in Wissenschaft & Frieden 2013-2: Kriegsfolgen, Seite 53–55

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Peace and Justice in a Globalized World

24. Konferenz der International Peace Research Association (IPRA), 25.-28. November 2012, Tsu, Japan

von Hendrik Bullens

Hendrik Bullens, Dr. phil., Dr. oec, Wirtschaftswissenschaftler und Psychologe, war lange an der Universität Augsburg mit »Frieden und Wissenschaft« befasst (COPE), ist IPRA-Council-Mitglied und langjähriger Co-Convener der »Security and Disarmament Commission«. Er lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Istanbul und bittet um Zusammenarbeit beim Aufbau eines Friedensnetzwerkes an türkischen Universitäten: dr.hendrik.bullens@googlemail.com.

Unter dem Leitmotiv »A Better World Is Possible. Peace and Justice In A Globalized World« kamen rund 350 Friedensforscher/innen und –praktiker/innen an der Mie Univ. in Tsu (Südost-Japan) zur alle zwei Jahre abgehaltenen IPRA-Konferenz zusammen.

IPRA wurde Anfang der 1960er Jahre gegründet. Ziel der Gründung war der Aufbau eines transdisziplinären Forschungsnetzes, der gemeinsame Nenner lautet(e) »A Just Peace By Peaceful Means«. Vor allem Elise Boulding und Johan Galtung haben IPRA geprägt. Boulding wirkte im Bereich der US-amerikanischen (Friedens-) Erziehung und Regierungsberatung sowie durch die Women’s International League for Peace and Freedom und war Mitinitiatorin des Abrüstungsprojektes Reaching Critical Will. Galtungs Weg führte über die Gründung des Peace Research Insitute Oslo (1959) und die erste European Peace University (Ende der 1980er Jahre) zur 2008 gegründeten TRANSCEND Peace University , die inzwischen 23 Abschlussmöglichkeiten bietet und weltweit vernetzt ist. Galtung prägte die Begriffe »negativer und positiver Frieden« sowie »strukturelle und kulturelle Gewalt« und das Konzept der »Transcend-Methode« der gewaltfreien Konflikttransformation. Diese gehören längst zum ABC einer modernen Friedensforschung, die sich am Ziel einer »Comprehensive and Global Human Security in a Culture of Peace« orientiert.

Mit der Akkreditierung bei den Vereinten Nationen und der UNESCO und dem UNESCO-Preis für Friedenserziehung 1989 kam die internationale Anerkennung für IPRA. Seitdem wirken IPRA-Mitglieder neben ihrer jeweiligen Forschung auch bei der Friedenserziehung an Schulen, beim Aufbau von Friedensuniversitäten oder bei der Etablierung von »Peace and Conflict Studies Centers« mit. Weltweit dürfte es heute über fünfhundert solcher universitären P&C-Programme geben. IPRA hat fünf regionale Gliederungen, darunter die europäische EuPRA, und über zwanzig aktive, von so genannten Convenors geleitete Commissions. IPRAs Fachzeitschriften sind das »International Journal of Peace Studies« und das »Journal of Peace Education« (mehr unter ipra-peace.com).

Bei der jüngsten Konferenz waren gut sechzig Nationen vertreten. Ein Drittel der Teilnehmer/innen kam aus Entwicklungs- oder Schwellenländern, viele mit finanzieller Unterstützung der IPRA Foundation. Neben einem Dutzend Plenarvorträge wurden in den Commission-Sitzungen etwa 250 Beiträge gehalten, das Ganze eingebettet in ein opulentes Rahmenprogramm – was hier freilich nur ausschnittartig wiedergegeben werden kann.

Keynote Speech und Plenumsvorträge

Höhepunkt war zweifelsohne die Eröffnungsrede. José Ramos-Horta, Friedens-Nobelpreisträger und ex-Präsident Osttimors, nahm das Publikum mit auf eine atemberaubende biografische Politreise: Ende der Kolonialherrschaft 1975; Invasion durch Indonesien; Rede vor dem UN-Sicherheitsrat; 24 Jahre Unterdrückung und Guerillakampf mit über 180.000 Toten (darunter drei seiner Geschwister); politische Exil-Arbeit im Aufrag der FRETILIN; 1996 Friedens-Nobelpreis; 1999 Referendum und Abzug der plündernden indonesischen Armee; UN-Verwaltung, dann Unabhängigkeit in 2002; Einsatz von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen statt Genozid-Tribunal gegen Indonesien; 2006-2008 blutige interne Auseinandersetzungen, beendet durch UN-Missionen; zwei Anschläge, wobei er schwer verletzt wurde; Präsidentenamt mit Appellen zur Versöhnung. Seitdem erlebt Osttimor eine weitgehend friedliche Entwicklung – mit guten Beziehungen zu Indonesien, drastisch reduzierter Kindersterblichkeit und besiegtem Analphabetismus (»little Cuba«). Das kleine Land war u.a. in der Lage, andern von Naturkatastrophen betroffenen Ländern mit zehn Millionen US$ Hilfe zu leisten.

Mit kritischen Bemerkungen zu gefährlichen Entwicklungen speziell in Asien und der Aufforderung, die globale Entwicklungshilfe drastisch zu erhöhen, beschloss der Friedensmacher seine Rede: standing ovations! Dem Berichterstatter ging dabei durch den Kopf, wie Deutschland wohl aussehen würde, hätte es einen solchen Kanzler oder Präsidenten (gehabt) …

Anschliessend befasste sich das Plenum mit Nordost-Asien. Hsu Szu-chien (Univ. Taiwan) analysierte in einer eleganten quantitativen Studie regionale Machtverschiebungen. F.D. Lee (Sungkonghoe Univ., South Korea) beleuchtete territoriale Konflikte. Interessant dabei das politisch-ökonomische Umdefinieren von »Grenzen«: von Trennungslinien zu Zonen der Kooperation. So werden Interessenskonflikt-Transformationen à la Galtung möglich und für alle Parteien vorteilhafte Lösungen sichtbar. Überraschend der Beitrag von Liu Cheng (Nanjing Univ, Volksrepublik China) über die sich rasch verbreitenden P&C Studies mit Übersetzungen ins Chinesische.

Das Forum »Globalized Peace and Justice Education« hörte einen Beitrag von S.H. Toh (Univ. for Peace, Costa Rica) über Erfahrungen mit P&C-Curricula und mit der Unterstützung neuer Friedensuniversitäten – die jüngste in Afrika. G. Salomon (Univ. Haifa, Israel), ein Veteran der Friedensforschung, ernüchterte mit empirischen Befunden aus Kontrollstudien, denen zufolge die meist kurzfristig und nur schulisch angelegten Friedenserziehungsprogramme kaum Langzeitwirkungen haben – ein Ergebnis, das nach mehr »ökologischer Validität« künftiger Programme verlangt. Auch in anderen Plenen gab es Anregendes, u.a. über neue Paradigmen und die Zukunft der Friedensforschung sowie über Medien und Friedensjournalismus. L. Reychler (Univ. Leuven, Belgien) und K. Clements (Univ. Otago, Neuseeland), beide ehemalige IPRA-Generalsekretäre, unternahmen mit »Time for Peace and Global War Prevention« den Versuch, eine insgesamt positive Bilanz zu ziehen aus den Veränderungen seit dem Ende der Blockkonfrontation – was aus Sicht des Berichterstatters etwas zu rosig ausfiel, da entgegengesetzte Trends kaum Erwähnung fanden. War das Berufsoptimismus vs. »facts first«?

Dann gab es die mehr als achtzig »commission sessions« mit je drei bis vier Beiträgen – zuviel, um diesem Herzstück der Konferenz auch nur annähernd gerecht zu werden.

In der »Peace Education Commission« ergänzte G. Salomon seinen kritischen Plenarvortrag mit Vorschlägen, wie Friedenserziehung nachhaltiger gestaltet werden kann. Wie das z.T. schon umgesetzt wird, zeigten weitere Beiträge, bei denen es um die Verknüpfung mit Schulalltag, Familie, dem kommunalen Umfeld und sozialen Bewegungen ging. Beeindruckend die Berichte von Friedenserzieher/innen über die Versöhungsarbeit in Konfliktgebieten wie Palästina-Israel, Nordirland oder Zypern oder, wie in Fukushima, über die Traumabewältigung.

Die zahlreich besuchte »Conflict Resolution and Peace Building Commission« befasste sich mit Kriegsgebieten wie Nepal, Kambodscha, Irak, Kenia, Ruanda, Ostkongo oder dem ehemaligen Jugoslawien. Die Vielschichtigkeit solcher Regionalkonflikte verdeutlichte auch, wie komplex Friedensforschung heute geworden ist. Zukunftsweisend waren die Beiträge in der »Peace Journalism Commission«: Neben Friedensforschern kamen Medienpraktiker, Reporter und Fernsehsprecher zu Wort. Gerade deren Erfahrungsberichte machten überzeugend klar, wie selektive Berichterstattung funktioniert (pars pro toto J.Maweu, Univ. Nairobi) und dass es auch anders geht (u.a. P.J. Pangilinan, Visayan Daily Star, Philippinen; L. Obonyo, Daystar Kenya; J. Lynch, Univ. Sydney). Exemplarisch für die »Global Political Economy Commission« waren die Beiträge von M. Myers (War Resisters International) und E. Nduras (Mason Univ., USA) zu ihren neuen Büchern zum Thema Pan-Afrikanischer Frieden und Globalisierung, A. Babatunde über Menschenhandel in Nigeria und S. Thiel (BRD) mit Kritik an der Wirtschaftsliberalisierung in Indien. In der »Non-Violence Commission«, traditionell Gandhi- oder Boulding-orientiert ( M. Sharma, Panjab Univ.), traf sich ein spannendes Panel aus Thailand, das über innovative Taktiken gewaltfreien Widerstands im Cyberspace forscht (C. Satha-Anand, Thammasat Univ., et. al.). Die »Ecology and Peace Commission«, wichtige Repräsentantin von »sustainable human security«, brachte zusammen, was konzeptuell heute zusammengehört, darunter H.G. Brauch (AFES) über Defizite von Rio1 und Rio2; A. Kamavisdar über die Folgen von Wasserverschmutzung für Landfrauen in Indien; neue politische Modelle für »environmental governance« und »social representation« bei D. Toohey (Aichi Univ., Japan) und S.E. Oswald (Univ. Mexico); sehr konkret G. Kent, (Univ. of Hawaii) über »Community-based Nutrition Security«. Selbstverständlich fehlte hier auch das Fukushima-Thema nicht (u.a. Y. Tanigawa, ASAP).

In der »Security and Disarmament Commission« versuchten der Berichterstatter und U. Vesa (TAPRI, Finnland) einen Rückblick über die vergangenen zwei Jahrzehnte im globalen Sicherheitsbereich. Hier ist vor allem der »Jojo-Effekt« beim Abspecken der Militärausgaben bemerkenswert: zunächst der Rückgang auf knapp die Hälfte des Spitzenwerts der späten 1980er Jahre; dann1997-8 die Wende und erneuter Anstieg auf mehr als das Doppelte (1,735 Billionen US$ im Jahr 2011). Das ist etwa ein Siebtel mehr als auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Korrespondierende Trends sind bei NATO, Rüstungsindustrie, Militärtechnologie und Waffenhandel mit Bezügen zu den nordafrikanisch-arabischen Aufständen zu beobachten (z.B. Verachtfachung des Rüstungsexports nach Syrien!). Abrüstungsbemühungen der jüngeren Zeit wurden kritisch beleuchtet. Ob die zweite Obama-Regierungszeit eine nachhaltige »budgetäre Abrüstung« mit der (wahl-) versprochenen Friedensdividende bringen wird, ist eher zu bezweifeln. R. Ottosen (Akershus Univ., Norwegen) und K. Schlichtmann (Nihin Univ., Japan) gingen detailliert ein auf kontrovers diskutierte Konzepte wie »casuality minimization« und »bloodless war« mit z.B. einem zunehmenden Einsatz von Kriegsdrohnen und »Cyberwaffen«. F. Katman (Aydin Univ. Istanbul) erstaunte mit detailreichen Kenntnissen über IRA, ETA und HAMAS und erhellte die dunklen, aber oft entscheidenden Wege der Geheimdiplomatie. A. Macias (z.Z. Tokyo Univ.) schilderte bizarre Entwicklungen als Folge der Privatisierung militärischer Aufgaben in Kolumbien (500-1.500 US$ Sold am Tag). I. Toksöz (Dogus Univ. Istanbul) präsentierte zwei Beiträge: über das Konfliktpotential von Raumfahrtprogrammen ehrgeiziger Schwellenländer, und – aus evolutionär-institutionalistischer Perspektive (das ist neu!) – über Veränderungen im Superorganismus »Türkischer Militärapparat«.

Weitere Kommissionen befassten sich mit Terrorismus, erzwungener Migration, Schulmassakern, dem Zusammenhang von Friedens-, Frauen- oder Schulbewegungen, mit Landminenkampagnen, indigener Bevölkerung und Menschenrechten, »Art and Peace« (u.a. im Widerstand gegen Militärintervention, R.Varea, Argentinien, oder gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten, P. Garcia, Landmine Action), Friedenstourismus (z.B. in Osttimor) u.v.m. Daneben gab es das Rahmenprogramm mit Filmvorführungen, Buchvorstellungen und TV-Berichten sowie die Verleihung des »International Award of Non-Violence« (Indien) an einen der scheidenden IPRA-Generalsekretäre. Insgesamt ein dicker, bunter Themenstrauß, reichlich garniert mit traditioneller japanischer Musik und Tanzeinlagen – vom abendlichen Sushi, Sake und Socializing ganz zu schweigen. IPRA-Konferenzen sind wirklich anders!

Zu erwähnen bleibt, dass Ibrahim Shaw (Sierra Leone, z.Z. UK) und Nesrin Kenar (Sakarya, Türkei) zu IPRAs neuem Generalsekretärs-Duo gewählt wurden; Itir Toksöz (Istanbul) wurde neue Präsidentin der europäischen IPRA-Sektion EuPRA. Die nächsten zwei Konferenzen werden wahrscheinlich in Moskau und in der Türkei stattfinden. Für Anregungen und Kooperationen – erwünscht insbesondere auch mit der deutschsprachigen Friedensforschung – bedankt sich IPRA im Voraus!

Hendrik Bullens

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