in Wissenschaft & Frieden 2013-3: Jugend unter Beschuss, Seite 23–25

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Weniger verträglich

Wie der Wehrdienst die Persönlichkeit beeinflusst

von Kathrin Jonkmann und Ingrid Bildstein

Dass traumatische Kriegserlebnisse tiefe emotionale Narben bei Veteranen hinterlassen können, die ihre Fähigkeit, im Leben »danach« zurechtzukommen, stark beeinflussen, ist kein Geheimnis. Eine gemeinsame Studie von Psychologen der Universität Tübingen und der Washington University in St. Louis, USA legt jetzt nahe, dass schon allein der Wehrdienst, also auch ohne einen Einsatz im Kampf, einen anhaltenden Effekt auf die Persönlichkeit des Menschen hat.

Lange Jahre herrschte in der Psychologie die Meinung vor, dass sich unsere Persönlichkeit im Laufe des Lebens nur geringfügig verändert. Die Persönlichkeit wird allgemein als einer der stabilsten und am schwersten zu ändernden menschlichen Züge angesehen. Orientiert man sich an den so genannten »Big Five« der Persönlichkeitspsychologie, so bleiben wir zeitlebens etwa gleich extravertiert, gewissenhaft, neurotisch, offen für neue Erfahrungen und sozial verträglich. Ob man studiert, heiratet oder einen Beruf ausübt, die Persönlichkeit wird davon nicht beeinflusst, so die bisherige Annahme.

Doch diese wird immer mehr in Frage gestellt. Zwei große Metaanalysen haben jüngst gezeigt, dass sich die Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne verändern kann: So werden wir im jungen Erwachsenenalter gewissenhafter, emotional stabiler und tendenziell verträglicher. Gleichzeitig gibt es aber bei diesen Veränderungen große Unterschiede zwischen den einzelnen Personen. Manche Menschen zeigen beispielsweise einen sehr viel stärkeren Anstieg der Gewissenhaftigkeit als andere, einige bleiben eher stabil und manche bewegen sich sogar entgegen dem allgemeinen Trend: Ihre Gewissenhaftigkeit nimmt ab. Die Wissenschaft identifiziert bedeutsame Lebenserfahrungen, die einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung nehmen können. Eine frühere Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass die Gewissenhaftigkeit von Abiturienten, die eine Ausbildung beginnen, stärker ansteigt als die ihrer früheren Klassenkameradinnen und -kameraden, die ein Studium aufnehmen. Letzteres hingegen schien einen positiven Einfluss auf die Verträglichkeit zu haben.

Doch wie verhält es sich mit dem Wehrdienst? Er ist ein wichtiger Wendepunkt im Leben eines jungen Menschen und könnte folglich entscheidende Auswirkungen auf die Persönlichkeit haben.

Wer entscheidet sich für den Wehrdienst?

Zunächst sollte die Studie »Military training and personality trait development: Does the military make the man or does the man make the military?«die Frage klären, ob bestimmte Eigenschaften die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich ein junger Mensch zum Wehrdienst meldet. Dazu wurden Daten von TOSCA verwendet, einer Längsschnittstudie, die am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin initiiert wurde und nun an der Universität Tübingen beheimatet ist. In TOSCA werden die Abiturkohorten der Jahre 2002 und 2006 von rund 150 zufällig ausgewählten Gymnasien in Baden-Württemberg im Abstand von zwei Jahren regelmäßig zu ihren Lebensumständen und ihrer beruflichen sowie persönlichen Entwicklung befragt. Aus diesen beiden Stichproben wurden diejenigen jungen Männer ausgesucht, die zwei Jahre nach dem Abitur angaben, entweder Wehr- oder Zivildienst absolviert zu haben. Diese 1.261 Lebensläufe wurden anschließend ausgewertet, darunter 245 von Wehrdienstleistenden.

Basierend auf dem Fünf-Faktoren-Modell, dem derzeit vorherrschenden Modell in der Persönlichkeitsforschung, wurden den Probanden Fragen zu fünf Persönlichkeitsmerkmalen (»Big Five« der Psychologie) gestellt, die als relativ dauerhaft sowie als unabhängig voneinander und von kulturellen Unterschieden gelten: Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Extravertierte Personen suchen die Gesellschaft anderer; sie sind freundlich und herzlich, durchsetzungsfähig, selbstbewusst, begeisterungsfähig, erlebnishungrig und risikofreudig. Neurotizismus zeichnet sich aus durch Ängstlichkeit, Reizbarkeit und Verletzlichkeit, einer Neigung zu übermäßigen Sorgen und Depressionen, einer ausgeprägten sozialen Befangenheit, Impulsivität und niedriger Frustrationstoleranz. Personen, deren Offenheit ausgeprägt ist, sind intellektuell neugierig und denken gerne über Ideen, Kunst oder Musik nach. Sie sind unkonventionell, flexibel, fantasievoll und suchen neue abwechslungsreiche und intellektuell anregende Situationen. Verträgliche Personen sind auf der Suche nach sozialer Harmonie und haben eine positive Sichtweise auf andere Menschen. Sie sind gutherzig und bescheiden, unkompliziert und einfühlsam, selbstlos und hilfsbereit, kooperativ und außerdem bereit, Kompromisse einzugehen. Gewissenhafte Menschen schließlich sind diszipliniert und ehrgeizig, ordentlich und pflichtbewusst und treffen Entscheidung nicht impulsiv, sondern wohl überlegt.

Die Ergebnisse der Befragung zeigten, dass sich anhand dieser Persönlichkeitsmerkmale tatsächlich bis zu einem bestimmten Grad vorhersagen lässt, ob jemand Wehr- oder Zivildienst absolviert. Für den Zivildienst entschieden sich nämlich in etwas stärkerem Maße Personen, die sich selbst als »verträglich« beschrieben. Diese jungen Männer wiesen auch eine höhere Offenheit auf, d.h. sie mochten intellektuelle Herausforderungen, waren etwas weniger an Fakten orientiert und interessierten sich beispielsweise verstärkt für Kunst. Junge Erwachsene, die sich für den Militärdienst entschieden, beschrieben sich dafür als gelassener, ausgeglichener, optimistischer, sicherer im Umgang mit anderen und verfügten über eine hohe Frustrationstoleranz. Wer Wehrdienst leistete, war also bis zu einem gewissen Grad auch von der Persönlichkeit abhängig – allerdings waren die dokumentierten Unterschiede nicht besonders stark ausgeprägt.

Veränderungen der Persönlichkeit

Beeinflusst der Wehrdienst aber auch seinerseits langfristig die Persönlichkeit? Da es vielfältige Gründe für Veränderungen der Persönlichkeit geben kann, ist es kompliziert, diese nachzuvollziehen. Methodisch wurde der Weg gewählt, so genannte »statistische Zwillinge« unter den Wehr- und Zivildienstleistenden zu finden, also Personen, die aus ähnlichem Elternhaus stammten, ähnliche Bildungsaspirationen aufwiesen und in einer Vielzahl psychologischer Merkmale vergleichbar waren und sich daher mit gleicher Wahrscheinlichkeit für oder gegen den Wehrdienst entscheiden würden. So sollte ausgeschlossen werden, dass etwa Effekte der unterschiedlichen Ausbildung und nicht des Wehrdienstes auf die Persönlichkeit verändernd wirkten.

Zwei Jahre nach dem Abitur, also nach Abschluss des Wehr- oder Zivildienstes, wurden die jungen Männer erneut befragt. Die Ergebnisse zeigten, dass der zuletzt gerade noch neun Monate dauernde Wehrdienst die individuelle Persönlichkeit junger Bundeswehrrekruten tatsächlich nachhaltig beeinflusste. War das Persönlichkeitsmerkmal Verträglichkeit bei den Zivildienstleistenden und den Rekruten, die als »statistische Zwillinge« identifiziert wurden, vor dem Wehrdienst vergleichbar stark ausgeprägt, so lag nach dem Wehrdienst die soziale Verträglichkeit der ehemaligen Rekruten statistisch signifikant unter der der Zivildienstleistenden. Zwar wurden beide Gruppen in dieser Lebensphase insgesamt verträglicher – bei den Rekruten fiel dieser Anstieg jedoch geringer aus. Ausgeschlossen werden kann, dass diese Unterschiedlichkeit der Persönlichkeitsveränderung weniger dem Militärdienst geschuldet war, sondern vielmehr mit den meist sozialen Tätigkeiten des Zivildienstes zusammenhingen: Die ehemaligen Zivildienstleistenden erwiesen sich nicht verträglicher als Gleichaltrige, die gar keinen Dienst geleistet hatten.

Nachhaltige Auswirkungen

Aber was passiert nun langfristig mit den Soldaten, nachdem sie das Militär verlassen haben? Man könnte schließlich annehmen, die Persönlichkeitsveränderung wäre nur temporär, und die Rekruten holten den Unterschied in Sachen Verträglichkeit in den Jahren nach dem Wehrdienst wieder auf. Doch weitere Analysen vier und sechs Jahre nach dem Schulabschluss zeigten, dass dies nicht der Fall war. Im Gegenteil: Der Trend setzte sich noch mindestens vier weitere Jahre fort. Die etwas niedrigere Verträglichkeit der ehemaligen Soldaten im Vergleich mit ihren Altersgenossen bestand also auch noch Jahre später, als die Teilnehmer bereits ihr Studium, ihre Ausbildung oder ihren Beruf aufgenommen hatten. Es handelt sich demnach nicht nur um einen kurzzeitigen Effekt, sondern um langfristige Auswirkungen des Wehrdiensts auf das Persönlichkeitsmerkmal der Verträglichkeit.

Welchen Einfluss dieser Unterschied wiederum auf das Leben der ehemaligen Soldaten hat, lässt sich noch nicht absehen. Kumulative Auswirkungen könnten von Bedeutung sein. Schließlich kann sich die Verträglichkeit direkt auf etliche wichtige Lebensereignisse auswirken, wie zum Beispiel auf die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Eine niedrige Verträglichkeit könnte eine Belastung für Freundschaften und Partnerschaften darstellen, da sich durch dieses Persönlichkeitsmerkmal möglicherweise das Konfliktpotenzial erhöht. Andererseits muss diese menschliche Eigenschaft nicht zwingend negative Konsequenzen haben: So ist es wahrscheinlicher, dass Menschen, die weniger kompromissbereit sind, die Karriereleiter erklimmen und bessere Aufstiegschancen im Beruf haben.

Für die psychologische Grundlagenforschung war es bedeutsam, mit der Studie nachgewiesen zu haben, dass der Wehrdienst diese lang anhaltenden Auswirkungen auf den Menschen haben kann. Das Ergebnis zeigt allerdings auch, wie robust die Persönlichkeit eines Menschen ist: Schließlich wurde nur eine der fünf großen Persönlichkeitseigenschaften durch diese Erfahrung beeinflusst.

Welcher Part des militärischen Lebens genau diese Veränderungen der Persönlichkeit bewirkt, hat die Studie nicht ermittelt. Es lässt sich allerdings vermuten, dass es um ein Zusammenspiel von zwei Faktoren geht: Zum einen sind Verhaltensweisen, die eine niedrigere Verträglichkeit anzeigen, ein explizites Trainingsziel, um Soldaten optimal auf Kampfeinsätze vorzubereiten. Zum anderen stellt das Militär eine Umgebung dar, in der Personen mit bestimmten Eigenschaften zusammenkommen, also einen Kontext, in dem tendenziell unverträglichere, weniger offene und emotional stabilere Personen aufeinander treffen, die sich dann gegenseitig in ihren Persönlichkeitsmerkmalen bestärken.

Verstärkung des Effekts nach dem Wegfall der Wehrpflicht?

Es ist anzunehmen, dass nach Wegfall der obligatorischen Frage »Wehr- oder Zivildienst?« junge Erwachsene eine Entscheidung für den Militärdienst jetzt deutlich bewusster treffen als früher. Verstärken sich also die beschriebenen Selektionseffekte, da die Gruppe der Wehrdienstleistenden noch homogener wird und dies wiederum beeinflusst, was im Kontext Militär erlebt wird? Und verstärken sich damit womöglich auch die Unterschiede in der Persönlichkeit zwischen Berufssoldaten und Normalbevölkerung? Um dies herauszufinden, sind weitere Forschungsarbeiten notwendig.

Literatur

Jackson, J. J., Thoemmes, F., Jonkmann, K., Lüdtke, O., and Trautwein, U. (2012): Military training and personality trait development: Does the military make the man or does the man make the military? Psychological Science 23, S.270-277.

Prof. Dr. Kathrin Jonkmann ist Juniorprofessorin in der Abteilung Empirische Bildungsforschung und Pädagogische Psychologie sowie Fakultätsmitglied der Exzellenz-Graduiertenschule LEAD der Universität Tübingen. Dipl.-Kulturwirtin Ingrid Bildstein ist Mitarbeiterin der Abteilung Empirische Bildungsforschung und Pädagogische Psychologie sowie der Exzellenz-Graduiertenschule LEAD der Universität Tübingen.

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