in Wissenschaft & Frieden 2015-4: Deutsche Verantwortung – Zäsur oder Kontinuität?, Seite 47–48

zurück vor

Aus dem Herausgeberkreis

von W&F-Herausgeberkreis

Herrschaftskritische Friedensforschung

Ein neuer Arbeitskreis der AFK stellt sich vor

Als sich auf dem Kolloquium der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) im März 2015 der Arbeitskreis »Herrschaftskritische Friedensforschung« konstituierte, wurde damit im Empfinden aller Beteiligten einem verbreiteten Bedürfnis nach mehr Koordination und Austausch zwischen kritischen Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen innerhalb und außerhalb der AFK nachgegangen.

Dass jede Wissenschaft eine kritische Wissenschaft zu sein habe, gehört seit jeher zum Kern des wissenschaftlichen Selbstverständnisses. Gerade in den Sozialwissenschaften gehört das Reflektieren der eigenen Begrifflichkeiten zum Kanon der von jedem/jeder Forscher_in erwarteten Fertigkeiten. Doch treten hierbei Anspruch und Realität in der Regel dort auseinander, wo sich Wissen zum Verfügungswissen entwickelt, wo Politikbezug zur Politikberatung und das Streben nach Wissen zur Ware wird. Daher ist es unserer Meinung nach mit dem hehren Anspruch allein nicht getan. Ausgehend von diesem Unbehagen an einer drittmittelgetriebenen und zunehmend unreflektierten Anwendungsorientierung von Wissenschaft und einer Kritik an der Normalisierung operativer und kognitiver Nähe der Friedens- und Konfliktforschung zum Militär will dieser Arbeitskreis eine Plattform für jene Kolleg_innen bieten, die ihr Tun in diesem Feld anders verstehen:

Als »herrschaftskritisch« bezeichnen wir uns daher selbst, um unser Verständnis von Kritik von einem vielfach zur Phrase gewordenen Kritikbegriff herrschender Forschung abzugrenzen. Die Kritik hegemonialer Diskurse und Sinnsetzungen, die Kritik herrschender Kategoriensysteme und Schematisierungen ist als Kritik der Theorie nicht ohne eine Kritik der Praxis zu haben, durch welche letztere vermittelt werden. »Politisch« ist kritische Forschung unserem Verständnis nach nicht durch beliebige Entscheidung, sondern durch inhaltliche Notwendigkeit. Die Sinnproduktion hegemonialer Wissenschaft geht stets mit ihrer politisch-praktischen Umsetzung einher: Ohne die neo-klassische Lehre von den Segnungen des Marktes keine Austeritätspolitik. Ohne orientalistisch-wissenschaftliche Sinnstiftung kein »war on terror«. Ohne positivistische Theorie keine affirmative Praxis. Wissenschaft existiert nicht in einer von sozialen Verhältnissen isolierten Blase. Hegemoniale Diskurse wissenschaftlicher Sinnstiftung und politische Herrschaft bedingen sich wechselseitig. Kritik ist nur als Kritik an beidem zu haben.

In dieser Zugangsweise liegt auch die bewusste Pluralität unserer Ansätze: orientiert an zivilgesellschaftlichen Interessen und Akteur_innen, vernetzend zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden, inspiriert insbesondere von post- und dekolonialen und damit verknüpften feministischen sowie marxistischen Perspektiven, im Austausch nicht nur unter Wissenschaftler_innen sondern auch mit Aktivist_innen und sozialen Bewegungen, die nicht in erster Linie zu Beforschende sind, sondern von und mit denen wir in Theorie und Praxis kritischer Wissensproduktion lernen wollen.

Umso wichtiger erscheint uns die organisatorische Vernetzung von Kolleg_innen und Aktivist_innen, die wie wir sich bewusst abseits der Strukturen instrumenteller Wissenschaftsverwertung bewegen und denen innerhalb bestehender Institutionen ein dementsprechend rauer Wind entgegen bläst. In Zeiten universeller Prekarisierung des universitären Mittelbaus und zunehmender Drittmittelbindung wissenschaftlicher Forschung steigt auch der Druck zur Konformität. Dem wollen und müssen wir unsere Solidarität entgegensetzen. Wir erachten daher Vernetzung als unabdingbare Bedingung, um den eigenen kritischen Zugang zur Friedens- und Konfliktforschung über den ersten Impuls hinaus langfristig und etabliert zu verankern. Ganz in diesem Sinne sind alle Interessierten herzlich zur Mitarbeit eingeladen.

Die Sprecher_innen des AK sind Adrian Paukstat (adrian.paukstat@gmx.de) und Alke Jenss (alke_jenss@yahoo.de). Weitere Informationen unter afk-web.de.

Peter Becker Preis 2016

Preisverleihung am 11. Dezember 2015 in Marburg

Als Unterstützung zur Umsetzung von Friedensforschung in praktische Projekte wird, organisiert vom Zentrum für Konfliktforschung (ZfK) der Philipps-Universität Marburg, seit 2004 alle zwei Jahre der Peter Becker-Preis verliehen.

Dotiert mit 10.000 Euro handelt es sich um den höchsten Preis für Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland. Gestiftet wird der Preis von dem Marburger Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied der internationalen Juristenvereinigung IALANA – Deutsche Sektion, Dr. Peter Becker. Mit dem Preis sollen herausragende Arbeiten und Projekte gefördert werden, die einen bedeutsamen Beitrag zur Friedensförderung leisten.

2016 wird der Preis geteilt wie folgt verliehen:

Die Verleihung findet am Freitag, dem 11. Dezember 2015 um 17 Uhr in der Alten Aula der Philipps-Universität statt. Alle InteressentInnen sind zu der Preisverleihung herzlich eingeladen.
Am 12. Dezember veranstaltet das ZfK einen Workshop mit den Preisträger_innen.

Rüstung und Informatik

FIfF-Kommunikation 3/2015

Dem Gründungsthema des FIfF, Rüstung und Informatik, ist wieder einmal der Schwerpunkt der FIfF-Kommunikation gewidmet.

Hans-Jörg Kreowski schreibt über eine Waffe, die aus ethischen Erwägungen besondere Aufmerksamkeit fordert: die Drohne. Zum Thema Drohneneinsatz beschreibt der Künstler Florian Mehnert sein bemerkenswertes Experiment: Er bildet die Situation eines »high value target« im Fadenkreuz des Drohnenpiloten auf einen Rattenkäfig ab und führt damit unsere Gesellschaft vor, die den Künstler ob des angedrohten (aber nie beabsichtigten) Todesschusses auf die Ratte lynchen möchte, jedoch hinterhältige, völkerrechtswidrige Drohnenoperationen auf fremder Staaten Terrain schweigend hinnimmt. Aus ethischer Blickrichtung reflektiert auch Thomas Gruber die Rolle der Informatik in der modernen Kriegführung. Wie die neuerlich einsetzende Aufrüstungsspirale auf die Hochschulforschung Einfluss nimmt, beschreiben Reiner Braun und Lucas Wirl. Daniel Leisegang beleuchtet die »dunkle Seite« des Silicon Valley, die enge Verflechtung der Militärs mit der Internet-Industrie. Welchen Einfluss die alle Räume und alle Dimensionen durchdringende technische Vernetzung auf die globale Entwicklung von Konflikten, Gewalt und Krieg hat, analysiert Jürgen Scheffran. Ute Bernhardt und Ingo Ruhmann nehmen in ihrem Beitrag »Das Blaumilch-System“ aufs Korn, wie sich die Aktivitäten der Geheimdienste zu einem unerklärten Informationskrieg entwickelt haben und zu welchen Absurditäten die Geheimniskrämerei unserer Politiker führt. Felix FX Lindner, Hacker, bezieht im Interview Stellung zur Frage, wieweit Cyberwar einen Angriff auf Freiheit und Demokratie darstellt. Auch zum Thema des Schwerpunkts gehörend liegt dieser Ausgabe der FifF-Kommunikation das gemeinsam mit W&F herausgegebene Dossier 79, »Kriegführung im Cyberspace«, bei.

Stellungnahmen und Berichte zu aktuellen Entwicklungen und Ereignissen ergänzen das Heft. Genannt seien vor allem die »Roten Linien für die EU-Datenschutz-Grundverordnung«, Kommentare zur Fluggastdatenspeicherung, zur Cybersicherheits-Strategie der Bundeswehr und zum Ermittlungsverfahren gegen netzpolitik.org sowie die Bekanntmachung des Appells gegen Cyberwaffen (appell.cyberpeace.fiff.de).

Inhaltliche Anfragen richten Sie bitte an redaktion@fiff.de. Ein Rezensionsexemplar senden wir Ihnen auf Anfrage an fiff@fiff.de gerne zu. Auf unserer Webseite fiff.de/fk finden Sie weitere Informationen zur aktuellen Ausgabe und zu vorangegangenen Heften sowie eine Auswahl der Beiträge online.

in Wissenschaft & Frieden 2015-4: Deutsche Verantwortung – Zäsur oder Kontinuität?, Seite 47–48

zurück vor