in Wissenschaft & Frieden 2015-3: Friedensverhandlungen, Seite 17–20

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Erfolgreiche Friedensstifter

Persönlichkeitsmerkmale im Kulturvergleich

von Rebekka Schliep, Klaus Boehnke und Cristina J. Montiel

Für eine erfolgreiche Konfliktlösung ist es unerlässlich, dass die Persönlichkeitsmerkmale der Mediatoren von allen Konfliktparteien akzeptiert werden. Die hier zusammengefasste Studie von Montiel und Boehnke (2000) untersucht, ob in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten Unterschiede in den bevorzugten Attributen von Konfliktschlichtern existieren. Methoden und Ergebnisse einer Konfliktschlichtung werden selbstverständlich von den Kontextfaktoren des jeweiligen Konflikts beeinflusst (Keashly and Newberry 1995). Es wird allerdings häufig übersehen, dass auch personale Aspekte eine Rolle spielen, die während einer Konfliktschlichtung mit den konkreten Bedingungen eines spezifischen Konflikts interagieren (Deutsch 1994).

Während politische Systeme bereits im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert einen transnationalen Charakter hatten, wächst spezifischen sozialen Konflikten und dem Umgang mit ihnen erst neuerdings eine stärkere transnationale Dimension zu. Internationale Mediation bindet oftmals Dritte aus westlichen, wirtschaftlich stärkeren Gesellschaften in Konfliktschlichtungsprozesse in wirtschaftlich weniger entwickelten Gesellschaften ein.

Die Studie von Montiel und Boehnke prüft, ob sich subjektive Erwartungen an erfolgreiche Konfliktschlichter zwischen Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund und unterschiedlichen ökonomischen Ressourcen bzw. nach dem Geschlecht unterscheiden.

Kultur

Die kulturvergleichende Psychologie hat eine große Anzahl von Emotionen, Kognitionen und Verhaltensweisen identifiziert, die kulturelle Variationen aufweisen (Moghaddan et al. 1993; Smith und Bond 1993). Pionierarbeit leistete Harry Triandis (1972), der das Konzept der »subjektiven Kultur« einführte. Damit beschreibt er die unterschiedliche Art und Weise, in der Menschen in verschiedenen Kulturen ihre soziale Umgebung wahrnehmen: Ist das soziale Umfeld eines Menschen eher etwas, von dem er oder sie sich unterscheiden sollte (Stichworte Individualismus, Distinktion, Independenz), oder ist es etwas, in das man sich einfügen sollte (Stichworte Kollektivismus, »Fit «, Interdependenz). »Subjektive Kultur« erklärt nach Triandis – jenseits objektiver Konfliktbedingungen – die oftmals verzerrte Repräsentation von Realität in Konfliktsituationen.

Individualismus und Kollektivismus stehen, so lässt sich vermuten, mit präferierten Attributen von Konfliktschlichtern in engem Zusammenhang. Eine ausgeprägte Harmonieorientierung und eine hohe Aufmerksamkeit für Aspekte der Gesichtswahrung sind zwei Charakteristika, die in kollektivistischen Kulturen hoch im Kurs stehen. Menschen, die aus solchen Kulturen kommen, werden auch von erfolgreichen Konfliktschlichtern derartige Eigenschaften erwarten. Ausgangshypothese ist also, dass sich die bevorzugten Attribute von Konfliktschlichtern unterscheiden, je nachdem, ob die Menschen in kollektivistischen oder in individualistischen Kulturen leben.

Wirtschaftlicher Entwicklungsstand

Die Studie untersucht zudem, ob sich Konfliktlösungen in Entwicklungsgesellschaften von Konfliktlösungen in Industrieländern unterscheiden. Menschen in Entwicklungsländern erleben gesellschaftliche Konflikte im Kontext einer im internationalen Vergleich geringen Macht ihres Landes, während Menschen in Industrieländern gesellschaftliche Konflikte vor dem Hintergrund größerer Macht erleben. Dieses unterschiedliche Erleben sollte für Erwartungen an Konfliktschlichter insofern von Bedeutung sein, als in jedwedem gesellschaftlichen Konflikt die Machtverhältnisse zwischen Konfliktparteien von zentraler Bedeutung für die Konfliktlösung sind; selten sind sie gleichwertig und symmetrisch, viel öfter ungleich und asymmetrisch.

Die Studie bildet das Machterleben der Befragten über sozioökonomische Attribute ihrer Herkunftsländer ab, nämlich über die ökonomischen Ressourcen, den Zugang zu wichtigen Konsumgütern und die Kontrolle über die Regeln der inländischen wirtschaftspolitischen Bedingungen. Wirtschaftlich entwickelte Länder besitzen in allen drei Bereichen eine hohe Verfügungsmacht. Entwicklungsländer haben eine geringe Verfügungsmacht, da sie über weniger Ressourcen verfügen und im 20. Jahrhundert unter ausländischer – kolonialer – Unterwerfung standen. Da Konflikte mit Machtfragen in Beziehung stehen und sich das Machterleben unter Befragten aus Ländern des Globalen Südens und des Globalen Nordens unterscheidet, wird angenommen, dass sich die bevorzugten Persönlichkeitsattribute von Konfliktschlichtern bei Befragten aus reicheren Gesellschaften und solchen aus ärmeren Gesellschaften unterscheiden.

Geschlecht

Eine mögliche Erklärung für geschlechtsspezifische Unterschiede im Konfliktverhalten sind die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau. In den Zugangsmöglichkeiten zu persönlichen und Organisationsressourcen besteht Geschlechterungleichheit. Frauen haben weniger Zugangsmöglichkeiten zur Macht, während Männer im sozialen System von wirtschaftlichen und politischen Ungleichheiten profitieren. Machtstellungen beeinflussen die Wahl der jeweiligen Konfliktstrategie. Eine Person mit geringer Macht kommt einer einseitigen Vorgehensweise, wie z.B. einer einfachen Bitte oder einer sanften Nötigung, meist schnell nach. Eine Person mit größerer Macht reagiert eher auf Überzeugungskraft oder detaillierte Vorschläge (Ohbuchi und Yamamoto 1990). Die Herangehensweise von Frauen an Konflikte ähnelt der von Personen mit geringer Macht. Beim Versuch, ihr männliches Gegenüber zu beeinflussen, wählen Frauen eher schwächere Strategien, wie z.B. Entgegenkommen, Manipulation und Flehen, als stärkere Strategien, wie z.B. Schikane oder autoritäres Bestimmen (Rosenthal und Hautaluoma 1988). Gilligan (1993) zeigte, dass Frauen zu einer Ethik der Fürsorge tendieren, während Männer auf einer Basis von Gerechtigkeitserwägungen argumentieren. Die Literatur stimmt darin überein, dass Frauen und Männer ein unterschiedliches Konfliktverhalten aufweisen. Daher wird erwartet, dass Frauen und Männer bei Konfliktschlichtern unterschiedliche Attribute bevorzugen.

Methode

Land Geschlecht Alter (Jahre)

Männlich Weiblich
China 39 (43,8%) 50 (56,2%)
Malaysia 57 (82,6%) 12 (17,4%)
Philippinen 35 (42,7%) 47 (57,3%)
Japan 46 (52,3%) 42 (47,7%)
USA 30 (48,4%) 32 (51,6%)
Australien 25 (43,9%) 32 (56,1%)
Deutschland 49 (53,3%) 43 (46,7%)
Gesamtstichprobe 281 (52,1%) 258 (47,9%)

Tabelle 1: Geschlechts- und Alterscharakteristika der Befragten

Ergebnisse

Vor einer Detailauswertung wurden zunächst vorbereitende statistische Analysen (Faktorenanalysen) durchgeführt, auf deren Basis herausgearbeitet werden konnte, welche Adjektivpaare über alle Länder hinweg als zentral für die Attribute eines effektiven Konfliktschlichters angesehen werden. Statistische Details sind der dieser Zusammenfassung zugrunde liegenden Originalpublikation von Montiel und Boehnke (2000) zu entnehmen. Zentral für die Bewertung von Eigenschaften von Konfliktschlichtern erwiesen sich vier Adjektivpaare, nämlich »fürsorglich –grausam«, »bescheiden – stolz«, »warm – kalt« und »sensibel – unsensibel«. Befragte, deren Erwartungen eher dem erstgenannten Adjektiv zuneigen, präferieren einen einfühlsamen Konfliktschlichter; Befragte, deren Erwartungen dem zweitgenannten Adjektiv zuneigen, präferieren einen dominanten Konfliktschlichter.

Um in einem zweiten Schritt die Hypothesen zur Bedeutung von kulturellem Hintergrund, ökonomischer Ressourcenverfügbarkeit und Geschlecht überprüfen zu können, wurden zunächst die Durchschnittswerte für die Adjektivpaare berechnet, die sich als geeignet für einen Kulturvergleich erwiesen hatten: Höhere Durchschnittswerte sprechen für die Präferenz eines dominanten Konfliktschlichters, niedrigere Werte für die Präferenz eines einfühlsamen Konfliktschlichters.

So genannte Varianzanalysen zeigten, dass Unterschiede in der Herkunftskultur die Präferenzen für effektive Konfliktschlichter nur in geringem Maße beeinflussten. Zwar präferierten Befragte aus kollektivistisch geprägten Ländern eher einfühlsame Konfliktschlichter, doch war der Unterschied zu den Präferenzen in individualistisch geprägten Ländern nicht signifikant. Auch der Unterschied in den Präferenzen von Männern und Frauen war – unabhängig von deren Herkunft – eher gering, obgleich hier eine statistische Signifikanz belegt werden konnte: Wie erwartet präferieren Frauen einfühlsame Konfliktschlichter, Männer hingegen dominante.

Wesentlich bedeutsamer waren Unterschiede hinsichtlich der ökonomischen Ressourcenverfügbarkeit. Befragte aus reichen Ländern präferierten dominante Konfliktschlichter deutlich stärker (Durchschnittswert: 2,55) als Befragte aus ärmeren Ländern (2,20) dies tun. Das spannendste und so nicht erwartete Ergebnis der Analysen war der Befund, dass Geschlecht und kultureller Hintergrund wie auch Geschlecht und Ressourcenverfügbarkeit – in statistischer Terminologie – interagieren. Dies bedeutet, dass in kollektivistischen Kulturen Frauen (2,41) stärker als Männer (2,29) dem dominanten Friedensschlichter zuneigen, während in individualistischen Kulturen Männer (2,65) stärker als Frauen (2,22) diesem Friedensschlichtertyp zugetan sind. In armen Ländern präferieren Frauen (2,25) den dominanten Konfliktschlichter mehr als Männer (2,15) dies tun; in reichen Ländern ist es umgekehrt (Frauen: 2,42; Männer: 2,69).

Diskussion

Die Ergebnisse der Studie zeigen generell eine Tendenz aller Befragten, bei effektiven Konfliktschlichtern Persönlichkeitsattribute zu präferieren, die dem Bild eines einfühlsamen Friedensstifters entsprechen. Der dominante Friedensstifter steht nirgends hoch im Kurs. Gilligans (1993) »Ethik der Fürsorge« steht Friedensstiftern besser an als eine rationale »Gerechtigkeitsethik«, besonders wenn diese mit einem machtvollen Durchsetzungsimpetus daherkommt.

Interessant sind die Befragungsergebnisse auch hinsichtlich weiterer Teilergebnisse. Die präferierten Attribute eines Friedensstifters werden vor allem durch die Ressourcenverfügbarkeit, die die Sozialisation junger Menschen geprägt hat, bestimmt. Machterleben ist zentral: Menschen in einem machtstarken Kontext (reich, männlich) »stehen« auf dominante Friedensstifter; Menschen in einem machtarmen Kontext (arm, weiblich) bevorzugen einfühlsame Friedensstifter. Die Positionierung in einem asymmetrischen Machtverhältnis hängt mit dem jeweiligen präferierten Konfliktschlichter zusammen. Die Ergebnisse bestätigen die Erwartung, dass die wirtschaftliche Macht eines Landes und das Geschlecht der Befragten mit den jeweils bevorzugten Eigenschaften von Friedensstiftern zusammenhängen. Je geringer das Machterleben einer Person, desto stärker sind ihre Präferenzen für einen einfühlsamen Friedensstifter.

Auf den ersten Blick paradox erscheint der Befund, dass Frauen zwar allgemein dem einfühlsamen Friedensstifter mehr zuneigen als Männer dies tun, dass je separat betrachtet das Geschlechterverhältnis in kollektivistischen Kulturen und in armen Ländern aber umgekehrt ist. Frauen aus den kollektivistisch geprägten Ländern sprechen sich stärker als Männer aus diesen Ländern für einen dominanten Friedensstifter aus. Das gleiche gilt für Frauen im Vergleich zu Männern in armen Ländern. Es scheint plausibel anzunehmen, dass (junge) Frauen ihre geschlechtsbasierte Machtlosigkeit als so gravierend wahrnehmen, dass sie sich die Schlichtung von Konflikten nur im Sinne einer machtvollen Durchsetzung von Interessen der in einem Konflikt Schwächeren vorstellen können, für die es eines dominanten Friedensstifters bedarf.

Versucht man ein Gesamtresümee, so zeigt die hier zusammengefasste Studie, dass einfühlsamen Friedensstiftern nach den Erwartungen von jungen Menschen aus sieben Ländern (China, Japan, Malaysia, Philippinen, USA, Australien, Deutschland) bessere Chancen zugemessen werden, in gewalttätigen gesellschaftlichen Konflikten zu vermitteln. Dem Friedensdiktator, dem Basta-Politiker, werden kaum Chancen zugebilligt. Genauerer Analysen in weiteren Studien bedarf allerdings die Frage, warum Frauen in tendenziell machtlosen Lebenskontexten einem brachial auftretenden Friedensstifter mit einer gewissen Sympathie begegnen.

Literatur

Morton Deutsch (1994): Constructive Conflict Resolution – Principles, Training, and Research. Journal of Social Issues, 50, S.13-32.

Carol Gilligan (1993): Reply to critics. In Mary J. Larrabee (ed.): An Ethic of Care – Feminist and Interdisciplinary Perspectives. New York; NY. Routledge, Chapman, and Hall; S.207-214).

Geert Hofstede (2001): Culture’s Consequences – Comparing Values, Behaviors, Institutions and Organizations across Nations. Thousand Oaks, CA: Sage Publications, 2nd ed.

Loraleigh Keashly and J. Newberry (1995): Preference for and Fairness of Intervention – Influence of Third-Party Control, Third-Party Status, and Conflict Setting. Journal of Social and Personal Relationships, 12, S.277-293.

Fathali M. Moghaddan, Donald M. Taylor and Stephen C. Wright (1993): Social Psychology in Cross-Cultural Perspective. New York, NY: Freeman.

Cristina J. Montiel and Klaus Boehnke (2000): Preferred Attributes of Effective Conflict Resolvers in Seven Societies: Culture, Development Level, and Gender Differences. Journal of Applied Social Psychology, 30(5), S.1071-1094.

Ken-Ichi Ohbuchi and Ikuyo Yamamoto (1990): The Power Strategies of Japanese Children in Interpersonal Conflict – Effects of Age, Gender, and Target. Journal of Genetic Psychology, 151, S.349-360.

Charles E. Osgood (1952): The Nature and Measurement of Meaning. Psychological Bulletin, 49, S.197-237.

Douglas B. Rosenthal and Jacob Hautaluoma (1988): Effects of Importance of Issues, Gender, and Power of Contenders on Conflict Management style. Journal of Social Psychology, 128, S.699-701.

Peter B. Smith and Michael H. Bond (1993): Social Psychology Across Cultures – Analysis and Perspectives. New York, NY: Harvester Wheatsheaf.

Harry C. Triandis (1972): The Analysis of Subjective Culture. New York, NY: John Wiley & Sons.

Rebekka Schliep ist Studentin des BA-Studiengangs »Intercultural Relations and Behavior« an der Jacobs University Bremen.
Prof. Dr. Klaus Boehnke ist Professor für Sozialwissenschaftliche Methodenlehre an der Jacobs University Bremen und Prodekan der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS).
Prof. Dr. Cristina J. Montiel ist Professorin für Psychologie an der Ateneo de Manila Universität auf den Philippinen und dort Mitglied des Forschungsschwerpunkts »Peace, Justice and Democratic Governance«.

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