in Wissenschaft & Frieden 2014-1: Konfliktdynamik im »Globalen Norden«, Seite 44–45

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Gespannte Verhältnisse

Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Friedensforschung, 17.-19. Oktober 2013, Hamburg

von Niklas Wieczorek

„Nicht nur die Bewegung ist in Bewegung, sondern auch der Frieden“, begrüßte Claudia Kemper (Hamburg) die etwa 40 Teilnehmer/innen der Jahrestagung »Gespannte Verhältnisse. Frieden und Protest in Europa in den 1970er und ’80er Jahren« des Arbeitskreises Historische Friedensforschung, die in Kooperation mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg durchgeführt wurde. Sie formulierte damit einen hohen Anspruch für die drei Tage: Sie forderte die anwesenden Wissenschaftler/innen zur Kritikbereitschaft gegenüber ihrer Forschung und deren Begriffen auf. Denn aus der Gegenwart sind immer neue Fragen an die historische Friedensforschung zu richten, die sich unter anderem mit Handlungsprozessen, -optionen und -alternativen der Akteure der Friedensbewegung befasst und über die Ereignisgeschichte weit hinausgeht. Der Veranstaltungstitel »Gespannte Verhältnisse« nahm daher explizit die Aushandlungsprozesse einer heterogenen Friedensbewegung in den Blick, deren Konjunktur die meisten Referenten/innen in der großen Welle der Massendemonstrationen gegen nukleare Aufrüstung Anfang der 1980er Jahre sahen. Die erste Hälfte der 1970er Jahre oder die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung standen weniger im Fokus, wie Jost Dülferer (Köln) resümierte. Auch auf der Tagung sollten sich befruchtende kommunikative Spannungen ergeben.

Kemper wies auf die „soziale Praxis“ hin, die gerade im Rahmen von sozialen Bewegungen zu gemeinsamen Wertvorstellungen führen konnte oder gar sollte. Inwiefern die Friedensidee moralisch-ethisch hergeleitet war und eingesetzt wurde oder ob sie primär als kommunikatives Instrument diente, war immer wieder Gegenstand der Diskussionen. Um sich den Verbindungen zwischen jenen einzelnen Akteuren und Akteursgruppen zu widmen, verfolgten die Referenten/innen häufig explizit die Fragestellung nach der transnationalen Zusammenarbeit auch zwischen unterschiedlichen Organisationsebenen der Bewegung. Die Tagung wurde durch eine Abenddiskussion mit den Zeitzeugen Milan Horacek, Götz Neuneck und Etienne de Jonghe variantenreich ergänzt.

Der geographische Rahmen wurde von europäischen Interaktionen im Ost-West-Konflikt über deutsch-mittelamerikanische Beziehungen bis zu transatlantischen Vernetzungen gespannt und erweiterte so den Titel der Tagung. Ein weiteres Panel behandelte die kirchlichen Friedensbewegungen, wobei auch diese unter dezidiert transnationaler Betrachtung standen. Kongruenzen kristallisierten sich dabei in der bereits im ersten Vortrag von Robert Brier (Warschau) betonten kommunikativen Analyse heraus. Die divergierende Aufladung von Kernsemantiken einzelner Bewegungsteile erschwerte offensichtlich die langfristige Zusammenarbeit gerade von Gruppen unterschiedlicher nationaler Prägung, ließ aber teilweise kurzfristige Kooperationen zu. Das galt unter anderem für die sozialen Bewegungen in Ostmitteleuropa zum Ende der 1970er Jahre, die Helmut Fehr (Bielsko-Biala) verglich. Mit Hilfe des „indigenen Gemeinschaftsansatzes“ sei ein solcher Vergleich möglich. Dieser könnte sich auch als hilfreich für die von Benjamin Kireenko (Mannheim) und Christian Helm (Hannover) untersuchte deutsche Solidaritätsbewegung und die von ihr unterstützten Befreiungsbewegungen in Mittelamerika – explizit Nicaragua – erweisen. Einer instrumentellen Verflechtung kam dagegen die Kooperation einiger Vertreter der SPD mit der US-amerikanischen »freeze«-Bewegung gleich, wie sie Jan Hansen (Berlin) einordnete: Er sprach von einer „Deutungsgemeinschaft“, von der beide Seiten profitierten. Für die SPD habe sich die Möglichkeit ergeben, eine ihr nachgesagte Amerikafeindlichkeit zu widerlegen, während die amerikanische gemäßigte Graswurzelbewegung mit Willy Brandt im US-Kongress 1983 einen prominenten Fürsprecher präsentieren konnte. Kommentator Gottfried Niedhart (Mannheim) verwies – auch im Bezug auf den Ost-West-Konflikt – daher auf Brandts Schlüsselbegriff »Kommunikation«.

Vor allem in den Diskussionen konnte die Erkenntnis bestärkt werden, dass die Einordnung der unterschiedlichen Bewegungen mithilfe der diskursiven Strategien sinnvoll sei. Die Solidaritätsbewegung für Nicaragua sei vor allem durch ein USA-kritisches Narrativ (Kireenko) bestimmt worden, während die Gewaltfrage vor dem Hintergrund des Bewegungsterminus »Frieden« neu verhandelt werden musste. Nach Helm kam es dabei zu einer „Erweiterung des Friedensbegriffs“ in sozialer und politischer Hinsicht in Richtung eines emanzipatorischen Gesellschaftsmodells, realisiert unter anderem im Einsatz von freiwilligen Arbeitsbrigaden aus der Bundesrepublik. Kommentator Detlef Siegfried (Kopenhagen) fragte kritisch, ob jene Erscheinungen nicht vielmehr in eine »Protestkultur« des Zeitgeistes im Sinne von Anthony Giddens’ »lifestyle politics« einzuordnen seien. Philipp Baurs (Augsburg) Darstellung der popmusikalischen Protestveranstaltungen bestätigte jenen Eindruck hinsichtlich des Massenphänomens »Protest« und dessen Ausweitung auf den Konsum.

Doch selbst im globalisierten Kultursegment Popmusik seien die transnationalen Differenzen unverkennbar gewesen. Besonders deutlich wurden diese bei ost-west-blockübergreifender Zusammenarbeit. Zusammenfassend wurde klar: Der Schwerpunkt, den ostmitteleuropäische Bewegungen wie »Solidarnosc« in Polen legten, zielte vor allem auf die Einforderung von »Menschenrechten, der westeuropäische Friedensbegriff hingegen meinte Verhinderung der nuklearen »Nach«rüstung oder militärische Abrüstung. Nicht nur der Streit um Semantiken, sondern die unterschiedlichen Möglichkeiten, persönliche politische Freiheiten wahrzunehmen, konnte dabei zur kommunikativen Barriere werden. Der von den unter sowjetischer Unterdrückung entstandenen Gruppen angewendete „Legalismus“, die Anwendung und anschließende Umdeutung offizieller Propagandaformeln, sei speziell für diese charakteristisch, hielt Kommentatorin Monica Rüthers (Hamburg) fest. Christian Domnitz (Berlin) untersuchte beispielhaft die staatssozialistische Formel »Unteilbarkeit des Friedens«, die von der tschechischen Friedensbewegung aufgegriffen und auf die politischen Rechte des Einzelnen übertragen worden sei. Ernst Wawra (Erlangen) ergänzte außerdem das Insistieren sowjetischer Dissidenten im Rahmen der Moskauer Helsinki-Gruppe oder der Gruppe »Vertrauen auf die Menschenrechtswahrung«, die Inhalte der KSZE-Schlussakte (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) von 1975 seien einzuhalten.

Jene Differenz zwischen Aktivisten der unterschiedlichen politischen Blöcke, die sich in der Rezeption des Friedensbegriffs niederschlug, galt in besonderem Maße auch für die konfessionellen Gruppierungen der Kirchen. Sebastian Kalden (Marburg) betonte die organisatorische interkonfessionelle Zusammenarbeit der evangelischen »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste« und der ökumenischen Initiative »Kirche von unten« mit niederländischen oder britischen Kircheninitiativen. Dem stand Daniel Gersters (Münster) These gegenüber, der in seiner Untersuchung der katholischen Organisation »Pax Christi« vor allem auf die schwierige transnationale Vermittlung – insbesondere über die politischen Blockgrenzen hinaus – verwies. »Pax Christi« blieb demnach eine westeuropäische Organisation trotz des universellen Postulats der katholischen Kirchenlehre, das allerdings beide Referenten für eine interkonfessionelle Zusammenarbeit als hinderlich bezeichneten. Jene blockübergreifende Zusammenarbeit beschrieb Angelika Dörfler (Potsdam) jedoch geradezu als befördernd für die evangelische Friedensbewegung im Austausch zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Der finanziellen und materiellen Unterstützung der deutschen Ost- durch die Westkirche stand eine moralisch-ethische Befruchtung in die andere Richtung gegenüber. Kirsten Heinsohn (Kopenhagen) ordnete dies in ihrem Kommentar als „besondere Qualität“ des gesellschaftlichen Faktors Kirche ein, der demnach viel mehr zu untersuchen sei als einzelne Akteure. Konnte Kirche als „Oppositionspartner“ zu jener im Sinne des Tagungstopos so wichtigen kommunikativen Atmosphäre beitragen, um aus den gespannten Verhältnissen fruchtbare interkonfessionelle Diskurse zur Friedensdebatte zu ermöglichen?

Eine politik- und kulturgeschichtliche Einordnung der viel diskutierten Wirkung der Friedensbewegungen nahm dann Andreas Wirsching (München) in einem Abendvortrag vor. Unter der provokant gestellten Frage „Ist die Friedensbewegung gescheitert?“ schilderte er die Langzeitwirkungen der Friedensdebatten und Protestformen. Er fasste die gesellschaftliche Implementierung eines Friedensdiskurses mit dessen staatspolitischen Auswirkungen zusammen und schaffte es so, die heterogene Friedensbewegung in seiner Darstellung zu kanalisieren. Wirsching beschrieb die Geschichte der Friedensbewegung als „Lehrstück“. In einem beeindruckenden Dreischritt zeigte er zunächst emotionsgeschichtlich auf, wie die Friedensbewegten ihren Aktivismus mit positiven Gefühlen und einer so trotz des unterzeichneten NATO-Doppelbeschlusses entstandenen „Reaktivierbarkeit“ verknüpften. Diese Atmosphäre habe dann dazu beigetragen, politisch nicht nur jede weitere Nachrüstungsdebatte zu verhindern, sondern auch die Abrüstungsdiskussion in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zu ermöglichen. In Bezug auf die Verfassungsgeschichte hob Wirsching zuletzt auf den Anspruch der Bewegung, als „genuine Volksvertretung“ aufzutreten, ab, der den Brokdorf-Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes von 1985 zur Versammlungsfreiheit wesentlich beeinflusst habe. Den Status, den das Gericht der Mobilisierung und Demonstrationen somit zur „Kompensation fehlender plebiszitärer Elemente“ zugeschrieben habe, bezeichnete Wirsching als „stillen Verfassungswandel“. Dass dieses Urteil freilich in der Folge einer Anti-Atomkraft-Demonstration gesprochen wurde, verdeutlicht umso mehr, warum Corinna Hauswedell (Bonn) die Friedensbewegung als „größten gemeinsamen Tanzboden“ verschiedener Akteure bezeichnete. Anders ausgedrückt, stellte die mit der Friedensbewegung artikulierte Friedensidee im Spektrum der vielfältigen Neuen Sozialen Bewegungen ein Konvergenzphänomen dar. Neben solchen synchronen Eigenschaften verwies Axel Schildt (Hamburg) in seinem Podiumsbeitrag auf die diachronen Strukturen der Friedensbewegung, die sich etwa im Vergleich mit der »Kampf dem Atomtod«-Bewegung der 1950er Jahre in der verfassungsrechtlichen Diskussion um Plebiszite und Versammlungsfreiheit zeigten.

Die viel diskutierte Kategorie Transnationalität ergab sich aus der sozialen Praxis, war aber keine Voraussetzung für die zahlreichen, zeitgleichen Friedensbewegungen: Zwar etablierten sich vielerlei transnationale Zusammenarbeit, weshalb Shelley Rose (Cleveland) von „kooperativen Aktivisten“ sprach, die sich in „communities of practice“ miteinander verbanden. Das diesbezügliche Voneinander-Lernen betonte auch Makiko Takemoto (Hiroshima), die einen Impuls der deutschen Friedensbewegung auf die japanischen Anti-Atom-Aktivisten ausmachte. Die Zielsetzungen blieben jedoch national intendiert, sodass die Friedensbewegung nicht per se global, sondern eher mit einem „internationalen Pluralismus“ zu beschreiben ist, was Christoph Laucht (Swansea) anhand der Organisation »International Physicians for the Prevention of Nuclear War« bekräftigte. Vor diesem Hintergrund fragte Philipp Gassert (Augsburg) in seinem Kommentar nach einer genaueren Verortung des Transnationalen, das sich gleichermaßen in physischer Interaktion, in Imagination wie auch in symbolpolitischen Elementen äußern könne. Neben den internationalen zeichneten sich die Bewegungen außerdem durch ganz andere Grenzüberschreitungen aus, seien es Milieus, Generationen oder kulturelle Stile, in denen sich der anti-atomare Protest als Gemeingut etablieren konnte. Jene Heterogenität müsste transnationalen Kontakten in der Bewegung keinesfalls widersprechen.

In welcher Hinsicht hat die Tagung die historische Friedensforschung bewegt? Eine große Bandbreite und Komplexität an Themen wurden durch die vielen Perspektivwechsel und eine große Diskussionsbereitschaft der Referenten/innen, zumeist Doktoranden/innen, ermöglicht. Der Tagungsaufbau war kohärent und führte über innereuropäische, transnationale und internationale Friedenskooperationen hin zu institutionellen Faktoren wie den kirchlichen Friedensbewegten oder der Ärzteschaft. In den Referaten überwog eine Akteurszentrierung, weshalb Christa Hämmerle (Wien) dazu aufforderte, Methoden und Konzepte expliziter darzustellen, wenn es um die Untersuchung transnationaler Austauschprozesse geht. Auf diese Weise ließe sich in der Tat deutlicher herausstellen, welche Bedeutung der Friedensbegriff und daran angeschlossene Semantiken in so einem Kommunikationsprozess einnehmen konnten. Die von Kemper in der Begrüßung zu bedenken gegebene Komplementarität von Frieden und Gewalt – im Unterschied zu Frieden und Krieg1 – wird schon längere Zeit in der historischen Friedensforschung diskutiert und kann weiter geschärft werden, indem die diskursive Aneignung beider Dimensionen in der Friedensbewegung im Mittelpunkt steht.

Die Beiträge der Tagung versprachen und regten dazu an, den kommunikativen Prädispositionen, Strategien und Narrativen einzelner und interagierender Bewegungsteile weiter nachzugehen, um die »gespannten Verhältnisse« in der Friedensbewegung der 1970er und ’80er Jahre zu erhellen. Die historische Friedensforschung bleibt in Bewegung.

Anmerkung

1) Zur Diskussion vgl. Benjamin Ziemann (2002): Perspektiven der Historischen Friedensforschung. In: Ders. (Hrsg.): Perspektiven der historischen Friedensforschung. Essen: Klartext, S.13-39.

Niklas Wieczorek

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