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Rechtsextremismus und Friedenspsychologie

27. Jahrestagung des Forum Friedenspsychologie, 19.-22. Juni 2014, Jena

von Forum Friedenspsychologie

In Jena fand unter Schirmherrschaft der Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit und in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Rechtsextremismus der Friedrich-Schiller-Universität Jena die 27. Jahrestagung des Forum Friedenspsychologie statt.

Unter dem Titel »Nationalsozialistischer Untergrund, Rechtsextremismus und aktuelle Beiträge der Friedenspsychologie« trafen 105 Teilnehmer/innen aus Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Presse, Polizei und Praxis zusammen und debattierten Konsequenzen des Rechtsterrorismus, aktuelle Entwicklungen der Rechtsextremismusforschung und Beiträge der Friedenspsychologie. An fünf öffentlichen Veranstaltungen (siehe unten) nahmen außerdem jeweils zwischen 150 und 200 Bürger/innen teil. Die Presse (tageszeitung, MDR, ZDF) berichtete ausführlich vom Verlauf der Tagung.

Mit der Tagung verfolgten die Organisator/innen folgende Ziele:

Neben öffentlichen Hauptvorträgen von Anetta Kahane (Amadeu Antonio Stiftung), Patrick Gensing (freier Publizist) und Prof. Dr. Kurt Möller (Hochschule Esslingen) fanden zwei Podiumsdiskussionen mit Mitgliedern des Thüringer Untersuchungsausschusses zur Aufarbeitung des »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU) bzw. mit Expert/innen des Kompetenzzentrums Rechtsextremismus der Friedrich-Schiller-Universität Jena und weiteren externen Forschern sowie neun wissenschaftliche Panels statt. Das Themenspektrum reichte dabei von theoretischen Betrachtungen des Rechtsextremismusbegriffs über biografische Analysen der NSU-Mitglieder bis hin zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Dementsprechend setzte die Tagung einen wichtigen Impuls, der zum Austausch zwischen Psycholog/innen, Kommunikationswissenschaftler/innen, Soziolog/innen, Linguist/innen und Politikwissenschaftler/innen anregte. Zudem erhielten neben etablierten Forscher/innen auch Nachwuchswissenschaftler/innen hier eine Bühne, um frische Ideen und neue Forschungsprojekte vorzustellen.

Desiderate der Tagung lagen somit in der Verknüpfung verschiedener Forschungszweige sowie in der Verknüpfung von Praxis und Wissenschaft. Gerade in der Zusammenkunft mit Praktiker/innen aus dem Bereich der Rechtsextremismusprävention offenbarte sich ein großes Potenzial für eine verstetigte Zusammenarbeit. Denn trotz verschiedener Untersuchungsausschüsse und deren ständiger journalistischer Beobachtung klaffen noch immer große Lücken in der Aufklärung der Kriminalbiografien von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. So sind etwa der Mord an Michèle Kiesewetter sowie der versuchte Mord an ihrem Kollegen ein noch immer ungeklärte Puzzlestücke. Mit dem notwendigen Zugang zu Ermittlungsergebnissen könnten auch Wissenschaftler/innen an zentralen, noch offenen Fragen mitarbeiten und zugleich wichtige Einordnungen, wie die des NSU in die Geschichte des deutschen Rechtsterrorismus, vornehmen. Anetta Kahane machte darüber hinaus deutlich, dass in Zukunft ein Schwerpunkt auf Integration liegen müsse - Integration sowohl der Opfergruppen des NSU wie gesellschaftlicher Minderheiten. Deutschland fehle noch immer das Selbstverständnis als Einwanderungsland und die daraus resultierende Akzeptanz unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Sie schloss ihren Beitrag mit dem Appell „Weg von den Tätern, hin zu den Opfern!“.

Weiterhin unterstützte der »Blick über den Tellerrand« mit einem Fokus auf Süd- und Südosteuropa die gewünschte Außenansicht auf das Themenfeld und damit auch eine stärkere Konturierung des deutschen Falls. Neben dem internationalen Vergleich unterstützt der Bezug auf andere europäische Länder die Analyse von Vernetzungsbemühungen des organisierten und subkulturell geprägten Rechtsextremismus. Als weiterer Strang beschäftigten sich die Forscher/innen mit gesellschaftlichen und politischen Begründungsmustern für die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen. Eine solche reflektierte Ursachenanalyse ist von unmittelbarer Relevanz für die Auswahl zielgerichteter Präventions-, Interventions- und Repressionsmaßnahmen, um der rechtsextremen Ideologie entgegenzutreten.

Zum Abschluss der Tagung erhielt Frau Dr. Nicole Haußecker (Universität Jena) den Gert-Sommer-Preis 2014 für ihre Dissertation »Zur Inszenierung von Terrorismus in Fernsehnachrichten - visuelles Framing und emotionale Wirkung«. Herzlichen Glückwunsch!

Abgerundet wurde die Tagung durch die Ausstellung »Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen« , die die Biografien und das Umfeld der zehn bisher bekannten NSU-Opfer von Enver Þimþek bis Michèle Kiesewetter näher beleuchtet. Die Ausstellung wurde von Birgit Mair im Auftrag des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e.V. Nürnberg erarbeitet und in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen gezeigt.

Auf der Basis der Tagungsergebnisse arbeiten die Organisator/innen momentan an einem Projektentwurf, mit dem ein neuer Ansatz zur Untersuchung rechtsextremer Orientierungen, Strukturen und Bewegungen umgesetzt werden soll. Geplant sind zudem ein Konferenzband (bei Springer VS Sozialwissenschaften) und mehrere wissenschaftliche Zeitschriftenartikel.

Die Webseite der Tagung, conference.friedenspsychologie.de, wird weiterhin aktualisiert und gibt Zugriff auf einige der Präsentationen; auch die entsprechende Facebook-Gruppe ist nach wie vor aktiv.

Organisiert wurde die 27. Jahrestagung von Prof. Dr. Wolfgang Frindte; Dr. Daniel Geschke; Dr. Nicole Haußecker; Nico Dientrich, M.A.; Franziska Schmidtke, M.A.; Carolin Junold.

Wolfgang Frindte, Daniel Geschke, Nicole Haußecker und Nico Dietrich

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