in Wissenschaft & Frieden 2014-1: Konfliktdynamik im »Globalen Norden«, Seite 58

zurück vor

Eine Singularität

Egbert Brieskorn, 1936-2013

von Corinna Hauswedell

Egbert Brieskorn

Wir kannten uns fast dreißig Jahre. Wirklich? Nicht immer machte der radikale Pazifist es einem leicht. Seine Unbedingtheit und eine bestechende Logik schienen manchmal weitere Nachfragen zu erübrigen: „Ich habe Ihnen doch gesagt, Frau Hauswedell …“

Ja, er wollte im vergangenen Jahr, als seine schwere Krankheit fortgeschritten war, keine Außenkontakte mehr; er hat sich auf seine Weise verabschiedet. Schon einige Jahre war er nicht mehr auf seinem Weg ins Mathematische Institut der Universität Bonn an meinem Küchenfenster vorbeigekommen – unverwechselbar in dem Kälte und Wärme zugleich abweisenden Rollkragenpullover.

Egbert Brieskorn gehörte im Herbst 1985 zum ersten Herausgeberkreis von »Wissenschaft und Frieden«, damals noch »Informationsdienst Wissenschaft und Frieden«. Wie andere Kollegen sah er nach den bewegten 1980er Jahren hier einen Ort für die Fortsetzung eines konsequenten friedenswissenschaftlichen Diskurses. In dem der Zeitschrift verbundenen Projekt der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden (IWIF) blieb Brieskorn über mehr als zwanzig Jahre, von 1990 bis 2012, ein zutiefst engagierter und zugleich kritischer stellvertretender Vorsitzender. Sprachliche Ungenauigkeiten in Sitzungsvorlagen, auch modische Anglizismen, viel mehr aber alle Erscheinungen des politischen Opportunismus waren ihm zuwider. Die neuen Einfallstore, die sich besonders seit den rot-grünen Jahren für die Bundeswehr im Ausland boten, unterzog er einer beißenden, von normativen und sachbezogenen Argumenten gleichermaßen gespeisten Kritik – und plädierte für eine entsprechende Behandlung dieser Fragen in der Zeitschrift.

Das Credo eines konsequenten Antimilitarismus gehörte selbstverständlich zum humanistisch-skeptischen Weltbild Brieskorns: Sein Bogen war aber weiter gespannt, schloss einen verantwortlichen Umgang mit der Geschichte, Achtung vor Menschenwürde und den Schutz der Natur ein. Das gemeinsame Engagement mit seiner Frau Heidrun für bedrohte Schmetterlingsarten1 und andere geflügelte Wesen wie Fledermäuse führte noch kurz vor seinem Tod zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Viele Jahre seiner hoch diszipliniert eingeteilten Zeit widmete er – neben der Lehr- und Forschungstätigkeit an der Bonner Universität – seinem großen Vorhaben, der Edition der Gesammelten Werke des bedeutenden, von den Nazis verfolgten und in den Tod getriebenen Mathematikers Felix Hausdorff.2 „Sie wissen, ich habe zu tun … wir haben neue Quellen von Hausdorff zu bearbeiten … „ – mit diesem Hinweis war es manchmal schwierig, einen gemeinsamen Termin zu finden, und fast schämte ich mich meiner Historiker-Zunft angesichts der Akribie und Leidenschaft, mit der der Mathematiker Egbert Brieskorn und seine Kollegen hier zu Werk gingen, um den interdisziplinär-analytischen Herausforderungen des Vorhabens gerecht zu werden.

Professor Dr. Egbert Valentin Brieskorn war einer der seltenen »organischen« Intellektuellen; bei ihm fielen nicht nur Naturerkenntnis und -liebe zusammen, sondern das daraus abgeleitete gesellschaftspolitische Ethos bedeutete auch Handlungsorientierung. Er war eine Ausnahmeerscheinung – und ohne jede Eitelkeit. Vielleicht war es kein Zufall, dass er sich auch in seinem Fach lebenslang mit Singularitäten befasste. Wir alle, die wir mit ihm in der Informationsstelle und der Zeitschrift »Wissenschaft und Frieden« zusammengearbeitet haben, sind sehr dankbar, dass wir ihn gekannt haben – wenigstens ein bisschen.

Ich möchte mich bei seiner Frau Heidrun Brieskorn bedanken, die uns freundlicherweise das Foto zur Verfügung stellte.

Anmerkungen

1) www.nrw-stiftung.de/projekte/bericht.php?bid=21.

2) Egbert Brieskorn et al. (Hrsg.) (2001 ff.): Felix Hausdorff: Gesammelte Werke. Berlin: Springer.

Corinna Hauswedell

in Wissenschaft & Frieden 2014-1: Konfliktdynamik im »Globalen Norden«, Seite 58

zurück vor