in Wissenschaft & Frieden 2014-3: Die Kraft der Künste, Seite 34–36

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Bundeswehr-Bilder

Die Darstellung der deutschen Armee in aktuellen Filmproduktionen

von Michael Schulze von Glaßer

Bewegte Bilder zur Unterhaltung in den Dienst des Militärs zu stellen – so genanntes Militainment – ist nicht neu. Als Geburtsstunde des Kriegsfilms gilt der 90-sekündige Propagandafilm »Tearing Down the Spanish Flag« von 1898, der nur fünf Jahre nach der ersten Leinwandprojektion bewegter Bilder entstand. Die Sequenz zeigt, wie US-Soldaten in Havanna die spanische Flagge einholen, um dann die US-amerikanische zu hissen.1 Seitdem hat sich viel getan. sowohl was die Filmtechnik als auch was die Propaganda angeht. Inzwischen nutzt auch das deutsche Militär bewegte Bilder, um für sich und seine Aufgaben zu werben, wie der nachfolgende Blick auf den Umgang der Bundeswehr mit Filmproduktionen zeigt.

Auch wenn die deutsche Armee in Nachrichtensendungen bisweilen schlecht wegkommt, ist ihre mediale Darstellung insgesamt positiv. Das Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr2 beschäftigte sich intensiv mit der medialen Darstellung der Armee – auch um Ratschläge zu liefern, wie diese Darstellung in die gewünschte Richtung gelenkt werden kann. In ihrer im Januar 2010 veröffentlichten »Bevölkerungsumfrage« aus den Monaten Oktober/November 2009 heißt es: „Die Wahrnehmung der Bundeswehr durch die Bürgerinnen und Bürger wird von Medienbildern dominiert. Insbesondere das Fernsehen hat eine bemerkenswerte Breitenwirkung. […] Wer die Bundeswehr im persönlichen Lebensumfeld oder in den Medien wahrnimmt, der gewinnt zumeist positive Eindrücke. […] Von denen, die im Fernsehen etwas über die Bundeswehr sehen, nehmen 87 Prozent die Streitkräfte positiv wahr, davon 41 Prozent ‚Sehr positiv‘ oder ‚Positiv‘ und weitere 46 Prozent ‚Eher positiv‘. Nur 13 Prozent gelangen zu einem negativen Gesamtbild.“ 3

Auch wenn die Zahlen des bundeswehreigenen Instituts mit Vorbehalt verwendet werden sollten, zeigen sie doch, dass sich die Präsenz in den Massenmedien trotz vieler Skandale auszahlt.4 Um dies in ihrem Sinn zu befördern, drängt das deutsche Militär zunehmend aktiv in die Medien: zum einen, um die Berichterstattung in den Nachrichten zu beeinflussen und negativen Beiträgen entgegenzuwirken, zum anderen, um anlasslos ein positives Image in der Bevölkerung zu gewinnen. Vor allem Filmproduktionen stehen als Medium mit großer Reichweite im Fokus der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr.

Filmunterstützung

Die deutsche Armee unterstützte 2011 knapp 130 Filmproduktionen, darunter Historien-Spielfilme wie »Rommel« der ARD, aber auch Kurz-Dokumentationen über die »Minentaucherausbildung« für das Format »Galileo« des Privatsenders ProSieben. Die Unterstützungsleistungen reichten von der Beratung und Erteilung von Drehgenehmigungen bis hin zur Begleitung von Recherchereisen nach Afghanistan und der Bereitstellung von Requisiten. Daneben stand die Armee 2011 hunderten weiteren Medienproduktionen mit Informationen zur Verfügung, beispielsweise in Form von Interviews.5

Wie die Filmunterstützung durch die Bundeswehr konkret aussehen kann, zeigt exemplarisch der im November 2007 veröffentlichte Kinofilm »Mörderischer Frieden – Snipers Valley«. Da die erstmalige Thematisierung der Auslandseinsätze der Bundeswehr in einem Kinospielfilm „als förderlich für die Darstellung der Bundeswehr in der Öffentlichkeit bewertet“ 6 wurde, gab es für Regisseur Rudolf Schweiger folgende Unterstützungen durch das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg):

Durch die Maßnahmen seien keine zusätzlichen Kosten für die Bundeswehr entstanden. Neben dem Pressefachpersonal, das die Betreuung im Rahmen seiner üblichen Aufgaben erledigte, sei kein zusätzliches Personal gebunden worden. Gerät sei ebenfalls nicht zur Verfügung gestellt worden. Die geleistete Unterstützung des Filmprojektes fand im Rahmen der Medienarbeit der Bundeswehr statt.

Offen bleibt dabei, wer die im Film gezeigten Militärfahrzeuge stellte. In einer Szene zu Beginn des Filmes sind mehrere Leopard-Kampfpanzer und Fuchs-Truppentransporter zu sehen. Auch Innenraumaufnahmen des Fuchs-Transporters werden gezeigt. Die Jeeps vom Typ Wolf, die im Film zum Einsatz kommen, wurden von den Produzenten extra für die Dreharbeiten gekauft, der im Film gezeigte Bell UH1-D-Hubschrauber jedoch nicht, er gehörte wohl der Bundeswehr.

Auf der DVD des Films äuußert sich Regisseur Rudolf Schweiger im »Making of« wie folgt über die Zusammenarbeit mit der Armee: „Ein Highlight war auf jeden Fall auch die ganze Fabrik, das ganze Bundeswehr-Lager, das wir ja mit großer Unterstützung der Bundeswehr drehen konnten, die wir am Schluss ja trotzdem noch gekriegt haben, was auch wirklich echt ein Grund zur Freude war, weil wir da ja am Anfang gar nicht mehr wussten, inwieweit können wir noch mit denen rechnen. Wir hatten zwei Wölfe [Bundeswehr-Geländewagen], die wir noch in Deutschland gekauft hatten, aber mit zwei Wölfen und ein paar Uniformen macht man nicht wirklich so einen Militärfilm. Da bin ich nach wie vor sehr, sehr froh, dass wir das mit Unterstützung der Bundeswehr doch alles so hingekriegt haben, dass es auch groß ausschaut.“

Wie die Unterstützung im Detail aussah und wer die Kosten dafür trug, wurde nicht offen gelegt. Die Bundeswehr versucht oft, Kosten mit dem Argument zu verschleiern, Personal und Material seien ohnehin vorhanden, die Ausgaben würden sich nicht erhöhen, wenn diese an einem Film mitwirkten.

Zudem kam die Produktion der Armee sicherlich sehr gelegen. In dem Film retten deutsche Soldaten bei einem Angriff auf einen Checkpoint eine junge Serbin. Es folgt eine Liebesbeziehung und die Jagd nach den Drahtziehern des Angriffs. Spiegel-Online sprach von einem „Eingreifmärchen, wie es sich die PR-Abteilung der Bundeswehr nicht schöner hätte ausdenken können“.8 Der vom Bayerischen Rundfunk, dem Südwestrundfunk und ARTE finanzierte Kinofilm wird mittlerweile auch in deren Fernsehprogrammen gesendet.

Selektive Unterstützung

Auf eine Kleine Anfrage im Bundestag, welches Ziel die Bundeswehr mit der Unterstützung von Filmproduktionen verfolge, antwortete die Bundesregierung 2009: „Medienvorhaben Dritter werden durch das BMVg und die Bundeswehr unterstützt, sofern das Projekt geeignet erscheint, einer breiten Öffentlichkeit objektive Informationen über die Bundeswehr zu vermitteln und das öffentliche Ansehen oder die Akzeptanz ihres Auftrages zu fördern. Dienstliche Belange dürfen den Unterstützungsleistungen nicht entgegenstehen.“ 9 Der Verdacht, mit der Filmunterstützung werde versucht, die Öffentlichkeit zu beeinflussen und für die Bundeswehr zu werben, wird vehement bestritten: „Die Bundesregierung beabsichtigt nicht, die öffentliche Meinung durch die Unterstützung von Filmprojekten zu beeinflussen.“10 Im Jahr 2012 wurde dies nochmals bekräftigt: Die Bundesregierung begrüße „auch kritische Berichterstattung“ über die Bundeswehr, da sie „im Sinne der Bundesregierung zu Transparenz und Pluralität“ beitrage.11

Dies heißt aber nicht, dass automatisch alle Unterstützungsanfragen positiv beschieden werden. So wurde dem Dokumentarfilm »Der Tag des Spatzen« von Philip Scheffner (2010) jede Unterstützung durch die Armee verwehrt, selbst die Drehgenehmigung für einen öffentlichen »Tag der offenen Tür« in einer Kaserne wurde versagt. „Es wurde uns deutlich gemacht, dass die Bundeswehr nicht in unserem Film auftauchen wollte, wenn es um ihr eigenes Selbstverständnis und ihre eigene Arbeit ging“, erklärt Regisseur Scheffner die ablehnende Haltung der Militärs. Selbst durch Umschreiben des Drehbuchs nach einem Treffen mit den für Filmunterstützung zuständigen Militärs ließ sich das Verteidigungsministerium nicht umstimmen. Laut Scheffner kam die „Ablehnung“ des Projekts „von der übergeordneten, politisch denkenden Stelle“.12 »Der Tag des Spatzen« setzt sich mit den Folgen des deutschen Einsatzes am Hindukusch in der Heimat auseinander. Auch einem 2013 veröffentlichten NDR-Film über das Kunduz-Massaker, für den die Bundeswehr um Unterstützung gebeten wurde, verweigerte das Militär jede Kooperation.13

Wie knapp die Entscheidung der Bundeswehr zwischen unterstützungswürdigen und nicht-unterstützungswürdigen Filmproduktionen bisweilen ausfällt, zeigen Heimkehrer-Filme. So wurde der 2009 im ARD ausgestrahlte Spielfilm »Willkommen zuhause« von der Bundeswehr durch Drehgenehmigungen und fachliche Begleitung gefördert. In dem Film wird ein deutscher Soldat in Afghanistan Opfer eines Anschlags und kehrt traumatisiert nach Hause. Dort kämpft er mit seinen psychischen Problemen, streitet sich mit seiner Frau und Freunden, macht am Ende aber freiwillig eine Therapie. In der Pressemappe zum Film heißt es: „»Willkommen zuhause« ist der erste deutsche Fernsehfilm, der sich mit dem zurzeit brennend aktuellen Thema der Folgen von Friedensmissionen der Bundeswehr für die rückkehrenden Soldaten auseinandersetzt. Intensiv und realistisch thematisiert das Drama die Überforderung eines jungen Soldaten, dessen Psyche mit den Erlebnissen im Krisengebiet nicht fertig wird. Und die Überforderung seiner heimatlichen Umgebung, die in ihrer friedlichen Alltäglichkeit nicht damit rechnet, sich mit Kriegsfolgen auseinandersetzen zu müssen. Der Ort Deidesheim [in dem der Film spielt] wird damit zu einem Spiegel der bundesdeutschen Gesellschaft, die Strategien für die Integration von traumatisierten Soldaten entwickeln muss.“ 14

Am Tag nach der Ausstrahlung entbrannte eine auch vom Deutschen Bundeswehrverband vorangetriebene Diskussion über traumatisierte Armeeangehörige und wie diese zu unterstützen seien. Wenige Tage nach der Filmausstrahlung wurde im Bundestag mit breiter Mehrheit ein Antrag beschlossen, der für die Zukunft eine umfangreiche Behandlung traumatisierter Soldaten vorsieht.15

Schon ein Jahr vor Ausstrahlung von »Willkommen zuhause« behandelte der deutsche Kinofilm »Nacht vor Augen« (2008) ebenfalls die Traumatisierung von Soldaten der Bundeswehr.16 In diesem Film wurde der Soldat durch die Erschießung eines achtjährigen afghanischen Jungen, der einen Anschlag auf die Armeeeinheit des Soldaten vor hatte, traumatisiert. Für diesen Vorfall bekommt Soldat David Kleinschmidt im Film von der Bundeswehr sogar eine Ehrenmedaille verliehen, muss jedoch Stillschweigen bewahren, da die Erschießung eines Kindes in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen würde. Die posttraumatischen Belastungsstörungen treiben den Soldaten jedoch ins gesellschaftliche Abseits, bis zur Eskalation: Er spielt mit seinem Halbbruder, der noch ein Kind ist, Kriegsspiele im Wald und stachelt ihn zu Gewalt an. Letztlich wird der Soldat, der sich seine Erkrankung trotz Bettnässens nicht eingestehen will, von der Polizei überwältigt und zur Behandlung in ein Bundeswehrkrankenhaus eingewiesen.

Auch wenn die Szene im Film als Notwehr dargestellt wird, stellte die Erschießung eines Kindes durch einen deutschen Soldaten im deutschen Film ein Novum dar. Auch die Vertuschung des Vorfalls lässt die Bundeswehr in schlechtem Licht erscheinen. In der „Darstellung der Bundeswehr ist der Film geradezu diffamierend“, meinte Stephan Löwenstein, Rezensent und Verteidigungsexperte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.17 Der Film wurde daher nicht von der Bundeswehr unterstützt, und führte anders als »Willkommen zuhause« auch zu keiner von Verbänden und anderen politischen Interessengruppen anstoßenen Debatte über traumatisierte deutsche Soldaten. Wo die Bundeswehr auf der einen Seite ihr gelegene Filmproduktionen unterstützt, werden Projekte, die sich kritisch mit Einsätzen der deutschen Armee auseinandersetzen, also nicht gefördert.

Fazit

Die Bundeswehr ist sich der Wirkung bewegter Bilder bewusst und nutzt sie, um die eigenen Interessen zu vertreten. Auch wenn die Bundesregierung dies anders darstellt, werden von der Armee besonders kommerzielle Filmprojekte unterstützt, die ein positives Bild von der Bundeswehr zeichnen. Wie die Unterstützung aussieht, ist dabei sehr intransparent und wird, wie die Bereitstellung von Panzern für die Dreharbeiten des Films »Mörderischer Frieden« beispielhaft zeigte, bewusst verschwiegen. Es überrascht zwar nur wenig, dass eine solche instrumentalisierte Filmförderung existiert, zwingt aber doch, über die hieraus zu ziehenden Konsequenzen nachzudenken.18

Die wichtigste Konsequenz ist, dass es größerer Transparenz bedarf: zum einen, um sich überhaupt intensiver mit der Medienarbeit der Bundeswehr auseinandersetzen zu können, zum anderen aber auch, um die Bevölkerung über die einseitige Darstellung des Militärs in den Medien aufzuklären.

In diesem Sinne fordert etwa der Düsseldorfer Publizist Peter Bürger in seinem 2006 mit dem Bertha-von-Suttner-Preis ausgezeichneten Buch »Kino der Angst – Terror, Krieg und Staatskunst aus Hollywood« eine Kennzeichnungspflicht für Unterhaltungsprodukte, bei denen das Militär mitgewirkt hat. Dies „müsste im Sinne eines demokratischen Verbraucherschutzes als Selbstverständlichkeit gelten“.19

Anmerkungen

1) Peter Bürger (2006): Kino der Angst – Terror, Krieg und Staatskunst aus Hollywood. Stuttgart: Schmetterling Verlag, 2. Auflage, S.44.

2) Das SOWI wurde 2013 mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt zum Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr zusammengelegt.

3) Thomas Bulmahn (2010): Sicherheits- und verteidigungspolitisches Klima in Deutschland. Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung Oktober/November 2009. Strausberg: SOWI, Kurzbericht, S.18f.

4) Michael Schulze von Glaßer (2010): An der Heimatfront. Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr. Köln: Papyrossa, S.40ff.

5) Antwort auf Kleine Anfrage von Ulla Jelpke et.al. (DIE LINKE): Umfang von Werbemaßnahmen der Bundeswehr im Jahr 2011. Bundestags-Drucksache 17/9501 vom 27.4.2012.

6) Antwort auf Schriftliche Frage von Ulla Jelpke (DIE LINKE.): Umfang der Unterstützung der Bundeswehr bei der Produktion des Spielfilms »Mörderischer Frieden«. Bundestags-Drucksache 16/7572 vom 10.12.2007.

7) Ibid.

8) Christian Buß: Bundeswehr-Drama „Mörderischer Frieden“ – Kuscheln im Kosovo, in: www.spiegel.de, 28. November 2007 – letzter Zugriff am 26. Juni 2014.

9) Antwort auf Kleine Anfrage von Ulla Jepke et.al. (DIE LINKE): Werbmaßnahmen der Bundeswehr in Medien. Bundestags-Drucksache 16/14094 vom 29.9.2009

10) Ibid.

11) Bundestags-Drucksache 17/9501, op.cit.

12) Michael Schulze von Glaßer: Filmunterstützung durch die Bundeswehr: „Die Armee will nicht über sich selbst sprechen“. militainment.info, 25. Mai 2011.

13) Michael Schulze von Glaßer: Nachschub- und Transporttruppe. freitag.de, 5.9.2013.

14) Schulze von Glaßer (2010), op.cit., S.195ff.

15) Antrag von Abgeordneten der CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN: Betreuung bei posttraumatischen Belastungsstörungen stärken und weiterentwickeln. Bundestags-Drucksache 16/11882 vom 11.2.2009.

16) Schulze von Glaßer (2010), op.cit, S.198f.

17) Stephan Löwenstein: Klappen vor Augen. faz.net, 25.6.2009.

18) Dies trifft auch auf den zunehmend an Bedeutung gewinnenden Bereich der Videospiele zu. Siehe Michael Schulze von Glaßer (2014): Das virtuelle Schlachtfeld. Videospiele, Militär und Rüstungsindustrie. Köln: Papyrossa.

19) Peter Bürger (2006), op.cit, S.641.

Michael Schulze von Glaßer ist Politikwissenschaftler, freier Journalist, Beirat der Informationsstelle Militarisierung e.V. und Autor mehrerer Bücher über die Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr sowie der Verbindungen zwischen der Videospielbranche, dem Militär und der Rüstungsindustrie.

in Wissenschaft & Frieden 2014-3: Die Kraft der Künste, Seite 34–36

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