in Wissenschaft & Frieden 2014-3: Die Kraft der Künste, Seite 22–25

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Kunst und Krieg 1914-18

von Steffen Bruendel

Es gehört zu den bis heute verstörenden Phänomenen des Ersten Weltkrieges, dass die damalige kulturelle Elite – Maler, Bildhauer und Dichter1 – bei Kriegsbeginn 1914 in Jubel ausbrach: anerkannte Repräsentanten der etablierten Kunstrichtungen ebenso wie hervorragende Vertreter der künstlerischen und literarischen Avantgarden. Sie verewigten das Erlebte mit Pinsel und Feder, porträtierten sich in Uniform, formulierten ihre »Gedanken im Kriege« (Thomas Mann) und verfassten patriotische Gedichte. Viele meldeten sich sogar freiwillig. Was bewog sie dazu? Wie erlebten sie den Krieg? Wie wirkte er sich auf ihren künstlerischen Ausdruck aus? Dieser Beitrag beleuchtet die damalige Ideenwelt sowie die Erwartungen, die mit dem Krieg verbunden wurden und schon nach kurzer Zeit bitter enttäuscht werden sollten. Was als apokalyptische Neuerung von vielen ersehnt worden war, entpuppte sich in der Realität als so zerstörerisch, dass Künstler und Dichter um einen angemessenen Ausdruck rangen.

Käthe Kollwitz schrieb am 13. August 1914 folgende Worte in ihr Tagebuch: „Die Männer[,] die in den Krieg gehn, hinterlassen meist Frau und Kinder, ihr Herz ist geteilt. Die Jungen sind in ihrem Herzen ungeteilt. Sie geben sich mit Jauchzen. Sie geben sich wie eine reine schlackenlose Flamme, die steil zum Himmel steigt.“ 2

Kurz zuvor hatte sie ihren Mann gebeten, der freiwilligen Gestellung ihres 18-jährigen Sohnes Peter zuzustimmen. Das war ihr nicht leicht gefallen, aber es war der sehnlichste Wunsch ihres Jüngsten gewesen, noch vor seiner Einberufung dabei zu sein. „Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen“, so Karl Kollwitz zu Peter, woraufhin dieser entgegnet habe: „Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es.“ Diese unbedingte Vaterlandsliebe beeindruckte Käthe Kollwitz, obgleich sie, der Sozialdemokratie nahe stehend, zwiespältige Gefühle hegte. Wie viele andere hatte aber auch sie den Kriegsbeginn als „ein Neu-Werden“ empfunden: „Als ob nichts der alten Werteinschätzungen noch standhielte, alles neu geprüft werden müsste.“ Sie erlebte, wie sie ihrem Tagebuch anvertraute, „die Möglichkeit des freien Opfers“.3

Jener Mischung aus Opferbereitschaft und Vaterlandsliebe, welche zahlreiche junge Männer dazu bewog, sich im Sommer 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz zu melden, hat der Dichter Heinrich Lersch nach Kriegsbeginn besonders prägnant Ausdruck verliehen:

„Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn! All das Weinen kann uns nichts mehr nützen, denn wir gehn das Vaterland zu schützen! Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn. Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir küssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!“ 4

Mit diesen Zeilen beginnt sein Gedicht »Soldatenabschied«. Als Schriftsteller war der Kesselschmied Lersch Autodidakt. Wie Käthe Kollwitz stand er sozialistischen Gedanken nahe und ließ sich wie sie in seinem Werk von der Arbeitswelt inspirieren. Bei Kriegsbeginn 25 Jahre alt, meldete er sich freiwillig. Auch der bis dato noch unbekannte Dichter Ernst Lissauer strebte an die Front, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen abgewiesen. Mit seinem wenig später veröffentlichten »Haßgesang gegen England« sollte er über Nacht berühmt werden. Aber selbst arrivierte Künstler engagierten sich. In München meldete sich mit 36 Jahren der Maler Albert Weisgerber freiwillig und schrieb seiner Frau, er hoffe, die Landung in England als „Höhepunkt des Krieges“ mitzuerleben. Und auch den 51-jährigen Richard Dehmel, damals einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker, zog es an die Front.5

Wie ist diese Stimmung zu erklären? Wie erlebten die Dichter und Künstler den Krieg, und wie wirkte er sich auf ihr Werk aus? Um Antworten zu finden, wird zunächst die politisch-soziale Ausgangslage dargestellt und dann die Ideenwelt der Künstler und Dichter skizziert. Anschließend wird das so genannte »Augusterlebnis« beschrieben und mit der Desillusionierung kontrastiert, die aufgrund der Fronterfahrungen einsetzte.

Wohlstand, Reformstau und Krisen

Seit der Jahrhundertwende erfuhr das Deutsche Reich einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg. Die Zeit von 1895 bis 1913 gilt als erstes deutsches Wirtschaftswunder, durch das Deutschland zu den führenden Industrienationen aufstieg. 1913 wurden das 25-jährige Thronjubiläum Kaiser Wilhelms II. sowie das 100-jährige Jubiläum der siegreichen Befreiungskriege gegen Napoleon gefeiert. Mittlerweile war Deutschland die drittgrößte europäische Kolonialmacht und besaß die zweitstärkste Flotte der Welt. Das Wissenschaftssystem genoss höchstes Ansehen. Zwischen 1901 und 1918 erhielten 21 Deutsche den Nobelpreis.6 Diese glanzvolle Entwicklung war aber nur eine Seite des Reichs.

Die andere Seite war durch vielfältige Defizite der politisch-sozialen Entwicklung gekennzeichnet. So gab es in Preußen und anderen deutschen Staaten restriktive Klassenwahlrechte sowie Wahlkreiszuschnitte, welche die Arbeiter benachteiligten. Zwar war das Reichstagswahlrecht demokratisch, aber der Reichskanzler nicht dem Parlament, sondern dem Kaiser verantwortlich. Der Ausschluss der Parteien von einer verantwortlichen Mitbestimmung führte dazu, dass sie in parteipolitischen Streitereien verharrten. Konservative Kreise, Unternehmer und die Regierung diskriminierten die Sozialdemokraten als Klassen- und Reichsfeinde. Zwar war die SPD bei den Reichstagswahlen 1912 stärkste Partei geworden, aber es gelang ihr kaum, Wähler außerhalb des Arbeitermilieus zu gewinnen. Sie hielt am Marxismus fest, war aber institutionell in das politische System integriert. Allerdings war die politische Kultur durch eine ideologische Polarisierung gekennzeichnet: Dem transnationalen Sozialismus der Arbeiterschaft stand ein übersteigerter bürgerlicher Nationalismus gegenüber.7 Es kennzeichnet das Kaiserreich, dass es fortschrittliche Elemente ebenso aufwies wie rückständige.

Neben dem Zwiespalt zwischen sozialem Wohlstand und politischem Reformstau prägten auch außenpolitische Krisen die Wahrnehmung der Künstler und Dichter, zumal sich die Mächtekonstellation zu Ungunsten Deutschlands verschob. Die für Deutschland unbefriedigenden Ergebnisse der beiden Marokkokrisen von 1905/06 und 1911 zeigten, wie isoliert das Reich war. Allerdings wurden diese Krisen ebenso wie der 1908 durch die österreichische Annexion Bosniens provozierte Konflikt friedlich beigelegt. Bis 1914 gab es keine kriegerische Auseinandersetzung unter den europäischen Großmächten, wohl aber zwei lokal begrenzte Kriege auf dem Balkan 1912/13. Dass die latente Kriegsgefahr künstlerisch verarbeitet wurde, veranschaulichen z.B. Georg Heyms Gedicht »Der Krieg« von 1911 sowie Franz Marcs 1913 gemaltes Gemälde »Die Wölfe (Balkankrieg)«.8

Fortschrittsoptimismus und Kulturpessimismus

Die Ideenwelt der Vorkriegszeit war durch das paradoxe Nebeneinander von Fortschrittsoptimismus und Kulturpessimismus gekennzeichnet. Die auf die Industrialisierung folgende Elektrifizierung und der zunehmende Verkehr vermittelten ein Gefühl des Aufbruchs und der Beschleunigung. Nervosität war ein Charakteristikum der Zeit. Zugleich wurde die Euphorie gebremst durch Naturkatastrophen wie die Erdbeben von San Francisco 1906 und Messina 1908 sowie durch technische Katastrophen wie den Untergang der Titanic 1912. Sie führten zu einem Gefühl des Niedergangs von Zivilisation und Kultur. Neue Wissenschaftszweige wie die Soziologie, die Kriminologie und die Psychoanalyse verstärkten das Krisenbewusstsein, weil ihre Forschungsfelder – Kriminalität, Sexualität, Prostitution und Neurosen – als Ausdruck gesellschaftlicher Dekadenz galten. Beeinflusst vom Darwinismus glaubte man, dass auch Nationen im Überlebenskampf stünden und sich die stärkere, gesündere durchsetze. Rassehygiene und Eugenik sollten der vermeintlichen Degeneration des Volkes vorbeugen.9

Das kulturelle Unbehagen führte zur Modernitätskritik. Statt der individualistischen Gesellschaft erstrebte man eine tiefere Gemeinschaft. Materialismus, Kommerzialisierung und Verweltlichung galten als negative Begleiterscheinungen der Moderne, deren Inbegriff die Großstadt war. Laut, hektisch, überfüllt, schmutzig und unhygienisch verkörperte sie mit ihren Warenhäusern und Amüsiertempeln, dem Straßenverkehr und den Menschenmassen das Gegenteil all dessen, was als gesund, rein und fromm galt. Die Lebensreform-, die Freikörperkultur- und die Jugendbewegung wollten Zivilisationsschäden durch Naturnähe heilen. Tier- und Landschaftsbilder illustrierten die Stadtflucht der künstlerischen Avantgarde. Künstlergruppen wie die »Brücke« (1905) und »Der Blaue Reiter« (1912) verhalfen dem Expressionismus zum Durchbruch, der das subjektive Empfinden des Künstlers in den Mittelpunkt rückte und sich durch einen freien Umgang mit Farbe und Form auszeichnete.10

Insgesamt herrschten apokalyptische Vorstellungen vor, die aus einem Überdruss an der bürgerlichen Gesellschaft resultierten: Mit dem Untergang der alten, verdorbenen Welt werde eine neue, vollkommene entstehen. So notierte Georg Heym 1910, es sei „so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts […] Dieser Friede ist so faul, ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“ Es solle endlich etwas passieren, und sei es, „dass man einen Krieg begänne, er kann auch ungerecht sein“. Die Auffassung vom Krieg als Reinigung und Neubeginn beruhte auch darauf, dass keiner der Künstler und Dichter eine realistische Vorstellung davon hatte, was ein moderner Krieg bedeuten sollte. Otto Dix betonte rückblickend, er habe in den Krieg ziehen müssen, um „alles ganz genau [zu] erleben“. Der Begriff des Erlebnisses war seit der Jahrhundertwende populär und bezeichnete ein unmittelbares Erfassen der Wirklichkeit sowie eine Sehnsucht nach Tiefe und Ganzheit. Das Erlebnis, so war man überzeugt, verhelfe zu besonderer Erkenntnis.11

Kriegsbeginn und Augusterlebnis

Im Kriegsbeginn erblickten Künstler und Dichter das ersehnte Erlebnis. „Da mich’s nicht länger zu Hause hält“, schrieb der junge Maler Hermann Stenner seinen Eltern am 7. August 1914, „habe ich mich heute als Kriegsfreiwilliger gestellt“. Max Beckmann, als freiwilliger Krankenpfleger in Ostpreußen dienend, schrieb seiner Frau am 14. September, er hoffe, „noch viel zu erleben“. Und Oskar Kokoschka notierte im September, dass er sich freiwillig melden wolle, weil es eine „ewige Schande“ wäre, „zu Hause gesessen zu haben“. Die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten am 4. August vermittelte ein Gefühl kollektiver Vergemeinschaftung und begründete einen politischen »Burgfrieden«, das heißt die Zurückstellung innenpolitischer Konflikte für die Kriegszeit. Diese neue Einstellung wurde als »Geist von 1914« bezeichnet und trug zur – als »Augusterlebnis« verklärten und später als gesamtgesellschaftliche »Kriegsbegeisterung« fehlgedeuteten – Mobilisierungseuphorie bei.12

Diese Euphorie spiegelte sich in vielen Werken der Kunst und der Literatur. Liebermann, Beckmann und Barlach skizzierten die Stimmung zu Kriegsbeginn, Dix posierte in Uniform als Kriegsgott Mars, und Richard Dehmel schrieb in seinem »Lied an alle«: „Sei gesegnet, ernste Stunde, die endlich stählern eint.“ Bis Ende 1914 wurden 235 Kriegslyrikbände großer und kleinerer Talente registriert. Dieser Produktivität lag nicht nur Patriotismus zugrunde, sondern auch wirtschaftliches Kalkül: Patriotische Werke verkauften sich gut. Außerdem erblickten gerade avantgardistische Dichter im Krieg die Gelegenheit, sich durch die Erschließung neuer Leserkreise besser im literarischen Feld zu positionieren und zugleich ihre gesellschaftliche Außenseiterposition zu überwinden. Das galt analog für die künstlerische Avantgarde. So war Kollwitz, Lersch und Lissauer gemeinsam, dass sie den politisch marginalisierten Gruppen angehörten: als Frau, als Arbeiter, als Jude. Der Krieg suggerierte die Möglichkeit, durch Engagement gesellschaftliche Anerkennung zu finden.13

Wer den Enthusiasmus nicht teilte, schwieg – nicht zuletzt auch wegen der Zensur. So stellte Erich Mühsam seine pazifistische Zeitschrift »Kain« am 1. August 1914 ein, weil er nur sagen könne, was zur Zeit niemand hören wolle, wie er seinen Lesern mitteilte. Und Heinrich Manns »Untertan«, seit Januar 1914 als Fortsetzungsroman vorab publiziert, wurde am 13. August gestoppt, weil sich satirische Kritik an Deutschland im Kriege verböte. Der schwierigen Lage, als bikulturell geprägte Elsass-Lothringer gegen Frankreich kämpfen zu müssen, entzogen sich die jungen Expressionisten Hans Arp und Iwan Goll durch Emigration in die Schweiz. Anders als sein Bruder mochte Thomas Mann nicht schweigen. Mit ärztlichem Attest vom Kriegsdienst befreit, wollte er „[s]oldatisch leben, aber nicht als Soldat“ und zur geistigen Mobilmachung beitragen. Seine patriotisch-kriegsbejahenden »Gedanken im Kriege« vom November 1914 führten zum Bruch mit dem Bruder.14

Fronterlebnis und Desillusionierung

Wer an den Fronten zum Einsatz kam, wurde rasch mit der brutalen Wirklichkeit des Krieges konfrontiert. „Ich war ja von vornherein auf das Schlimmste gefasst“, schrieb Hermann Stenner seinen Eltern schon am 30. September 1914, „aber alles das ist nichts gegen die furchtbare Wirklichkeit“. Am 5. Dezember fiel er in Polen. Georg Trakl erlebte als Sanitätsleutnant die besonders brutale Schlacht bei Gródek in Galizien. Nach ihr benannte er sein erschütterndes Gedicht »Grodek«, das die berühmte Zeile enthält: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.“ Es wurde sein letztes lyrisches Werk. Trakl starb im November 1914 in einem Krakauer Garnisonsspital nach einem Selbstmordversuch.15

Die psychische Belastung war enorm. 1915 wurden Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner und Heinrich Lersch aus gesundheitlichen Gründen aus dem Militärdienst entlassen. Immerhin überlebten sie, was vielen ihrer Kameraden – darunter Franz Marc, August Macke und Albert Weisgerber – nicht vergönnt war. Das Erlebte künstlerisch auszudrücken, schien kaum möglich. „Entsetzlich. Ich habe kein Wort“, vermerkte der Dichter August Stramm nach seinen ersten Fronterfahrungen an der Westfront im Frühjahr 1915, wenige Monate vor seinem Tod. Verschlug es den literarischen Expressionisten die Sprache, vermochte die bildende Kunst noch eher, das Erlebte abzubilden. So verewigte Otto Dix die Kriegsrealität in rund 600 Zeichnungen und Gouachen, seinem eigentlichen expressionistischen Werk. Wilhelm Lehmbruck, seit 1914 in einem Berliner Lazarett eingesetzt und zunehmend depressiv, veranschaulichte die gewandelte Einstellung zum Krieg mit seiner 1916 vollendeten Bronzeplastik »Der Gestürzte«, die einen nackten, sterbenden Mann darstellt. Hans Arp und andere Exilanten suchten in Zürich nach neuen Ausdrucksformen und begründeten 1916 die Stilrichtung »Dada«. Die Dekonstruktion der Sprache durch sinnlose Wortkompositionen sowie die neuen Techniken der Collage und Montage spiegelten die unfassbaren Zerstörungen wider.16

Resümee und Ausblick

Das trotz allgemeinen Wohlstands verbreitete Krisenbewusstsein, das Nebeneinander von Fortschrittsoptimismus und Kulturpessimismus sowie anachronistische Vorstellungen vom Krieg prägten die Ideenwelt der Künstler und Dichter, die im Kampf eine apokalyptische Erneuerung erblickten. Das als Gemeinschaft stiftend wahrgenommene »Augusterlebnis« 1914 suggerierte gerade der Avantgarde die Möglichkeit, durch persönlichen und künstlerischen Kriegseinsatz gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Überdies verkauften sich patriotische Werke im Krieg gut, was einen zusätzlichen Anreiz darstellte, sich mit Pinsel oder Feder entsprechend auszudrücken. Viele Künstler und Dichter strebten sogar an die Front. Aber ob sie im Sanitätsdienst eingesetzt wurden oder kämpften: Die meisten von ihnen wurden desillusioniert. Im Ringen um die angemessene Darstellung des Erlebten entstanden neue Kunstrichtungen. Denn nun blickte die Avantgarde entweder mit einem erneuerten Realismus auf das Kriegsgeschehen – in den 1920er Jahren als »Neue Sachlichkeit« bezeichnet – oder führte es dadaistisch ad absurdum.

Allerdings sollten viele Frontkämpfer fallen. Unter ihnen war auch Peter Kollwitz. Schon am 30. Oktober 1914 erhielt seine Mutter die offizielle Benachrichtigung. Zutiefst erschüttert beschloss Käthe Kollwitz, Peter ein Denkmal zu errichten. Sie sollte 18 Jahre daran arbeiten, weil es ihr schwer fiel, den richtigen Ausdruck zu finden. Schließlich schuf sie zwei Steinfiguren aus hellem Granit: die trauernden »Eltern«. Aufgestellt wurden sie 1932 auf einem deutschen Soldatenfriedhof in Flandern. Als Stein gewordene Trauer um die Toten des Weltkriegs gelten sie bis heute als beeindruckendes Mahnmal gegen den Krieg.17

Anmerkungen

1) Im Fokus dieses Beitrags stehen die wehrpflichtigen, also männlichen Repräsentanten der Kunst.

2) Käthe Kollwitz (2012): Die Tagebücher 1908-1943. Berlin: Siedler, S.153f.

3) Ebd., S.151f. Vgl. auch: Dietrich Schubert (2013): Künstler im Trommelfeuer des Krieges 1914-18. Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn, S.39ff.

4) Heinrich Lersch (1965): Gedichte. Düsseldorf, Köln: Eugen Diederichs, S.56f.

5) Steffen Bruendel, Steffen (2014a): Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg. München: Herbig, S.63f. (Weisgerber-Zitat 63.), 70f.

6) Hans-Ulrich Wehler (1995): Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, München: Beck, S.493ff., 610ff.

7) Ebd., S.1045–1050, 1063–1085.

8) Steffen Bruendel (2014b): „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“. Künstler und Dichter zwischen Kulturpessimismus und Erlebnissehnsucht. In: Vurcu Dogramaci und Friederike Weimar (Hrsg.): Sie starben jung! Künstler und Dichter, Ideen und Ideale vor dem Ersten Weltkrieg. Berlin: Gebr. Mann, S.15-25, hier 16f.

9) Ebd., S.18ff. Barbara Beßlich (2000): Wege in den Kulturkrieg. Zivilisationskritik in Deutschland 1890–1914. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S.16. Hermann Glaser (2002): Kleine Kulturgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. München: Beck, S.34ff. Käthe Springer (22011): Eine Romantik der Nerven – Das literarische Fin de Siècle. In: Christian Brandstätter (Hrsg.): Wien 1900. Kunst und Kultur. Fokus der europäischen Moderne. München: DTV, S.321-333.

10) Glaser (2002), S.48–56. Uwe M. Schneede (2010): Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert. Von der Avantgarde bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck, S.37-41. Kathrin Klingsöhr-Leroy (2014): „Die Welt aber will rein werden“. Kunst und Krieg im Spiegel des Almanachs »Der Blaue Reiter«. In: Dogramaci/Weimar (2014), S.27-38. Franz Marc Museumsgesellschaft (Hrsg.) (2013): 1913. Bilder vor der Apokalypse. München: Sieveking, S.42-59. Wolfgang J. Mommsen (1994): Bürgerliche Kultur und künstlerische Avantgarde. Kultur und Politik im deutschen Kaiserreich 1870 bis 1918. Frankfurt/M.: Ullstein.

11) Beßlich (2000), S.17. Bruendel (2014a), S.40 (Heym-Zitat), 42 (Dix-Zitat). Manfred Hettling (2003): Kriegserlebnis. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, hrsg. von Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz. Paderborn u. a.: Schöningh, S.638–639, hier 638.

12) David Riedel (2014): „Noch einen Sommer intensives Schaffen …“. Hermann Stenners Werk vor dem Ersten Weltkrieg. In: Dogramaci/Weimar (2014), S.47-58, hier 52f.. Schubert (2013), S.280ff. Bruendel (2014a), S.63-68 (Zitate 63, 65, 68). Matthias Schöning (2009): Versprengte Gemeinschaft. Kriegsroman und intellektuelle Mobilmachung in Deutschland 1914–33. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, S.39-48.

13) Schubert (2013), S.47f.. Bruendel (2014a), S.7, 77ff. (Dehmel-Zitat 78), 81. Helmut Fries (1995): Die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter, Bd. 2. Konstanz: Verlag am Hockgraben, S.20-23.

14) Bruendel (2014a), S.62, 83ff. (Mann-Zitat 84).

15) Riedel (2014), S.53ff. Schubert (2013), S.463 (Zitat ebd.). Bruendel (2014a), S.114 (Stenner-Zitat), 112f.. Frank Krause (2014): „Über zerbrochenem Männergebein/Die stille Mönchin“. Krieger und Kriege im lyrischen Werk Georg Trakls. In: Dogramaci/Weimar (2014), S.59-67, hier 63ff.

16) Schubert (2013), S.295-301, 364-368, 456, 463f.. Bruendel (2014a), S.113f., 124-129. Andreas Kramer (2014): „Alles so widersprüchig“. Kriegserlebnis und Sprache bei August Stramm. In: Dogramaci/Weimar (2014), S.93-101, hier 94-99 (Zitat 96).

17) Schubert (2013), S.41-44.

Dr. Steffen Bruendel ist Forschungsdirektor des Forschungszentrums für Historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der politischen Ideen im 20. Jahrhundert sowie die Geschichte des Ersten Weltkrieges und der europäischen Nachkriegsordnung unter besonderer Berücksichtigung der Künstler und Intellektuellen. Wichtigste Veröffentlichungen: Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die »Ideen von 1914« und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Berlin: Oldenburg Akademieverlag (2003) und Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg. München: Herbig (2014).

in Wissenschaft & Frieden 2014-3: Die Kraft der Künste, Seite 22–25

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