in Wissenschaft & Frieden 2016-2: Stadt im Konflikt – Urbane Gewalträume, Seite 11–14

zurück vor

Krieg und artifizieller Städtebau

Bestandsaufnahme und Problematik

von Andrea Kretschmann

Der Krieg ist schon längst eine Frage der Städte geworden, und in diesem Sinne verlagert dieser sich auf neue Territorien. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Räume, in denen militärische Apparate intervenieren, immer vorgestellte Räume sind, die fernab der betreffenden Regionen in sozialen Prozessen hervorgebracht werden. Ein wesentliches Element dieser Raumproduktionen ist gegenwärtig die artifizielle Stadt. In nie dagewesenem Maße vermittelt sie sozialräumliche und kulturelle Aspekte des Territoriums, auf dem der Gegner zu Hause ist. Es zeigt sich jedoch, dass diese Aspekte nicht authentisch oder neutral, sondern mit kultureller Bedeutung über die gegnerischen Räume aufgeladen ist.

Der Krieg ist eine Frage der Städte geworden, das ist bekannt. Nimmt man etwa das von der NATO im Jahr 2003 veröffentlichte Papier »Urban Operations in the Year 2020«1 zur Hand, so wird deutlich, dass das Militärbündnis das Einsatzgebiet ihrer Mitgliedsstaaten in starkem Maße in Städten verortet. Dies geschieht vor dem Hintergrund der zunehmenden Verstädterung der Weltbevölkerung. Aus Sicht der NATO wird insbesondere eine Gemengelage aus wachsenden urbanen Slums und einer sich auf engem Raum divers zusammensetzenden Bevölkerung verstärkt für Aufstände und zivile Unruhen in den Städten sorgen.2

In strategischer Hinsicht gilt für den Städtekrieg: Die Kämpfenden sind nicht nur für den Kampf zu schulen, sondern – damit die SoldatInnen die Aktivitäten des Gegners antizipieren können – auch mit möglichst detaillierten Informationen über den Feind zu versehen. Schon immer hat man in die Ausbildung von SoldatInnen auch Propaganda im Sinne eines bewusst kolportierten, einseitigen Blicks auf den Gegner eingebracht, um diese auf den Kampf einzuschwören. Mit der Verstädterung des Krieges wird das Wissen über den Gegner jedoch in besonderem Maße räumlich erschaffen (ob bewusst oder unbewusst, das sei hier dahingestellt), denn die Verstädterung bringt ein bisher eher vernachlässigtes Genre militärischer Architektur zur Blüte: die artifizielle Stadt.

Um sich auf den Ernstfall vorzubereiten, sehen Militärs die Notwendigkeit, das Training aus dem offenen Gelände in städtische Umgebungen zu verlagern. Unter KriegsstrategInnen geht man ohnehin davon aus, dass auf lineares Voranschreiten ausgerichtete Kampfstrategien heute überholt sind3 und es stattdessen einer netzwerkartigen Organisation des Kampfes bedarf. Die Verstädterung des Krieges erfordert aber eine komplexe Kriegsführung – städtisches Gelände gilt als schwierig im Vergleich zum traditionell bevorzugten offenen Gelände.4 Insbesondere Kriege in verslumten Städten oder Flüchtlingslagern zu führen erweist sich dabei als Herausforderung. In der Strategieforschung hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass so genannte intelligente Bomben zwar nützlich sind, um hierarchisch strukturierte, über zentralisierte Infrastrukturen verfügende Städte unter Kontrolle zu bringen, allerdings „haben High-tech-Waffen deutliche Schwächen, wenn es darum geht, arme städtische Regionen, wie etwa Mogadischu/Somalia oder den Stadtteil Sadr City der irakischen Hauptstadt Bagdad, zu kontrollieren“.5 Die militärischen Apparate der westlichen Länder haben in diesem Sinne nicht nur ihre Doktrinen um den urbanen Raum ergänzt, sondern auch einen großen Teil ihrer militärischen Übungen.

Übungsanlagen für den Städtekampf

Nachbildungen städtischer Räume für Trainingszwecke sind deshalb heute keine Seltenheit mehr. Über eine der größten artifiziellen Städte verfügt mit seinem »Urban Warfare Training Center« derzeit das israelische Militär,6 dicht gefolgt von den USA. Letztere betreiben in Colorado Übungen in Fort Carson; in Louisiana kann in Fort Polk im städtischen Raum trainiert werden, und in Alaska hält Fort Richardson Möglichkeiten für derartige Übungen bereit. Das britische Militär trainiert für die »Military Operations on Urban Terrain« (MOUT, Militärische Einsätze im städtischen Umfeld) in seiner Stanford Battle Area.

Über die europaweit größten Trainingseinrichtungen verfügt momentan das französische Militär in verschiedenen »Centres d’entrainement aux actions en zones urbaines« (Trainingszentren für Einsätze in städtischen Zonen). Von seiner führenden Position in Europa wird Frankreich jedoch spätestens im Jahr 2020 verdrängt werden. Dann soll auf dem Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark in Sachsen-Anhalt die noch größere Übungsstadt Schnöggersburg fertig gestellt sein – allerdings wird selbst deren Fläche nur ein Fünftel des israelischen MOUT-Geländes ausmachen.7 „Mit der Errichtung des Urbanen Ballungsraumes wird das GÜZ zur größten und modernsten Übungseinrichtung Europas, wenn es um die Simulierung von Ernstfällen in Krisengebieten geht“, heißt es auf der Website der Bundeswehr.8

Bislang verfügte das deutsche Militär über so genannte Ortskampfanlagen auf dem Truppenübungsplatz in Lehnin, darunter das fiktive Städtchen Rauhberg, sowie über das Trainingsdorf Bonnland auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg. Beide werden wohl bald als Vorläuferinnen der »städtebaulichen Entwicklung« von Kampfanlagen zu betrachten sein. Greift man in Bonnland noch auf die Struktur eines abgesiedelten Dorfes mit 120 Gebäuden zurück, zeichnet sich Rauhberg schon durch eine in Ansätzen städtische Infrastruktur aus. Die Anlage umfasst 70 Gebäude, die in unterschiedlicher Bauart (mit und ohne Keller, teilweise möbliert) zur Verfügung stehen. Sie verfügt u.a. über ein Kanalnetz, über Fußgängerunterführungen, einen Bahnhof, eine Schule, Einkaufsläden, Tankstellen, Gaststätten und einen Flugplatz. Zudem können Gebäudebrände dargestellt werden, und Lautsprecher können Gefechtslärm simulieren. Rauhberg hat zudem elektrisch gesteuerte Geräte zur Zieldarstellung, auf die mit Übungsmunition geschossen werden kann.9

Die artifizielle Stadt der zweiten Generation ist damit nicht mehr als willkürliche Ansammlung von Häusern zu sehen, sondern stellt bereits ausschnitthaft einen urbanen Raum dar. Schnöggersburg, das demgegenüber großstädtische Züge trägt, soll nach Fertigstellung einer ausdifferenzierten „ganze[n] Stadt“ 10 so ähnlich wie möglich sein. Hier werden etwa 500 Häuser aufgebaut, die in verschiedene Viertel unterteilt sind, darunter eine Altstadt, eine Neustadt, aber auch ein Elendsviertel. U.a. gibt es eine Müllhalde, einen U-Bahn-Tunnel, Kanalisationsschächte und eine Stadtautobahn. „Die Einsatzrealität der Bundeswehr zeigt, dass derzeitige und zukünftige Konflikte und Krisenherde dort entstehen, wo soziale und kulturelle Ballungsräume zu finden sind. Bereits heute kennzeichnen [sic!] eine Vielzahl von unterschiedlichen Operationsarten die internationalen Missionen der Bundeswehr. Diese reichen von humanitären Einsätzen bis hin zu bewaffneten Konflikten im Rahmen Frieden erzwingender Maßnahmen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, hat das Bundesministerium der Verteidigung entschieden, einen »Urbanen Ballungsraum« im Gefechtsübungszentrum Heer auf dem Truppenübungsplatz Altmark zu schaffen“,11 erläutert die Bundeswehr in Bezug auf Schnöggersburg.

Die Nachbildung von Städten zu Trainingszwecken ist allerdings keine gänzlich neue Entwicklung; militärische Nachbauten urbaner Räume haben Tradition. Im Zweiten Weltkrieg etwa sollte das wiederholte Bombardement artifizieller deutscher und japanischer städtischer Bebauung bei der Entwicklung amerikanischer und britischer Brandbomben helfen.12 Planspiele in artifiziellen Städten gab es auch während des Kalten Kriegs, so auch vonseiten der Bundeswehr, die im bereits erwähnten Bonnland schon in den 1960er Jahren trainierte.

Zielten die Simulationen jedoch früher darauf ab, sich auf die Einnahme einer durch eine nationale Armee verteidigten Stadt vorzubereiten, trainiert man heute für asymmetrische Kriege. Geübt werden sollen Praxen, die es den Einsatzkräften ermöglichen, einer heterogenen Feindgruppe gegenüberzutreten, die nicht wie eine reguläre Armee organisiert ist.13 Es wird damit gerechnet, auf ein zersplittertes Schlachtfeld ohne klassische Frontlinien und auf dezentral operierende, eventuell auch technisch gut ausgerüstete Einheiten zu treffen. In der NATO-Terminologie sind dies derzeit vor allem Charakteristika von „non-article 5 operations“,14 also von Einsätzen, die abseits der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung eines Landes zu verorten sind.

Auch die Bundeswehr begreift „Einsätze der Konfliktverhütung und Krisenbewältigung […] im erweiterten geografischen Umfeld“ im Kontext der „Sicherheitsvorsorge“ als ihre vorrangige Aufgabe.15 Dies wird allerdings im Kontext der Frage, inwieweit dies mit §80 des Strafgesetzbuches (Vorbereitung eines Angriffskrieges) vereinbar ist, in Politik und Bevölkerung seit Jahren kontrovers diskutiert. Derartige Operationen verschieben (die Begründung für) den Krieg immer stärker in Richtung eines „Krisenmanagement“,16 in dessen Rahmen das Militär regelmäßig auch zu zivilen Aufgaben herangezogen wird. Kurzum: In den nachgebauten Städten wird für den »low intensity war« geübt.

Kulturelle Verortung

Die artifiziellen Städte und die dort ablaufenden Simulationen werden jeweils an die Umgebung angepasst, in der die Militärs der unterschiedlichen Länder agieren. Dabei strebt man an, reale Kampfterrains und -situationen möglichst authentisch nachzubilden. So ist Israels Städtebau etwa einer Wüstenstadt nachempfunden; alltagssprachlich trägt diese den Namen »Baladia«, arabisch für Stadt. Auch die ArchitektInnen und StadtplanerInnen der US-amerikanischen MOUT-Gelände nahmen teilweise arabische Regionen als Vorlage. Im Jahr 2006 verfügte etwa Fort Carson über drei verschiedene »irakische Dörfer«.17 Das britische Militär wiederum trainiert in der Stanford Battle Area in der Nachbildung eines afghanischen Dorfes.

Für die in den Städten bzw. Dörfern stattfindenden Trainings wird auch hinsichtlich der Ausstattung der Architektur mit »Leben« beträchtlicher Aufwand betrieben; beabsichtigt ist die Nachbildung der Kriegsszenerien möglichst in ihrer ganzen Komplexität. Dies wird nicht nur als nötig erachtet, weil urbane Kriegssituationen ohnehin hohe Opferzahlen in der Zivilbevölkerung mit sich bringen,18 sondern auch, weil ein wesentliches Problem gegenwärtiger urbaner Kriegsführung darin besteht, den Feind überhaupt vom Zivilisten zu unterscheiden. „Die Gefahr lauert in der Kanalisation, auf Häuserdächern, in Gebäuden. Attentäter verstecken sich in Menschenmengen“, formuliert etwa der ehemalige Leiter des GÜZ, zu dem auch Schnöggersburg gehört, in diesem Zusammenhang.19

In der Konsequenz muss der Soldat nicht nur den feindlichen Kämpfer verstehen können, sondern auch die Zivilbevölkerung. In den irakischen Dörfern der USA sind daher nicht nur Moscheen mit Minaretten verbaut, es wird auch der Ruf des Imam zum Gebet nachgeahmt. Hier laufen nicht nur Esel durch die Stadt, sondern auch bezahlte zivile Personen in regionsspezifischer Kleidung.20 In Schnöggersburg gibt es u.a. eine Apotheke und eine Bäckerei; ZivilistInnen werden von den SoldatInnen selbst gespielt. „Es ist äußerst wichtig, dass wir so nah wie möglich an der Realität ausbilden“, erläuterte ein Oberst der Bundeswehr.21

Konsequenzen aus stadtsoziologischer Perspektive

Lässt man – notwendig zu reflektierende, aber bereits anderswo problematisierte – Aspekte der Auswirkungen einer derartigen Kriegsführung außen vor und betrachtet diesen Komplex aus einer stadtsoziologischen Perspektive, dann ist Folgendes zu berücksichtigen: Mit dem artifiziellen Städtebau werden Imaginationen der sozialen Ordnung in den Zielregionen transportiert, die in die späteren Kriegshandlungen einfließen dürften. In der Soziologie hat man sich darauf verständigt, Architektur als ebensowenig neutral anzusehen wie den Raum selbst. Raum ist keineswegs einfach vorhanden, sagt Henri Lefebvre, sondern immer schon sozial hervorgebracht; er ist ein Produkt gesellschaftlicher Prozesse.22 In diesem Sinne sind die Übungsdörfer und -städte des Militärs keine authentisch Nachbildung von Realität. Stattdessen enthalten sie in ihrer räumlichen Anordnung bestimmte Vorstellungen des feindlichen Gegenübers, die im Kontext historischer, aktueller oder heraufziehender Konflikte entstehen.

Für die nachgebauten irakischen Dörfer des Militärs in den USA etwa zeigte Stephen Graham auf, dass diese im Kontext eines komplexen Wechselspiels von Politik, Think-tanks und Medien entstanden, in dem vom »Krieg gegen den Terror« geprägte, stereotype Bilder des Feindes verarbeitet wurden. Die Städte innerhalb der zu bekriegenden Regionen wurden in diesem Zusammenhang als Räume konstituiert, deren einzige Funktion darin zu bestehen scheint, TerroristInnen Unterschlupf zu bieten. In diesem Sinne repräsentieren die Trainingsflächen „nicht die komplexen kulturellen, sozialen oder psychischen Realitäten des Urbanen im Mittleren Osten, sondern die imaginierten Geografien der Militärs sowie der Themenpark-Designer, die für ihren Entwurf und Bau hinzugezogen werden“.23

Da in den artifiziellen Städten für den Ernstfall trainiert wird, haben die hierin verbauten symbolischen Ordnungen einen Streuungseffekt. Architektur antizipiert kommende Nutzungsbedürfnisse24 und wird insofern auf Funktionen hin gebaut. Diese zeigen an, „wo wir sind und was zu tun ist“.25 Der in den Übungsstädten architektonisch und schauspielerisch strukturierte Raum reduziert die Breite der Handlungsoptionen und entlastet, indem er Praktiken kanalisiert. Indem die »Städte« spezifische sozialräumliche Anordnungen darstellen und deren kulturelle Nutzung simulieren, wird in ihnen der Raum dergestalt strukturiert, dass in ihm bestimmte Bewegungen sowie Handlungen angeregt und zugelassen, andere wiederum verunmöglicht oder erschwert werden. Das heißt, in die Übungen der Soldaten gehen spezifische räumlich konstituierte Sinngehalte – für die USA etwa Stereotype über das alltägliche Leben sowie Freund und Feind in der arabischen Welt – ein und dürften von diesen wiederum reproduziert werden – mit der Folge eines spezifischen Umgangs mit der Zivilbevölkerung im realen Einsatz.

Auch für Schnöggersburg stellt sich die Frage, welche sozialen Sinngehalte hier architektonisch verarbeitet werden. Anders als bei den Übungsanlagen etwa der USA lässt Schnöggersburg zunächst offen, auf welches vorgestellte »Anderswo« es abstellt. Seine Kirche kann nach Bedarf mit wenigen Handgriffen in eine Moschee umgebaut werden und umgekehrt.26 Laut Auskunft der Bundeswehr ist die »Stadt« nicht auf ein konkretes Interventionsziel hin gebaut, sondern es handelt sich um eine „Fabelstadt, die sich in der ganzen Welt befinden könnte“.27 Schon der Vergleich mit den anderen skizzierten Städten und Dörfern zeigt jedoch, dass hier eine hierarchisch strukturierte Anlage mit einer zentralisierten Infrastruktur im Bau ist, wie sie neben vielen anderen etwa auch deutsche Großstädte kennzeichnet.

Fazit: Die urbane Imagination des Feindes

Es ist schon längst Krieg in den Städten, auch unter Beteiligung Deutschlands, und dieser Krieg basiert vielfach nicht auf direkten Erfahrungen, die SoldatInnen in der Region des Feindes machen, sondern auf Imaginationen derselben. Die Existenz artifizieller Städte verdeutlicht, dass die Räume, in die militärische Apparate kriegerisch intervenieren, immer vorgestellte Räume sind. Weitab vom eigenen Lebensumfeld imaginiert sich der Westen etwa den irakischen Feind.

Neu daran ist, dass heute in nie dagewesenem Maße sozialstrukturelle und kulturelle Aspekte des Alltagslebens in die Übungssituationen eingebaut werden. Hier liegt der zentrale Unterschied zum althergebrachten Training im offenen Gelände: Es entsteht so der Anschein, als sei etwa der Alltag im Irak schon erfahren worden. Auch die Bundeswehr meint, ihre SoldatInnen könnten den sozialen Sinn, den ZivilistInnen in Afghanistan einer Situation zuschreiben, durch das Nachspielen schon ansatzweise erfassen. So ist man beim deutschen Militär der Auffassung, dass durch das Hineinversetzen der SoldatInnen in die „je nach Szenario […] afghanische Bevölkerung, Polizei oder Armee […] die interkulturelle Kompetenz der Soldaten geschult“ wird.28 Was aber vordergründig als realistische Darstellung des feindlichen Gegenübers oder der Zivilbevölkerung daherkommt, ist keine Wiedergabe des Gegebenen, sondern imaginatorisch angeeignete Realität. Als solche ist sie mit spezifischem, sozial und kulturell aufgeladenem Sinn versehen.

Auch wenn die Regionen der Welt sich im Zuge der Globalisierung derart nahe kommen, dass für Staaten (mit dem tatsächlichen Ziel oder dem Vorwand der Befriedung) „ein schnelles Handeln auch über große Distanzen erforderlich“ 29 scheint, so zeigt sich, dass damit keine tiefere oder verständnisvollere Wahrnehmung dieser Räume einhergehen muss. Nicht zuletzt ist ein gewisser stereotyp verkürzter Blick auf das feindliche Gegenüber auch eine elementare Bedingung des Kriegführens; das ist der Sinn von Propaganda. Während diese jedoch auf Komplexitätsreduktion abstellt, werden mit den artifiziellen Städten Komplexitätssteigerungen vorgenommen; asymmetrische Kriegsführung verlangt geradezu danach. Am Beispiel der US-amerikanischen Übungsstädte zeigt sich, dass hiermit nicht unbedingt eine verstehende Perspektive einhergeht. Stereotypisierende Grenzziehungen werden dann nicht aufgehoben, sondern vielmehr auf spezifische Weise differenziert.

Anmerkungen

1) NATO (2003): Urban Operations in the Year 2020. RTO-TR-071, S. xii.

2) Ibid, S.4.

3) Ibid, S. iii.

4) Gerald Yonas and Timothy Moy (2001): Emerging technologies and military operations in urban terrain. In: Michael C. Desch (eds.): Soldiers in Cities – Military operations on urban terrain. Carlisle/Pennsylvania: U.S.Army War College – Strategic Studies Institute, S.131-139.

5) Interview mit Mike Davis: The rising tide of urban poverty. 12.5.2006, socialistworker.org

6) Israeli Defence Force (2011): Urban Warfare Training Center – Simulating the Modern Battle-Field. idfblog.com, 26.10.2011.

7) Thorsten Jungholt (2015): Bundeswehr soll in Israel den Häuserkampf lernen. welt.de, 30.8.2015. Konkret soll Schnöggersburg etwa sechs Quadratkilometer groß werden.

8) Bundeswehr (2013): Schnöggersburg – Die neue Übungsstadt. iud.bundeswehr.de, 14.2.2013.

9) Bundeswehr (2015): Ausbildergruppe des Ausbildungszentrums Infanterie des Bereichs Lehre Ausbildung, Orts-/Waldkampf BONNLAND und LEHNIN. deutschesheer.de, 6.1.2015.

10) Siehe hierzu die Äußerung von Oberstleutnant Peter Makowski in: Katrin Löwe (2012): Bundeswehr – Angriff in Schnöggersburg. Mitteldeutschen Zeitung, 9.5.2012.

11) Bundeswehr (2013), op.cit.

12) Mike Davis (2002): Dead cities – and other tales. New York: The New Press, S.65ff.

13) NATO (2003), op.cit., S.1

14) NATO (2003), op.cit., S.9

15) Peter Makowski (2013): Urbaner Ballungsraum »Schnöggersburg« im Gefechtsübungszentrum Heer. Infobrief Heer 18(1), S.8-9.

16) NATO (2015): Topics: Crisis management. nato.int, 29.1.2015.

17) Stephen Graham (2006): Cities and the »War on Terror«. International Journal of Urban and Regional Research, 30(2), S.255-276.

18) NATO (2003), op.cit., S. iii.

19) Spiegel Online (2012): Bundeswehr bekommt Übungsstadt – Schöner schießen in »Schnöggersburg«. 20.6.2012.

20) Steve Graham (2006), op.cit., S.266f.

21) Bundeswehr (2010): Afghanistaneinsatz: Letzte Übung der Saarlandbrigade vor dem Ernstfall. deutschesheer.de, 3.12.2010.

22) Henri Lefebvre (1991): The Production of Space. Oxford: Cambridge.

23) Stephen Graham (2006), op.cit., S.267

24) Norman Foster (2004): Hightech-Gestaltung – Ästhetik und Nachhaltigkeit prägen die Regeneration der Städte. In: Hubert Burda und Christa Maar (Hrsg.): Iconic Turn – Die neue Macht der Bilder. Köln: DuMont, S.247-259.

25) Markus Schroer (2013): Raum, Zeit und Soziale Ordnung. In: Petra Ernst und Alexandra Strohmaier (Hrsg.): Raum – Konzepte in den Künsten, Kultur- und Naturwissenschaften. Baden-Baden: Nomos, S.11-24.

26) Thomas Gerlach (2013): Zukunft der Bundeswehr – Geisterstadt Schnöggersburg. taz.de, 29.7.2013.

27) Welt online (2012): Bundeswehr übt in Sachsen-Anhalt den Häuserkampf. 10.5.2012.

28) Bundeswehr (2010), op.cit.

29) Bundesministerium der Verteidigung (2011): Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2011.

Andrea Kretschmann ist Soziologin und Kriminologin am Centre Marc Bloch in Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Soziologie der Gewalt und des Konflikts, der Soziologie des Staates und der Rechtssoziologie. Sie ist Mitherausgeberin der Buchreihe »Verbrechen & Gesellschaft« und des Kriminologischen Journals.

in Wissenschaft & Frieden 2016-2: Stadt im Konflikt – Urbane Gewalträume, Seite 11–14

zurück vor