in Wissenschaft & Frieden 2015-2: Technikkonflikte, Seite 11–15

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Die Mega-Maschine

Zur strukturellen Militanz kapitalistisch geformter Technik

von Wolfgang Neef

Technik war zu allen Zeiten ein in Materie umgesetztes soziales Konzept. Die Leitbilder »moderner« Naturwissenschaft und Technik und ihre Methoden abstrahieren von allen menschlichen und natürlichen Bedingungen, die nicht quantifizierbar sind, also von fast allen Eigenschaften lebendiger Wesen. Das haben sie mit dem Kapitalismus gemeinsam, der die Komplexität von Ökonomie auf das Wertgesetz von »Lohn, Preis und Profit« reduziert. Kombiniert in der »Industriellen Revolution«, entwickeln sie seitdem ein gewaltiges Potential zur Veränderung und Durchdringung natürlichen und menschlichen Lebens. Realisiert als »Mega-Maschine«, die ihr exponentielles Wachstum durch die Ausbeutung fossiler Energiequellen und stofflicher Ressourcen möglich gemacht hat, missachtet sie zunehmend alle gesellschaftlichen und natürlichen Grenzen und wirkt so zerstörerisch auf die sozialen und ökologischen Lebensgrundlagen.

Das folgende Zitat ist nicht dem Wörterbuch des Unmenschen, sondern einem Buch des US-Ingenieurs Robert Boguslaw von 1965 entnommen, das die Philosophie des Entwurfs von technischen Systemen im Zusammenhang mit dem sozialen Wandel behandelt:1 „Was wir brauchen, ist eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten, menschliches Verhalten zu kontrollieren, und eine Beschreibung der Instrumente, die uns helfen, diese Kontrolle zu ermöglichen. Wenn wir auf diese Weise ausreichende Mittel in die Hand bekommen, das Menschenmaterial sinnvoll zu verwenden, dass wir es also behandeln können, wie Teile aus Metall, Elektrizität oder chemische Reaktionen, ist es uns gelungen, es auf der gleichen Ebene wie jedes beliebige andere Material einzusetzen; erst dann können wir beginnen, uns mit unseren Problemen im Entwurf von Systemen auseinanderzusetzen.“

„Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.“

Bert Brecht, »Leben des Galilei«

Diese Betrachtungsweise geht auf die von Francis Bacon begründeten Prinzipien moderner Wissenschaft und Technik zurück: Der Mensch soll die Natur nicht nur verstehen und erforschen, er soll sich ihrer »bemächtigen«, sie unterwerfen und mit harter Hand steuern – nur dann kann der Mensch, und zwar der Mann (die Frau ist für Bacon Teil der Natur), „sich auf die Natur stürzen, ihre Kastelle und Vorposten erstürmen und besetzen und die Grenzen des Reiches der Menschen so weit verlagern, wie es unserem allmächtigen Gott […] gefällt“.2 400 Jahre später formuliert der Biologe Hubert Markl angesichts der sich abzeichnenden Naturzerstörung durch menschliche Wissenschaft und Technik eine „Moral der Widernatürlichkeit“: die Übernahme der Kontrolle durch das „Management der Biosphäre“, der „künftigen Natur unter Menschenhand“.3 Nach dem Technik-Philosophen Günter Ropohl waltet hier eine „Metaphysik“ bzw. eine „Ideologie der Ingenieurwissenschaften“,4 die von der Realität der Technik mit ihren Widersprüchlichkeiten und Unzulänglichkeiten abstrahiert, sie zu einer „Realisation idealer Wesenseinheiten“ macht und letztlich zurückgeht auf die hypertrophe Vorstellung, der Mensch habe nun den „Plan Gottes“ und damit dessen Rolle übernommen.

Vom Kapital ist hier noch nicht die Rede. Es handelt sich um eine grundlegende Vorgehensweise, um die natur- und technikwissenschaftliche Basis des modernen Industriesystems. Sie abstrahiert von allen nicht quantifizierbaren Eigenschaften, die den Menschen (und die Natur) ausmachen: Der Naturwissenschaftler und Techniker müsse sich, so Galileo Galilei, bei seiner Arbeit ausschließlich nach messbaren quantitativen Größen richten „und dürfe sich nicht von Gefühlen, Emotionen, Träumen und eben von Geschmack, Gerüchen oder überhaupt von etwas irritieren lassen, was ein lebendes Wesen interessiert“.5

Genau diese Methode der Abstraktion kennzeichnet aber auch den Kapitalismus, der zunächst die Arbeit, dann aber immer mehr auch alle anderen Bereiche menschlichen Lebens dem Wertgesetz und dem Markt unterwerfen und den Menschen selbst auf den »homo oeconomicus« reduzieren will. Das intellektuell sehr anspruchslose Grundgesetz und Erfolgskriterium des Kapitalismus ist allein die Vermehrung von Geld im Zinseszins, also im exponentiellen Wachstumsmodus, dessen unbedingte Weiterführung »moderne« Politik zum alles überragenden Dogma erklärt hat. Alle anderen Bestimmungsgrößen und Folgen menschlichen Handelns in Produktion und Reproduktion sind nachrangig. Sie sind mit Marx „gleichgültig“: „Die von Lebensvorgängen bereinigte Welt der naturwissenschaftlich-technischen Maschinen ist wiederum die Welt, die die Logik des Kapitals als ideale Welt für ihren Ausbeutungsprozess anstrebt […] Einteilen nach quantitativen Größen, Wägen und Messen nach immer exakteren Maßen, die Abstraktion von individuellen Interessen und die Rechnungsführung des Kontors sind »der Geist« der neuen Wissenschaft und des Kapitals.“ 6 Technik wie Kapital können aber dieses exponentielle Wachstum nur realisieren, wenn sie zurückgreifen auf fossile Energien und scheinbar unendlich vorhandene stoffliche Rohstoff-Ressourcen und Senken für den anfallenden Müll – eine Illusion: „Jeder, der glaubt, das exponentielle Wachstum könnte in einer endlichen Welt immer so weitergehen, ist entwder ein Verrückter oder ein Ökonom“, sagt der Ökonom Kenneth Boulding.

Auch die sozialen Bedingungen werden mit Hilfe der Politik der Rendite untergeordnet: Die militärischen und »zivilen« Raubzüge zur Gewinnung von Rohstoffen auf der ganzen Welt führ(t)en zur Ausbeutung und Zerstörung ganzer Zivilisationen und Regionen und zur Versklavung ihrer Bevölkerungen; im Inneren der Industrienationen wurden (und werden nach wie vor) die Menschen an das Modell des entfremdeten Arbeitens und im weiteren Verlauf an das entfremdete Konsumieren angepasst. Dieser Prozess war schon im Übergang zum Kapitalismus gewalttätig und ist es auch heute. Ideologisch hilfreich war dabei die christliche Religion, die den Untertanengeist und die »Fabriktugenden« des unaufhörlichen Arbeitens zur Voraussetzung für das ewige Leben im Paradies erklärte.

Ziel ist die vollständige Unterwerfung der Menschen, der Politik und des gesamten Lebens unter die technischen und »ökonomischen« Paradigmen der industriellen Mega-Maschine. Bereits Marx erkannte diese doppelte Funktion und die damit verbundene Problematik der ständigen Steigerung der Produktivkräfte durch eine Technik, die die „Alleinherrschaft des Fabrik-Regimes“ immer wieder sicherstellt: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ 7

Die »Effektivität« dieser Methoden moderner Naturwissenschaft und Technik und des mit ihnen in harmonischer Ehe verbundenen Kapitalismus scheint durch die Entwicklung der Technik auf der Basis fossiler Energiequellen und dadurch auch der »modernen« Zivilisation glänzend belegt. In ungeahntem Tempo haben sich die Lebensbedingungen der Menschen in den »Industrienationen« verändert und bezüglich der Befriedigung der Grundbedürfnisse zunächst auch verbessert. Die Überzeugung, es habe sich Bacons Hypothese bestätigt, dass technischer Fortschritt automatisch zu sozialem Fortschritt werde, ist heute unabhängig von der politischen Richtung Konsens – daran glaubten auch die Vertreter der sozialistischen Variante dieses »Mythos der Neuzeit«. So sollte eine Art von Paradies entstehen, das »Reich der Freiheit«, in dem die Menschen durch technische Mittel frei und unbehelligt von den unberechenbaren Naturgewalten, als Herren nun auch über die Natur, ihren Bedürfnissen nachgehen können.

Nach dem Ende des »Realen Sozialismus« wurde die kapitalistische »Globalisierung« des Weges der Industrienationen und ihre neoliberale Radikalisierung »alternativlos«: immer mehr Technik auf allen Gebieten menschlicher Betätigung, immer mehr Wachstum, Markt, Freihandel unter dem Primat der Rendite bzw. der Vermehrung von Geld. Streit kommt höchstens auf über die Frage, ob die keynesianische oder die neoliberale Variante des Kapitalismus die richtige sei.

Diese »Ökonomie« ist militant. Sie organisiert den Konkurrenzkampf auf allen Ebenen und zerstört dabei die Erfolgsfaktoren der natürlichen und humanen Entwicklung: Kooperation, Empathie und sozialen Zusammenhalt. Die Individuen untereinander, die Unternehmen, die bis an die Zähne bewaffneten Kampfeinheiten gleichen, die Staaten werden „marktkonform“ organisiert. Zur Sicherung bzw. Herstellung der »Wettbewerbsfähigkeit« werden inzwischen sogar die gegen den Kapitalismus mühsam erkämpften sozialen Errungenschaften der letzten hundert Jahre nach und nach geschreddert. Griechenland, Spanien, Portugal sind die aktuellen europäischen Beispiele dieser »ökonomisch« begründeten Menschenfeindlichkeit.

Sieht man sich die stofflichen und energetischen Voraussetzungen für diesen Weg an, so schien es bis Mitte des 20. Jahrhunderts wenig Grund zu geben, an dieser Erfolgsstory zu zweifeln, weil die ökologischen Grenzen des Planeten noch nicht erreicht waren. Zwar hatte der »technische Fortschritt« dazu geführt, dass in unzähligen Kriegen das industrialisierte Morden sich ebenso schnell steigerte wie der industrialisierte »Wohlstand« – beide Seiten des kapitalistisch geformten Industriesystems, die »zivile« wie die »militärische« (übrigens nahezu gleichgewichtig, was die investierte Wissenschafts- und Ingenieurkapazität betrifft) ließen den »Fortschritt« marschieren, wenn auch immer wieder, besonders nach den beiden Weltkriegen und nach Auschwitz, die Frage nach der Humanität dieses Weges und damit auch der Kapitalismus infrage gestellt wurde. Doch selbst die Millionen Opfer dieser Kriege und des »zivilen« Fortschritts (im Wesentlichen in bzw. aus den Kolonien der Industrienationen, heute den Ländern des Südens) konnten den festen Glauben an den schlussendlichen Erfolg nicht erschüttern.

Die grundsätzliche Aggressivität der so geformten Technik hat viele Facetten: Zuallererst zeigt sie sich in der Kriegstechnik, im Dienst des »Vaters aller Dinge«, am perversesten in der Entwicklung der Atombombe, die von der der »zivilen« Atomkraft nicht trennbar ist. Brian Easlea hat gezeigt, dass diese Aggressivität geschlechtsspezifisch ist und tief in der Mentalität der „Väter der Vernichtung“ 8 steckt. In zahlreichen Zeugnissen der Technikentwicklung findet sie sich bis in die Sprache hinein. Ernst Jünger macht in seinem Buch »Der Arbeiter«9 die Protagonisten der Industriegesellschaft zu „Soldaten der Technik“, zu „Trägern des kriegerischen Kampferlebnisses im industriellen Bereich“. Bernhard Kellermann, der zunächst an der Technischen Hochschule München studierte und dann Schriftsteller wurde, schreibt in seinem Erfolgsbuch »Der Tunnel« über die Hauptfigur, den Ingenieur Allen: „Die Augen dieses Mannes waren kühn und klar, stählern und blinkend. Er hatte während des gesamten Vortrages weder gelächelt noch einen Scherz gemacht.“

Auch wenn Ingenieure, wie bei Kellermann, den »Gegner« nicht nur in den Naturgewalten, sondern auch an der Börse ausmachen, weil die »Kaufleute« ihre Ideale einer perfekten Technik immer wieder der Rendite unterordnen, fügt sich der naturwissenschaftlich-technische Reduktionismus nahtlos in den des Kapitalismus, weil für beide „die Ausschaltung lebender Substanzen“ 10 und deren gesellschaftlicher Zusammenschlüsse Grundlage des Denksystems sind. Darum sind die zerstörerischen Folgen der resultierenden technischen Artefakte nicht auf den militärischen Bereich beschränkt, sondern prägen, wenn auch in unterschiedlichem Maß, die herrschenden »zivilen« Technologien. Seit dem Ende der Periode der durch starkes Wachstum geprägten Nachkriegszeit (etwa 1970), die – nicht zuletzt durch die »Systemkonkurrenz« des »realen Sozialismus« – eine Zeit des sozialen Ausgleichs zwischen Arbeit und Kapital ermöglichte, werden die Folgen nun immer deutlicher sichtbar.

Die ökologischen Grenzen des Planeten sind seit etwa Mitte der 1980er Jahre überschritten. Das bringt nicht nur das Klima aus dem Gleichgewicht, sondern droht durch die ständig steigende Übernutzung der gesamten Biokapazität der Erde unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu vernichten. Alle naturwissenschaftlichen Studien belegen das, seitdem Meadows-Bericht »Grenzen des Wachstums« 1972 erschien, dessen Prognosen jüngst von einem australischen Team nachgerechnet und bestätigt wurden. Der jährliche Report des WWF zum »ökologischen Fußabdruck« der kapitalistischen Mega-Maschine dokumentiert, dass wir inzwischen zur Fortführung dieser Wirtschafts- und Lebensweise mehr als 1,5 Planeten benötigen.11

Gekoppelt mit sozialer Zerstörung, wird die Naturzerstörung an vielen Beispielen sichtbar und fühlbar – es seien hier nur einige von unzähligen genannt.

Durch die immer aggressivere Förderung von Rohstoffen jeder Art und die Abholzung der Regenwälder zwecks Anbau von Futter für die Fleischindustrie werden ganze Landschaften zerstört, Lebensräume für Menschen und Tiere, die nach kurzer Nutzung zu Mondlandschaften und Wüsten werden. Aber auch dort, wo Menschen aus ihren denaturierten Wohngebieten, wie den wachsenden Megastädten, in die Natur streben, um sich vom Stress der technisierten Lebensweise zu erholen, frisst sich die renditegetriebene Technik in eben diese Natur hinein, wie z.B. an den Küsten der Algarve und Andalusiens, und macht sie für eben diesen Zweck praktisch unbrauchbar. Denn diese Küsten bestehen nun fast nur noch aus Betonwüsten in Gestalt von Hotel- und Apartmentklötzen. Diese Technikwüsten werden dann bevölkert von Massen von Ferntouristen, die durch Massen von Flugzeugen dorthin transportiert werden und mit Massen von Mietautos herumfahren, für die z.B. die Insel Madeira wie ein Schweizer Käse mit Straßentunnel präpariert wurde.

In den Meeren treiben inzwischen ganze Kontinente von Plastikmüll in Gestalt kleinster Plastikteile, die zur Verrottung ca. 400 Jahre brauchen. Sie werden von den Tieren des Meeres aufgenommen, machen sie krank oder töten sie, und über diesen Umweg gelangen sie wieder in die menschliche Nahrung. Der Weg auf unsere Teller führt über immer größere Fangschiffe, die den Fischfang industrialisieren und dabei durch Schleppnetze und andere technische Vorrichtungen so viel Schaden anrichten, dass zunehmend fast alle Fischarten gefährdet sind (nach dem FSC-Siegel ist von den großen Meeresfischen nur noch das Vorkommen des Seelachses halbwegs intakt). Alle anderen Lebewesen im Meer, wie z.B. die Korallen und damit die Korallenriffe als Lebensraum, werden durch die Effekte der Klimakatastrophe mehr und mehr zerstört.

Der IT-Wahn führt dazu, dass ständig neue Geräte in den Markt gedrückt werden, das Aufkommen an IT-Geräten (meist reines Spielzeug) wächst nach wie vor mit zweistelligen jährlichen Raten. Der enorme Verbrauch an Energie, Wasser, »seltenen« Erden etc. für die Herstellung dieser Geräte und der Energieverbrauch des Internet (Server) steigen ebenso rapide; letzterer ist inzwischen höher als der des gesamten Flugverkehrs weltweit. Der »ökologische Rucksack«12 eines Smartphone beträgt pro Kilogramm rund 490 kg Naturverbrauch – so sieht die vollmundig angekündigte »Dematerialisierung« durch IT aus. Genauso schlimm ist die Wirkung der Wegwerf-Produktion dieser Geräte (Vodafone: „Jedes Jahr ein neues Handy“). Der Elektronikschrott landet zu Zweidritteln (Zahl für das ordentliche Deutschland) illegal in Afrika oder China und wird dort auf der Suche nach Wertstoffen von um ihre frühere Existenz gebrachten Menschen durch Verbrennen, Zerschlagen etc. »entsorgt«. Die Müllkippen in diesen Ländern sind inzwischen Basis eines neuen »Geschäftsfeldes« für finanziell clevere Afrikaner, die ihre Verwertung organisieren. Während so also das Land vergiftet und unbrauchbar gemacht wird für alle anderen Zwecke, feiert der Kapitalismus auf dem Müll eine makabre Party des »freien Unternehmertums«.

Auch im Alltag, meist kaum wahrgenommen, sorgt die Technik dafür, dass Menschen sich von ihr abhängig machen, ihre Selbstbestimmung verlieren, aber auch ihre Fähigkeiten, das Leben ohne Technik zu meistern. Nicolas Carr beschreibt in seinem Aufsatz »Die Herrschaft der Maschinen«,13 dass Piloten, die fast nur noch mit automatisierten Systemen fliegen und Gefahrensituationen lediglich am Simulator üben, in realen kritischen Situationen versagen, weil sie die Grundfunktionen des Flugzeugs mangels praktischer Erfahrung nicht mehr beherrschen. Ähnlich sein Beispiel der Inuit: Die Fähigkeiten, sich in einer Schnee- und Eiswüste zu orientieren, wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Inzwischen verfügen die Inuit über GPS-Systeme – und verlieren eben diese Fähigkeiten. Bei Ausfall der Geräte sind jüngere Inuit nun orientierungslos. Die Konzerne planen, in unsere Alltagsgeräte Chips einzubauen, beispielsweise in den Kühlschrank, der uns das Fehlen von Produkten mitteilt und uns erinnert, sie wieder aufzufüllen. Das angeblich »intelligente« Haus, das selbständig z.B. für Schatten sorgt, das »Internet der Dinge« oder »Industrie 4.0« sind ein groß angelegtes Entmündigungsprogramm – Manfred Spitzer spricht von „digitaler Demenz“.14 Auf dem Land gibt es inzwischen kaum noch Möglichkeiten, sich zu versorgen, wenn man nicht mit dem Auto zu den Einkaufszentren fahren kann, weil fast die gesamte dezentrale technische Infrastruktur durch diese Großtechnologien ersetzt wurde. Die Eigenversorgung durch Anbau von Nahrungsmitteln stirbt aus – die Menschen können nur noch kaufen. „Ich fürchte den Tag, an dem die Technologie die wichtigsten Elemente menschlicher Verhaltensweisen strukturiert. Die Welt wird nur noch aus einer Generation von Idioten bestehen“, sagte dazu Albert Einstein.

Die Verlagerung der Textil- und Lederindustrie und anderer Industrien mit hoher Gesundheits- und Umweltbelastung in Länder wie Bangladesh zeigt durch die dort herrschenden menschenverachtenden Arbeits- und Lebensbedingungen am deutlichsten den aggressiven Charakter der Fertigungstechniken. In der Lederindustrie z.B. werden Chromverbindungen benutzt, die nicht nur die ArbeiterInnen massiv schädigen, die buchstäblich in der giftigen Brühe waten. Auch in den Lederwaren, die dann z.T. unter »großen« Marken nach Europa zum Verkauf kommen, findet sich immer häufiger das aggressive »Chrom 6«. Die Fabriken, in denen die TextilarbeiterInnen mehr als zwölf Stunden am Tag, oft an sieben Tagen in der Woche schuften, sind mit vergitterten Fenstern und nur einem Ausgang schon als Gefängnisse gebaut – sie werden zu Todesfallen, wenn sie zusammenbrechen oder brennen. Die Ingenieure, die solche Fabriken bauen, wissen ebenso wie die Ingenieure, die die Vergasungs- und Verbrennungsanlagen der Konzentrationslager bauten, was sie tun: Sie sparen Kosten und erhöhen die Rendite, als „erfinderische Zwerge, die für alles gemietet werden können“ (Brecht, Galilei).

Man kann also durchaus sagen, dass sich »die Menschheit« in einer Zeit, in der uns so viel Wissen wie nie zuvor zugänglich ist, besoffen von den »Erfolgen« der industriellen Revolution, in den Zustand der Idiotie hineingesteigert hat, den Einstein befürchtete. Elmar Altvater beschreibt in einem Aufsatz15 die „Steigerungsformen einer zerstörerischen Wirtschaftsweise: Wachstum, Globalisierung, Anthropozän“ in dieser Reihenfolge und zitiert Georges Monbiot, der sogar vom „Zeitalter der Idiotie“ spricht. Diese kann man auch darin sehen, dass die »Elite« der Industrienationen und mit ihr ein großer Teil der führenden Gestalten in den »Schwellenländern« als »follower« die Paradigmen des Kapitalismus derart verinnerlicht haben, dass sie tatsächlich glauben, die Gesetze der Thermodynamik seien veränderbar, die der Rendite und des Marktes aber nicht.16

Angesichts der giftigen Kombination von zerstörerischer Raubtechnik und aggressivem Kapitalismus17 und ihrer seit Mitte der 1980er Jahre sichtbaren globalen sozialen und ökologischen Auswirkungen, kann man noch weiter gehen und von einem Weg in die Barbarei oder bereits herrschender Barbarei sprechen. Noch am Ende der Blockkonfrontation zwischen »Ost« und «West« hatte man mit einer „Friedensdividende“ (Willy Brandt) gerechnet. Es war die große Hoffnung entstanden, das industrialisierte Morden im 20. Jahrhundert (von den Weltkriegen über Auschwitz bis zum Vietnam- und Irakkrieg) wäre beendet und das gewaltige Potential »moderner« Technik würde nunmehr durch eine große Transformation bzw. Konversion für eine friedliche Welt und ein gutes Leben für alle Erdbewohner eingesetzt. Stattdessen wurde das Ende des »Realen Sozialismus«, dessen Konzept der Naturbeherrschung durch Technik sich in nichts von dem des »Westens« unterschied, als Sieg des Kapitalismus und seiner »Überlegenheit« in Sachen Technik begriffen.

Das Ergebnis ist eine ständige und globale Zunahme von durch Technik effektivierter menschenfeindlicher Brutalität, aber auch die starke Zunahme krimineller Methoden. „Es hat sich eine legal operierende Wirtschaft herausgebildet, die sich aller Regulierung entzieht. Einige Ökonomen nennen sie »Schurkenwirtschaft«. Man feiert den Triumph des globalen Kapitalismus, an dem die Mafia und das internationale Verbrechen entscheidenden Anteil nehmen“.18 Die USA als »Mutterland des Kapitalismus«, führende Techniknation und selbsternannter Hort der Menschenrechte, lassen mit aktiver Beteiligung eines Präsidenten, der 2009 den Friedensnobelpreis erhielt, »Terroristen« durch automatisierte Mordinstrumente umbringen, bei deren Einsatz regelmäßig zahlreiche Unbeteiligte als »Kollateralschäden« sterben. Die US-Regierung lässt den Geheimdiensten freie Hand beim Bespitzeln der ganzen Welt mit Hilfe der IT-Technik und führt die Folter wieder ein. In weiteren 140 Ländern wird regelmäßig gefoltert.19 Fanatisierte Moslems bringen fast jeden Tag Dutzende von Menschen um; in Europa terrorisieren und töten Neonazis Migranten, Juden und Obdachlose. Fast eine Milliarde Menschen hat kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung. Jean Ziegler, von 2000 bis 2008 Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, spricht von »Massenvernichtung« durch Hunger, verursacht durch industrialisierte Landwirtschaft und Nahrungsmittelkonzerne.20

Es scheint nicht gut auszusehen für die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

Anmerkungen

1) Robert Boguslaw (1965): The New Utopians. A Study of Systems Design and Social Change. Englewood Cliffs/New Jersey: (Prentice Hall). Zitiert nach Mike Cooley (1982): Produkte für das Leben statt Waffen für den Tod. Reinbek: rororo.

2) Zitiert nach Brian Easley (1986): Väter der Vernichtung – Männlichkeit, Naturwissenschaftler und der nukleare Rüstungswettlauf. Reinbek: rororo, S.36.

3) Hubert Markl: Pflicht zur Widernatürlichkeit. SPIEGEL Nr. 48, 1995, S.206 ff.

4) Günter Ropohl (1998): Wie die Technik zur Vernunft kommt – Beiträge zum Paradigmenwechsel in den Technikwissenschaften. Amsterdam: Verlag Fakultas, S.10ff.

5) Otto Ullrich (1979): Weltniveau. In der Sackgasse des Industriesystems. Berlin: Rotbuch, S.47.

6) Ibid., S.47

7) Karl Max (1967): Das Kapital. (Ost-) Berlin: Dietz, S.528/29.

8) Brian Easley, op.cit.

9) Ernst Jünger (1932/2007). Der Arbeiter – Herrschaft und Gestalt. Stuttgart: Klett-Cotta.

10) E.F. Schumacher (1977): Die Rückkehr zum menschlichen Maß – Alternativen für Wirtschaft und Technik. Reinbek: Rowohlt, zitiert nach Otto Ullrich, op.cit.

11) Dennis Meadows (1972): Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt. Nachgerechnet von G. Turner und C. Alexander: Limits to Growth was right. New research shows that we’re nearing collapse. The Guardian, 2. Sept. 2014. Am eindrücklichsten sind die Diagnosen des WWF im jährlichen »Living Planet Report«. Mit Bezug auf die Klima-Katastrophe besonders eindrucksvoll zusammenfassend Naomi Klein (2015): Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima. Frankfurt/M.: S. Fischer.

12) Ein Begriff, den Friedrich Schmidt-Bleek und das Wuppertal-Institut prägten. Die Zahl stammt aus Friedrich Schmidt-Bleek (2014): Grüne Lügen – Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft – wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten. München: Ludwig Buchverlag.

13) Nicolas Carr: Die Herrschaft der Maschinen. Blätter für deutsche und internationale Politik 2-2014, S.45 ff.

14) Manfred Spitzer (2012): Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München: Droemer.

15) Elmar Altvater: Wachstum, Globalisierung, Anthropozän. Emanzipation 1-2013, S.71 ff.

16) Vgl. dazu Wolfgang Neef: Die zweite Kristallschale. Forum Wissenschaft 4/2009.

17) Ernst Bloch spricht davon, dass diese Technik „in der Natur steht wie im Feindesland, und vom Landesinneren weiß sie nichts“. In: ders. (1985): Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp. „Marx’ Glaube ist merkwürdig irrational, dass diese durch und durch kapitalistisch geprägte Mega-Maschine sich im Kommunismus irgendwie in eine humane Form bringen ließe.“ Otto Ullrich, op.cit..

18) Roberto Scarpentino, Leitender Oberstaatsanwalt in Palermo, in einem Vortrag unter starkem Polizeischutz in Karlsruhe, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau, 8. Februar 2010.

19) Bericht von Amnesty International, Süddeutsche Zeitung, 13.5.2014.

20) Jean Ziegler (2012): Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. München: Bertelsmann.

Prof. Dr. Wolfgang Neef, arbeitete bis 2008 an der TU Berlin im Fachgebiet Technik, Gesellschaft, Ökologie und lehrt weiterhin zu diesem Thema für Studierende der Ingenieurwissenschaften an der TU Berlin und an der TU Hamburg-Harburg.

in Wissenschaft & Frieden 2015-2: Technikkonflikte, Seite 11–15

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