in Wissenschaft & Frieden 2013-3: Jugend unter Beschuss, Seite 10–13

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Jugend in Bagdad

Handlungsmöglichkeiten in virtuellen und städtischen Räumen

von Annika Henrizi

Am 21. März 2013 jährte sich der Beginn des dritten Golfkriegs zum zehnten Mal. Für internationale Medien war das Anlass, etwas ausführlicher über die Situation in einem Land zu berichteten, dessen Wirtschaft sich bis heute nicht von Kriegen und Sanktionen erholt hat und in dem Frieden eine vage Hoffnung bleibt. Jenseits solcher Ereignisse oder der kurzen Meldungen über folgenreiche Anschläge allerdings ist das Interesse der Medien am Irak ebenso wie das der Friedensforschung in den letzten Jahren zurückgegangen. Dies mag zum Teil an der Arabellion liegen, die andere Länder in den Mittelpunkt rückte; es kann aber auch als Ausdruck einer Ratlosigkeit gegenüber der andauernden Gewalt im Irak gesehen werden. So wird insbesondere in den westlichen Medien ein Bild des Landes gezeichnet, in dem nichts als Gewalt und Angst existiert. Doch welche Rolle spielen Jugendliche in einer Gesellschaft, die seit mehr als 30 Jahren unter Diktatur, Krieg und Besatzung sowie deren Folgen leidet? Während mehrerer Aufenthalte im Irak 2012 und 2013 ging die Autorin der Frage nach, wie Jugendliche im Irak ihre Gesellschaft wahrnehmen, ob und wie sie sich zivilgesellschaftlich engagieren. Ohne die gravierenden Probleme zu beschönigen, wagt der Artikel einen Blick auf das Land, der einen wenig bekannten Ausschnitt der Realität eröffnet.

Forschung und Praxis befassten sich lange Zeit kaum mit Jugend in Nachkriegs- und Übergangsgesellschaften; die Annahme, dass sich mit der Transformation Jugendprobleme automatisch lösen würden, ist weit verbreitet. Dabei sind Jugendliche nicht nur als Problem oder als Opfer zu betrachten, sondern auch als resiliente Akteure in einer gewaltvollen Umwelt (vgl. etwa Fuller 2004, S.5ff; Kurtenbach 2010, S.175ff, S.180). Der vorliegende Artikel nimmt Jugend in Bagdad aus einer akteurszentrierten Perspektive in den Blick und geht anhand von drei Projekten exemplarisch der Frage nach, welche Handlungsräume Jugendliche nutzen, um sich zu vernetzen, und wie sie in ihrer Gesellschaft partizipieren. Raumsoziologische Ansätze,1 die in jüngerer Zeit auch in der Jugendforschung Beachtung finden, ermöglichen es, Handeln im virtuellen und im städtischen Raum zusammen zu denken und kommen so der Lebensrealität vieler Jugendlicher in Bagdad nah.

Jugend im Irak bedeutet, konfrontiert zu sein mit hoher Arbeitslosigkeit, Mängeln des Bildungssystems, beschränkten Wahlmöglichkeiten, einer schwierigen Sicherheitslage, fehlender Infrastruktur und alltäglicher Gewalt. Trotzdem gibt es im Irak Jugendliche, die sich auf zivilgesellschaftlicher Ebene engagieren, die sich für Wandel und Gewaltfreiheit einsetzen und sich gegen gesellschaftliche Trends der Politisierung ethnischer und religiöser Identitäten und von Machtkämpfen stellen. In Bagdad sind diese Jugendlichen eine Minderheit, aber doch eine stetig wachsende Gruppe, die sich auch durch die Umbrüche in anderen Ländern der Region ermutigt fühlt und seit 2006/2007 – verbunden mit der sich insgesamt leicht verbessernden Sicherheitslage – Zulauf erfährt.

Eine Betrachtung von Jugendlichen als Akteure kann aber nur einen Ausschnitt irakischer Realität abbilden, und umfasst in diesem Fall überdies vorwiegend Jugendliche im Alter von 19-24 Jahren aus höheren sozialen Schichten und Studierende. Viele von ihnen haben an Programmen lokaler Nichtregierungsorganisationen teilgenommen und konnten so sich selbst, ihre Fähigkeiten und eigene Perspektiven weiterentwickeln. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Irak – in und außerhalb von Bagdad – eine Mehrheit der Jugendlichen über solche Chancen nicht verfügt.

»We don't want old people to lead our country«

Die Motivation der Jugendlichen ist in erster Linie in der Idee des Wandels und des »anders Machens« begründet. Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenkultur spielt im Jugendalter eine wichtige Rolle; die Entwicklung politischer Werte und persönlicher Meinungsbildung zu gemeinschaftlichen Themen sind wesentliche Entwicklungsaufgaben der Jugend (vgl. etwa Fend 1991, S.114 f.; Hurrelmann und Quenzel 2012, S.202). Die Abgrenzung gegenüber der herrschenden Erwachsenenkultur ist bei den irakischen Jugendlichen auch deshalb so stark, weil Altershierachien hier kulturell besonders virulent sind. Die Jugendlichen stehen oft vor dem Problem, nicht ernst genommen zu werden; Alter ist bedeutsamer als die Arbeit, die man macht. Gerade deshalb betonen sie in ihren Aktionen ihre Selbstständigkeit und fordern in den zivilgesellschaftlichen Organisationen die ältere Generation dazu auf, der Jugend einen eigenen Raum zu geben und sich aus der Planung von Aktionen herauszuhalten.

»You are next«

Das Projekt »You are next« (Du bist der Nächste) startete im Frühjahr 2013 in Bagdad, als sich fünf Jugendliche überlegten, was sie gegen die weit verbreitete Gleichgültigkeit innerhalb der irakischen Gesellschaft gegenüber alltäglicher Gewalt unternehmen könnten. „Solange Anschläge keine Opfer in der eigenen Familie oder der näheren Umgebung fordern, sind die Menschen gleichgültig geworden; Todesopfer sind für sie nur noch Zahlen ohne Gesicht“, erklärt eine der Initiatorinnen. Dafür sei ein Wandel in der Mentalität der Menschen verantwortlich, der in den letzten Jahren stattgefunden habe, viele seien still geworden, scheinen die Situation zu akzeptieren. Aufmerksamkeit erregten die Jugendlichen, indem sie mit selbst bedruckten Shirts in verschiedenen Stadtteilen Bagdads Mahnwachen inszenierten und Menschen auf der Straße ansprachen. Was ursprünglich als Aktion einiger Weniger begonnen hatte, fand durch Facebook bald größeren Zulauf. Mittlerweile wurden ähnliche Aktionen an verschiedenen Universitäten des Landes durchgeführt.

In Bagdad bedeutet »Wir sind anders« aus der Perspektive der Jugendlichen überdies, sich gegen einen gesellschaftlichen und politischen Trend zu stellen, in dem sich jeder nur für sein eigenes Wohl bzw. den eigenen Machterhalt einsetzt. Mit dem Projekt »You are next« (siehe Kasten) machen Jugendliche deutlich, dass sie Gewalt nicht einfach hinnehmen, sondern sich für das Gemeinwohl interessieren und engagieren. So sagt eine Jugendliche: „Ein Macher zu sein heißt für mich, ich kann etwas für die Gemeinschaft tun und nicht nur für meinen eigenen Profit leben.“ (Interview 2013, eigene Übersetzung) Die Verkörperung dieses alternativen Lebensstils stößt in ihrer Umgebung auf viel Kritik, denn das freiwillige Engagement wird oft als sinnlose Zeitverschwendung angesehen. Vor allem für Mädchen mangelt es damit – anders als bei geregelter Erwerbsarbeit und Bildung – an einer guten Begründung, das Haus zu verlassen.

Mit ihrem Engagement grenzen sich Jugendliche auch gegenüber der Erwachsenengeneration ab, die aus Sicht der Jugendlichen für viele Missstände und das Andauern von Problemen im Land verantwortlich ist. Jugend hat gegenüber den älteren Menschen mehr Willen zur Veränderung, mehr Potential, eine bessere Gesellschaft aufzubauen „Als Iraker, die unter Kriegen und Traditionen und [fehlender] Rechtsprechung gelitten und kein echtes Leben bekommen haben, wollen wir als Jugendliche ein echtes Leben bekommen, […] wir wollen die Fehler in der Gesellschaft korrigieren […] Und das ist, denke ich, die Rolle der Jugend, diese Ideen, zu verändern.“ (Interview 2012, eigene Übersetzung)

Wie aber gelingt es Jugendlichen, Motivationen umzusetzen und eigene Räume von bestehenden abzugrenzen, wenn Handlungsmöglichkeiten und direkte Kommunikationswege durch die Realität in einem Konfliktgebiet eingeschränkt sind? Soziale Netzwerke sowie Aktionen im städtischen Raum bilden zwei – miteinander verschränkte – Wege, die Jugendliche aus Bagdad für sich nutzen.

Das Internet als Möglichkeitsraum

»Peace Day«

Der »Tag des Friedens« ist ein jährlich am Internationalen Tag des Friedens (21. September) stattfindendes Kulturevent, welches seit 2011 von Jugendlichen in Bagdad organisiert wird. Neben kulturellen Darbietungen und Spielen für Kinder ist es auch für viele Familien und Erwachsene eine Möglichkeit, Bagdad einmal anders zu erleben. Dem Alltag für einen Moment zu entkommen und das kulturelle Leben zu genießen, beschreiben die Jugendlichen als einen wesentlichen Aspekt vom »Peace Day«. 2012 wurde das Event live im Internet übertragen und auch von internationalen Zuschauern verfolgt.

Gerade für Jugendliche hat das Internet – insbesondere durch die sozialen Netzwerke – als Kommunikationsraum an Bedeutung gewonnen. Es bietet Möglichkeiten des Austauschs und der Identitätsbildung, die bisherige Formen sozialen Miteinanders ergänzen (vgl. Tully 2009, S.10 f.). Für Jugendliche in Bagdad ist dieser Raum aus mehreren Gründen besonders bedeutsam: Hier gelingt es, soziale Nähe herzustellen und Kontakte zu knüpfen, ohne sich im städtischen Raum treffen zu müssen; das Internet ermöglicht, was die prekäre Sicherheitslage oft verhindert. So werden soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von den Jugendlichen auch genutzt, um in einem geschützten Raum erste Ideen für neue Aktionen zu diskutieren und andere Jugendliche für ihre Arbeit zu begeistern. Einladungen für die Vortreffen zur Durchführung eines »Peace Day« (siehe Kasten) wurden hauptsächlich über Facebook verschickt, ebenso wurde dort über die vergangenen Treffen berichtet. Die Zahl derer, die an den wöchentlichen Vortreffen in den Räumen einer Nichtregierungsorganisation teilnahmen, wuchs dadurch stetig. Soziale Netzwerke bieten aber auch eine Möglichkeit, kritische Ansichten und Gedanken zu äußern, ohne dafür angegriffen und schlimmstenfalls auch körperlich verletzt zu werden: „Es ist eine Plattform, auf der ich alles ausdrücken kann, ohne dass sich jemand beschwert. Es ist Freiheit, wir können unsere Meinung sagen, ohne dafür geschlagen zu werden, wir können unsere Ideen so verbreiten.“ (Interview 2013, eigene Übersetzung)

Gleichzeitig bietet insbesondere Facebook eine Plattform, über die die Jugendlichen ihr Engagement auch nach außen, d.h. für internationale Nutzer, sichtbar machen. Durch das Internet und internationale Medien erfahren Jugendliche, wie über ihr Land berichtet wird; sie haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, auch das andere Bild der Stadt zu zeigen, indem sie etwa mittels kultureller Events und Fotografie eine Realität darstellen, die oft unbeachtet bleibt.

Die Tatsache, dass soziale Netzwerke einen primär jugenddominierten Raum darstellen, in dem Altershierachien weniger virulent sind als innerhalb der irakischen Gesellschaft, macht sie für Jugendliche zusätzlich attraktiv.

Handeln in interdependenten Realitäten

Die vormals verbreitete Annahme, der virtuelle Raum würde losgelöst vom »realen« Raum existieren, wird mittlerweile von vielen Jugendforschern relativiert; die Grenzen zwischen realen und technisch gestalteten Räumen gelten als fließend (vgl. Tully 2009, S.12). Neue Potentiale werden u.a. darin gesehen, raumsoziologische Theorien in die Jugendforschung zu integrieren (vgl. Ahrens 2009, S.10). Nach Löws (2001) relationistischem Raumkonzept ist Raum nur dann existent, wenn Menschen handeln und sich selbst und Objekte darin positionieren. Raum entsteht demnach durch Prozesse des Positionierens und Anordnens und ist wandelbar. Dieser Prozess kann aber nun sowohl im städtischen als auch im virtuellen Raum stattfinden. »Virtuell« meint somit nicht nicht-real, es ist kein rein fiktionaler Raum, sondern ein alternativer Zusatzraum, der die bisher relevante Wirklichkeit ergänzt. Das Internet treibt nicht nur Enträumlichung voran, sondern schafft gleichzeitig Kommunikationsräume, die neue Prozesse des Anordnens ermöglichen. Wie aber werden Räume gestaltet, „wenn physische Anwesenheit, räumliche Nähe und Ortsbezug immer weniger als notwendige Voraussetzung für das Zustandekommen von Kommunikation fungieren?“ (Ahrens 2009, S.28).

Betrachtet man das Handeln von Jugendlichen in Bagdad aus dieser Perspektive, so wird erklärbar, wie eng virtueller und städtischer Raum – als zwei Formen realer Räume – miteinander verbunden sind. Jugendliche positionieren sich sowohl im virtuellen als auch im städtischen Raum und gestalten dadurch miteinander verbundene Räume. Handlungen in einem Raum werden im anderen fortgeführt und wieder zurück getragen; so ist es möglich, Räume entstehen zu lassen, die über die physische Anwesenheit hinaus existieren. Denn parallel zu den oben beschriebenen Nutzungsmustern sozialer Netzwerke sind die NutzerInnen emotional stark mit ihrer Stadt – Bagdad – verbunden. Der virtuelle Raum bietet Möglichkeiten der Vernetzung, des sich Ausprobierens, die im städtischen Raum verwehrt bleiben; gleichzeitig dient er als Mittel zur Vorbereitung von Aktionen: „Facebook ist ein Mittel, es ist oft der erste Schritt, aber das ist nicht genug, wir müssen auf die Straße gehen.“ (Interview 2013, eigene Übersetzung) So haben nicht nur Absprachen und erste Treffen für den »Peace Day« zunächst im virtuellen Raum stattgefunden, um dann auf städtische Orte überzugehen, auch das Projekt »You are next« hat seine Ausbreitung hauptsächlich über Facebook erfahren. Für die Initiatoren wäre es aufgrund der Sicherheitslage und fehlender Infrastruktur kaum möglich gewesen, Universitäten in anderen Landesteilen zu erreichen; über das Internet gelang es Ihnen, das Interesse anderer Studierender zu wecken und die Durchführung ähnlicher Mahnwachen in anderen Teilen des Landes zu begleiten.

»Shoot as you walk – Baghdad «

Die Idee zum diesem Projekt kam ursprünglich von Jugendlichen aus dem Libanon. Mittlerweile gibt es ähnliche Projekte in fünf Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, u.a. in Bagdad. Ziel des Projektes ist es, ein anderes Bild der Stadt nach außen zu transportieren und zu zeigen, was Jugendliche an ihrer Stadt schätzen. Gleichzeitig ist es für die Jugendlichen eine Möglichkeit, sich selbst ihre Stadt weiter zu erschließen und sich auf positive Aspekte zu konzentrieren. (Siehe auch Bebilderung in W&F 2-2013.)

Der starke Bezug zu Bagdad zeigt sich insbesondere beim Projekt »Shoot as you walk« (siehe Kasten). Bis heute sind viele Stadtteile von Bagdad nicht frei zugänglich, die Zahl der Straßensperren hat aber in den letzten Jahren abgenommen. Mit Spaziergängen durch die Stadt, bei denen sich an die Fersen der jugendlichen FotografInnen auch weitere Interessierte heften, wollen sie städtische Räume für sich erschließen, die bisher abgeriegelt waren. Zwei Plätze in Bagdad werden von den Jugendlichen besonders als Treffpunkte hervorgehoben: ein Coffee-Shop in Karrada sowie die Mutanabbi-Straße. Karrada gilt bei den BewohnerInnen Bagdads als gemischtes Stadtviertel mit Kultur, Leben, Ungezwungenheit. Es ist ein Ort, an dem sich einige lokale Nichtregierungsorganisationen angesiedelt haben und in dem man sich relativ frei bewegen und eben auch ein Stück Normalität in einem Café leben kann. Die Mutanabbi-Straße als historisches Zentrum des Büchermarkts in Bagdad füllen bis heute Bücherstände. Sie wird von irakischen Intellektuellen und Literaten häufig als das Herz und die Seele von Bagdad beschrieben. Für die Jugendlichen ist der Bezug zur Geschichte eine Möglichkeit, eine positive Beziehung zu ihrem Land bzw. ihrer Stadt aufzubauen. „Die Plätze der Altstadt erinnern mich an die Erzählungen meiner Mutter vom Bagdad der 1930er Jahre, als Bagdad ein wunderbarer Ort war, sie geben mir das Gefühl, dass Bagdad immer noch schön ist.“ (Interview 2013, eigene Übersetzung) Indem sie sich an diesen Orten fotografieren, schaffen die Jugendlichen zeitweise neue Räume, die über die Dauer ihrer Anwesenheit hinaus existieren, sowohl als Teil ihrer Identität als auch in Form von Bildern und Kommentaren, die in sozialen Netzwerken veröffentlicht werden und neue Anreize zur Kommunikation schaffen.

Fazit

Sich abzugrenzen gegenüber der herrschenden politischen Praxis und der Erwachsenenkultur und Anstöße zu geben zum gesellschaftlichen Wandel, das sind wesentliche Motivationen für das Engagement dieser Jugendlichen in Bagdad. In ihrem Handeln bewegen sie sich zwischen virtuellen und realen Räumen und verknüpfen diese so zu neuen, eigenen Handlungsräumen. Diese Form des Positionierens macht ihr Engagement sowohl innerhalb der eigenen Gesellschaft als auch nach außen sichtbar. Entgegen aller Kritik an den neuen Medien als isolierend und realitätsfern – für Jugendliche in Bagdad stellen diese eine wesentliche Basis für Kommunikation dar, die nicht abgegrenzt von anderen Teilen ihrer Lebensrealität existiert.

Ein akteurszentrierter Blick auf Jugendliche lohnt sich, nicht nur weil man ihnen dadurch eher gerecht wird, sondern auch weil die Analyse jugendspezifischen Agierens zu einem tieferen Verständnis von Konfliktgesellschaften beiträgt. Inwiefern das Handeln von Bagdads Jugend auf die Gesellschaft Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten, es stellt aber neben Gewalt und Konflikt bereits heute einen Teilaspekt irakischer Realität dar, der mehr Beachtung verdient.

Literatur:

Ahrens, Daniela (2009): Jenseits medialer Ortslosigkeit. Das Verhältnis von Medien, Jugend, Raum. In: Tully, Claus (Hrsg.): Multilokalität und Vernetzung. Beiträge zur technikbasierten Gestaltung jugendlicher Sozialräume. Weinheim und München: Juventa, S.27-40.

Fend, Helmut (1991): Identitätsentwicklung in der Adoleszenz. Lebensentwürfe, Selbstfindung und Weltaneignung in beruflichen, familiären und politisch-weltanschaulichen Bereichen. Bern: Verlag Hans Huber.

Fuller, Graham E. (2004): The Youth Crisis in Middle Eastern Society. Institute for Social Policy and Understanding (ISPU).

Hurrelmann, Klaus und Quenzel, Gudrun (2012): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim, München: Juventa.

Kurtenbach, Sabine (2009): Jugendliche in Nachkriegsgesellschaften – Kontinuität und Wandel von Gewalt. In: Imbusch, Peter (Hrsg.): Jugendliche als Täter und Opfer von Gewalt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.175-212.

Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Massey, Doreen (1994): Space, Place and Gender. Oxford: Blackwell Publishers.

Schroer, Markus (2006): Räume, Orte Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Tully, Claus (2009): Die Gestaltung von Raumbezügen im modernen Jugendalltag. Eine Einführung. In: ders.: Multilokalität und Vernetzung. Beiträge zur technikbasierten Gestaltung jugendlicher Sozialräume. Weinheim und München: Juventa, S.9-26.

Anmerkung

1) Raumsoziologische Ansätze beschäftigen sich mit der Raumbezogenheit von Gesellschaft; relationistische Raumkonzepte betrachten Raum nicht nur als Schauplatz des Sozialen, sondern als durch soziale Beziehungen konstruiert und prinzipiell veränderbar. Raum ist demnach nicht nur ein Gefäß, in welchem Handeln stattfindet, vielmehr bedingen sich Handeln und Raum wechselseitig. Mit der Entwicklung von Raum als theoretisches Konzept gehen sie über einen rein territorialen Raumbegriff, wie er lange in der soziologischen Stadtforschung benutzt wurde, hinaus (vgl. etwa Löw 2001, Massey 1994, Schroer 2006).

Annika Henrizi promoviert am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg zu zivilgesellschaftlichen Organisationen in Bagdad im Kontext von Peacebuilding. Ihre Forschungsinteressen umfassen Gender in Konflikten und Friedensprozessen, Ansätze der Raum- und Akteurssoziologie sowie gesellschaftliche Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten.

in Wissenschaft & Frieden 2013-3: Jugend unter Beschuss, Seite 10–13

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