in Wissenschaft & Frieden 2015-2: Technikkonflikte, Seite 6–10

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Technikkonflikte in der vernetzten Welt

von Jürgen Scheffran

Angesichts der engen Verknüpfung mit menschlichen Handlungen und Interaktionen ist Technik in vielfältiger Weise in Konflikte involviert. Dies betrifft den Einsatz von Technik als Gewaltmittel, um den Ausgang von Konflikten absichtlich zu beeinflussen, Konflikte aufgrund nicht intendierter oder nicht erwünschter Folgen des Technikeinsatzes, Technikobjekte als Ziel von Konflikt- und Gewalthandlungen oder Konflikte um die Gestaltung von Technikentwicklung. Neben verschiedenen Formen von Technikkonflikten werden alternative Ansätze der Technikgestaltung diskutiert.

EU-Kommission gegen Google, NSA vs. Snowden, Atomstreit mit Iran, Kampf um bewaffnete Drohnen, Proteste gegen Fracking, Streit um die Vorratsdatenspeicherung, – dies sind nur einige Medienthemen der jüngeren Zeit, in denen technische Systeme Zündstoff für politische Konflikte lieferten. Obwohl Technik zunehmend mit gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden ist und direkt oder indirekt in vielen Konflikten eine Rolle spielt, sind Technikkonflikte bislang jedoch kaum ein eigener Gegenstand der Forschung. Allenfalls erregten Konfliktanalysen für bestimmte Technologien Aufmerksamkeit, etwa bei der Atomenergie, Chemie- und Gentechnik, der Bioenergie und Agrartechnik oder bei Informationstechnologien.

In einem Sammelband zu Umwelt- und Technikkonflikten wird konstatiert, dass „die Einführung neuer Technologien und der gesellschaftlich-ökonomische Wachstumsprozess zu Konflikten führen, in deren Zentrum die Wahrnehmung, Bewertung, Prävention und Verteilung von Risiken stehen. In vielen Fällen verbinden sich diese Konflikte mit einem grundlegenden Dissens über den gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungspfad.“ (Feindt/Saretzki 2010, S.9) Werden in den USA damit verbundene Aspekte vor allem im Kontext von »Science and Technology Studies« behandelt, ist in Deutschland die Thematik stark durch den Risikobegriff und die Debatte über die »Risikogesellschaft« geprägt, bei der „es oft mehr um makrogesellschaftliche Konstellationen als um Akteurkonstellationen und Konfliktstrategien auf der Mesoebene von Politikfeldern geht“ (Feindt/Saretzki 2010, S.10). Dies mag auch daran liegen, dass die Forschungsfelder der Technik- und der Konfliktforschung bislang nur wenig miteinander gemein hatten und der sozialwissenschaftlich geprägte Konfliktbegriff spezifische natur- und ingenieurwissenschaftliche Dimensionen der Technik nicht erfassen konnte.

Während bei den genannten Aspekten vor allem innergesellschaftliche Auseinandersetzungen im Vordergrund stehen, werden Technikkonflikte im Folgenden breiter gefasst, um die vielfältigen Konfliktdimensionen der Technik deutlicher zu machen. Konflikt wird hier verstanden als Austragung unvereinbarer Positionsdifferenzen zwischen Akteuren unter Einsatz widerstreitender Handlungsmittel. Um deutlich zu machen, wie Technik sich in diesem Konfliktbegriff wiederfindet, werden zunächst kurz einige grundlegende Überlegungen zum Technikbegriff angestellt, bevor verschiedene Aspekte von Technikkonflikten behandelt werden.

Der Technikbegriff im Kontext menschlichen Handelns

In der Wechselwirkung des Menschen mit seiner Umwelt ist Technik eng mit menschlichem Handeln verknüpft. Sie dient der Wirkungssteigerung des Handelns, als eine Verstärkung und Verlängerung des menschlichen Körpers in all seinen Dimensionen, von Hand und Fuß über das Gehirn und die Sinne bis zu Sprache, Kommunikation und anderen sozialen Interaktionen. Technik multipliziert die Wirkung des Handelns in doppelter Weise: auf der Verursacherseite bei den Fähigkeiten, neue Handlungspfade »in Gang zu setzen«, auf der Folgenseite bei den Bedürfnissen und Werten, die auf diesen Wegen erreicht werden. Auf dem gesamten Handlungspfad sollen technische Prozesse, Regeln und Gegenstände die eingesetzten Ressourcen und angestrebten Ziele in einen zweckmäßigen Zusammenhang bringen. Dabei muss die Technik „mit den jeweiligen körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen der Individuen abgestimmt werden“, damit die Menschen ihre Souveränität und Kompetenz bewahren (Ropohl 1985, S.13).

Wie die Wissenschaft auch, ist Technik ein Mittler zwischen Natur, Mensch und Gesellschaft, sie trennt und verbindet sie zugleich. Das Wissen über die Natur wird übersetzt in technisch konstruierte Gegenstände, die eingesetzt werden, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Aus kausalen »Wenn-dann«-Beobachtungen entsteht die Möglichkeit, das »Wenn« herbeizuführen, um das »Dann« zu konstruieren. Ob dies zweckmäßig ist, wird durch wissenschaftlich erfassbare Gesetzmäßigkeiten und individuelle Ziele ebenso bestimmt wie durch gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse, die die Verteilung von Werten, Kosten und Risiken der Folgen beeinflussen. Umgekehrt werden Produktionsbedingungen und Wertevorstellungen durch die Technikentwicklung transformiert.

Im Kontext des Konfliktbegriffs kann Technik über die Folgewirkungen Positionsdifferenzen beeinflussen, sofern konfliktrelevante Werte und Interessen von Akteuren betroffen sind. Technik dient zugleich als Handlungsmittel in Konflikten, um bestimmte eigene Handlungspfade zu eröffnen oder um das Handlungsspektrum anderer Akteure zu beeinflussen, und dadurch den Konfliktaustrag zu eigenen Gunsten zu verschieben. Dabei kann Technik selbst zum Konfliktgegenstand werden, wenn es darum geht, über die Richtung und Gestaltung technischer Entwicklung zu streiten, auf bestimmte Techniken Zugriff zu erhalten oder unerwünschte Wirkungen für betroffene Akteure auszuschließen. Die Vielfalt dieses Verständnisses von Technikkonflikten soll im Folgenden anhand wesentlicher Themenfelder verdeutlicht werden.

Rüstungstechnik, Gewaltkonflikte und vernetzter Krieg

Offenkundig ist die unmittelbare Wirkungssteigerung von Gewaltmitteln durch Technik in Kriegen und anderen Konflikten, die explizit auf Zerstörung ausgerichtet ist. Durch den Einsatz technisch gebündelter Naturkräfte soll das Kräfteverhältnis zum eigenen Vorteil verändert werden. Die materielle und energetische Verkörperung technischer Gewalt ist die Waffe, durch deren Beherrschung Macht ausgeübt wird. Wenn es gelingt, dadurch Zugriff auf weitere Gewaltmittel und Machtressourcen zu erlangen, kann dies eine Gewaltspirale fördern, die die technische Entwicklung in eine Eskalationsdynamik hineinzieht und eine Totalität des Krieges ermöglicht, bis hin zur Zerstörung des ganzen Planeten.

Eine Triebkraft der Rüstungsdynamik ist es, militärische Überlegenheit zu erzielen. Im Wettrüsten des Kalten Krieges war der rüstungstechnische Vorsprung meist nur von relativ kurzer Dauer. Das Militär machte sich die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung immer umfassender zu Nutzen, während sich wissenschaftliche Arbeiten gleichzeitig zu einem erheblichen Teil auf militärische Ziele bezogen – dies galt von der Grundlagenforschung bis hin zur anwendungsnahen Entwicklung (Altmann/Scheffran 1983, S.138). Mit dem Raketenabwehrprogramm der USA in den 1980er Jahren wurde der Versuch unternommen, die ganze Hochtechnologientwicklung militärischen Verwertungsinteressen zu unterwerfen, unter Ausnutzung der zivil-militärischen Doppelverwendbarkeit (Dual-use) auch des zivilen Technologiezweigs (Scheffran 1985). Nach Ende des Ost-West-Konflikts wurde aufgrund der Notwendigkeit von Kosteneinsparungen und geringerer öffentlicher Akzeptanz für den Militärsektor die Ambivalenz der Forschungsergebnisse systematisch genutzt (Liebert et al. 1994). Noch stärker als für die Kernenergie und die Weltraumtechnik, die beide eng verflochten sind mit der Entwicklung von Atomraketen, gilt dies für die Informationstechnologie.

In der komplexen Weltordnung der heutigen Zeit entstehen neue Muster von Gewalt und Krieg. Vermittelt durch Technik durchdringen sie alle Räume und Dimensionen der Gesellschaft, von kleinsten Räumen über unsere irdische Lebenswelt bis zum Weltraum. Die Vernetzung zwischen Technik, Gesellschaft und Krieg betrifft die Vorbereitung, Planung und Durchführung von Gewalteinsätzen unter Ausnutzung der fließenden Übergänge zwischen zivilen und militärischen Strukturen. Wissenschaft und Technik sind eng verwoben mit wirtschaftlichen und politischen Prozessen. Die Folgen von Krieg und Gewalt werden in marginalisierte Randzonen der Machtzentren abgedrängt oder manifestieren sich als strukturelle Gewalt. Der menschliche Körper ist über technische Systeme mit globalen Strukturen vernetzt, über alle Dimensionen hinweg. Dies betrifft zum einen die Verschmelzung von Mikro-, Nano- und Biotechnologien, die Macht- und Gewaltprojektionen in kleinsten Räumen erlaubt, zum anderen die globale Vernetzung aller Systeme durch moderne Transport-, Informations- und Kommunikationssysteme, technische Intelligenz, Drohnen, Robotik und Cyberspace. Satelliten, Anti-Satellitenwaffen, Raketenabwehr und Lasertechnologie erlauben Macht- und Gewaltprojektionen über den ganzen Planeten und in den erdnahen Weltraum.

Wirtschaftswachstum und globalisierte Konkurrenz

Der Multiplikator- und Vernetzungseffekt der Technik spielt auch in der auf Wachstum ausgerichteten kapitalistischen Ökonomie eine Rolle, die technische Produktionsmittel in Form von Kapital anhäuft. Hinsichtlich der Steigerung intendierter Wirkungen hat sich das baconsche Programm der wissenschaftsgeleiteten Technikentwicklung zunächst als wirtschaftliches Erfolgsmodell erwiesen und in Teilen der Welt die Mühsal der menschlichen Existenz erleichtert, was aber zunehmend auf Grenzen stößt. Dass heute trotz begrenzter Ressourcen rund zehnmal so viele Menschen auf der Erde existieren können wie vor der Industrialisierung, wurde durch verschiedene technische Quantensprünge erst möglich. Zugleich stellt sich die Frage, wie lange sich Wohlstand noch steigern lässt, ohne dass die Folgen der Technik dessen Grundlagen zerstören.

In der wirtschaftlichen Konkurrenz führen effektivere Produktionsverfahren zu Wettbewerbsvorteilen durch Profitsteigerung und letztlich zur Ausschaltung von bzw. Fusion mit Konkurrenten, um deren Kapazitäten einzubinden – ein Äquivalent zur Konzentration in der Gewaltspirale. Während die Mehrung von Einkommen und Profit als treibende Kraft für die Steigerung der technischen Produktivität und den erwarteten Wertezuwachs gilt, drückt sich im Preis das Verhältnis zwischen den eingesetzten Mitteln und Kosten der Produzenten im Herstellungsprozess und den erzielten Werten und der Nachfrage der Konsumenten im Verwertungsprozess aus. Beides wird durch technische Innovationen beeinflusst. Zu den Begleiterscheinungen einer auf Expansion ausgerichteten Wirtschaftsmaschinerie gehören vielfältige Zwänge, Unterdrückungs- und Ausbeutungsstrukturen, die Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität zur Folge haben und immer neue Konflikte in einer wirtschaftlichen Dauerkrise mit sich bringen.

Naturzerstörung und Klimawandel

Eine zentrale Rolle spielt Technik auch für den Konflikt zwischen Mensch und Natur, der über ökonomische und soziale Prozesse vermittelt wird. Dies betrifft zum einen die technischen Systemen zugrunde liegenden natürlichen Faktoren und Ressourcen (u.a. Materie, Energie, Information, Leben), zum anderen die Wirkung des Technikeinsatzes auf die Natur, die zur Zerstörung von Ökosystemen, Lebensräumen und Artenvielfalt führt und diese zu Konfliktfeldern macht (Hummel et al. 2002). Der von Malthus vor mehr als 200 Jahren prognostizierte baldige Zusammenbruch der menschlichen Population konnte mit neuen Erfindungen immer wieder verschoben werden, ungeachtet anderer Katastrophen wie den beiden Weltkriegen. Ging es bei der Industrialisierung darum, Naturressourcen in großem Maßstab in die Erzeugung von Produktions- und Destruktionsmitteln zu pumpen, so werden die Grenzen des expansiven und verschwenderischen Umgangs mit der Natur in Umwelt- und Ressourcenkonflikten sichtbar (Scheffran/Vogt 1998).

Neben dem Naturverbrauch auf der Verursacherseite tritt die destruktive Seite der Technik auch auf der Folgenseite immer deutlicher hervor. Dies wird sichtbar bei der fossilen Energieversorgung, die ein breites Feld für Technikkonflikte aller Art war und ist (IANUS 1996), so bei der Einbeziehung von Kohle, Erdöl und Erdgas – als Ressource wie als Konfliktgegenstand – in die Kriegführung im Ersten und Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg sowie in diversen Kriegen in Nahost und in der Kaukasusregion. Unkonventionelle Methoden der Gewinnung fossiler Energieträger sind nicht nur mit steigenden Kosten, sondern auch mit Umweltfolgen verbunden, so bei der Gewinnung von Ölsänden, Schiefergas oder Erdgas durch Fracking, was ebenso zu Protesten führt wie Ölbohrungen zur See oder in der Arktis.

Am stärksten wird dies beim Klimawandel deutlich, der durch die Freisetzung fossiler Treibhausgasemissionen das gesamte Erdsystem zu destabilisieren droht und damit neue Sicherheitsrisiken und Konfliktfelder eröffnet (Scheffran/Battaglini 2011). Vermittelt über das globale Klimasystem wird der Mensch sich selbst zum Feind, ungeachtet aller Unterschiede auf der Verursacher- und Betroffenenseite in Nord und Süd, zwischen Arm und Reich. Mag der Klimawandel zunächst noch als unbeabsichtigte Nebenfolge des fossilen Entwicklungspfades der Menschheit gelten, so könnte der Versuch, mit Hilfe von Geoengineering im Anthropozän die Kontrolle über den Planeten zurückzugewinnen, zum Fiasko einer wider die Natur handelnden Technikgläubigkeit geraten. Welche Risiken und Konflikte eine solche Machtprobe für die menschlichen Gesellschaften in sich birgt, lässt sich nur erahnen (Maas/Scheffran 2012).

Technik in der Risikogesellschaft

Auch das Versagen von Technik birgt erhebliche Risiken und Konfliktpotentiale, insbesondere in großtechnischen Systemen, in denen sich kleine Fehler zu Katastrophen aufschaukeln können. Die Risikoforschung untersucht, wie in komplexen technischen Systemen eine Kombination verschiedener Ereignisse zum Verlust der eingeplanten Steuerungsmechanismen führt. Angestoßen wurde die Debatte durch spektakuläre Unfälle mit Risikotechnologien (Bhopal, Challenger, Tschernobyl), die zeigten, dass Großtechnologie (Chemie- und Atomtechnik, Bio- und Gentechnologie, Luft- und Raumfahrt, Rüstungstechnik) nicht vollständig beherrschbar ist und ein »Restrisiko« schafft, das mit Naturkatastrophen vergleichbar sein kann. Bei der Kernenergie treten Risiken über die gesamte nukleare Kette auf: von Uranminen über Unfälle und den Transport radioaktiver Materialen bis zur ungelösten Endlagerproblematik. Da bei komplexen Systemen nicht alle Eventualitäten vorherbestimmbar sind, genügt oft ein geringfügiges Ereignis, um eine Ereigniskette auszulösen, die bei eng gekoppelten Mensch-Maschine-Systemen als unvermeidbare „normale Katastrophe“ erscheint (Perrow 1984).

Ein spektakuläres Beispiel für eine Risikokaskade, in der Natur und Technik zusammen wirkten, war das Erdbeben in Japan vom 11. März 2011, das eine Kette von Ereignissen mit globaler Wirkung in Gang setzte. Die Tsunami-Welle zerstörte in Fukushima mehrere Reaktoren, deren radioaktives Inventar sich über die Atmosphäre und den Ozean nicht nur lokal, sondern auch global ausbreitete. Direkt oder indirekt davon betroffen waren das japanische Stromnetz, die Nuklearindustrie, Aktienmärkte, der Ölpreis und die Weltwirtschaft. Autohersteller und Elektronikfirmen drosselten weltweit die Produktion, weil wichtige Teile aus Japan nicht mehr geliefert wurden. Die Schockwellen der Nuklearkatastrophe lösten in Deutschland die Energiewende aus. Diese Katastrophe zeigt eindrücklich, wie ein Einzelereignis kaskadenartig verschiedene Prozessketten in Gang setzen und miteinander verknüpfen kann (Kominek/Scheffran 2011). Sie zeigt auch, wie die Risikohaftigkeit von Technik Widerstände und Proteste auslösen kann.

Neben Erdbeben oder technischen Unfällen können auch Klimawandel und Wetterextreme kritische Infrastrukturen und Versorgungsnetze treffen, die für die Aufrechterhaltung menschlicher Existenz wichtig sind. Hierzu gehören Systeme für die Versorgung mit Wasser, Nahrung und Energie, mit Gütern und Dienstleistungen, Systeme für die Bereitstellung von Kommunikations-, Gesundheits-, Transport- und Sicherheitsdienstleistungen sowie menschliche Siedlungen und politische Institutionen. Dabei ist nicht nur das Versagen von Teilsystemen von Bedeutung, sondern auch die Möglichkeit, dass sich das Versagen über Kopplungen ausbreiten und das gesamte System gefährden kann. So führten Wetterextreme in Deutschland, wie die Hitzewelle 2003, die Sturmflut 2013 oder das Elbehochwasser im selben Jahr, zu erheblichen Beeinträchtigungen des (Zug-) Verkehrs und der Energieversorgung.

Die Frage ist, ob Kettenreaktionen im Stromnetz großflächige Blackouts herbeiführen können, wovon praktisch alle anderen Versorgungssysteme betroffen sind. Bei einem größeren Stromausfall in Europa im November 2006 waren Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Spanien zeitweise von der Stromversorgung abgeschnitten. Im November 2005 ereignete sich nach heftigen Schneefällen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen einer der größten Stromausfälle in der deutschen Geschichte.

Verwundbarkeit gegen Angriffe auf technische Systeme

Zur Risikogesellschaft gehört auch, dass mit der wachsenden Abhängigkeit von technischen Infrastrukturen auch ihre Verwundbarkeit gegenüber Angriffen zunimmt, um diese Strukturen zu zerstören oder für destruktive Zwecke zu instrumentalisieren. Wenn der Mensch Teil der Maschine wird, kann er sie willentlich in den Untergang steuern, indem die eingebauten Wirkmechanismen einem von den Konstrukteuren nicht geplanten Zweck zugeführt werden – eine andere Variante von Dual-use. Durch den »Missbrauch« wird aus der Möglichkeit einer nicht intendierten Nebenfolge die konkrete Gefahr, diese absichtlich auszunutzen. Passagierflugzeuge können, wie der 11. September 2001 zeigte, nicht nur Ziel von Gewalthandlungen sein, sondern auch selbst zur Waffe werden, ebenso wie Fahrzeuge, Schiffe, Reaktoren, Chemieindustrie, das Internet oder Stromnetze. Die von Allmachtsphantasien getriebene Wahnsinnstat wird nicht nur ergriffen, weil sie gewollt ist, sondern auch, weil sie durch den Verstärker- und Multiplikatoreffekt der Technik möglich wird, ja, nachgerade dazu verführt.

Die Technik gibt dem Individuum die Macht, sich wie die Spinne im Netz zu verhalten, das sich seine Beute aussuchen kann. Einzelne Personen verfügen durch das Internet über riesige Informationsmengen, die sie für beliebige, auch kriminelle Zwecke einsetzen können. Der Zugriff des Individuums auf diese enorm gesteigerte technische Macht wird symbolisiert durch den Hacker, der gezielt Knoten des globalen Netzes nicht nur ausschalten, sondern für destruktive Zwecke einsetzen kann. Das Netz wird so Ziel von Gewalthandlungen, alle daran angebunden Systeme werden zur potentiellen Waffe. Diese technisch gesteigerte Macht des Individuums ist kaum völlig kontrollierbar, solange Technik diese Möglichkeit bietet.

Technisierung und Kontrolle der Lebenswelt

Beschleunigt durch technologische Umwälzungen verläuft die gesellschaftliche Entwicklung mit rasanter Geschwindigkeit. Ging es bei der Ausweitung des menschlichen Einflussbereichs in Raum und Zeit zunächst um mechanische Werkzeuge, so kamen immer neue Formen der Energienutzung hinzu. Die Elektrifizierung und Computerisierung erlaubte es, Energie- und Informationsflüsse über wachsende Entfernungen in immer kleineren Zeiträumen auszutauschen. Dass eine E-mail in Sekundenbruchteilen den Planeten überquert und potentiell eine direkte Kommunikation mit allen anderen Menschen ermöglicht, gilt heute als selbstverständlich, wäre vor einer Generation aber noch als Science-Fiction abgetan worden. Alle erreichen zu können, bedeutet auch, von allen erreicht zu werden. Hier wird der Prozess der permanenten Grenzüberschreitung durch Technik fortgesetzt, die das menschliche Maß verlässt und die Überforderung verstärkt.

Technik bestimmt so die menschliche Lebenswelt und macht immer mehr Lebensfunktionen von technischen Systemen abhängig. Wie eingangs erwähnt, können diese an praktisch allen Schnittstellen des menschlichen Körpers und seiner Interaktionen mit der natürlichen und sozialen Umwelt ansetzen, um ihre Multiplikatorwirkung zu entfalten. Die Beherrschung komplexer technischer Systeme bedarf eines steigenden Lernprozesses der Anpassung. Wer glaubt, mit Hilfe der Technik seinen eigenen Einflussbereich ausweiten zu können, bewegt sich zunehmend in technisch konstruierten Welten, wird Teil einer Maschinerie und ist ihren Gesetzen und Zwängen unterworfen. Wer hier wen führt, der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen, lässt sich kaum unterscheiden.

Dies gilt für Individuen ebenso wie für staatliche Organe. Mit vernetzter Technik wird der Einflussbereich des Staates auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausgedehnt. Polizei, Justiz, Militär und Geheimdienste nutzen die neuen Machtmittel und lassen sich nur widerwillig dabei einschränken, wie beim NSA-Skandal ersichtlich. Bei der Steuerung sozialer und politischer Prozesse kann Technik bestehende Macht- und Herrschaftsstrukturen verstärken, aber auch überwinden helfen. Technik dient als gesellschaftliches Herrschaftsinstrument, das die Macht staatlicher Institutionen stärkt und die Bereitschaft zur Machtteilhabe einschränkt, oft mit dem Argument, Technik dürfe nicht in »falsche« Hände geraten. Im Wettlauf zwischen individueller und staatlicher Macht landen Innovationen letztlich auch bei der anderen Seite. Dies gilt auch für die Mittel der Überwachung und Steuerung. Wer glaubt, die Welt durch Spionagesoftware, Drohnen oder insektengleiche Mikroroboter sicherer zu machen, wird sich am Ende durch diese selbst bedroht sehen.

Vom Protest zur Technikgestaltung

Technik wird häufig auch selbst zum Konfliktgegenstand. Es gibt es eine lange Geschichte sozialer Bewegungen, die sich in unterschiedlichen Technikparadigmen mit den Folgen der Technik auseinandersetzten, von den Maschinenstürmern über die Arbeiterbewegung bis zur Studenten– und Umweltbewegung (Ohme-Reinicke 2014). Dabei geht es um den Streit, welche Richtung die technische Entwicklung nehmen oder nicht nehmen soll, um Interessensgegensätze und um den Umgang mit Risiken. Dabei spielen Protest, Widerstand und Whistleblowing eine wichtige Rolle: Sie können helfen, negative Entwicklungen an die Öffentlichkeit zu bringen. inakzeptable Folgen und Risiken zu vermeiden oder Win-Win-Lösungen zu stärken.

Entsprechende Auseinandersetzungen gibt es in nahezu allen Technikfeldern, auch in solchen, die lange Zeit auf breite Akzeptanz stießen, wie bei der Klimapolitik oder der Energiewende (Scheffran/Cannaday 2013). Trotz einer parteiübergreifenden Zustimmung für erneuerbare Energien gibt es lokale Widerstände gegen einzelne Komponenten des Energiesystems. Beim Bau großer Staudämme zur Energiegewinnung und Wasserregulierung ist dies schon lange ein Thema. In den letzten Jahren geriet aufgrund des hohen Flächenverbrauchs auch die Bioenergie zunehmend ins Spannungsfeld widerstreitender gesellschaftlicher Interessen in Bezug auf Naturschutz oder Lebensmittelanbau, was zur Entwicklung von Nachhaltigkeitskriterien für die Bioenergie führte (Scheffran 2009). Bei der Windenergie werden neben der„Verspargelung von Landschaft und Küsten“ auch ökologische Folgen thematisiert (Zoll et al. 2001). Die Solarenergie blieb bislang von solchen Debatten weitgehend verschont, ihre zukünftige großflächige Nutzung (etwa in Wüsten Nordafrikas) weckt aber kritische Fragen. Auch andere Komponenten des Energieumbaus erzeugen Widerstand, insbesondere Stromtrassen, die Nord- und Süddeutschland verbinden sollen, oder Pumpspeicherwerke.

Um mit solchen Fragen umzugehen, bedarf es geeigneter Entscheidungsprozesse im Lebenszyklus der Technikentwicklung, von der Grundlagenforschung über die Erprobung bis zu Einsatz, Recycling und Abfallverwertung. Es geht auch um Lern- und Aushandlungsprozesse, um Differenzen und Konflikte auf konstruktive Weise zu lösen und um kooperative und partizipative Strukturen zu schaffen (Böschen/Pfersdorf 2014). Verschiedene Konzepte können hier zusammenwirken: präventive Rüstungskontrolle und Zivilklauseln zur Eindämmung der militärischen Verwendung von Forschung und Technik; nachhaltige und effiziente Ressourcenutzung, um die Belastung für Mensch und Natur durch Technik auf der Verursacher- und Folgenseite zu verringern; vernetzter Frieden, um Technologien zu nutzen, die die soziale Kompetenz stärken und gemeinsames Handeln zur Problem- und Konfliktbewältigung ermöglichen; Partizipation der Bevölkerung an Entscheidungs- und Nutzungsprozessen, um demokratisch legitimierte Entscheidungen und einen Interessenausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Stakeholdern zu ermöglichen; und politische Regulierungsmechanismen, die die Entwicklung einer verantwortlichen Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung erlauben.

Literatur

Jürgen Altmann und Jürgen Scheffran (1983): Ist militärische Überlegenheit erreichbar? – Die neuen Rüstungstechnologien. In: Hans-Peter Dürr, Hans-Peter Harjes, Matthias Kreck, Peter Starlinger (Hrsg.): Verantwortung für den Frieden – Naturwissenschaftler gegen Atomrüstung, Hamburg: Rowohlt, S.138-154.

Stefan Böschen und Simon Pfersdorf (2014): Partizipation von zivilgesellschaftlichen Organisationen in Innovationsentwicklung und Risikobewältigung. Forschungsjournal SB 4/2014, S.50-59.

Peter H. Feindt und Thomas Saretzki (Hrsg.) (2010): Umwelt- und Technikkonflikte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Matthias Hummel, Jürgen Scheffran, Hans R. Simon (Hrsg.) (2002): Konfliktfeld Biodiversität. Münster: agenda.

IANUS (1996): Energiekonflikte – Kann die Menschheit das Energieproblem friedlich lösen? W&F-Dossier 22.

Jasmin Kominek und Jürgen Scheffran (2012): Cascading Processes and Path Dependency in Social Networks. In: Hans-Georg Soeffner (ed.): Transnationale Vergesellschaftungen – Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Wolfgang Liebert, Rainer Rilling, Jürgen Scheffran (Hrsg.) (1994): Die Janusköpfigkeit von Forschung und Technik. Marburg: BdWi-Verlag.

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Annette Ohme-Reinicke (2014): Vom Maschinensturm zur Schlichtung? Zur Bedeutung von Technikparadigmen in der Konstitution sozialer Bewegungen. Themenschwerpunkt Technik und Protest, Forschungsjournal SB 4/2014, S.30-39.

Charles Perrow (1987): Normale Katastrophen: Die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik. Frankfurt: Campus.

Günter Ropohl (1985): Die unvollkommene Technik. Frankfurt: Suhrkamp.

Jürgen Scheffran (1986): Der Streit um die Hochtechnologieförderung – Kriterien zur Bewertung. Blätter für deutsche und internationale Politik 2/1986, S.214-228.

Jürgen Scheffran und Wolfgang Vogt (Hrsg.) (1998): Kampf um die Natur – Umweltzerstörung und die Lösung ökologischer Konflikte. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

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Jürgen Scheffran (2010): Criteria for a Sustainable Bioenergy Infrastructure and Lifecycle. In: Peter N. Mascia, Jürgen Scheffran, Jack M. Widholm (eds.): Plant Biotechnology for Sustainable Production of Energy and Co-products. Heidelberg: Springer, S.409-443.

Jürgen Scheffran und Antonella Battaglini (2011): Climate and Conflicts – The security risks of global warming. Regional Environmental Change, Vol, 11 Issue 1, S.27-39.

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Ralf Zoll (Hrsg.) (2001). Energiekonflikte – Problemübersicht und empirische Analysen zur Akzeptanz von Windkraftanlagen. Münster: LIT.

Jürgen Scheffran ist Professor am Institut für Geographie der Universität Hamburg, Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit im Klima-Exzellenzcluster und Mitglied der Redaktion von W&F.

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