in Wissenschaft & Frieden 2015-3: Friedensverhandlungen, Seite 41

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Frauen in Krieg und Frieden 15-45-15

Ausstellung im Frauenmuseum Bonn

von Heide Schütz

Mit seiner aktuellen Ausstellung, die noch bis Anfang November läuft, unternimmt das Frauenmuseum den Versuch, darzustellen, dass Krieg genauso Sache der Frauen wie der Männer ist, und so das gängige Geschichtsbild zu korrigieren.

100 Jahre Beginn des Ersten Weltkriegs – dieses Momentum nutzten im Jahr 2014 viele Museen, um Rückschau zu halten, seien es kleine Stadtmuseen oder die großen Ausstellungshallen der Bundesrepublik. Im Zentrum standen eindeutig die Männer. Nun gibt es die komplementäre Ausstellung mit dem Fokus auf die Frauen, denn „das komplexe Leben der Frauen im Krieg blieb auf der Strecke, und die Männer unter sich, – auch 2015“ (Vorwort zum Katalog, Marinanne Pitzen).

Mit der Ausstellung »Frauen in Krieg und Frieden 15-45-15. Geschichte, Dokumente, zeitgenössische Kunst« ist es dem Frauenmuseum Bonn (das den Untertitel »Kunst, Kultur, Forschung« trägt) gelungen, die andere, sehr komplexe Realität der Frauen in verschiedenen Kriegen, nicht nur im Ersten Weltkrieg, dem »Großen Krieg», als Korrektur des gängigen Geschichtsbildes zu zeigen. Einbezogen werden also auch der Zweite Weltkrieg, dessen Ende sich in diesem Jahr zum 70. Male jährt, und die Kriege der heutigen Zeit, die von 2015.

Auf zwei weitläufigen Ebenen breiten sich in ungeheurer Fülle die Exponate und Beiträge aus, wie immer eine gelungene Mischung aus historischer Recherche, Dokumentation von in der Öffentlichkeit weithin unbekannten Tatsachen und Zusammenhängen sowie künstlerischer Umsetzung Hier hängt nicht Bild an Bild, wie gemeinhin üblich. 55 Künstlerinnen gestalteten das Thema auf ihre eigene, sehr individuelle Weise mit unterschiedlichsten Materialien und Installationen. Dabei floss z.T. ihre Familiengeschichte mit ein.

Dargestellt wird aber auch die Anonymität des Todes im Krieg, so in der Installation »Momento Mori« von Tina Schwichtenberg: 60 liegende Skulpturen, mit Leintüchern umhüllt, mit Knochenleim getränkt, verändern ihre Form und Farbe, werden zu Mumien und sind Abbild aller Opfer von Kriegen und Gewalt, Aufschrei und Trauer zugleich. Ein Ausrutscher dagegen die Bildinstallation von Erika Johanna Lomberg mit dem Titel »Die dicke Bertha«. Gemeint und dargestellt sind Bertha Krupp, die nach ihr »Dicke Bertha« genannte Kanone aus dem Hause Krupp und Bertha von Suttner. Die abstruse Namenskombination ist m.E. total misslungen, zumal sich durch die gesamte Bildinstallation auch noch Reihen mit Friedenstauben, weißen Holzkreuzen und Pickelhauben ziehen.

Es ist lohnend, sich auf diese Ausstellung einzulassen, dabei die eigenen Interpretationsräume auszuloten, Gefühle zuzulassen und gleichzeitig den unterschiedlichen Haltungen und Rollen der Frauen nachzugehen: den Krankenschwestern, Müttern, Bräuten, Munitionsfabrikarbeiterinnen, bestellten Briefeschreiberinnen für die Frontsoldaten, Frauen im Widerstand, Spioninnen, Kämpferinnen an der Front oder hinter der Front. Aber auch Friedensfrauen werden dokumentiert; so gibt es u.a. ein Porträt Bertha von Suttners oder eine ausführliche Dokumentation des internationalen Kongresses der 1.300 Frauen, die sich im April 1915, mitten im Krieg, unter schwierigsten Bedingungen in Den Haag trafen und ihre Forderungen und Grundsätze für eine Friedenslogik formulierten, die bis heute ihre Gültigkeit hat und doch nur in einigen Ansätzen umgesetzt wurde.

Ein wichtiges und erhellendes Segment zum Thema ist der Blick über den nationalen Tellerrand. Beispiele von Frauen im Krieg aus Frankreich, England, Polen, Serbien, Österreich sind vertreten. Nicht zu vergessen die Fotos zu den neuen Tätigkeiten, die Frauen an der »Heimatfront« ausführen durften und wollten, weil die Männer fehlten: Schornsteinfegerin, Barbierin, Polizistin, Laternenanzünderin, beim U-Bahn-Bau, in den Munitionsfabriken… Z.T. mussten extra dafür neue Kleidervorschriften geschaffen werden!

Ein großes, ambitioniertes Projekt, diese Ausstellung, und sehr zu empfehlen, ebenso der umfangreiche Katalog.

Die Ausstellung ist geöffnet bis zum 1.11.2015, Di-Sa 14-18 Uhr, So 11-18 Uhr; Eintritt 4,50 Euro / 3,00 Euro.

Der Katalog umfasst 184 Seiten und kostet 25 Euro.

Heide Schütz ist Vorsitzende des Frauennetzwerk für Frieden e.V.

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