in Wissenschaft & Frieden 2014-1: Konfliktdynamik im »Globalen Norden«, Seite 22–24

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Von Lobbyisten und Mythen

Schusswaffengebrauch in den USA

von William Durston

In den Vereinigten Staaten werden Schusswaffen ungleich häufiger eingesetzt als in vergleichbaren Industrieländern. Für den Autor, der jahrzehntelang als Notarzt gearbeitet und während seiner Tätigkeit zahlreiche Schusswaffenopfer medizinisch versorgt hat, ist dies ein Problem der öffentlichen Gesundheit mit epidemischem Charakter. Die Ursache sieht er in der laxen Waffengesetzgebung des Landes – und die wiederum sei durch den hartnäckigen Glauben an einfach zu widerlegende Mythen geprägt.

Tod und Verletzung durch Schusswaffen sind in den Vereinigten Staaten ein Problem von epidemischem Ausmaß. Immer dann, wenn es zu einem »School-Shooting« kommt, wie z.B. am 14. Dezember 2012 an der Grundschule Sandy Hook in Newtown, Connecticut, bei dem 20 Kinder und sechs Erwachsene umkamen, ist das Problem in aller Munde. Diese tragischen Amokläufe1 zeigen aber lediglich die Spitze des Problems. In den Vereinigten Staaten kommen pro Tag durchschnittlich 86 Menschen durch Schusswaffen um, darunter fünf Kinder bzw. Jugendliche bis 18 Jahre.2 Auf jeden dieser 86 Menschen kommen Schätzungen zufolge mindestens zwei oder drei, deren Verletzungen nicht tödlich sind.3

Vergleich mit anderen Ländern

In den Vereinigten Staaten kommen Tod und Verletzung durch Schusswaffen häufiger vor, als in jedem anderen demokratischen Land mit hohem Einkommensniveau. Die Anzahl entsprechender Todesfälle liegt hier sieben Mal höher als im Durchschnitt der anderen 22 führenden Industriestaaten der Welt,4 bei Kindern unter 15 Jahren sogar fast zwölf Mal.5

Zu häufigem Schusswaffengebrauch tragen viele Faktoren bei, darunter psychische Krankheiten, Drogenmissbrauch, sozioökonomische Ungleichheit, Gewaltdarstellung in den Medien und Defizite im Strafrechtssystem. Es gibt aber einen Punkt, in dem sich die Vereinigten Staaten deutlich von den anderen 22 Ländern unterscheiden: Der Waffenbesitz ist viel laxer reglementiert, Schusswaffen sind daher viel einfacher verfügbar.6

Der Zusammenhang zwischen dem einfachen Zugriff auf Schusswaffen und der hohen Zahl von Todesfällen und Verletzungen durch Schusswaffen ist so offensichtlich, dass die meisten Beobachter im Ausland – und übrigens auch im Inland – rätseln, warum die US-Regierung nicht wie in den anderen Vergleichsländern schärfere Regeln für den Schusswaffenbesitz bzw. -erwerb einführen. Kein Wunder also, dass den Vereinigten Staaten vorgeworfen wird, seine Knarren mehr zu lieben als seine Kinder. Auch wenn diese Kritik unsachlich und unangemessen ist – es verblüfft schon, dass Washington weder auf die wiederholten Amokläufe noch auf das alltägliche Blutbad reagiert. Kanada, Australien und Großbritannien haben seit Langem strengere Waffengesetze als die Vereinigten Staaten und verschärften diese in den 1990er Jahren nach etlichen Amokläufen weiter; außerdem ergriffen sie energische Maßnahmen zur Durchsetzung dieser Gesetze. Nicht so die Vereinigten Staaten. 2011 kamen bei einem Amoklauf auf einem Supermarktparkplatz in der Nahe von Tuscon, Arizona, sechs Menschen um, zwölf weitere wurden teils lebensgefährlich verletzt. Zu den Opfern gehörte auch die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords, die durch einen Kopfschuss schwer verletzt wurde. Am zweiten Jahrestag des Amoklaufs klagte sie ihre Kollegen an: „Wie hat der Kongress reagiert auf eine grauenhafte Serie von Massenschießereien, die in unseren Kommunen Terror verbreitet, Zehntausende Amerikaner zu Opfern gemacht und ein Kongressmitglied auf einem Parkplatz bei Tuscon lebensgefährlich verletzt haben? Einfach gar nicht.“ 7

Hindernisse bei der Waffenreglementierung

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die in den Vereinigten Staaten eine schärfere Reglementierung des Schusswaffenbesitzes oder -erwerbs verhindern. Die wichtigsten davon sind sämtlich die Folge von Mythen, die von der Waffenlobby verbreitet und in der amerikanischen Öffentlichkeit weithin akzeptiert werden.

Mythos 1:
Die Bürger der Vereinigten Staaten verdanken ihre demokratischen Freiheiten dem privaten Schusswaffenbesitz

Dieser Mythos wird von der Waffenlobby ausdrücklich gefördert. Die Lobbyisten behaupten, der Sieg der nordamerikanischen Kontinentalarmee über die britischen Truppen im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) sei nur möglich gewesen, weil die meisten Kolonisten Schusswaffen besaßen und hervorragende Schützen waren. In Wirklichkeit, und das ist gut belegt, verfügten aber nur sehr wenige Kolonisten über eine Schusswaffe, und die war meist in einem so schlechten Zustand, dass Benjamin Franklin empfahl, die Kontinentalarmee solle doch lieber mit Pfeil und Bogen schießen. Die meisten Schusswaffen der Kontinentalarmee waren im Laufe des Unabhängigkeitskrieges aus Frankreich importiert worden und wurden nach dem Krieg weder benutzt noch gepflegt. Die Bürger der Vereinigten Staaten verdanken ihre demokratischen Freiheiten also keineswegs dem Mythos, ihre Vorväter hätten ihre Schusswaffen auch nach dem Krieg behalten, sondern der Tatsache, dass diese Vorväter an ihren demokratischen Idealen festhielten und diese ausbauten.8

Mythos 2:
Der Zweite Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert das Individualrecht auf Schusswaffenbesitz

Der Zweite Zusatzartikel (Second Amendment) zur Verfassung der Vereinigten Staaten lautet: „A well regulated militia, being necessary to the security of a free state, the right of the people to keep and bear arms, shall not be infringed.“ (Da eine wohl organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.)9

Schusswaffenbefürworter und die Schusswaffenlobby behaupten, der Zweite Zusatzartikel verleihe dem Individuum das Recht auf den Besitz von Schusswaffen, um 1. den persönlichen Schutz zu gewährleisten, 2. feindliche Truppen abzuwehren und 3. die US-Regierung zu stürzen, sollte diese auf Abwege geraten.

Der Zweite Zusatzartikel erwähnt den Besitz von Schusswaffen für den persönlichen Schutz aber gar nicht; überdies ist es sehr fraglich, ob Schusswaffen dazu überhaupt taugen, wie unten noch ausführlicher diskutiert wird. 1789, als der Zweite Zusatzartikel verfasst wurde, waren sich die Gründungsväter der Vereinigten Staaten genau bewusst, dass eine Miliz, die sich aus Individuen mit privaten Schusswaffen zusammensetzt, gegen das britische Militär keine Chance hätte. Selbst der Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee und spätere US-Präsident George Washington spottete über die Bürgermilizen, sie seien „nicht dafür qualifiziert, sich selbst zu verteidigen, geschweige denn, den Feind zu ärgern“, und wies die Behauptung, Bürgerwehren taugten zur Verteidigung des Landes, als „schimärisch“ zurück.10 Äußerst erfolgreich waren bewaffnete Bürgermilizen hingegen bei der Unterdrückung von Sklaven und bei der Dezimierung der indigenen Bevölkerung, und es wird immer wieder unterstellt, dies sei der wahre Grund dafür gewesen, dass der Zweite Zusatzartikel überhaupt in das »Bill of Rights« aufgenommen wurde.

Die Vorstellung, die Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika hätten absichtlich einen Zusatzartikel in die US-Verfassung aufgenommen, der es unzufriedenen Bürgern erlaube, die Regierung durch den Einsatz privater Schusswaffen zu stürzen, ist überdies reichlich absurd. Und doch wird diese »insurrectionist theory« (Aufrührertheorie) von einigen Kreisen der Waffenlobby vehement vertreten.11 Welche Gefahren sich aus dieser Interpretation des Zweiten Verfassungszusatzes ergeben, erschließt sich von selbst.

Über Jahrzehnte kam der Oberste Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten wiederholt zum Schluss, dass der Zweite Zusatzartikel keineswegs ein Individualrecht auf Schusswaffenbesitz garantiere, so z.B. in seinen richtungsweisenden Urteilen von 1939 und 1980. Beim „Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen“ handle es sich vielmehr um ein kollektives Recht, das es den Bundesstaaten erlaube, bewaffnete Milizen zu unterhalten, beispielsweise die bis zum heutigen Tag bestehenden Nationalgarden. Der ehemalige Oberste Bundesrichter Warren Burger befand sogar, die Fehldarstellung des Zweiten Zusatzartikels durch die Waffenlobby sei „einer der schlimmsten Fälle von Betrug durch eine Interessenvertretung – ich wiederhole das Wort »Betrug« – an der amerikanischen Öffentlichkeit, der mir in meinem ganzen Leben untergekommen ist“.12

In den Jahren 2008 und 2010 vollzog der Oberste Gerichtshof allerdings einen Schwenk und erklärte alle bisherigen Präzedenzfälle mit einer knappen Mehrheit (5:4) für nichtig. Nun kam das Gericht zum Schluss, der Zweite Zusatzartikel werde durch das in Washington und Chicago erlassene Verbot von Handfeuerwaffen verletzt.13 Zu den fünf Richtern, die so entschieden, gehörten die von US-Präsident George W. Bush ernannten Bundesrichter Alito und Roberts. Seither überschwemmen Gegner der Waffenkontrolle die Bundes- und Lokalgerichte mit Klagen, um bestehende Waffengesetze und –regelungen zu kippen. Die meisten dieser Klagen wurden bislang abgewiesen, da die Urteile von 2008 und 2010 sich nur auf Handfeuerwaffen bezogen, die »zum Selbstschutz« gekauft werden. Welche Implikationen die Uminterpretation des Zweiten Zusatzartikels durch das Oberste Gericht längerfristig haben, ist aber noch offen.

Mythos 3:
Rechtschaffene Bürger sollten ihre Schusswaffen zum Selbstschutz behalten

Der Mythos, dass die Bürger sich tatsächlich besser schützen können, wenn sie Schusswaffen zu Hause aufbewahren oder gar mit sich führen, wird von der Waffenindustrie und -lobby angefeuert.14 Aber auch die Massenmedien nähren diesen Mythos mit unzähligen Videospielen, Fernsehshows und Filmen, in denen der »good guy« die Bösen mit Schusswaffen erledigt.

Es wird geschätzt, dass in den Vereinigten Staaten etwa 200-300 Millionen Schusswaffen im Privatbesitz sind15 und dass 38-48% aller Erwachsenen eine Schusswaffe zu Hause aufbewahren. Die meisten von ihnen geben an, dass sie die Waffe für den »persönlichen Schutz« besitzen. Dabei ist es genau umkehrt: Zahlreiche medizinische Studien zeigen, dass eine im Haus aufbewahrte Schusswaffe mit einer wesentlich höheren Wahrscheinlichkeit zum Töten, Verletzen oder Einschüchtern eines Mitglieds des eigenen Haushalts eingesetzt wird als zum Schutz vor einem Angreifer. Die bekannteste Studie dieser Art fand heraus, dass auf jeden Fall, in dem eine häusliche Schusswaffe tatsächlich zum Erschießen eines Einbrechers eingesetzt wurde, 43 mit Schusswaffen verübte Selbstmorde, Tötungsdelikte oder (versehentlich) erschossene Haushaltsmitglieder kommen.16

Mythos 4:
Ein Abgeordneter begeht politischen Selbstmord, wenn er sich gegen die Waffenlobby stellt

Die Waffenlobby, allen voran die finanzkräftige National Rifle Association (NRA), hat eine wirksame Waffengesetzgebung in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 40 Jahren erfolgreich verhindert. Die NRA ist eng mit der Schusswaffenindustrie verbunden und gibt Millionen Dollar für politische Kampagnen aus. Allerdings kann sie viel effektiver bellen als beißen. Im Wahlkampf zur Kongresswahl 2012 gab die Lobbyorganisation mehr als elf Millionen US$ aus, allerdings verwendete sie 99% des Geldes, um Kandidaten zu unterstützen, die die Wahl verloren, oder um Kandidaten zu bekämpfen, die aus der Wahl siegreich hervorgingen.17 Die NRA bekämpft überdies regelmäßig Gesetze, die Umfragen zufolge von einer großen Mehrheit der US-Bevölkerung und manchmal sogar von den meisten NRA-Mitgliedern befürwortet werden.

Kein Ende in Sicht

Der epidemische Gebrauch von Schusswaffen wird die Vereinigten Staaten weiter plagen, bis diese Mythen zerstört werden und die BürgerInnen des Landes darauf bestehen, dass schärfere Waffengesetze erlassen und durchgesetzt werden. Solange dies nicht der Fall ist, setzt sich das tägliche Blutbad mit Schusswaffen wohl ungehindert fort.

Anmerkungen

1) Der Autor verwendet den Begriff »mass shooting«. Da »Massenschießerei« im Deutschen eine andere Konnotation hat, wird hier die Übersetzung »Amoklauf« gewählt, obgleich ein »mass shootings« durchaus eine sorgfältig geplante Tat sein kann. [die Übersetzerin]

2) Centers for Disease Control and Prevention: WISQARS (Web-based Injury Statistics Query and Reporting System).

3) Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Nonfatal and fatal firearm-related injuries – United States, 1993-1997. Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR), 19. Nov. 1999, Vol. 48, No. 45, S.1029-1034.

4) E.G. Richardson und D. Hemenway (2011): Homicide, suicide, and unintentional firearm fatality: comparing the United States with other high-income countries, 2003. The Journal of Trauma and Acute Care Surgery, Vol. 70, Issue 1, S.238-243.

5) CDC: Rates of homicide, suicide, and firearm-related death among children – 26 industrialized countries. MMWR, 7. Februar 1997, Vol. 46, No. 5, S.101-105.

6) M. Killias (1993): International correlations between gun ownership and rates of homicide and suicide. Canadian Medical Association Journal (CMAJ), Vol. 148/(10), S.1721-1725.

7) Ex-lawmaker Gabrielle Giffords launches gun control push. ABC Action News, 8. Januar 2013.

8) Zu der Zeit, als die US-Verfassung geschrieben wurde, wurde das in der Unabhängigkeitserklärung festgehaltene Ideal „dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“ fast ausschließlich auf weiße, männliche Landbesitzer bezogen.

9) Der ursprüngliche Text der Verfassung der Vereinigten Staaten vom 17. September 1787 wurde nie verändert, seither aber mehrmals ergänzt. Die »Bill of Rights« mit ihren zehn Zusatzartikeln (Amendments) von 1789 legen Grundrechte für die Bürger des Landes fest. Zum Zweiten Zusatzartikel siehe z.B. den entsprechenden Eintrag in Wikipedia; von hier wurde auch die dt. Übersetzung übernommen. [die Übersetzerin]

10) Zitat in Michael A. Bellesiles (2000): Arming America: The Origins of a National Gun Culture. New York: Alfred A. Knopf.

11) J. Horwitz und C. Anderson (2009): Guns, Democracy, and the Insurrectionist Idea. Ann Arbor: The University of Michigan Press.

12) In einem Interview mit »The MacNeil/Lehrer NewsHour«, 16. Dezember 1991.

13) District of Columbia v. Heller; 554 US 570, 128 SCt, 2783 (2008).

14) Tom Diaz (1999): Making a Killing: The business of guns in America. New York: The New Press.

15) American Medical Association Council on Scientific Affairs: Firearms injuries and deaths: a critical public health issue. Public Health Report, Volume 104, No. 2, März-April 1989, S.111-120.

16) D. Azrael und D. Hemenway: In the safety of your own home: results from a national survey on gun use at home. Social Science & Medicine, Vol. 50, Issue 2, Januar 2000, S.285-291.

17) Sunlight Foundation Reporting Group: Follow the unlimited money: National Rifle Association of America Political Victory Fund, 2012 Cycle. 11. April 2013.

Bill Durston war Scharfschütze beim U.S. Marine Corps und ist Vietnamkriegsveteran. Der Notarzt war Präsident und ist nun Vizepräsident des Sacramento-Chapters der US-Sektion der Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs / Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW).
Eine englische Langfassung dieses Artikels mit sehr ausführlichen Quellennachweisen ist anzufragen bei billdurston@comcast.net.
Übersetzt von Regina Hagen.

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