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Akteurskonstellationen in Ressourcenkonflikten

Workshop des AK »Natur – Ressourcen – Konflikte« der AFK, 17. Juli 2015, Hamburg

von Corinna Land und Nina-Kathrin Wienkoop

Konflikte um Ressourcen sind geprägt durch komplexe Wechselbeziehungen zwischen Akteuren, deren Interaktionen verschiedene Handlungsebenen miteinander verbinden und dabei die Grenzen geographischer und sozialer Räume überschreiten. Die wissenschaftliche Debatte konzentriert sich dabei stark auf die Rolle des Staates, wobei abwechselnd die Rückkehr des Nationalstaates oder die Auflösung staatlicher Ordnungsmacht postuliert wird. Auch die Beteiligung multinationaler Unternehmen und internationaler Institutionen hat große Aufmerksamkeit erfahren, unter anderem in der Diskussion um Bergbaukonflikte. Strittig ist dabei die Frage, inwieweit die Handlungsmöglichkeiten nationaler Regierungen dadurch eingeschränkt werden. Gleichzeitig demonstrieren Studien die Handlungsmacht lokaler Akteure, die zum Beispiel konkrete Bergbauprojekte durch politischen Widerstand blockieren. Der Verlauf von Ressourcenkonflikten hängt letztlich nicht allein von nationalen und internationalen Einflüssen ab, sondern auch von Aushandlungsprozessen vor Ort mit und zwischen lokalen Akteuren.

In der Friedens- und Konfliktforschung werden internationale und lokale Einflüsse auf Ressourcenkonflikte meist isoliert voneinander untersucht. Zwar gibt es erste Ansätze, denen es gelingt, diese Blickwinkel in der Forschung zu verbinden, es ist jedoch notwendig, die Debatte gegenüber Ansätzen aus anderen Forschungsrichtungen zu öffnen. Vor diesem Hintergrund bestand der Workshop neben zwei klassischen Paneldiskussionen auch aus einem reinen Methodenteil, um sich diesen Fragen systematisch zu nähern.

Am Beispiel des Bergbaus lieferte das erste Panel interessante Ansätze, verschiedene Handlungsebenen zusammenzubringen. Die Referentinnen behandelten den Einfluss internationaler Normen auf Konflikte und setzten diese in Bezug zu den Legitimitätsvorstellungen vor Ort, lokaler Ressourcengovernance und sozialen Bewegungen. Nina Engwicht analysierte, wie die Versuche internationaler Geberorganisationen und Nichtregierungsorganisationen, den Diamantensektor in Sierra Leone zu legalisieren, durch abweichende Legitimitätsvorstellungen (irregulärer) Schürfer und Händler unterminiert wurden. Marie Müller-Koné legte in ihrem Beitrag dar, wie Bergbau im Osten der DR Kongo von diversen parallel existierenden Regulierungsweisen geprägt ist, die transnationalen, staatlichen und lokalen Einflüssen entspringen. Sie schlägt zur Entschärfung der Konflikte eine hybridere Ressourcengovernance vor, die verschiedene Regelsysteme flexibel miteinander kombiniert. Auch Zoe Williams untersuchte in ihrem Beitrag, wie staatlicher Handlungsspielraum durch internationale und lokale Einflüsse geprägt wird, nahm dabei jedoch internationale Investorenschutzabkommen in den Fokus. Am Beispiel El Salvador zeigte sie auf, dass ein lokaler Konflikt zwischen Anti-Bergbau-Bewegung und Unternehmen zum nationalen Wahlkampfthema werden und die Regierung zum vorläufigen Bruch internationaler Verpflichtungen zwingen kann.

Die Beiträge des zweiten Panel beleuchteten Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehhaltern in Subsahara-Afrika und illustrierten die Diversität der beteiligten Akteure. In zwei Fallbeispielen aus Ghana legte Kaderi Noagah Bukari dar, dass vermeintlich externe Akteure eine entscheidende Rolle bei der gewaltsamen Eskalation von Konflikten einnehmen. Willis Okumu, Kaderi Noagah Bukari und Papa Sow leiteten für Fallbeispiele aus Kenia historisch her, dass die Auflösung sozialer Institutionen neuen Akteuren ermöglicht, Konflikte durch die Mobilisierung ethno-nationalistischer Ressentiments für ihre polit-ökonomischen Interessen umzudeuten. Für das Nigerbinnendelta in Mali bestätigte Nina-Kathrin Wienkoop das gleiche Phänomen. Sie wies über eine Prozessanalyse nach, dass die Auflösung der Konfliktpräventionsmechanismen direkt mit Dezentralisierungsmaßnahmen zusammenhängt, die wiederum von internationalen Akteuren vorangetrieben wurden. Über den Zugang der Politischen Ökologie gelingt es ihr, Konflikte um Natur mit Identität und Machtbeziehungen verknüpft zu analysieren.

Aus den vorgestellten Einzelfallstudien ging hervor, dass sich ähnliche Konfliktdynamiken über Region und Einzelfall hinaus wiederfinden. Wichtig ist daher die Frage nach der theoretischen Generalisierbarkeit und Erklärungskraft von Fallstudien. Allerdings eignet sich die klassische politikwissenschaftliche Komparatistik aufgrund sich wandelnder Kontextbedingungen und fallspezifischer Besonderheiten nur schwer für einen Vergleich komplexer Ressourcenkonflikte. Forscher_innen stehen zudem vor dem Problem, dass die Informationsqualität und der Zugang je nach Fall stark variieren. Hier findet die bisherige Literatur keine zufriedenstellende Antwort. Auch Prozessanalysen stoßen an diesem Punkt an ihre Grenzen, da sie erstens bereits eine Fülle an Informationen voraussetzen und zweitens vornehmlich für Einzelfallstudien konzipiert sind.

Trotz der Diversität der Beiträge wurde im Workshop deutlich, dass Friedens- und Konfliktforschende derzeit vor ähnlichen Herausforderungen stehen, wenn es darum geht, unterschiedliche Akteure und Ebenen methodisch reflektiert zu integrieren. Ein zentrales Manko ist nach wie vor der fehlende Austausch über disziplinäre und methodologische Grenzen hinweg, insbesondere zwischen quantitativ und qualitativ Forschenden. Letzteres gelang auch bei dieser Tagung kaum, obwohl gerade hier großes Potential liegt: So könnten etwa statistische Analysen durch Einzelfallstudien hinterfragt und andersherum fallspezifische Erkenntnisse auch stärker über den Fall hinaus nutzbar gemacht werden. Auch das Potential qualitativer Studien, erste Kausalbeziehungen abzuleiten, wird weithin unterschätzt.

Darüber hinaus sollten soziologische Handlungstheorien Eingang in die Friedens- und Konfliktforschung finden, da sie geeignet sind, sowohl dynamische Wechselwirkungen zwischen Akteuren zu erfassen als auch die Homogenisierung von Akteursgruppen zu vermeiden. Der Einbezug (neo-) marxistischer sowie partizipativer Ansätze bietet die Chance, auch Machtasymmetrien verstärkt zu berücksichtigen. Damit kann der Tendenz innerhalb des Forschungsfeldes entgegen gewirkt werden, Vorschläge für verbesserte Ressourcengovernance aufzustellen, anstatt Aneignung von und Deutungshoheit über Natur grundsätzlich zu hinterfragen.

Der Workshop illustrierte einerseits die Grenzen, die der aktuellen Forschung in dieser Hinsicht gesetzt sind, eröffnete andererseits spannende Ausblicke. Um diese Debatte weiterzuführen und um die Perspektive der sozialen Bewegungsforschung zu erweitern, organisiert der Arbeitskreis einen weiteren Workshop vom 27. bis 29. November an der Universität Tübingen, bei dem es um »Protest over Investment Projects in Land and Natural Resources« gehen wird.

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