in Wissenschaft & Frieden 2015-1: Afrika, Seite 31–33

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Ein komplexeres Bild wagen!

Ein exemplarischer Blick auf Ghana

von Julia Ruppel

In den Medien wird Afrika schnell mit Krisen, Krankheiten und Katastrophen in Verbindung gebracht. Die Berichterstattung mit ihrem einseitigen Fokus auf Ebola, Boko Haram und Konflikte im Süd-Sudan oder Mali prägt nur zu leicht das Bild in der Öffentlichkeit. Auch der Friedensforschung wurde der Vorwurf gemacht, vorwiegend den »spektakulären Kriegsereignissen« Aufmerksamkeit zu schenken, anstatt sich dem Frieden als Gegenstand empirischer Forschung zu widmen (Koppe 2006). Um zu einem differenzierten Bild zu gelangen, sollten Wissenschaft und Politik mehr Komplexität zulassen und sich mit innergesellschaftlichen Machtprozessen und der Veränderung sozialer Machtstrukturen in einzelnen Staaten Afrikas auseinandersetzen. Hier ein Versuch mit Blick auf Ghana.

Die gewalttätigen Staatszerfallprozesse in Somalia sowie der Schock des nicht verhüteten Völkermordes in Ruanda führten bei nationalen Regierungen, internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen zu einem enormen Aufschwung von Projekten zur Krisenprävention. Ebenso intensivierte die Friedensforschung ihre Anstrengungen, den Präventionsgedanken und dessen politisch-operative Umsetzbarkeit konzeptionell zu klären. Die Wissenschaft konzentrierte sich dabei insbesondere auf die Erforschung der Ursachen innerstaatlicher Gewaltkonflikte.

Spätestens mit den terroristischen Anschlägen in den USA 2001 rückte auch die »fragile Staatlichkeit« in den Mittelpunkt von Wissenschaft und Politik. Derartige Staaten werden in zweierlei Hinsicht als problematisch angesehen: Erstens scheinen instabile Staaten nicht in der Lage, für die Sicherheit ihrer eigenen Bürger zu sorgen, und zweitens taugen sie nicht als »Bausteine« für die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen internationalen Systems (Boege et al. 2008, S.2). Folglich wurde »Statebuilding«, basierend auf dem westlichen Ideal eines »OECD-Staates«, zum dominanten Paradigma in Wissenschaft und Politik und dient seither als Allheilmittel zur Förderung des globalen Friedens.

Die Statebuilding-Strategie suggeriert eine gewisse Unzulänglichkeit der Staaten Afrikas, die durch externe Hilfe, insbesondere durch den Aufbau staatlicher Institutionen nach westlichem Vorbild, behoben werden könnte (Bøås und Jennings 2005, S.388). Andere Ansätze, wie der zu hybriden Staaten (z.B. Boege et al. 2008), versuchen mittlerweile zwar die Aufmerksamkeit der Forschung weg von der vermeintlichen Unzulänglichkeit und hin zu den Realitäten vor Ort zu lenken, jedoch wird weiterhin der Eindruck erweckt, dass politische Institutionen in Afrika verändert werden müssten, da sie nur bedingt dem Modell des OECD-Staats entsprächen. Somit hat die Friedensforschung mit ihrem Schwerpunkt auf Kriegsursachen und Statebuilding an der negativen öffentlichen Wahrnehmung des afrikanischen Kontinents mitgewirkt.

Gegensteuern mit Erfolgsgeschichten?

Mittlerweile gibt es sowohl in der Forschung als auch in der internationalen Politik eine Gegenbewegung, die sich mit »Erfolgsgeschichten« beschäftigt. Die Weltbank widmet sich auf ihrer Seite »Yes Africa Can«1 und »Africa Can End Poverty«2 den »success stories« des dynamischen Kontinents, und auch die Europäische Union versucht ihre Afrikapolitik durch Betonung der Erfolge in ein positives Licht zu rücken.3 Staaten, die in diesem Zusammenhang immer wieder als Paradebeispiel dienen, sind u.a. Botswana, Mauritius und Ghana.

Auch die Forschung ist der Frage nachgegangen, warum in einigen Ländern Afrikas keine innerstaatlichen Kriege ausbrechen und ob es dafür bestimmte Ursachen gibt. Erwähnenswert ist hier die Arbeit von Frances Stewart (2008) und ihrem Team, die sich mit dem Management von sozialökonomischen Ungleichheiten zwischen Gruppen (horizontal inequalities) auseinandersetzten. Das Ergebnis ihrer Arbeit lässt sich wie folgt zusammenfassen: Wenn in einer Gesellschaft Erwartungssicherheit hinsichtlich der Partizipationsmöglichkeiten sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen System über die entscheidenden gesellschaftlichen Konfliktlinien hinweg gegeben ist, dann werden die in ihr stattfindenden Konflikte friedlich ausgetragen (Ruppel 2010). Auch Ghana wird von der Forschungsgruppe Stewards als positives Beispiel aufgegriffen, da es dort gelingt, markanten sozioökonomischen Ungleichheiten zwischen Gruppen durch politisch, wirtschaftlich und kulturell inklusive Politik entgegenzuwirken (Langer 2008).

Der Fokus auf Erfolgsgeschichten leistet in jedem Fall einen Beitrag dazu, ein gewisses Gegengewicht zum stereotypen Negativbild Afrikas in der Öffentlichkeit herzustellen. Allerdings erscheint der Ansatz, ein einseitiges Bild mit einer wiederum einseitigen Gegendarstellung in Balance zu bringen, nicht sehr vielversprechend. Vielmehr sollte die Friedensforschung mehr Komplexität zulassen und sich verstärkt damit beschäftigen, inwiefern Staaten des Globalen Südens einfach anders funktionieren als das erkorene Vorbild des westlichen Weber’schen Staatsmodells. Die institutionelle Schale des Nationalstaats mag den Eindruck erwecken, es bestehe eine erhebliche Kongruenz zwischen den politischen Institutionen in verschiedenen Ländern Afrikas mit denen der westlichen Industrieländer. Doch die politischen Institutionen des Globalen Südens funktionieren deutlich anders als die der Industrieländer und variieren auch untereinander (Khan 2010). Dies ist der Fall, da jeder Staat durch eine ihm spezifische interne Machtkonstellation zwischen konfligierenden sozialen Gruppen charakterisiert ist. Diese Machtkonfiguration innerhalb der Gesellschaft formt – und stützt – sowohl die formellen wie die informellen Institutionen, die gleichermaßen für die ökonomische Nutzenverteilung innerhalb dieser Gesellschaft entscheidend sind (ibid.). In Anlehnung an Khan (2010) wird diese innergesellschaftliche Machtkonfiguration im Folgenden als »Political Settlement« konzeptualisiert. Dabei gibt es Pluralität hinsichtlich der Form von Staaten, die verschiedene Konfigurationen von Staat/Gesellschaft-Komplexen repräsentieren. Um zu einem differenzierten Bild Afrikas beizutragen, macht es Sinn, die »black box« Staat zu öffnen und der Frage nach Veränderungen der gesellschaftlichen Machtkonstellationen in einzelnen Ländern nachzugehen. Hier ein Versuch mit Blick auf Ghana.

Sozialer Wandel in Ghana – was hat sich verändert?

Anfang der 1980er Jahre galt Ghana als kollabierter Staat (Rothchild 1995, S.50). Heute hingegen wird das Land als»Leuchtturm der Demokratie«4 und »West Afrikas Oase der Stabilität«5 gepriesen. Angesichts dieses drastischen Imagewandels stellt sich die Frage, ob und gegebenenfalls was sich in Ghana strukturell gewandelt hat.

Die politische Sphäre wird von Ghanas moderner politischer Elite dominiert. Hier stehen sich zwei dominante Blöcke gegenüber: der National Democratic Congress (NDC) und die New Patriotic Party (NPP), die beide auf Allianzen verschiedener Gesellschaftsgruppen beruhen. Da Ethnizität weiterhin die dominante Konfliktlinie in Ghanas Gesellschaft darstellt, spielt sie eine entscheidende Rolle bei der Formation von Allianzen im Wettbewerb um politische Macht. So wird die NPP oft als Partei der ethnischen Gruppe der Akan wahrgenommen, wohingegen der NDC als Vertreter der Ewe angesehen wird. Selbstverständlich teilt sich die ghanaische Gesellschaft nicht akkurat in Akan und Ewe, sondern ist bedeutend diverser und spaltet sich z.B. innerhalb der Akan wiederum in verschiedene Fraktionen auf. Entscheidend dabei ist, dass keine der gesellschaftlichen Fraktionen zahlenmäßig groß genug ist, um eine Machtübernahme durch Wahlen zu garantieren. So müssen NDC und NPP über ethnische Grenzen hinweg politische Allianzen formen und um die Stimme jedes Wählers buhlen. Die ethno-demografische Zusammensetzung verwandelt Präsidentschaftswahlen in Kopf-an-Kopf-Rennen, so dass die Wählerschaft gegenüber der politischen Elite eine relativ starke Position einnimmt.

Dem Staat als zentralem Akteur in der Wirtschaft kommt eine entscheidende Rolle bei der Akkumulation von Kapital zu. Daher sind Ghanas politische und wirtschaftliche Eliten eng miteinander verflochten. Während die politische Führungsriege von der Wirtschaftselite und Zahlungen der Diaspora zur Finanzierung ihrer kompetitiven Wahlkämpfe abhängt, ist ein Großteil des Wirtschaftssektors zur Kapitalbildung auf Aufträge des Staates angewiesen. Mittlerweile verfügen NDC und NPP durch verbündete Wirtschaftseliten über eine gewisse finanzielle Basis. Eine starke überparteiliche Mittelschicht existiert bislang nicht.

Ghanas wirtschaftliche Produktion – vor allem der Anbau von Kakao – wird in erster Linie von zahlreichen Kleinbauern gestemmt, unter denen die Akkumulation von Kapital beschränkt bleibt. Die Ausweitung der Kakaoproduktion in Kombination mit einer für Ghana günstigen internationalen Preisentwicklung ließ die Exporterlöse ansteigen, die zusammen mit den wachsenden Einnahmen aus dem Export von Bodenschätzen, wie Gold und seit 2010/11 auch Öl, Rücküberweisungen von der Diaspora sowie Direktinvestitionen aus dem Ausland in die Rohstoffindustrie zur Finanzierung des Political Settlement entscheidend beitragen. Die Finanzierung des Settlement wird durch zwei weitere Faktoren begünstigt: Erstens erreichte Ghana Ende 2010 wieder den Status eines »Landes mit mittlerem Einkommen«; dadurch stieg die Kreditwürdigkeit, was den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt erleichtert. Und zweitens erhält die Begierde der Gebergemeinschaft nach einer »afrikanischen Erfolgsgeschichte« den Zufluss an Kapital in Form von Entwicklungshilfe aufrecht.

Indem Kapitalakkumulation vor allem durch den Zugang zum Staat erfolgt und das liberale Paradigma inzwischen hegemonialen Status in der kulturellen Sphäre des Landes erreicht hat, ist Ghanas Politik stark klientelistisch geprägt. Seit der Rückkehr zur Wahldemokratie wetteifern politische Eliten um Wähler und versuchen, diese durch die Verteilung von staatlicher Patronage im Austausch für politische Unterstützung zu mobilisieren. Insofern ist Ghanas derzeitiges Political Settlement durch kompetitive klientelistische Politik, einfache Finanzierung sowie schwache einheimische produzierende Unternehmer gekennzeichnet (Whitfield 2011).

Reflexionen zu Kontinuität und Wandel in Ghana

Auch wenn viele Ghanaer sehr stolz auf das positive Image ihres Landes sind, so beklagen doch viele von ihnen, dass »vieles so sei wie gehabt«. Es wäre jedoch irreführend zu behaupten, es habe sich nichts verändert. Auch wenn Ghana (noch) keine fundamentale Transformation durchlaufen hat, vollzogen sich doch inkrementelle strukturelle Veränderungen innerhalb der ghanaischen Gesellschaft:

1. Die Beziehung zwischen den Eliten hat sich gewandelt: Zivile Kräfte haben in der politischen Sphäre wieder den Vorrang gegenüber ihrem militärischen Pendant. Des Weiteren schließt das heutige Political Settlement zuvor ausgeschlossene Fraktionen mit ein. Neben der horizontalen Erweiterung der Eliten kam es auch zu einer vertikalen Ausdehnung, so dass die politische und wirtschaftliche Elite heute mehr Individuen umfasst als zuvor.

2. Die Beziehung zwischen den Eliten und der übrigen Bevölkerung hat sich verändert: Durch die Liberalisierung wurde Raum für die Artikulation und Partizipation der zuvor ausgegrenzten Gruppierungen geschaffen. Diese Öffnung sowie die Rückkehr zur Wahldemokratie zwangen die Eliten dazu, sich wieder gesellschaftlich in der Gesamtbevölkerung zu verankern. Dies wiederum hat die übrige Bevölkerung in ihrem Verhältnis zur Elite relativ gestärkt.

3. Die Beziehung zwischen den sozialen Gruppen hat sich gewandelt: Ghanas neues Political Settlement wird von Institutionen getragen, deren Macht von den politischen Mehrheitsverhältnissen abhängt. Somit gewannen die zahlenmäßig dominanten ländlichen Gebiete an Einfluss gegenüber den urbanen Zentren. Die urbane Bevölkerung, die durch ihre physische Nähe zum Machtzentrum und ihren Mobilisierungsvorteil lange Zeit eine Bedrohung für Regierungen darstellte, dominiert heute nicht mehr das politische System. Außerdem erhielten die ländlichen Gebiete aufgrund der Einsicht, dass den Kakaobauern eine zentrale Rolle bei der Finanzierung des Staates zukommt, ein stärkeres Gewicht im wirtschaftlichen Bereich.

Ebenso wichtig und eng mit dem Machtgewinn der ländlichen Einwohner verbunden ist die Tatsache, dass Ghanas derzeitiges Political Settlement wieder wirtschaftlich lebensfähig ist – zumindest mit den Wachstumsraten, die Ghana in den vergangenen Jahren verbuchen konnte. Ob es auch langfristig trägt, ist angesichts des wahlzyklisch wachsenden Staatsdefizits und der damit verbundenen Inflation eine offene Frage.

Die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Machtdynamik in Ghana sowie deren Veränderung lässt, wie oben gezeigt, ein differenziertes Bild dieser Gesellschaft zu und ist somit ein Schritt hin zu der eingangs geforderten Komplexität in der Friedensforschung.

Anmerkungen

1) The World Bank: Yes Africa Can: Success Stories from a Dynamic Continent; web.worldbank.org/OFD841GU60.

2) The World Bank: Africa Can End Poverty: A blog about the economic challenges and opportunities facing Africa. African Successes – Listing the success stories; blogs.worldbank.org/africacan /african-successes-listing-the-success-stories.

3) Africa-EU Partnership: Success Stories; africa-eu-partnership.org.

4) United Kingdom Foreign & Commonwealth Office and Mark Simmonds MP: Announcement – Minister for Africa hails Ghana as a «beacon of democracy« following successful elections. 10 December 2012; gov.uk.

5) Afua Hirsch: Ghana – west Africa’s haven of stability has its own challenges. theguardian. com, 30 October 2013.

Literatur

Morten Bøås and Kathleen M. Jennings (2005): Insecurity and Development: The Rhetoric of the »Failed State«. In The European Journal of Development Research 17 (3), S.385-395.

Volker Boege et al. (2008): On Hybrid Political Orders and Emerging States: State Formation in the Context of »Fragility«. Berlin: Berghof Research Center, Berghof Handbook Dialogue No. 8.

Mushtaq Khan (2010): Political Settlements and the Governance of Growth Enhancing Institutions. SOAS, University of London; unpublished paper.

Karlheinz Koppe (2006): Zur Friedensforschung im 20. Jahrhundert. In: Peter Imbusch (Hrsg.): Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung. 4. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag, S.17-80.

Armin Langer (2008): When Do Horizontal Inequalities Lead to Conflict? Lessons from a Comparative Study of Ghana and Côte d’Ivoire. In: Frances Stewart (ed.): Horizontal inequalities and conflict. Understanding group violence in multiethnic societies. London: Palgrave Macmillan, S.163-189.

Donald Rothchild (1995): Rawlings and Engineering of Legitimacy in Ghana. In: William Zartmann (ed.): Collapsed states. The disintegration and restoration of legitimate authority. Boulder/Colorado: Lynne Rienner, S.49-68.

Julia Ruppel (2010): Innerstaatliche Friedensursachen. Entwicklung einer Theorie zum dauerhaft friedlichen Konfliktaustrag in Sub-Sahara Afrika. Saarbrücken: VDM Verlag.

Frances Stewart (ed.) (2008): Horizontal inequalities and conflict. Understanding group violence in multiethnic societies. London: Palgrave Macmillan.

Lindsay Whitfield (2011): Competitive clientelism, easy financing and weak capitalists. The contemporary political settlement in Ghana. København: Dansk Institut for Internationale Studier.

Julia Ruppel arbeitet als Friedensforscherin und Doktorandin am Afrikazentrum (JEFCAS) der Universität Bradford in Großbritannien. Zuvor forschte sie als Marie Curie Research Fellow an der Katholieke Universiteit Leuven in Belgien zum Schwerpunktthema »Electoral Politics in West Africa«.

in Wissenschaft & Frieden 2015-1: Afrika, Seite 31–33

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