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Frieden und Grenzen

45. AFK-Jahreskolloquium der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK), 28. Februar bis 2. März 2013, Tutzing

von Ingo Henneberg

Das Jahreskolloquium 2013 »Frieden und Grenzen: Herausforderungen für die Friedens- und Konfliktforschung« der AFK wurde in Kooperation mit der Akademie für Politische Bildung Tutzing sowie der Evangelischen Akademie Villigst durchgeführt und fand vom 28. Februar bis 2. März in Tutzing statt. Gefördert wurde die Tagung durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF).

Grenzen haben mannigfaltige Formen und Funktionen. Grenzen sind Markierungen. In der Globalisierung kommt es zu einer Entgrenzung. Die Abschaffung von Grenzen ist ein traditionelles Friedensprojekt. Im Konflikt werden Barrikaden als Grenzen errichtet. Grenzen müssen anerkannt werden, um wirksam zu sein. Der Rechtsstaat ist eine Begrenzung herrschaftlicher Willkür, und Recht setzt Grenzen. Es gibt moralisch-ethische Grenzen oder Anstandsgrenzen, Kunst reißt solche Grenzen ein oder definiert sie neu. Grenzen sind vorläufig, und die Flucht über Grenzen bedeutet häufig Schutz. Dies sind nur wenige Beispiele (aus der Einführungsrede von Dr. Regine Mehl) für die Relevanz von Grenzen für die Friedens- und Konfliktforschung.

Grenzen: Wovon eigentlich?

Zwei Tage lang wurden also Grenzen in verschiedensten Dimensionen diskutiert. Im Panel »Grenzen zwischen staatlicher und nicht-staatlicher Gewalt« beschäftigte man sich mit der begrifflichen Abgrenzung von staatlicher und nicht-staatlicher Gewalt und verschiedenen Formen der Kooperation zwischen dem Staat und nicht-staatlichen Gewaltakteuren. Diskutiert wurden die Rolle von Milizen bei der Schaffung von Sicherheit in Gewaltkonflikten, die Kooperation zwischen Staat und bewaffneten Gruppen am Beispiel der Rebellengruppen MILF und MNLF im Mindanao-Konflikt (Philippinen) oder die Rolle nicht-staatlicher Gewaltakteure in Afghanistan und im Darfur-Konflikt. Daneben wurden die verschiedenen Grenzziehungen innerhalb der palästinensischen Nationalbewegung und Abgrenzungsprobleme im Bereich der Transitional Justice behandelt.

Das Panel »Grenzziehungen der Friedensforschung: Wissenschaftssoziologische Rekonstruktionen zur Entstehung der Friedens- und Konfliktforschung in der Bundesrepublik Deutschland« beschäftigte sich mit der wissenschaftssoziologischen Rekonstruktion der Friedensforschung in der Bundesrepublik und brachte interdisziplinäre Einblicke in die Anfänge des Faches.

Mit »Konflikteskalation und Dynamiken von Grenzziehungen« beschäftigten sich aus theoretischer Perspektive Beiträge zum Selbstverständnis von Diaspora-Angehörigen sowie mit dem (teils eskalierend wirkenden) Einfluss eines Publikums auf Konflikte und der Eigendynamik hochgewaltsamer Konflikte.

Im Panel »Verantwortlichkeit und Solidarität jenseits von staatlichen Grenzen? Regulierungen zur Einhegung von Gewalt« standen globale Regelwerke und Global Governance im Vordergrund, welche unter anderem am Beispiel der Responsibility to Protect (R2P) oder des Arms Trade Treaty (ATT) diskutiert wurden.

Das Panel »Europas Grenzen« beschäftigte sich mit der Konstruktion und dem Management von Grenzen durch die Europäische Union. Es wurde gefragt, wo Europas Grenzen lägen, und versucht, dies geographisch wie politisch-funktional oder kulturell-religiös zu erklären. Einige Vorträge beschäftigten sich mit den verschiedenen Facetten des europäischen Grenz- und Migrationsmanagements und so genannter »smart borders«.

Weitere Panels diskutierten die Erinnerungskultur und Identitätsbildung, die Grenzziehung im Sudan/Südsudan und auf Zypern sowie Territorial- und Grenzkonflikte, zum Beispiel in Zentralasien.

Verleihung des Christiane-Rajewsky-Preises 2013

Den diesjährigen Christiane-Rajewsky-Preis erhielt Dr. Maximilian Lakitsch (Universität Graz) für seine Dissertation »Unbehagen im modernen Staat – Über die Grundlagen staatlicher Gewalt«. Gewürdigt wurde die ebenso kritische wie erkenntnisreiche Analyse des staatlichen Gewaltmonopols und verschiedener gesellschaftlicher Ausgrenzungsmechanismen als „im Kern des Kerns der Friedens- und Konfliktforschung angesiedelt“ (so Juryvorsitzende Prof. Dr. Claudia von Braunmühl; Auszüge aus ihrer Laudatio »Die Logik der Staatsränder« siehe W&F 2-2013, S.39-40).

Militär, Revolutionen und Fachzeitschriften

In Plenarvorträgen diskutierte Revolutionsforscher Prof. Dr. Ekkart Zimmermann (TU Dresden) den Arabischen Frühling in vergleichender Revolutionsanalyse, und Prof. Dr. Michael Brzoska (Universität Hamburg) fragte nach den »Grenzen des Militärischen« – genauer, wo die Grenzen zwischen dem Militärischen und dem Zivilen lägen und wie sich diese messen ließen.

Im Spezialformat »Meet the Editors« bot die AFK erstmals die Möglichkeit, mit den MacherInnen verschiedener friedenswissenschaftlicher Zeitschriften im deutschsprachigen Raum in Kontakt zu treten und sich über Publikationsmöglichkeiten zu informieren. Vorgestellt wurden die »Zeitschrift für Internationale Beziehungen« (ZIB), die »Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung« (ZeFKo), »Wissenschaft und Frieden« (W&F) und »Sicherheit und Frieden« (S+F).

Das Abschlussplenum beleuchtete die Bedeutung von Grenzen für die Sicherung des Friedens. Grenzen seien in Konflikten teilweise wirkungslos, könnten teilweise aber auch wirksamen Schutz bieten. Die ZuhörerInnen erhielten Einblicke in so unterschiedliche Bereich wie praktische Konfliktbearbeitung, empirische Untersuchung und Feldforschung.

Resümee

Das AFK-Kolloquium 2013 bot den TeilnehmerInnen wieder einmal die Möglichkeit, Einblicke in aktuelle Forschungsfragen und -projekte der Friedens- und Konfliktforschung zu erhalten sowie sich aktiv in anregende fachliche Diskussionen einzubringen. Es wurde deutlich, dass sich die Friedens- und Konfliktforschung sehr stark und thematisch vielfältig mit Grenzen und Grenzziehungen beschäftigt.

Ein ausführlicher Tagungsbericht mit der Beschreibung aller Panels und Papers, die außerdem im virtuellen Paperroom des Kolloquiums abrufbar sind, ist auf afk-web.de zu finden.

Ingo Henneberg

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