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„Stell dir vor, es ist Krieg …“

AFK-Jahreskolloquium 2015, 19.-21. März 2015 in Berlin-Spandau

von Christine Schnellhammer

Das 47. Jahreskolloquium der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung e.V. (AFK) fand vom 19. bis 21. März 2015 im Evangelischen Johannesstift in Berlin-Spandau statt. Die Tagung wurde von der AFK in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Villigst organisiert und durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) finanziell gefördert.

Inhaltlich beschäftigte sich das Kolloquium mit konzeptionellen Fragen, Grundbegriffen und zentralen Gegenständen der Forschung rund um Krieg sowie mit dem friedenspolitischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umgang mit kriegerischer Gewalt. Dabei wurden verschiedene Ebenen des Kriegsgeschehens – von der Mikroebene des Subjekts bis hin zum zwischenstaatlichen Krieg – thematisiert sowie empirische Analysen historischen und gegenwärtigen Kriegsgeschehens diskutiert. Fragen zum Verhältnis der Friedens- und Konfliktforschung zum Krieg standen dabei ebenso im Mittelpunkt wie gesellschaftliche, mediale und wissenschaftliche Aufmerksamkeitsökonomien für das weltweite Kriegsgeschehen. Weitere Themen waren die Reichweite und die Grenzen der Kriegsprävention wie auch die humanitärer militärischer Interventionen sowie Wissensbestände der Friedens- und Konfliktforschung zu Kriegsursachen und Krisenprävention. Einige Inhalte der Panels werden im Folgenden exemplarisch vorgestellt.

Im Rahmen des Kolloquiums fand zusätzlich eine rege Debatte über die Zukunftsperspektiven der AFK statt. Dieser Selbstverständigungsprozess erfolgte im »Weltcafé«-Format und umfasste fünf moderierte Themenkreise. Besonders die Aspekte politischer Mitgestaltungsanspruch der AFK, Nachwuchsarbeit sowie Rolle und Organisation der Arbeitskreise wurden kontrovers diskutiert. Basierend auf einer Auswertung bisheriger Ergebnisse soll der Dialog über diese Themen bei der Mitgliederversammlung 2016 fortgeführt werden. Zudem trafen sich die Arbeitskreise »Natur – Ressourcen – Konflikte«, »Curriculum und Didaktik«, »Wissenschaft und Praxis«, »junge Wissenschaftler_innen« sowie das »Netzwerk Friedensforscherinnen«. Ein Höhepunkt der Tagung war die feierliche Verleihung des Christiane-Rajewsky-Preises für eine herausragende wissenschaftliche Arbeit im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung.

Vielfältige Themen – „Stell dir vor es ist Krieg und …“

Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier eröffnete das Kolloquium mit einem Vortrag zum kürzlich durchgeführten Review-Prozess und zur zukünftigen Gestaltung der deutschen Außenpolitik vor dem Hintergrund aktueller Krisenherde. Steinmeier hob in seiner Rede die Vielzahl und Komplexität derzeitiger Krisen hervor und interpretierte diese als eine Folge der Globalisierungsprozesse. Daraus folgerte der Bundesaußenminister, es bestehe Bedarf nach einer verlässlichen und regelbasierten multilateralen Ordnung.

Die anschließende Podiumsdiskussion zum Thema »Der Review 2014-Prozess aus der Perspektive der Friedensforschung« konzentrierte sich insbesondere auf die Begriffe Versicherheitlichung, Verantwortung und Friedensrealismus. Trotz unterschiedlicher Interessen und Ordnungsvorstellungen auf internationaler Ebene erscheinen für die Lösung gegenwärtiger Krisen aus wissenschaftlicher Sicht gemeinsame Sicherheitsvorstellungen notwendig. Ebenso müsse der diffuse Begriff der Verantwortung mit Inhalt gefüllt und über die Reichweite »deutscher Verantwortung« diskutiert werden. Zugleich rekurrierte ein politischer Vertreter auf das Spannungsverhältnis von Ordnung und Frieden. Basierend auf der Erkenntnis, dass nicht jede ausbrechende Krise eine Folge westlichen Versagens darstellt, befürwortete er einen »Friedensrealismus« im Umgang mit gegenwärtigen Konflikten.

Den zweiten Tag des Kolloquiums eröffnete Dr. Tarak Barkawi mit einem Vortrag zum Thema »Decolonizing Peace and War«, in dem er das tradierte eurozentrische Denken über Krieg und Frieden aus postkolonialer Perspektive dekonstruierte. Die Dominanz westlicher Perspektiven sei nicht nur in der Auswahl sozialwissenschaftlicher Forschungsfelder, sondern auch in europäischen Wissenskulturen und eurozentrischen Begriffskategorien feststellbar. Die Vorträge Barkawis und Steinmeiers stellten im Verlauf der Tagung einen zentralen Bezugspunkt für Beiträge verschiedener Panels dar.

Ein Panel befasste sich explizit mit post- bzw. dekolonialer Kritik in der Erforschung von Krieg. Im Zentrum stand hierbei die Frage, inwiefern durch bestimmte Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung (post-) koloniale und heteronormative Herrschaftsverhältnisse perpetuiert werden. Die Dekonstruktion von Begriffen wie »Lokales« oder »Nationalstaat« ermögliche nach Ansicht der Vortragenden ein erweitertes Verständnis postkolonialer, innergesellschaftlicher Konfliktdynamiken. Im zweiten Schritt soll dies zu einer Reflexion bisheriger Konfliktlösungsstrategien und einer Debatte über Auswege in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft führen. Andere Panels knüpften an kritische Perspektiven an, indem sie beispielsweise eine Verflechtung bestehender Herrschaftsverhältnisse mit akademischer Wissensproduktion im Sinne einer »Militarisierung« der Friedens- und Konfliktforschung problematisierten.

Die Begriffe »Verantwortung« und »Versicherheitlichung« waren für eine Vielzahl von Panels von zentraler Bedeutung. Während Verantwortung als Begriff und Praxis deutscher Außenpolitik kritisch reflektiert wurde und an konkreten Beispielen (z.B. Rüstungspolitik, Asylpolitik) Widersprüche einer so genannten »neuen« Verantwortung in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik aufgezeigt wurden, thematisierten andere Beiträge die Verantwortung der Wissenschaft zu selbstkritischer Reflexion. Mehrere Papiere legten den Fokus auf die Reichweite des (erweiterten) Sicherheitsbegriffs und zeigten Tendenzen sowie Konsequenzen einer zunehmenden Versicherheitlichung von oben und von unten auf, die sich insbesondere auf externes State- und Peacebuilding auswirke. Dies wurde u.a. durch einen Beitrag zu den Paradoxien von Ent- und Versicherheitlichung in Nachkriegsgesellschaften veranschaulicht.

Einige Panels beschäftigen sich mit dem Wandel von Kriegstypen sowie mit der Ethik des Krieges. Nach Ansicht der Vortragenden verändern sich insbesondere die Erscheinungsformen des Krieges im Zeitverlauf. Gegenwärtig sei nicht nur eine zunehmende Ökonomisierung, Brutalisierung, Asymmetrisierung und Re-Sexualisierung des Krieges feststellbar, sondern auch eine steigende Bedeutung von nicht-staatlichen Akteuren und privaten Militär- und Sicherheitsunternehmen. Technologische Modernisierung und eine Normalisierung privater Sicherheit wurden als wichtige Kennzeichen postmoderner Kriegführung identifiziert. Im Rahmen eines weiteren Panels kamen die Beteiligten zu dem Ergebnis, dass sowohl im öffentlichen als auch im wissenschaftlichen Diskurs ein Ethikdefizit bestehe. Sie plädierten dafür, eine öffentliche Diskussion über legitime militärische Gewalt bzw. die Bedingungen militärischer Einsätze zu führen und die Auseinandersetzung mit dem Konzept des gerechten Krieges (bellum iustum) wieder aufzunehmen.

Zwei Panels bearbeiteten explizit Gender-Themen, wie beispielsweise den Wandel von Geschlechterverhältnissen in Konflikten und Flüchtlingslagern oder gesellschaftlich konstruierte Maskulinitätshierarchien in privaten Militär- und Sicherheitsunternehmen. Geschlechterperspektiven waren auch Bestandteil weiterer Panels, wie ein Beitrag zu den Folgen sexualisierter Kriegsgewalt. Mehrere Papiere untersuchten Aufmerksamkeitsökonomien in Konflikten und deren Zusammenhang mit lokalen Machtstrukturen. So setzten sich einige Beiträge mit der Frage auseinander, wie amerikanische Kriegsfilme zu einer Legitimierung sicherheitspolitischer Handlungen beigetragen haben.

Den Abschluss des AFK-Kolloquiums 2015 bildete ein Plenum zu friedensethischen Herausforderungen, das an die Diskussion zum »gerechten Krieg« anknüpfte. In diesem Zusammenhang wurden die Debatten um »Menschliche Sicherheit« und »Responsibility to Protect« erneut aufgegriffen und der Stellenwert von Strategien der Konfliktprävention in der deutschen Außenpolitik erörtert. Gegenstand der Diskussion waren auch die Beziehungen der deutschen Regierung zu Bündnispartnern sowie die Verhältnismäßigkeit und Zielführung im Falle von Militäreinsätzen. Einige Diskutant_innen sahen zudem die Gefahr einer Selbstvergewisserung in Politik und Wissenschaft. Abschließend lud der Vorsitzende der AFK, Prof. Dr. Conrad Schetter, zum AFK-Kolloquium 2016 ein, das zusammen mit der nächsten Mitgliederversammlung vom 3.-5. März 2016 im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn stattfinden wird.

Verleihung des Christiane-Rajewsky-Preises 2015

Den Christiane-Rajewsky-Preis erhielt in diesem Jahr die Psychologin Miriam Schroer-Hippel für ihre herausragende Dissertation zum Thema »Die Demilitarisierung von Männlichkeitsvorstellungen. Beispiele aus der zivilgesellschaftlichen Friedensarbeit in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien« (FU Berlin). Die Jury-Vorsitzende, Prof. Dr. Claudia von Braunmühl, würdigte insbesondere den Beitrag der Forschungsarbeit zu einer Dekonstruktion militarisierter Männlichkeit und der damit verbundenen Reduzierung des Gewaltpotentials in Nachkriegsgesellschaften.

Ein ausführlicher Tagungsbericht mit den Beschreibungen aller Panels und Vorträge sowie viele der präsentierten Papiere sind auf der AFK-Webseite (afk-web.de) zu finden.

Christine Schnellhammer

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