in Wissenschaft & Frieden 2013-3: Jugend unter Beschuss, Seite 47

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„… die Frage nach unserer Zukunft“

Verleihung des Göttinger Friedenspreises 2013, 9. März 2013, Göttingen

von Regina Hagen

Als „Nestor der Friedensbewegung“ bezeichnete ihn die Jury des Göttinger Friedenspreises 2013. Und das trifft es genau. Für die meisten von uns war er während unseres gesamten friedenspolitischen Engagements Wegbegleiter: Andreas Buro war sozusagen schon immer da. Als Redner und Diskussionspartner, als Vordenker und Anstifter unzähliger Projekte, als Mahner und Mutmacher, als Akademiker und Aktivist prägt er die friedens- und menschenrechtspolitische Debatte seit fast 60 Jahre entscheidend mit. In seinem Engagement ließ er sich von einer unfriedlichen, kriegerischen, militärbetonten, rüstungsgeilen Politik nie beirren, und blieb dabei selbst immer zuallererst – Mensch.

Andreas Buro erhielt vor fünf Jahren bereits den Aachener Friedenspreis. Nun wurde er „in Würdigung seines jahrzehntelangen, außergewöhnlichen Wirkens für Frieden und die Verwirklichung der Menschenrechte“ mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet. „Selten“, so die Preisjury, „kommen analytischer Scharfsinn, politischer Gestaltungswille sowie praktische Handlungskompetenz in einer Person so zusammen wie bei Andreas Buro, der zu Recht als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Friedensbewegung und im europäischen Kontext gelten kann. […] Sein wohl wichtigster Beitrag zur Friedensforschung war die Entwicklung der Zivilen Konfliktbearbeitung als Alternative zu Militäreinsätzen.“

Die Laudatio der festlich in der Göttinger Alten Aula durchgeführten Preisverleihung (musikalisch wunderbar eingerahmt von Nadezhda Yotzova am Klavier) hielt Hanne-Margret Birckenbach. Ihre Rede gliederte sie als fünf Antworten auf die Frage „Kann man sich einen »streitbaren Pazifisten« als glücklichen Menschen vorstellen?“. Der rote Faden ergab sich aus ihrem Bezug auf Buros Anmerkung in seiner Autobiographie »Gewaltlos gegen Krieg«, manchmal denke er bei seiner politischen Arbeit an Sisyphos. Dabei verwies sie auf den Essay »Der Mythos von Sisyphos – Der ewige Rebell« von Albert Camus (1942), der anregte, „auf die ‚verborgene Freude des Sisyphos’ zu achten. ‚Sein Schicksal’ – so schreibt Camus – ‚gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache […] Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.’“

Wie Buro das gelang – für Birckenbach „eine Frage von Sein oder Nichtsein für die Zukunft der Friedensbewegung“ – beschrieb die Laudatorin anhand seines Lebenswegs und zog zum Schluss folgendes Resümee: „Er gestaltet seinen Stein, wählt den Anstieg, schätzt das Leben, ist in Gesellschaft, interpretiert seinen Auftrag, lernt, und legt Spuren. Alles hat sich verändert: der Stein, die Wege, der Mensch, seine Kumpanen, die Umwelt, die Interpretation des Auftrags und auch die Bergwelt – nur nicht die Götter. Sie treiben weiter ihr Spiel. Unerwartet aber hat es sich im Fall von Andreas Buro als friedensstiftend erwiesen. Sisyphos hat sie wieder einmal überlistet. Denn er ist keinesfalls zum abschreckenden Beispiel geworden, sondern zu einem Vorbild.“

Natürlich kam Andreas Buro auch selbst zu Wort. In seiner Rede »Friedens- oder Kriegspolitik, das ist die Frage nach unserer Zukunft« nahm er seine Warnung nach dem Ende des Kalten Krieges zum Ausgangspunkt, dass „der Übergang von der bipolaren Weltkonstellation zu einer unipolaren bevor stünde und dies eher imperialistische Herrschaftsversuche als […] Weltfriede bedeute“. Er zog Parallelen zur heutigen Situation: „Wir erleben den Übergang von der unipolaren zu einer unbestimmten multipolaren Konstellation.“ Davon seinen „nicht nur die USA in ihrer Weltstellung betroffen, sondern auch EU-Europa und die europäische Vormacht Deutschland“. Dies führe dazu, dass „[g]egenwärtig […] alles auf Kriegspolitik zu[steuert]. Wir erleben, dass alle vom Frieden sprechen und gleichzeitig aufrüsten. […] Gewalteinsatz gilt nach wie vor als »ultima ratio«, als »letztes Mittel«. Für konstruktive und vorausschauende Friedensarbeit wird jedoch fast nichts getan.“ Um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, strebten die Mächte nach „militärischer Überlegenheit. Das ist neben Militär-, Industrie- und Finanzinteressen der wichtigste Antrieb für ständige Aufrüstung. Sie läuft spätestens seit Erfindung der Atomwaffen ins apokalyptisch Absurde. Sie wird heute erweitert um die Dimensionen des Roboterkrieges, des Cyberwar und der Möglichkeit zur Führung von Weltraumkriegen.“

Dagegen setzt Andreas Buro die Kraft der Zivilen Konfliktbearbeitung, weil „eine erträgliche Zukunft für die Weltbevölkerung, die Lösung der vielen drängenden Probleme nur dann gelingt, wenn Kriegspolitik durch Friedenspolitik abgelöst wird. Statt einer Kultur der Gewalt brauchen wir eine Kultur der Kooperation.“ Allerdings: „Kaum wage ich auf einen solchen Wechsel zu hoffen.“

Lieber Andreas, wir wünschen, dass Du mit uns gemeinsam die Hoffnung weiter pflegst und gratulieren dir zum Göttinger Friedenpreis 2013 – sowie zu Deinem 85. Geburtstag!

Regina Hagen

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