in Wissenschaft & Frieden 2014-4: Soldat sein, Seite 33–35

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Panzer

Im Ersten Weltkrieg und heute

von Lutz Unterseher

Die Geschichte des modernen Kampfpanzers, hier einfach »Panzer«, beginnt 1911 mit dem Entwurf eines »Motorgeschützes«, den das Kriegsministerium in Wien aus Unverständnis ablehnte. Der Designer: Günther Burstyn, Oberleutnant im k.u.k.-Eisenbahnregiment. Es ging um ein geschütztes Kettenfahrzeug mit einer Kanone in einem Drehturm - also das, was auch heute den Panzer noch wesentlich ausmacht. Wenige Jahre später hielt der Panzer dennoch seinen Einzug auf dem Schlachtfeld und spielt in militärischen Kalkülen bis heute eine - wechselnde - Rolle.

Der erste große Auftritt kam im Großen Krieg, nachdem das Geschehen an der französischen Front erstarrt war. Zu stark war die Defensive durch die Feuerkraft der Maschinengewehre und der neuartigen Feldgeschütze mit hoher Schussfolge (Rapidgeschütze), als dass die übliche Angriffsmethode der Infanterie (Vorgehen auf breiter Front nach Artillerievorbereitung) größere Durchbrüche hätte erbringen können. So entstand die Idee eines Vehikels, das sich auch über Gräben hinweg bewegen und seiner Mannschaft unter Panzerschutz den Waffengebrauch ermöglichen würde.

Anfang 1915 wurde in England das »landships committee« gegründet und ein Prototyp entwickelt: noch unbewaffnet, klobig, aber funktionstauglich. Er wurde »Little Willie« getauft, was eigentlich »kleiner Penis« bedeutet und damals auch der Spottname für den deutschen Kronprinzen war.

Auf »Little Willie« folgte der bereits für die Feldverwendung vorgesehene »Mark I«, genannt »mother«, der im Sommer 1916 an die Front kam. Zur Täuschung feindlicher Spionage wurde er als »tank« bezeichnet - der Begriff setzte sich im englisch- und russischsprachigen Raum durch. Das Fahrzeug war viel größer als sein Vorgänger und nicht kastenförmig, sondern rhomboid. Mit seiner langen Basis und der vorderen, schrägen Führung der Ketten schien es für das Überwinden von Gräben gut geeignet. »Mark I« hatte keinen Drehturm. Deswegen wurde er - nicht sonderlich rationell - mit »doppelter« Bewaffnung ausgestattet: mit Maschinengewehren und leichten Kanonen, die in beiden Flanken installiert waren.

Das Fahrzeug galt mit 30 Tonnen als schwer, wog aber - obwohl größeren Volumens - nur etwa halb so viel wie heutige Panzer. Schutz bot »Mark I« nur gegen Infanteriewaffen; mit der Entwicklung spezieller Panzerabwehrwaffen wurde nicht unmittelbar gerechnet. Im Zuge der Serienproduktion wurde dieser Panzer bis 1918 mehrmals verbessert.

In Frankreich hatte es mittlerweile ähnliche Bemühungen gegeben. Die beiden ersten französischen Produkte fielen in die Kategorie »mittelschwer« und erschienen etwas später auf dem Gefechtsfeld, da technische Anfangsschwierigkeiten die Serienproduktion verzögert hatten. Diese beiden Typen besaßen ebenfalls keinen Drehturm. Ihre Geländegängigkeit war geringer als die des britischen Modells.

Bald wurde die Fertigung der mittelschweren französischen Typen aufgegeben, denn es kam zu einer Arbeitsteilung: Die Briten sollten weiterhin die »Mark«-Reihe bauen (später noch den neuen, mittelschweren »Whippet«), während die Franzosen sich auf die Produktion leichter Panzer konzentrierten. 1917 war nämlich der leichte Panzer »Renault FT-17« serienreif geworden. Dieser besaß einen Drehturm mit Kanone und ähnelte einer späten Realisierung des Entwurfs von Burstyn.

Von der »Mark«-Reihe wurden bis Ende 1918 ca. 1.300 Fahrzeuge gebaut, von den »Whippets« einige Hundert. Die mittelschweren französischen Modelle kamen auf je 400 Exemplare, und die Zahl der Renaults lag bei 3.000 (Zetschwitz 1938). Zum Vergleich: Deutschland produzierte nur 20 turmlose, schwere Panzer des Typs »A7V«, die sich für den Einsatz im Übrigen als zu kompliziert erwiesen (Unterseher 2014, S.75 ff.).

Überwindung des Stellungskrieges

Frankreich und Großbritannien bauten also in guter Arbeitsteilung etwa 5.500 Panzer, Deutschland eine kaum nennenswerte Zahl. Das ist erklärungsbedürftig.

Nicht befriedigen kann der Hinweis, Deutschland sei damals am Ende seiner Ressourcen gewesen und sein Heer hätte sich deshalb keine Panzerrüstung leisten können. Das Ressourcenproblem bestand nämlich vor allem, weil die Kriegsmarine enorme Mittel beanspruchte: für den Weiterbau von Großkampfschiffen (mit denen die Durchbrechung der britischen Seeblockade letztlich auch nicht gelang) und für den unsinnigen Ausbau der U-Boot-Flotte (deren Aktivitäten die USA schließlich zum Kriegseintritt bewegten). Konkret: Mit dem für ein einziges Großkampfschiff benötigten Stahl hätten sich über 3.000 leichte Panzer bauen lassen.

Neben der falschen strategischen Ausrichtung führte auch die Geisteshaltung der Heeresführung zur Entscheidung, nicht auf Panzer zu setzen. Beide gegnerische Seiten standen in Frankreich vor dem Problem, den Stellungskrieg zu überwinden, um sich wieder Siegeschancen zu verschaffen. Doch wie ließ sich der Krieg am besten »in Bewegung setzen«? Die deutsche Seite entschied sich für die Kombination der Wunderwaffe »Gas«, eines zur eigenen Hybris passenden »Götterwindes«, mit neuen Taktiken. Mit ihrer Hilfe sollte der Durchbruch in die Tiefe der gegnerischen Verteidigung gelingen.

Bei den Taktiken ging es um zweierlei: ein neues Verfahren, die Artillerie aller Kaliber schlagartig auf die vorgesehene Durchbruchsstelle zu konzentrieren und dann der angreifenden Infanterie mit ihrem Feuer zügig voranzurollen, sowie das Sturmtruppenkonzept, das den Frontalangriff von Fußsoldaten durch fluide Bewegungen von Elitetrupps ersetzte: auf einen Durchbruchspunkt konzentriert, Schwachstellen des Verteidigers nutzend, in die gegnerische Tiefe zielend, etwaiger Flankenbedrohung nicht achtend und aus der eigenen Tiefe fortlaufend durch Reserven genährt.

Diese Fokussierung auf Taktik wurzelte in der Doppelnatur des preußisch-deutschen Militärs: einerseits hochprofessionell, andererseits zutiefst antibürgerlich. Zwar wurde manch technische Neuerung in ihrer Wirksamkeit durchaus anerkannt, dennoch blieb die Heeresleitung gegenüber der »bürgerlich« konnotierten Welt der Maschinen auf Distanz: Eine Maschine sollte keine taktischen Probleme lösen.

Ganz anders die auch im Hinblick auf ihre Heere eher bürgerlich geprägten Entente-Mächte Frankreich und Großbritannien. Dort wurde die Maschine, der »tank«, wesentliches Vehikel für die geplanten Durchbruchsoperationen. Die gelangen aber auch nicht im gewünschten Sinne. Die Entente-Mächte setzten Panzer zwar in immer größerer Zahl ein (1916 an der Somme waren es 50, 1917 bei Cambrai bereits 500), blieben aber der alten Taktik des schematischen Frontalangriffes verhaftet. Dennoch: Panzeroperationen kamen in Serie, und ihre Abwehr trug zur Auszehrung des Deutschen Heeres und damit zu dessen Niederlage erheblich bei.

Ironie der Geschichte: Das deutsche Militär hatte im Frühjahr 1918 einen letzten groß angelegten Durchbruchsversuch gemacht. Die neue Taktik schien gut zu funktionieren - es kam dennoch bald das Ende: Koordinations- und Führungsfehler sowie die Zähigkeit der Verteidigung waren die Gründe. Zwischen den beiden Weltkriegen dann entwickelten »fortschrittliche« Militärkreise einiger europäischer Länder die Idee, Panzertruppen nach dem Muster der neuen deutschen Infanterietaktik zu führen, womit das Konzept weitreichender, offensiver Operationen schwerer Verbände geboren war. Exemplarisch ist hier ein Mann zu nennen, der diese Entwicklung in seinem Soldatenleben widerspiegelt: Erwin Rommel, Führer von Sturmtruppen im Ersten und von Panzerverbänden im Zweiten Weltkrieg (Rommel 1990).

Ein zählebiges Ding

Der Panzer ist ein seltsames Ding. Schon bald nach der Premiere auf dem Gefechtsfeld wurde ihm eine eher kurze Lebensdauer prognostiziert. In der Zeit nach dem »Großen Krieg« gab es nämlich konzeptionelle Unsicherheit und frustrierende Debatten über den optimalen Einsatz der neuen Waffe, außerdem traten die durch die Neuerung in ihrer Bedeutung geschmälerten Truppengattungen zum bürokratischen sowie publizistischen Gegenangriff an. Hinzu kam die Entwicklung spezialisierter Panzerabwehrmittel, die das neue Gerät verletzlich werden ließen. So breitete sich Skepsis aus, ob dem Panzer überhaupt eine Zukunft beschieden sei.

Doch im Zweiten Weltkrieg kam der Durchbruch der neuen Waffe. Der europäische Schauplatz war wesentlich vom Panzerkampf geprägt. Den Anfang machte Nazideutschland. Dieses verdankte seine frühen Erfolge vor allem der Tatsache, dass sich dort eher als anderswo die Auffassung durchgesetzt hatte, dass Panzer dann ein gutes Mittel für weitreichende Angriffsoperationen sind, wenn sie »artgemäß« eingesetzt werden: nach dem Muster der Sturmtruppen des Ersten Weltkrieges. Im Übrigen war auch erkannt worden, dass Panzertruppen, wenn sie vorankommen wollen, der unmittelbaren Unterstützung durch Jagdbomber, bewegliche Infanterie und Artillerie bedürfen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Panzer und die von Panzern geprägten Großverbände zur harten Währung der Ost-West-Konfrontation. So gehörte es zu den NATO-Stereotypen, aus der großen Zahl an Panzern und gepanzerten Divisionen, über die der Warschauer Pakt verfügte, auf dessen konventionelle Überlegenheit zu schließen. Dies wiederum schien eine besondere Rolle für taktische Atomwaffen in der Defensive nahe zu legen. Ausgeblendet wurden dabei die qualitativen Vorteile des Westens sowie die großen Schwierigkeiten der Sowjetunion, ihre Panzerreserven aus der Tiefe des Raumes zeitgerecht in Mitteleuropa wirksam werden zu lassen (Chalmers/Unterseher1987).

In den 1990er Jahren, nach dem Ende des Kalten Krieges, schien sich für die Länder des westlichen Bündnisses eine neue Welt aufzutun: die Verflüchtigung der (angeblichen) Bedrohung aus dem Osten und eine mutmaßliche Zunahme von Turbulenzen an der Peripherie Europas sowie in der »Dritten« Welt. Die politischen Eliten etlicher europäischer Staaten sahen nun ihr Militär, im Verbund mit Nachbararmeen, als Ordnungsfaktor. Die Idee multinationaler Interventionstruppen blühte, und die gewichtigeren Staaten wollten - schon aus Statusgründen - dabei sein. Es kam zu einer veritablen »Interventionitis« und zu einem Neuzuschnitt der Heere.

Die Verwendung großer Panzerverbände, wie sie noch im Zweiten und Dritten Golfkrieg wirkungsvoll geschah, erschien bald kaum mehr erforderlich. Hatten jene Kriege noch den Charakter konventioneller zwischenstaatlicher Zusammenstöße, schienen nun eher Truppenkontingente für stabilisierende Eingriffe in unkonventionelle innerstaatliche Konflikte erforderlich. Dazu aber wollten Panzer nicht so recht passen. So schafften die Niederlande ihre Panzertruppe ganz ab. Und das Deutsche Heer, das 1990 noch über mehr als 5.000 Panzer verfügt hatte, reduzierte die Zahl schrittweise auf ca. 350. Der Schwerpunkt liegt nun auf leichteren Kräften, die zügig über lange Strecken verlegbar und vor Ort für effektive, weiträumige Kontrollfunktionen einsetzbar sind.

Geht damit das Leben dieses seltsamen Dings schließlich doch zu Ende? Wohl kaum.

Die große Mehrzahl der Streitkräfte dieser Welt verfügt weiterhin über Panzer. In 19 Ländern sind es jeweils über 1.000 Stück. Dabei stechen Russland, die USA, China, Indien, die Türkei, Ägypten, Israel und Nordkorea hervor: Diese besitzen jeweils über 3.000 Panzer, einige sogar erheblich mehr (IISS 2012/13). Die Panzerflotten von gut der Hälfte der erwähnten 19 Länder sind zwar tendenziell veraltet, gleichwohl werden sie beibehalten, für alle Fälle. Doch es gibt auch modernes oder modernisiertes Gerät: Army-technology.com listet 29 Modelle auf, die weltweit relevant sind. Wird diese Liste um bloße Modellvarianten bereinigt, bleiben immer noch 15 Typen übrig.

Überdies wurden seit dem Jahr 2000 in folgenden Ländern Neuentwicklungen bzw. »Totalrenovierungen« von Panzern realisiert oder begonnen: China, Indien, Iran, Israel, Japan, Polen, Südkorea, Türkei. Auch von russischen Bemühungen wurde in der Fachpresse berichtet, diese sind freilich nicht belegt. In den USA fährt man nach Fehlschlägen mit großem Aufwand fort, Fahrzeuge zu entwickeln, die die üblichen Panzer an Schutz, Beweglichkeit und Kampfkraft übertreffen, aber signifikant leichter sein sollen und sich dadurch für die rasche Machtprojektion besser eignen würden.

Rund um die Welt, mit Ausahme von Südamerika, sind viele politische Eliten nicht der europäischen Linie gefolgt. Sie denken nach wie vor in den Kategorien des herkömmlichen zwischenstaatlichen Krieges, manchmal sogar aus gutem Grund. Oder es soll schlicht der große »Knüppel« disziplinierender Machtprojektion nicht aufgegeben werden. Ein weiteres - mitunter wohl ausschlaggebendes - Motiv, Panzerflotten beizubehalten, ja sogar neue Typen zu entwickeln, mag darin liegen, dass die rasselnden Ungetüme als einprägsame Symbole staatlicher Souveränität gesehen werden und ein neuer »nationaler« Panzer als Ausweis für die Leistungsfähigkeit der Industrie des Landes gilt.

Panzer als Gespenster

Frühjahr 2014: Deutsche Medien berichteten, russische Söldner, womöglich sogar »Reguläre«, seien in die Ostukraine eingefallen, hätten Kämpfer angeheuert, die sich als »Separatisten« bezeichnen. Und es gebe üppige Unterstützung: an Logistik, Waffen und anderem Gerät. Vor allem auch Panzer neueren, russischen Typs sollen in erklecklicher Zahl geliefert worden sein. Es wird spekuliert, Russland könnte auch mit größeren, regulären Verbänden nach einem Teil der Ukraine greifen, und man fragt, was denn die NATO, die als Nothelfer Kiews imaginiert wird, militärisch zu bieten hätte. Und schon landet man wieder beim Vergleich der Panzerflotten und ihrer numerischen Stärke. Und kommt zum Ergebnis, dass Russland gar viel, die europäischen NATO-Mitglieder aber kläglich wenig zu bieten hätten. Die Vergangenheit wirft also ihren Schatten.

Literatur

Malcolm Chalmers and Lutz Unterseher (1987): Is there a Tank Gap? A Comparative Assessment of the Tank Fleets of NATO and the Warsaw Pact. Bradford: School of Peace Studies, University of Bradford, Peace Research Report Nr. 19.

International Institute for Strategic Studies (IISS) (2012/13): The Military Balance. London: IISS.

Erwin Rommel (1990): Infantry Attacks (engl. Übersetzung der dt. Erstausgabe von 1937, »Infanterie greift an«). London: Greenhill.

Gerhard Peter von Zetschwitz (1938): Heigl's Taschenbuch der Tanks, Teil II (Panzererkennungsdienst G-Z, Panzerzüge und Panzerdraisinen) und III (Der Panzerkampf). München: J.P. Lehmanns.

Lutz Unterseher (2014): Der Erste Weltkrieg. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Lutz Unterseher, Dr. habil., Soziologe, Organisations- und Politikwissenschaftler, lehrt an der Universität Münster Internationale Beziehungen und ist unabhängiger Berater in Verteidigungsfragen.

in Wissenschaft & Frieden 2014-4: Soldat sein, Seite 33–35

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