in Wissenschaft & Frieden 2016-1: Forschen für den Frieden, Seite 60–61

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Frieden lernen!

Tagung zur Friedensbildung, 15.-17. Oktober 2015, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

von Melanie Hussak

Die Friedenspädagogik führt trotz gelegentlicher Aufmerksamkeitsschübe eher ein Schattendasein innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung. Drei Tage lang diskutierten in Koblenz daher Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis auf der von der Deutschen Stiftung Friedensforschung geförderten Tagung »Frieden lernen! Perspektiven einer Friedensbildung im 21. Jahrhundert« über das Potential einer zeitgemäßen Friedenspädagogik. Die von der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und dem Projekt »Friedensbildung, Bundeswehr und Schule« ausgerichtete Tagung sollte insbesondere einen wechselseitigen Wissenstransfer und Dialog zwischen Theorie, Praxis und Gesellschaft ermöglichen. Dazu wurden gezielt Akteure aus diesen unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Berufsfeldern zusammengebracht. Dementsprechend wurde die Tagung als dreiteilige Veranstaltung konzipiert.

Ziel der Konferenz war, sowohl für die akademische Beschäftigung mit friedenspädagogischen Fragestellungen als auch für die Auseinandersetzung mit Praktiken von Friedensbildung bzw. Friedenserziehung neue Anregungen zu geben. Daneben diente sie als interdisziplinäres Forum für strukturelle Fragen. Insbesondere für die Bereiche Lehrerausbildung und -fortbildung sowie für die Praxis einer zivilgesellschaftlichen ebenso wie universitär institutionalisierten Friedensbildung sollten neue Ideen entwickelt und für eine breite Öffentlichkeit transparent aufbereitet werden.

Neben der Beleuchtung gegenwärtiger Entwicklungen und bisheriger Erfolge aus Wissenschaft und Praxis bot die Konferenz also die Gelegenheit, strukturelle und konzeptionelle Zukunftsprojekte perspektivisch zu entwerfen und konkrete Schritte einzuleiten, aber auch Forschungsdesiderata der Friedenspädagogik zu diskutieren. Die Tagung thematisierte die notwendigen Bedingungen und Möglichkeiten zur Förderung von Qualitätsstandards und der weiteren Entwicklung von qualifizierten Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten. Im Folgenden sollen die drei thematischen Blöcke der Tagung kurz umrissen werden.

Im wissenschaftlichen Teil fokussierte die Tagung zum einen auf die Frage, ob und wie sich die Begrifflichkeiten und konzeptionellen Vorstellungen von Friedenspädagogik, Friedenserziehung und Friedensbildung voneinander unterscheiden. Zum anderen beschäftigten sich die Konferenzbeiträge damit, wie sich Konturen und Herausforderungen einer zeitgemäßen Friedensbildung des 21. Jahrhunderts skizzieren lassen. Der Schwerpunkt der Beiträge lag auf Methoden und (Fach-) Didaktiken zur Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten. Hier wurde insbesondere der Nutzen eines interdisziplinären Austausches benannt. Neuere Entwicklungen gibt es etwa in den Feldern der Neuropsychologie und Neurobiologie. In diesen Disziplinen angelegte Forschungsprogramme beschäftigten sich aktuell stark mit der Empathieforschung. Das Wissen um emotionale Lernprozesse kann zur Förderung der Entwicklung eigenständiger und handlungsfähiger Persönlichkeiten genutzt werden und findet so Anschluss an die Friedenspädagogik. Zahlreiche Studien bestätigten schon lange den Zusammenhang von Empathiefähigkeit, emotionaler Zuwendung und der Fähigkeit zum gewaltfreien Konfliktaustrag. Einmal mehr wurde an dieser Stelle deutlich, wie wichtig eine theoretische Fundierung für die Friedenspädagogik ist.

Die Breite der Methodenvielfalt in der angewandten schulischen und außerschulischen Friedenspädagogik wurde im Praxisteil der Tagung deutlich. In vier unterschiedlichen Praxisworkshops am dritten Tag der Veranstaltung konnten die Teilnehmenden selbst Erfahrungen aus neueren Projekten der Friedensbildung nachvollziehen. Der Austausch und die Reflexion über Methoden der Friedenspädagogik im Rahmen der Praxisworkshops sollten zudem einen Transfer in die eigene Friedensarbeit und friedenspädagogische Praxis erleichtern. Die Workshops boten einen Überblick über verschiedene Trainingsansätze, eine Einführung in das Lernspiel »Civil Powker« sowie ein tanzpädagogisch unterstütztes Konflikttraining.

Eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aus Lehrergewerkschaft, Lehrerfortbildung, einem Friedenskreis und der Kirche widmete sich der Verankerung von Friedenspädagogik an Schulen, etwa durch die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften. Hier wurde deutlich, dass sowohl direkte personelle als auch strukturelle Aspekte der Friedensbildung in Schulen zusammen in den Blick genommen werden müssen.

Die Tagung bildete den Abschluss des 2011 gestarteten Projekts »Friedenbildung, Bundeswehr und Schule«, einem Kooperationsprojekt der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden und der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden. Das Projekt soll nun in eine bundesweite Zusammenarbeit und Vernetzung im Rahmen des neu zu gründenden »Bundesweiten Netzwerks Friedensbildung« münden. Getragen werden soll das Netzwerk von den Landesnetzwerken der Friedensbildung und von bundesweiten Organisationen, die der Friedensbildung nahe stehen. Auf der Tagung wurde ein erster Entwurf des Gründungspapiers vorgestellt. Ein Initiativkreis begleitet die Entwicklung weiter und wird im nächsten Herbst ein größeres Treffen zur Gründung des Netzwerks vorbereiten.

Aufgrund der aktuellen Ereignisse wurde während der Veranstaltung zudem das Potential der Friedenspädagogik bei der Integration von Flüchtlingen beleuchtet. Die Flüchtlingsfrage stellt aus friedenspädagogischer Sicht eine große Lern- und Entwicklungsmöglichkeit dar. Friedenspädagogische Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte und die vielfältigen schulischen und außerschulischen Trainings- und Ausbildungsprogramme im Bereich der Friedensbildung sind eine wichtige Ressource für den konstruktiven Umgang mit der Flüchtlingskrise, so der Tenor der Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis. Dies reicht von Kenntnissen der altersadäquaten Aufbereitung von Unterrichtseinheiten zu den Themen Krieg, Flucht und Asyl bis hin zur Schulung von Lehrpersonen und MultiplikatorInnen zum Thema Traumatisierung.

Das Tagungsprogramm und der offizielle Tagungsbericht finden sich unter uni-ko-ld.de/frieden-lernen.

Melanie Hussak

in Wissenschaft & Frieden 2016-1: Forschen für den Frieden, Seite 60–61

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