in Wissenschaft & Frieden 2013-4: Der pazifische Raum, Seite 45–46

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Frieden und Konflikt im Mittleren Osten

15. Internationale Hessische Sommeruniversität, 20. Juli bis 17. August 2013, Marburg

von Lydia Koblofsky

Menschen aus anderen Ländern treffen und Erfahrungen austauschen – das waren wichtige Gründe für Nessrine Rekik aus Marburgs Partnerstadt Sfaxan, um an der Internationalen Hessischen Sommeruniversität (ISU) teilzunehmen: „Ich habe die Revolution in Tunesien miterlebt. Diese Erfahrung wollte ich gerne mit anderen teilen, sowohl wissenschaftlich als auch menschlich.“

Zum 15. Mal fand in diesem Jahr die ISU in Marburg statt. 38 Studierende aus 15 Ländern setzten sich während des vierwöchigen Programms mit dem Thema »Frieden und Konflikt. Naher und Mittlerer Osten: politische, kulturelle und ökonomische Aspekte des Arabischen Frühlings – Eine Europäische Sicht« auseinander. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Blickwinkel der Teilnehmenden und Lehrenden führten zu intensiven und fruchtbaren Diskussionen zu Themen, die einige der Beteiligten auch persönlich betrafen.

In diesem Jahr war der Anteil der Studierenden, die aus Ländern des Nahen und Mittleren Ostens kamen oder familiäre Bezüge in die Region hatten, sehr groß. Tunesien, Pakistan, Syrien, Libanon, Ägypten, Israel waren nur einige der vertretenen Nationen. Dadurch wurde die Sommeruniversität sowohl zu einem wissenschaftlichen Diskussions- und Lernraum als auch zu einem Ort der Begegnungen. Für viele der eher jungen Studierenden ist der Studienmonat in Marburg eine sehr prägende Zeit, „sie machen fachliche, sprachliche und menschliche Erfahrungen, die sie nie vergessen werden“, so die Koordinatorin der ISU, Cornelia Janus. Für Husam Aldeen Al Dakak, Marburger Masterstudent aus Damaskus, war der akademische und menschliche Austausch mit Gesprächspartnern aus Israel u.a. über den Israel-Palästina-Konflikt ein besonderes Erlebnis: „Das wäre in Syrien nicht möglich gewesen.“ Die partizipative und offene Diskussionskultur in den Seminaren empfand Jingwen Sun aus Shanghai als „eine Qualität, die gelehrt und gelernt werden muss“.

Neben den Fachseminaren auf Deutsch und Englisch bot die ISU auch Deutsch-, Arabisch- und Hebräisch-Sprachkurse sowie themenbezogene Rahmenveranstaltungen und Exkursionen an. Kulturelle Veranstaltungen, Abendvorträge, eine thematische Filmreihe und Besuche in der jüdischen und der muslimischen Gemeinde ergänzten und bereicherten das wissenschaftliche Programm. Ein besonderes Highlight war in diesem Jahr der Besuch der Lebensgemeinschaft Niederkaufungen, der größten Kommune Deutschlands, die seit 26 Jahren bei Kassel zu Hause ist. 80 Menschen leben und arbeiten dort gemeinsam. Die Kommune versteht sich als linkes alternatives Projekt, in dem Gütergemeinschaft, Konsensdemokratie und der unmittelbare Zusammenhang von Arbeit und Leben praktiziert wird. Neben dieser Tagesexkursion wurden auch die »Klassiker« angesteuert: Straßburg als eine der Kernstädte Europas und die Finanzmetropole Frankfurt am Main. „Das herrschende wirtschaftliche und politische System sollte aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden“, so PD Dr. Johannes M. Becker, einer der wissenschaftlichen Leiter der ISU.

Seit vier Jahren wird die Marburger Sommeruniversität vom CNMS (Centrum für Nah- und Mittelost Studien) und dem ZfK (Zentrum für Konfliktforschung) in wissenschaftlicher und thematischer Hinsicht geleitet. Prof. Dr. Rachid Ouaissa (CNMS) und PD Dr. Johannes M. Becker (ZfK) teilen sich die wissenschaftliche Leitung. „Die ISU hat“, so PD Dr. Johannes M. Becker, „die aktuellsten politischen Entwicklungen des Sommers 2013 aufgegriffen: Sie hat sich, neben vielem anderen Themen, mit den Ereignissen in Ägypten und mit dem Palästina-Israel-Konflikt befasst.“ Der Nahe und Mittlere Osten liegt in der direkten Peripherie der Europäischen Union. Über die regionale Nähe hinaus verbinden die beiden thematischen Schwerpunkte der Sommeruniversität eine lange gemeinsame Geschichte und eine nicht konfliktfreie Gegenwart, politische wie ökonomische Interessen und gegenseitige Abhängigkeiten eingeschlossen.

Über Stipendien ermöglichen die Stadt, die Sparkasse und die jüdische Gemeinde Marburg einigen Studierenden die Teilnahme an der ISU. Dieses Jahr wurde das erste Stipendium der Stadt Marburg an eine Studentin aus der tunesischen Partnerstadt Sfax vergeben. „Es war für mich eine große Ehre, mit diesem Stipendium an der ISU teilnehmen zu können“, meinte Nessrine Rekik in ihrer Rede bei der Abschlusszeremonie der ISU, die sie in vier verschiedenen Sprachen vortrug: auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Französisch. Besonders eindrucksvoll war für sie der Moment, als ihre Gruppe bei der Straßburg-Exkursion über die deutsch-französische Freundschaftsbrücke »Passerelle des Deux Rives« ging. „Wir wurden nicht kontrolliert und hatten keine Visumprobleme. Eine solche Erfahrung habe ich bis jetzt noch nicht gemacht. Es kann so einfach sei, Grenzen zu überwinden.“

Die Hessischen Internationalen Sommeruniversitäten sind ein Gemeinschaftsprojekt der hessischen Universitäten und werden gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

Im nächsten Jahr wird die ISU vom 19. Juli bis 16. August stattfinden. Weitere Informationen unter uni-marburg.de/isu.

Lydia Koblofsky

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