in Wissenschaft & Frieden 2014-3: Die Kraft der Künste, Seite 3

zurück vor

Kunst gegen den Krieg – Kunst für den Frieden

von Bentje Woitschach

Kunst ist in erster Linie Selbstzweck. Sie lebt von freier Entfaltung und orientiert sich vorwiegend an ästhetischen Kriterien. Im Mittelpunkt steht die ästhetische Erfahrung, weniger die Verfolgung eines festgelegten Zwecks. Kunst findet aber nie losgelöst von ihrer Umgebung statt, vielmehr werden in Kunstwerken individuelle oder gesellschaftliche Verhältnisse ausgedrückt und reflektiert. Kunstwerke können den Wissenshorizont ihrer Rezipienten erweitern, durch Ironie, Wiedererkennungs- oder Verfremdungseffekte ihre Weltsichten herausfordern oder gesellschaftliche Missstände kritisieren. Solche Funktionen von Kunst stehen nicht im Widerspruch zum künstlerischen Selbstzweck. Kunst lebt von künstlerischer Freiheit, ist aber ihrerseits der Gesellschaft verpflichtet. »Die Kraft der Künste« – so lautet der Titel dieses Heftes. Dazu der guatemaltekische Künstler Plinio Villagráh Galindo in seinem Interview: „Die Kunst, wenngleich sie häufig als elitär bezeichnet wird, ist doch das einzige Medium, welches die Werkzeuge für Reflexion zur Verfügung stellt. Sie ist das Schlachtfeld der Ideen, der Kreativität, der Sensibilität als Waffe gegen die Gewalt.“ Damit verweist Villagráh Galindo auf den inhaltlichen Zusammenhang der beiden großen Themenfelder in dieser Ausgabe: die Verbindung von Kunst zu Krieg und Frieden. Wie greift Kunst das Thema Krieg und Frieden auf? Mit welchen ästhetischen Mitteln wird das Unfassbare ausgedrückt? Wie positionieren KünstlerInnen sich selbst und ihr künstlerisches Werk in diesem Zusammenhang?

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird in dieser Ausgabe gefragt, welche spezielle »Kraft« die Kunst entfalten kann in ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg und Frieden. Dies kann sowohl eine positive, also gewaltkritische, wie auch eine negative Kraft sein. So beschreibt Benjamin Hilger in seinem Artikel über Krieg und Musik, wie musikalische »Schlachtengemälde« und Triumphlieder den Krieg verherrlichen. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche gewaltkritische Werke von Beethoven über Schönberg bis hin zu Nono. Auch im musikalischen Bereich angesiedelt, aber in völlig anderem Kontext stehen die von Jürgen Nieth zusammengestellten politischen Lieder der Friedensbewegung: „Nie, nie woll‘n wir Waffen tragen, nie, nie woll‘n wir wieder Krieg. Lasst die hohen Herrn sich selber schlagen, wir machen einfach nicht mehr mit.“

Einen Blick über den westlichen Kulturkreis hinaus wagt Friederike Pannewick in ihrem Artikel über politische Literatur in der arabischen Welt: Einem Klima der Zensur und eingeschränkten Meinungsfreiheit ausgesetzt, bedienen sich arabische Schriftsteller vielfach dem Mittel der Subversion, um ihre politischen Botschaften zu transportieren. Steffen Bruendel hingegen rückt die spezielle Situation der KünstlerInnen zur Zeit des Ersten Weltkrieges ins Blickfeld. Einige Kunstschaffende sahen anfangs voller Euphorie dem Krieg entgegen und wechselten freiwillig vom Atelier an die Front. Zutiefst erschüttert von ihren Erfahrungen, wandelten sich aber viele im Laufe der Zeit zu vehementen Kriegsgegnern und verliehen ihren schockierenden Erlebnissen in Gemälden und Skulpturen künstlerischen Ausdruck. Was Theater mit Konfliktbearbeitung zu tun hat, beschreibt Linda Ebbers in ihrem Artikel über das Theater der Unterdrückten. Dabei steht der Dialog zwischen Schauspielern und Zuschauern im Mittelpunkt: Das Publikum greift aktiv in das Geschehen ein, so dass die Grenzen zwischen Bühne und Publikum verschwimmen. Ziel ist es, durch die Auseinandersetzung mit konkreten Konflikten eine gesellschaftliche Transformation zu erreichen.

Die vorliegende Ausgabe thematisiert nicht nur das Verhältnis verschiedener Kunstrichtungen zu Gewalt, Krieg und Frieden, sondern rückt auch die KünstlerInnen selbst ins Blickfeld. So äußert sich der guatemaltekische Künstler Plinio Villagráh Galindo, dessen Bilder in diesem Heft zu sehen sind, über sein Kunstverständnis: „Die zeitgenössische Kunst [hat] die gleiche kontextuelle Qualität – im Sinne einer Alternativen schaffenden und einschreitenden Kunst. Hieraus erwächst die besondere Bedeutung und Verantwortung, die Kunst hier hat: Sie ist ein Licht, welches die Dunkelheit der Ignoranz erleuchten kann. Der Bezug zu Gewalt kann helfen, eine Diskussion in Gang zu bringen, kritisch zu denken und eine Gemeinschaft zu gründen bzw. aufzubauen.“ Die Mobilisierungskraft einer einschreitenden Kunst zeigt eindrucksvoll der Artikel von Louisa Prause über die senegalesische HipHop-Bewegung »Y’en marre«. Die KünstlerInnen nutzten sowohl ihre Lieder und Texte als auch das breite Netzwerk der mit ihnen verbundenen Aktivisten, um Protest gegen die verfassungswidrige Wiederwahl des Präsidenten zu mobilisieren.

Wie zeitlos die »Kraft der Künste« und ihre Botschaften sind, zeigt ein Ereignis aus dem Jahre 2003. Im Vorraum des Sitzungssaales des UN-Sicherheitsrats in New York hängt eine Kopie von Picassos Guernica, des bekanntesten Anti-Kriegs-Gemäldes des 20. Jahrhunderts. Als US-Außenminister Powell dort im Februar 2003 seine Gründe für einen Krieg gegen den Irak erläuterte, wurde das Gemälde verhängt. Picassos bildhafter Aufschrei gegen den Krieg war offenkundig kein angemessener Hintergrund für das Vorhaben der USA, neues Leid über die Welt zu bringen.

Ihre Bentje Woitschach

in Wissenschaft & Frieden 2014-3: Die Kraft der Künste, Seite 3

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden