in Wissenschaft & Frieden 2014-4: Soldat sein, Seite 44–45

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Bilderkrieger im »War Porn«?

von Felix Koltermann

Bilder von Fotojournalisten stellen bis heute einen elementaren Teil massenmedialer Kriegsberichterstattung dar. Auch der Aufschwung des so genannten »Citizen Journalism« und einzelne »Scoops«, wie die Folterbilder von Abu Ghraib und die Bilder der toten Diktatoren Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi, haben kaum etwas an der Publikationspraxis der gedruckten Presse geändert. Diejenigen, die diese Bilder produzieren, kommen dabei nur selten zu Wort. Umso spannender - und gleichzeitig kontroverser - sind zwei Bücher aus dem letzten Jahr, in denen Fotojournalisten die eigene Arbeit (selbst-) kritisch unter die Lupe nehmen. Der deutsche Fotojournalist Christoph Bangert hat unter dem Titel »War Porn« unveröffentlichte Kriegsbilder zusammengestellt und im Kehrer Verlag veröffentlicht, während der amerikanische Fotojournalist Michael Kamber Dutzende Interviews mit Kollegen führte, die auf Deutsch unter dem Titel »Bilderkrieger« im Ankerherz Verlag erschienen sind.

Das Thema von Bangerts Buch »War Porn« ist die Selbstzensur, die er in seinem Kopf ebenso verortet wie bei Redakteuren und Medienkonsumenten. Aus diesem Grund hat er für »War Porn« über 80 unveröffentlichte Fotografien aus dem Irak, dem Gazastreifen, dem Libanon, Sri Lanka und Afghanistan zusammengestellt, die er im Auftrag der New York Times angefertigt hatte. Diese Bilder sind ein Archiv des Grauens: mit Brandwunden übersäte Körper, Leichen auf Müllkippen oder der blutige Boden in einem Krankenhaus. Gekonnt spielt das Buch dabei mit der Wahrnehmung des Lesers. Einige Seiten sind zugeklebt, und der Leser muss selbst die Entscheidung treffen, ob er sie öffnet und sich weitere Bilder anschaut oder ob er dies lässt. Für Bangert gibt es eine Pflicht des Zeigens, die er geschickt mit seiner Familiengeschichte verwebt: Das Buch endet mit Bildern seines Nazi-Großvaters, der sein Leben lang nur heroische Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt hatte. Bangert sieht sein Buch als Versicherung, dass ihm genau dies nicht passiert und er die Grausamkeiten des Krieges, die seine Erinnerung gebrandmarkt haben, weitergibt.

»War Porn« als Provokation

Mit seinem Buch hat Bangert in Deutschland eine neue Debatte über die Kriegsfotografie angestoßen. Kaum ein Fotobuch war in den letzten Jahren so präsent in den Massenmedien und wurde im Fernsehen wie in Tages- und Wochenzeitungen so häufig rezensiert. Leider wurde dabei selten auf den problematischen Buchtitel und den damit verbundenen Diskurs eingegangen. Bangert selbst benutzt den Begriff »War Porn« als Provokation. Die Einleitung zu seinem Buch zeigt, dass er die Diskussion über das Thema und die Fragen und Vorwürfe, die an ihn als Fotografen gerichtet werden, in- und auswendig kennt. Er dreht den Spieß um, streckt dem Publikum den ausgestreckten Mittelfinger entgegen, um zu sagen: „NATÜRLICH beuten Photographen die abgebildeten Personen aus! NATÜRLICH ist das Kriegspornographie!“ (Bangert 2014, S.5) Seine Botschaft ist: Schaut Euch die Fotos an und urteilt selbst. Dabei ist er sich darüber im Klaren, was mit dem Gebrauch des Begriffs »War Porn« intendiert ist: „Das sind wunderbare Entschuldigungen, entsetzliche Bilder nicht zu veröffentlichen.“ (Bangert 2014, S.5) Dem ist voll zuzustimmen - und gerade deshalb ist der Titel unglücklich gewählt, auch wenn er provokativ gemeint ist. Denn wenn Bangerts Bilder eines nicht sind, dann pornografisch.

Die Einstufung von Kriegsfotografien als Pornografie ist Teil eines Versuchs, ihre Wirkung einzuhegen und ihren Einfluss zu begrenzen. Dies war zum Beispiel an den Bildern der Folterszenen aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis zu beobachten. Die Pornografiedebatte setzt den Fokus auf die Bilder, nicht auf die Geschehnisse, und lenkt damit von der Frage nach den Verantwortlichkeiten für das gezeigte Kriegsgräuel ab. Judith Butler hat dazu folgendes angemerkt: „Das Problem scheint nicht in dem zu liegen, was die Bilder darstellen - Folter, Vergewaltigung, Erniedrigung, Mord -, es scheint eher im sogenannten pornografischen Charakter der Bilder zu liegen.“ (Butler 2009, S.87) Mit dem Pornografiebegriff wird Fotografen der Vorwurf gemacht, sie wollten vermeintlich eine Lust am Grauen befriedigen und würden dies selbst als erregend empfinden. Dies mag vielleicht für folternde Soldaten zutreffen, dieser Vorwurf ist professionellen Bildproduzenten gegenüber aber absurd. In diesem Zusammenhang ist auch die Unterscheidung zwischen dem Skandal im Bild und dem skandalösen Bild (Isermann/Knieper 2010, S.30) wichtig. Beim Skandal im Bild geht es um die auf den Bildkontext verweisende Darstellung, die skandalös ist, beim skandalösen Bild ist das Bild selbst der Skandal. Der Pornografievorwurf verfolgt das Ziel, Kriegsfotografien zu skandalösen Bildern zu machen. Damit findet ein problematischer Ebenenwechsel statt, weg vom Ereignis, hin zur Ebene der Repräsentation.

Vom Fotojournalist zum Bilderkrieger

Anders als »War Porn« lebt »Bilderkrieger« nicht von den Bildern der Kriegsfotografen, sondern von deren Aussagen in Form ausführlicher Gespräche, die zu Interviewtexten editiert wurden. Der Übersetzer und Herausgeber der deutschen Ausgabe, Fred Grimm, und der Ankerherz Verlag wählten aus den 40 Interviews der amerikanischen Ausgabe, die im Original »Photojournalists on War - The untold stories from Iraq« heißt, die Hälfte aus und ordneten sie drei Themenblöcken zu: Mission, Krieg und Narben. Der Fokus liegt auf der Profession der Kriegsfotografen, weniger auf dem Ereignis des Irakkriegs. Ungeschminkt erzählen die männlichen wie weiblichen Fotojournalisten von ihrer Motivation, von ihrer Besessenheit zu fotografieren, von den Höhen und Tiefen des Arbeitsalltags, von den Risiken und Schwierigkeiten dieses Geschäfts. Sie lassen den Leser teilhaben an ihren Kriegserfahrungen, an den Auswirkungen der Konflikteskalation auf ihre Begegnung mit den Menschen im Feld, an ihren Selbstzweifeln und auch an ihrer Wut. Zutiefst menschlich sind die Geschichten, ehrlich und meist ohne Pathos. So war eine Motivation des Autors Michael Kamber für das Buch, den Heldenmythos des Kriegsfotografen zu zerstören.

Unklar bleibt nach der Lektüre, warum die deutsche Ausgabe den Titel »Bilderkrieger« trägt. Die Interviews jedenfalls lassen keine Rückschlüsse darauf zu, dass die Fotojournalisten sich selbst mit Soldaten vergleichen würden, wie es der Titel evoziert. Im Gegenteil: Sie sind fast alle von einer humanistischen Motivation getrieben. Der Titel »Bilderkrieger« ist reißerisch und nimmt Bezug auf die Debatte um den so genannten Bilderkrieg. Im deutschen Sprachraum wurde der Begriff vor allem vom Kieler Geschichtswissenschaftler Gerhard Paul geprägt. In seinem monumentalen Überblickswerk »Der Krieg der Bilder« (2004) hat er sich der visuellen Darstellung des Krieges angenommen. Er verfolgt die zentrale These, dass Kriegsparteien Bilder als Waffen einsetzen. Mit dem Titel »Bilderkrieger« wird darauf Rekurs genommen. Professionelle Fotografen, die im Krieg Bilder produzieren, werden damit auf eine Ebene mit Soldaten gestellt. Die Unterscheidung zwischen beiden besteht nur noch in der Wahl der Waffen: Während der eine mit Waffen tötet, verbreitet der andere die Bilder und nutzt die Kamera als seine Waffe. Dass mit dieser Gleichsetzung der Akteure jedem journalistischen Anspruch Hohn gesprochen wird, ist offensichtlich.

Dabei kann nicht negiert werden, dass Fotojournalisten verstärkt für Propagandazwecke und »Image Operations« missbraucht werden. Zum Krieger werden sie deswegen jedoch nicht. Der Versuch, die Verantwortung für Tod und Gewalt vom militärischen Akteur auf den Beobachter abzuwälzen, hat gefährliche Implikationen für die Fotojournalisten. Wenn ein Fotograf ein Krieger ist, steht er auch nicht unter dem besonderen Schutz des Kriegsvölkerrechts und wird zu einem »legitimen« militärischen Ziel. Fotografen und Journalisten sind in den letzten zwei Jahrzehnten immer stärker zur Zielscheibe geworden. Aber gerade der Diskurs über den Bilderkrieg sowie die Praxis des »Embedment«, die letztlich eine Unterscheidung zwischen guten, schutzwürdigen Journalisten, die »embedded« sind, und unabhängigen Journalisten, die als Freiwild zum Abschuß freigegeben werden, mit sich bringt, hat diese Tendenz verstärkt. Darüber hinaus macht es die Gleichsetzung von Bildern mit Waffen leichter, Bildern professioneller Journalisten und den Ereignissen, die sie dokumentieren, die Legitimation abzusprechen und sie als Propaganda und Manipulation zu brandmarken, ohne sich mit den Inhalten beschäftigen zu müssen.

Versicherheitlichung der Debatte

Beide Begriffe, sowohl »Bilderkrieger« als auch »War Porn«, folgen somit einem ähnlichen Gedankengang und leisten einer Versicherheitlichung der Debatte um Kriegsbilder und die Arbeit von Kriegsfotografen Vorschub (Koltermann 2014, S.11 ff.). Vor allem seit der Diskussion um die so genannten »Neuen Kriege« (Münkler 2002) und um das Verhältnis von Medien und Krieg ist dies kennzeichnend sowohl für den öffentlichen Diskurs als auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu diesen Themen. Fast unhinterfragt ist die Rede vom »Bilderkrieg« zu einem Gemeinplatz geworden. Nur wenige Wissenschaftler, wie Kai Hafez (2007), mahnen, den Medien nicht zu viel Macht zuzusprechen und das Primat der Kriegspolitik nicht zu vernachlässigen.

Die Bilderkriegsthese folgt einem hegemonialen politischen Diskurs, der zum Ziel hat, die Medien zu Akteuren des Krieges zu machen und die Verantwortung von den Tätern in Uniform und den Akteuren auf der politischen Ebene auf den Journalismus abzuwälzen. Hier finden sich Parallelen zur Debatte über den »Cyberwar«, deren Apologeten Hackerangriffe als Kriegserklärung betrachten, die mit militärischen Mitteln zu beantworten seien. Die Bilderkriegdebatte schließt darüber hinaus an die Dolchstoßlegende des Vietnamkrieges an: Bis heute hält sich der Mythos, der Krieg in Vietnam sei verloren worden, weil die Medien die US-amerikanische Bevölkerung gegen die Regierung aufgewiegelt hätten, obgleich es dafür keinerlei empirische Nachweise gibt.

Dabei liegt weder die politische noch die individuelle Verantwortung für Krieg und Gewalt bei den Fotografen und Journalisten. Zwischen den Bildern bzw. zwischen den Zeilen machen dies auch die Bücher »War Porn« und »Bilderkrieger« mehr als deutlich.

Literatur

Christoph Bangert (2014): War Porn. Heidelberg: Kehrer.

Judith Butler(2009): Raster des Krieges. Frankfurt am Main/New York: Campus.

Kai Hafez (2007): Die Überlegenheit des Realismus: »Bilderkriege«, »Iconic Turn« und die Ohnmacht der Medien. In: Lydia Haustein, Bernd M. Scherer, Martin Hager (Hrsg.): Feindbilder - Ideologien und visuelle Strategien der Kulturen. Göttingen: Wallstein Verlag, S.126-134.

Holger Isermann und Thomas Knieper (2010): Bildethik. In: Christian Schicha und Carsten Brosda (Hrsg.): Handbuch Medienethik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.304-317.

Michael Kamber (2013): Photojournalists on War - The Untold stories from Iraq. Austin: The University of Texas Press. Deutsche Ausgabe ders. (2013): Bilderkrieger - Von jenen, die ausziehen, uns die Augen zu öffnen. Kriegsfotografen erzählen. Übersetzt und bearbeitet von Fred Grimm. Hollenstedt: Ankerherz.

Felix Koltermann (2014): Fotografie und Konflikt - Texte und Essays. Norderstedt: BoD.

Herfried Münkler (2002): Die neuen Kriege. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Gerhard Paul (2004): Bilder des Krieges - Krieg der Bilder: Die Visualisierung des modernen Krieges. Paderborn: Schöningh.

Felix Koltermann ist Friedens- und Konfliktforscher, Trainer und Journalist. Er promoviert an der Universität Erfurt über die fotojournalistische Produktion in Israel und den palästinensischen Gebieten. Auf fotografieundkonflikt.blogspot.com bloggt er zum Thema.

in Wissenschaft & Frieden 2014-4: Soldat sein, Seite 44–45

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