in Wissenschaft & Frieden 2014-3: Die Kraft der Künste, Seite 59–60

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Die Zeit war reif für die Tübinger Friedenspädagogen

Verleihung des Göttinger Friedenspreises, 8. März 2014, Göttingen

von Regina Hagen

Die Themenfülle, die im 1967 gegründeten »Institut für Friedenspädagogik Tübingen« bearbeitet wird, ist überwältigend: Handeln in Gewalt- und Gefahrensituationen, Gewalt an Schulen, Gewaltfreiheit und gewaltfreie Aktionen, Friedenspädagogik, Frieden machen, Kriegs- und Gewaltspielzeug, Gewalt in Medien und vieles, vieles mehr. Im März 2014 nahmen Uli Jäger und Günther Gugel stellvertretend für das Institut, das seit 2012 als Programm »Peace Education & Global Learning« bei der Berghof Foundation angesiedelt ist, den diesjährigen Göttinger Friedenspreis entgegen. Verliehen wurde der Preis von der Jury „[i]n Würdigung [der] besonderen Verdienste [des Instituts] um die konzeptionelle Aufarbeitung und kreative Entwicklung friedenspädagogischer Erkenntnisse und deren praxisorientierte Umsetzung und Verbreitung durch zahlreiche Expertisen und Projekte, die auch im internationalen Kontext große Anerkennung finden“.

Was in der offiziellen Begründung so sperrig klingt, beschrieb Uli Jäger, Geschäftsführer des Programmbereichs, in seiner Preisträgerrede wie folgt: „Neugierig wie ein Kind und gleichzeitig systematisch wie ein Wissenschaftler sucht die Friedenspädagogik kontinuierlich nach zeitgemäßen Wegen, wie Kinder, Jugendliche und vor allem auch Erwachsene ihre Rolle bei friedensstiftenden Prozessen im Nahbereich und in der internationalen Politik finden können. Bei den damit verbundenen pädagogischen Suchbewegungen geht es nicht nur um das Abwägen von Sachverhalten. Es geht vor allem um die Entwicklung von Lernräumen, in denen Menschen sich konstruktiv mit politischen und persönlichen Dilemma-Situationen, mit Zweifeln und Gewissensnöten auseinandersetzen können. Denn mit diesen Problemen und Gefühlslagen sind Menschen konfrontiert, die sich der Beschäftigung mit Hass und Gewalt stellen und um die »richtigen« Wege zum Frieden und erfolgversprechende Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung ringen.“

Ein Grundprinzip ist ihm dabei besonders wichtig: „Ein spezifisches Merkmal der Friedenspädagogik ist das Ineinandergreifen von pädagogischen Bearbeitungsformen für negative und zerstörerische Erscheinungen (Krieg und Gewalt) auf der einen Seite und die systematische Suche nach positiven Gestaltungsmöglichkeiten (Konflikt, Frieden) auf der anderen Seite. So entwickelt Friedenspädagogik pädagogische Antworten auf die anhaltende Gewaltbereitschaft und Friedlosigkeit in und zwischen den Gesellschaften bzw. den Staaten dieser Erde und trägt auf der Grundlage differenzierter Gewalt-, Konflikt- und Friedensbegriffe dazu bei, Kulturen der Konflikttransformation und des Friedens zu fördern und zu etablieren. Friedenspädagogik unterstützt die Entwicklung von Vorstellungen, wie Menschen friedlich miteinander leben können und fördert damit Haltungen und Identitäten von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften als Friedensstifterinnen und Friedensstifter.“

Ziel der praktischen Institutsarbeit ist es also einerseits, Kindern direkt an ihre Bedürfnisse angepasste Angebote zu machen, und andererseits, Einrichtungen der Kinder- und Jugendbildung, Schulen und andere Lernorte dafür zu sensibilisieren, dass sie bei der Entwicklung konstruktiver Konfliktbearbeitung eine wichtige Rolle spielen, und sie für diese Rolle fit zu machen – sprich: Friedenspädagogik vor Ort zu verankern. U.a. entstehen dafür Handbücher, Unterrichtsmaterialien, die Zeitschrift »Global Lernen«, Broschüren, Videos, multimediale Angebote und Internetportale.

Ein Beispiel für diese Angebote ist die kindergerechte Website »Frieden-fragen.de« für Kinder, Eltern und ErzieherInnen, die zu Fragen von Krieg und Frieden, von Streit und Gewalt informiert – und den direkten Austausch ermöglicht: Kinder, und nicht nur die, können über die Website Fragen stellen und erhalten eine Antwort, die in der Regel auch auf der Website veröffentlich wird. So fragt die vierjährige Achi, was ein Bunker ist, der fünfzehnjährige Maximilian will wissen, wie oft die Welt mit den weltweit vorhandenen Atomwaffen zerstört werden könnte, und die dreizehnjährige Marie-Louise fordert Antwort, warum in Syrien Krieg ist. Auch an »Peace Counts« ist das Tübinger Institut beteiligt. Dieses Projekt will pädagogisch, journalistisch, wissenschaftlich und gesellschaftlich wirken, indem es Informationen zu erfolgreicher Friedensarbeit und konstruktiver Konfliktlösung sammelt und für die Öffentlichkeit aufbereitet, nicht zuletzt, um die Menschen zu eigenem Engagement zu ermutigen.

Edelgard Bulmahn, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Laudatorin der Preisverleihung, nutzte die Gelegenheit zunächst, um ausführlich auf die 2014 anstehenden Jahrestage, die Ukrainekrise und die aktuelle Diskussion um Deutschlands internationale »Verantwortung« einzugehen – für ihre diesbezüglichen Ausführungen sei auf Ihr Redemanuskript unter goettinger-friedenspreis.de verwiesen. Dann schlug sie aber doch den Bogen zu den „Menschen […], deren Engagement […] darin besteht, das Friedensgebot des Grundgesetzes im besten Sinne des Wortes mit Leben zu füllen“. Sie lobte das Institut als „Servicestelle“ für den schulischen und außerschulischen Bereich, denn „[d]as Friedensgebot des Grundgesetzes mit Leben zu füllen, ist nicht nur Verantwortung und Verpflichtung der Politik – es ist eben auch die Aufgabe einer lebendigen, kritischen und wachen Zivilgesellschaft!

Ein Voraussetzung für diese Aufgabe wurde von Uli Jäger unmissverständlich formuliert: „Es bedarf eines starken und koordinierten Signals der Landesregierungen und Kultusministerien für eine verstärkte Förderung der Friedenspädagogik an Schulen!“ Daran knüpfte Andreas Zumach an. Zumach wurde 2009 selbst mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet und ist Jurymitglied der »Stiftung Dr. Roland Röhl«, die den Preis vergibt. Er verwies darauf, dass entgegen Jägers Forderung fast ein Dutzend Bundesländer »Kooperationsvereinbarungen« mit der Bundeswehr abgeschlossen hätten, die den Beitrag des Militärs zur politischen Bildung an Schulen regeln. Er findet es skandalös, dass sich viele Lehrer außer Stande sehen, das Thema im Unterrichts selbst sachgerecht zu behandeln und deshalb gerne die Dienste der Jugendoffiziere in Anspruch nehmen. Er sei dankbar, so Zumach, dass das Tübinger Institut mithelfe, dem entgegenzuwirken. Daher sei es wirklich an der Zeit, dass diese Arbeit endlich mit dem Göttinger Friedenspreis gewürdigt würde.

Regina Hagen

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