in Wissenschaft & Frieden 2014-4: Soldat sein, Seite 46–47

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Blogs und Information Warfare

Military Blogs im Irakkrieg

von Johanna Roering

Mit der Verbreitung digitaler Medien können sich Akteure, die bislang nur Adressaten waren, selbst aktiv an der medialen Berichterstattung beteiligen. Auch Soldaten nehmen die neuen Möglichkeiten der Partizipation wahr. Die Autorin untersucht in diesem Artikel, wie sich US-amerikanische Soldaten während des Irakkriegs mittels Blogs an der Berichterstattung und Meinungsbildung zu diesem Krieg beteiligten. Kritiker des Pentagon hofften damals, diese Blogs könnten ein Korrektiv zu den Presseverlautbarungen des US-Verteidigungsministeriums sein. Und in der Tat lieferten »Military Blogs« zuweilen alternative Perspektiven auf den Irakkrieg - sofern sie nicht zensiert wurden. In der Regel machten sich die in militärische Strukturen eingebundenen Soldaten in ihren Blogs aber eher für pro-militärische Positionen stark.

Als sich 2002 der Einmarsch der USA in den Irak abzeichnete, spezialisierten sich viele Nachrichten-Blogs (Newsblogs) auf Informationen zur Kriegsvorbereitung. Unter den Bloggern waren auch einige ehemalige oder noch aktive Soldaten, die die Berichterstattung aus ihrer Sicht kommentierten oder ergänzten. So versuchte der Blogger Sgt. Stryker in seinem Blog »Sgt. Stryker's Daily Brief« ganz bewusst, als Gegengewicht zu den seiner Meinung nach anti-militärischen Medienanbietern wie CNN seine eigene, kriegsbefürwortende Position einzubringen: „Ich war von der Medienberichterstattung enttäuscht, vor allem von den Kommentaren, denn die schienen anachronistisch im Vergleich zu dem, was gerade passiert war. Als ich im Web surfte, stieß ich auf Instapundit. Ich dachte, was der kann, kann ich auch, so wurde aus meiner Star-Wars-Freak-Seite «Sgt. Stryker's Daily Brief«.“ (Stryker in Mudville Gazette 2005) Diese Newsblogs mit militärischem Schwerpunkt waren die ersten Military Blogs (kurz Milblogs).1

Unmittelbare Berichterstattung aus dem Krieg

Frühe Milblogs, wie »Sgt. Stryker's Daily Brief«, diskutierten zwar die Kriegsvorbereitungen, veröffentlichten aber selten eigenständig recherchierte Informationen. Kurz vor Kriegsanfang wurden jedoch einige neue Blogs von in Kuwait stationierten Soldaten erstellt und die nachrichtenbasierten Milblogs so um Augenzeugenberichte aus dem Kriegsgebiet ergänzt. Dass Soldaten überhaupt aus dem Kriegsgebiet schreiben konnten, lag an der Verfügbarkeit von Kommunikationstechnologien: Die technische Ausrüstung der meisten »Forward Operating Bases« in Kuwait und im Irak erlaubte es den dort stationierten Soldaten, verhältnismäßig regelmäßig mit ihrer Familie und Freunden zu kommunizieren (Dauber 2006, S.181). Sie konnten dort aber auch die mediale Berichterstattung, zum Beispiel auf CNN oder in der New York Times, ohne wesentliche zeitliche Verzögerung verfolgen und in ihren Blogs ebenfalls zeitnahe kommentieren.

Diese direkte mediale Beteiligung von Autoren vor Ort versprach einen unmittelbaren Zugang zu den Geschehnissen. In der Regel stand in den Milblogs allerdings nicht die Analyse, sondern der militärische Alltag im Vordergrund. Der Blogger Lt Smash, Soldat der US Navy, beispielsweise schrieb in seinem Blog »Live From the Sandbox« über seinen Aufenthalt in Kuwait und seine Teilnahme an den Kriegsvorbereitungen. Er berichtete über sein Training, den Arbeitsalltag und das Leben in Kuwait: „Schon wieder ein staubiger Tag heute. Dieses Mal ist es windig. [...] Ich bleibe so viel ich kann drinnen. Heute habe ich einen aus meinem Team mitgebracht, damit er auf meinem Computer seine Mails checken kann.“ (Sharing the Wealth, 21.2.2003) Während der ersten Kriegstage, als sich die Fernsehberichterstattung mit Meldungen geradezu überschlug, stellte Smash den Brief einer Mutter, deren Sohn am 11. September 2001 gestorben war, und kurze Satiren zu Saddam Hussein in sein Blog (Memorandum, 20.3.2003), lieferte aber kaum Informationen zum Kriegsverlauf. Lt Smash konzentrierte sich auf das Alltagsleben und stellte die Leistungen und Opfer individueller Soldaten in den Mittepunkt, darunter den Unfalltod eines britischen Soldaten in Kuwait (For Robert, 29.3.2003).

Versuche der Zensur

Obwohl ständig neue Milblogs gegründet wurden, fanden sie in dieser frühen Phase kaum die Beachtung anderer Medienanbieter. Dies änderte sich erst, als der Milblogger Colby Buzzell vor den Augen seiner Leserschaft zensiert wurde. Im Juni 2004 hatte der amerikanische Infanterist Buzzell den Blog »My War« über seine Stationierung im Irakkrieg gestartet. Buzzell führte den Blog zwar unter einem Pseudonym, hatte jedoch seinen Stationierungsort im Irak und seine Einheit nicht verheimlicht. Als Buzzell im August 2004 in dem Eintrag »Men in Black« detailreich über Kampfhandlungen in Mosul berichtete, verbreitete sich der Text schnell in der Blogosphäre und wurde von Journalisten aufgegriffen (Gilbert 2004; The View From on the Ground 2004; Cooper 2004). Auch seine Vorgesetzten wurden auf den Eintrag aufmerksam und verboten Buzzell schließlich, den Blog auf diese Weise weiterzuführen (I'm Soo Fucked, 10.8.2004). Als Buzzell aufgefordert wurde, seine Einträge vor der Veröffentlichung einem Vorgesetzten zur Überprüfung vorzulegen, stellte er den Blog ein.

Das Medienecho zu Buzzell, weitere Zensurfälle, die Zuspitzung der Lage im Irak im Verlauf der Jahre 2005 und 2006 und die vielen Blog-Neugründungen - Ende 2005 gab es bereits mehr als tausend Military Blogs - führten in der Summe dennoch zu höheren Leserzahlen und verstärkter Medienrezeption (Roering 2012, S.85). Seit dem Truppenabzug aus dem Irak und der Popularisierung neuer sozialer Medien wie Twitter und Facebook nimmt die Zahl der Military Blogs jedoch wieder ab.

Milblogs zur Unterstützung von »Information Operations«

Blogger wie Blackfive und CJ Grisham hatten während des Irakkriegs als aktive Mitglieder des amerikanischen Militärs den Anspruch, positiv und produktiv zu dessen Aufgabenerfüllung beizutragen. Mr. and Mrs. Greyhawk vom Blog »Mudville Gazette« trugen beispielsweise wöchentlich Berichte über die Beiträge amerikanischer Soldaten zum Wiederaufbau zusammen und gaben ihnen auf ihrem häufig gelesenen Blog eine Plattform. Ein Offizier, der unter dem Pseudonym thunder6 das Blog »365 and a Wakeup« betrieb, beschrieb in seinem Augenzeugen-Blog ausführlich den Beitrag seines Bataillons zu den ersten demokratischen Wahlen im Irak. Diese Milblogger, die ihre Blogs oft mit politischer oder ideologischer Zielsetzung verbreiteten, sahen sich selbst nicht als Problem, sondern ganz im Gegenteil als Teil der Lösung, d.h. sie wollten eklatanten Mängeln der »Information Operations« der US-Streitkräfte entgegenwirken (Lawson 2008).

Wie das Beispiel von Colby Buzzell zeigt, teilte das US-Verteidigungsministerium diese positive Sicht auf Milblogs nicht. Im Oktober 2006 begann die Behörde gezielt damit, Blogs von Soldaten zu kontrollieren. Für viele Milblogger war die restriktive Haltung des Pentagon unverständlich. Für sie waren die Zensurversuche der Vorgesetzten nicht nur eine Beschneidung ihrer persönlichen Freiheit, sondern bewiesen gefährliche Ignoranz gegenüber den neuesten Entwicklungen im militärstrategischen Bereich.

Im Herbst 2009 veröffentliche das Center for Strategic Leadership des Army War College den Arbeitsbericht »Bullets and Blogs«. Die Autoren hielten fest: “Die momentane und künftige geostrategische Umgebung erfordert die Vorbereitung auf ein Schlachtfeld, auf dem symbolische informationelle Siege strategische Auswirkungen zeitigen, die tödlichen Kampfhandlungen gleichwertig sind oder diese sogar übertreffen. (Collings und Rohozinski 2009, S.14) In dem Bericht werden digitale Medien als die derzeitige Arena dieser symbolischen Kriegsführung identifiziert. Diese Einschätzung teilen viele Milblogger, die glauben, dass dezentralisierte und »persönliche« digitale Medien eine große Wirkkraft entfalten können.

Nach den anfänglichen Restriktionen wurden Milblogs im weiteren Verlauf des Irakkriegs von offizieller Stelle zumindest symbolisch anerkannt. Das Militär und die Regierung räumten nun ein, worauf die politischen Milblogger schon lange hingewiesen hatten: Zur Milblogging-Community gehört eine aktive Fraktion von Bloggern, die sich sowohl theoretisch als auch praktisch an der Verbesserung der »Information Operations« beteiligen wollen und die, vor allem in Bezug auf die positive Meinungsbildung in den USA, kein Risiko, sondern einen Gewinn für das Militär und das Pentagon darstellen.

Aus dieser Perspektive sind Milblogs nicht nur Kriegsberichterstattung und interpersonale Kommunikation, sondern auch eine Waffe in einem globalen, vernetzten und symbolischen Krieg.

Anmerkungen

1) Der Begriff »Milblog« kann nahezu jeden in Verbindung mit dem Militär stehenden Blog bezeichnen: sowohl soldatische Blogs aus Kriegsgebieten als auch Blogs von Veteranen, militärischen Beratern und Familienmitgliedern von Soldaten.

Literatur

Blackfive. www.blackfive.net (URL funktioniert nur bei Eingabe von »www«).

CJ Grisham: A Soldier's Perspective. soldiersperspective.com.

Colby Buzzell: My War: Killing Time in Iraq. cbftw.blogspot.com.

Colby Buzzell (2005): My War. New York: Putnam.

Deirdre Collings and Rafal Rohozinski (2009): Bullets and Blogs - Media and the Warfighter. An analytical synthesis and workshop report. Carlisle Barracks: Center for Strategic Leadership, US Army War College.

Christopher Cooper: Army Blogger's Tales Attract Censor's Eyes. Wall Street Journal, 9.9.2004.

Cori Dauber (2006): Life in Wartime -: Real-Time News, Real-Time Critique, Fighting in the New Media Environment. In: Thomas W. Britt: Military Life: The Psychology of Serving in Peace and Combat. Westport, Conn.: Praeger Security International, S.180 ff.

Michael Gilbert: Stryker Brigade Slammed By Insurgents. New Tribune, 10.8.2004.

Sean Trevor Lawson (2008): Info@War.Mil - Nonlinear Science and the Emergence of Information Age Warfare in the United States Military. Dissertation. Troy, New York: Rensselaer Polytechnic Institute.

LT Smash: lt-smash.us. 03.11.2010; Zugang über web.archive.org.

Mudville Gazette. mudvillegazette.com.

Mudville Gazette: A Brief History of Milblogging. 11.11.2005.

Johanna Roering (2012): Krieg bloggen - Soldatische Kriegsberichterstattung in digitalen Medien. Bielefeld: transcript.

Sgt Stryker's Daily Briefing, www.sgtstryker.com, 21.09.2010.

The View From on the Ground. Kommentar, L.A. Times, 5.9.2004.

Thunder6: 365 and a Wakeup. thunder6.typepad.com.

Dr. Johanna Roering ist wissenschaftliche Angestellte am Fachbereich Neuphilologie; Abteilung für Amerikanistik, der Universität Tübingen. Sie arbeitet zudem als freie Journalistin.

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