in Wissenschaft & Frieden 2015-1: Afrika, Seite 2

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Afrika im Fokus

von Marek Voigt

Afrika schafft es nur in die Nachrichten, wenn Konflikte besonders gewaltförmig eskalieren. Das Massaker der Extremistentruppe Boko Haram an mehreren hundert Menschen rund um die nordnigerianische Stadt Baga bekam zunächst in Europa wenig Öffentlichkeit, weil der Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo am selben Tag die Nachrichten dominierte (siehe dazu die Presseschau). Nun wird über eine Eingreiftruppe der Afrikanischen Union und deren mögliche Unterstützung durch EU-Staaten diskutiert. Das bekannte Muster wiederholt sich: Jahrelang wurde der Konflikt ignoriert, bis er sich zu einer Größenordnung zugespitzt hat, die nicht mehr ignoriert werden kann und »die Weltgemeinschaft« auf den Plan ruft. Der medialen Erregung folgt eine eilige militärische Antwort, das Thema ist aber bald wieder vergessen, wenn es nicht zu einer noch stärkeren Eskalation der Gewalt kommt. Für die Ursachen der Konflikte interessiert man sich nicht.

Abgesehen von Kriegen und Katastrophen kommt Afrika in unserer Öffentlichkeit nur als der Ort vor, woher die Flüchtlinge kommen, die man in Europa nicht haben will.

W&F schaut im Schwerpunkt dieser Ausgabe genauer auf einige der Konflikte und Probleme, die den Kriegen in Afrika zugrunde liegen, die Katastrophen wie die Ebola-Epidemie so verheerend machen und die die Migrationsbewegungen in Afrika antreiben.

Dabei blicken wir durchaus selbstkritisch auf unsere eigene Wahrnehmung von Afrika. Susan Arndt diskutiert in ihrem Beitrag, ausgehend von der Kritik an der Bebilderung einer früheren Ausgabe von »Wissenschaft und Frieden«, die Frage, wie sich jahrhundertelang gewachsener Rassismus noch heute in Klischees über Afrika und Afrikaner äußert.

Gravierende Auswirkungen auf die Konflikte in Afrika hat das Handeln externer Akteure. Die deutsche Bundesregierung hat sich 2014 »Afrikapolitische Leitlinien« gegeben. Katrin Dörrie zeigt auf, dass es der Bundesregierung vor allem um den Zugriff der deutschen Wirtschaft auf die Märkte Afrikas geht. Mit Blick auf die Konfliktursachen attestiert sie der Bundesregierung geringe Kenntnis und wenig Interesse, weswegen die Leitlinien vor allem militärische Beiträge zur Reaktion auf Krisen behandeln.

Frankreich spielt in den Teilen Afrikas, die früher französische Kolonien waren, noch immer eine bedeutende Rolle. Bernhard Schmid schildert, wie die einstige Kolonialmacht genau an den Konflikten, zu deren Einhegung sie jetzt – etwa in Mali oder in der Zentralafrikanischen Republik – militärisch interveniert, politisch und wirtschaftlich beteiligt war. Doch neben den alten Kolonialmächten drängen in Afrika andere Akteure auf die ökonomische, politische und militärische Bühne, allen voran China. Wie sich die Rolle der Volksrepublik von der Verfolgung rein wirtschaftlicher Interessen hin zu einem heute durchaus widersprüchlichen sicherheitspolitischen Akteur verschoben hat, zeigt Daniel Large am Beispiel der Beziehungen Chinas zum Sudan und Südsudan.

Die Nutzung der enormen natürlichen Ressourcen Afrikas kann auch zwischen afrikanischen Staaten sowohl Quelle von Konflikt als auch Ausgangspunkt von Kooperation sein, wie Michael Link und Jürgen Scheffran am Beispiel eines Nilstaudammprojekts in Äthiopien zeigen.

Mit der Politik der militärischen Ertüchtigung beschäftigt sich Thomas Mickan. Er stellt am Beispiel der afrikanischen Regionalorganisationen und ihrer Mitglieder dar, wie USA und Deutschland, EU und NATO, aber auch die Vereinten Nationen Aufrüstungs- und Ausbildungsprogramme als kostengünstige Alternative zu aufwändigen Statebuilding-Programmen betreiben.

Die in der UN-Resolution 1325 vorgegebene Partizipation von Frauen in Friedensprozessen allein reiche nicht aus für die Gewaltüberwindung in Nachkriegsgesellschaften, argumentiert Rita Schäfer in ihrem Beitrag über afrikanische Friedensaktivistinnen in Liberia. Aus ihrer Sicht war, trotz der internationalen Anerkennung für die Erfolge des Friedensprozesses in Liberia, die Kooperation staatlicher und nicht-staatlicher Akteurinnen gegen die vor und im Krieg etablierten Gewaltstrukturen nicht intensiv genug, was viele der heutigen Probleme und Konflikte in dem Land gefördert habe.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der afrikanischen Diskussion um Landgrabbing (Anne Hennings und Annette Schramm), werfen am Beispiel Ghanas einen Blick auf die innergesellschaftlichen Friedens- statt Kriegsursachen (Julia Ruppel) und stellen ein erfolgreiches Projekt für Kompetenzaufbau in Konfliktbearbeitung und Mediation in Namibia vor (Angela Mickley).

Es war der Anspruch der Redaktion in der Planung dieser Ausgabe, nicht nur über Afrikanerinnen und Afrikaner zu reden, sondern Akteure aus Afrika selbst sprechen zu lassen. Das ist der Redaktion nicht gelungen. Dies verweist auf die Aufgabe von Friedensforschung und Friedensbewegung, Kontakte und Netzwerke zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, zu Aktivistinnen und Aktivisten dieses Kontinents zu knüpfen.

Ihr Marek Voigt

in Wissenschaft & Frieden 2015-1: Afrika, Seite 2

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