurde, so hat die »Expedition zum Frieden« zweifellos gezeigt, dass die Zusammenführung von bislang getrennten Wissensgebieten sowohl zu neuen Erkenntnissen führen kann als auch zu einem nachhaltig respektvolleren und interessensorientierteren gegenseitigen Umgang von Wissenschaft und Bürgern.

Die gesellschaftlichen Potentiale einer aktiven wissenschaftlichen Bürgerbeteiligung werden nicht nur in Deutschland erkannt, sondern europaweit. Als ein Beispiel sei hier das ehemalige Internierungs- und Deportationslager »Le Camp des Milles« in Aix-en-Provence in Frankreich genannt. Die Gedenkstätte arbeitet heute in enger Kooperation mit der Universität Aix-en-Provence und der Universität Grenoble zusammen und trägt so zu einem lebendigen Geschichtsverständnis bei. Darüber hinaus werden auch durch das EU-Programm für Forschung und Innovation (Horizon 2020) Impulse gegeben, Kooperationen zwischen Universitäten, Wissenschaftseinrichtungen und kulturellen Einrichtungen einzugehen. Gerade regionale Kooperationen spielen hier eine wichtige Rolle, da der Mensch sich intensiver mit dem auseinandersetzt und identifiziert, was direkt vor seiner Haustür passiert. Gemeinsamkeiten entfalten eine konsensstiftende Wirkung und fördern ein friedlicheres und respektvolleres Miteinander.

Dr. Wilhelm Bauhus ist Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer (AFO) der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU).
Anne Harnack, Politikwissenschaftlerin, ist Projektkoordinatorin der AFO.
Dipl.-Lök. Catharina Kähler ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der AFO.
Dr. Sabine Kittel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der WWU mit Schwerpunkt Erinnerungskultur und Vergangenheitsrepräsentationen.

in Wissenschaft & Frieden 2016-2: Stadt im Konflikt – Urbane Gewalträume, Seite 52–54

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