in Wissenschaft & Frieden 2013-1: Geopolitik, Seite 44–46

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Von »arabischen Moslems« und »islamischen Arabern«

von Uwe Drexelius

Vor zwei Jahren überraschte der Arabische Frühling die Welt, und alle, die wollten, konnten nahezu live daran teilnehmen. Die Medienpräsenz vor Ort war enorm, der Protest in einer äußerst konfliktären Spannungssituation wurde sichtbar, auch und gerade für den Westen. Die Bilder und Berichte bewegten viele Menschen in Europa und dem Rest der Welt zutiefst. Nicht zuletzt die Wirkung der Bilder auf junge Menschen in anderen arabisch-sprachigen Ländern war so groß, dass es schließlich in ganz Nordafrika und dem Nahen Osten zu Protesten und Aufständen kam. Bereits im gleichen Jahr gab es viele politische und wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit diesem Phänomen, das weiterhin Schlagzeilen macht und die Welt wohl noch Jahre beschäftigen wird (siehe Übersicht in Hajatpour et al. 2011). In diesem Artikel soll es um eine wenig beachtete Perspektive dieses Themas gehen, und zwar um die Frage, welchen Einfluss unsere Konstruktion der sozialen Wirklichkeit auf unsere Bewertung von sozialen Konflikten hat. Die Beeinflussung dieser Konstruktion durch die Medien wird zusätzlich im Fokus stehen.

Die menschliche Wahrnehmung sozialer Umwelt erfolgt fast immer automatisiert über eine Einteilung von Personen in Gruppen anhand spezifischer Merkmale. Diese Gruppen werden auch als »soziale Kategorien« bezeichnet. Ist eine bestimmte soziale Kategorie aktiviert, so steuert diese die weitere Wahrnehmung und Bewertung der sozialen Umwelt sowie der entsprechenden Verhaltensintentionen. Insbesondere in komplexen und unübersichtlichen Kontexten, in denen es verschiedenste Möglichkeiten der Kategorisierung gibt, ist die Interpretation der Situation fundamental von der Wahl der sozialen Kategorien abhängig. Der Arabische Frühling ist so eine Situation, da die Masse seiner Protagonisten für westliche Augen zumeist sehr homogen erscheint, in Wirklichkeit jedoch äußerst heterogen zusammengesetzt ist.

Eigengruppenprojektion im Kontext des Arabischen Frühlings

Eine im Herbst 2011im Rahmen meiner Masterarbeit an der Universität Bielefeld durchgeführte Online-Studie versuchte zu überprüfen, inwieweit sich die Annahmen des Modells der »Eigengruppenprojektion« (IPM, engl. Ingroup Projection Model; Mummendey & Wenzel 1999) auf den Arabischen Frühling übertragen lassen. Das IPM geht auf Basis der »Theorie der sozialen Identität« (SIT, engl. Social Identity Theory), die in den 1970iger Jahren von Henri Tajfel und John Turner (1986) formuliert wurde, sowie der »Theorie der Selbstkategorisierung« (SCT, engl. Self-Categorization Theory) von Turner, Hogg, Oakes und Wetherell (1987) davon aus, dass unsere Einstellungen vor allem über den Mechanismus der sozialen Projektion zustande kommen. Letztere findet deshalb statt, weil Individuen nicht nur soziale Kategorien zur Orientierung benötigen, sondern unterbewusst zusätzlich Prototypen dieser Kategorien generieren.

Um etwa die Frage »Sind Araber gute Demokraten?« beantworten zu können, orientiert die/der Befragte sich an seinem persönlichen Prototyp eines »guten Demokraten«. Wie gelangt die/der Befragte zu einem solchen Prototyp? Über die Eigengruppenprojektion. Sie lässt das Bild eines Prototyps einer Kategorie (hier »gute Demokraten«) mithilfe von Attributen seiner Eigengruppe (z.B. »Europäer«) entstehen. Anstatt sich allein auf seine eigene Erfahrung oder die Erfahrung seiner Mitmenschen zu stützen, projiziert sie/er die stereotypen Merkmale seiner Eigengruppe auf den Prototyp der übergeordneten Kategorie. Dies hat zur Folge, dass ein Europäer und ein Amerikaner unterschiedliche Prototypen der Kategorie »gute Demokraten« haben, der sie sich wahrscheinlich beide zuordnen. Der Europäer stellt sich den prototypischen Demokraten sehr europäisch (in seinem Sinne), und der US-Amerikaner wiederum sehr amerikanisch (in seinem Sinne) vor (siehe z.B. Waldzus et al. 2004).

Da Araber im Vergleich zu Europäern bzw. Amerikanern als anders wahrgenommen werden, werden sie in der Tendenz eher als schlechte Demokraten eingeschätzt werden – zumindest schlechter als Europäer bzw. Amerikaner. Die Stärke dieses Effekts geht einher mit der Stärke der Eigengruppenprojektion. Diese theoretischen Beobachtungen konnten in mehreren Studien reproduziert werden (vgl. z.B. Mummendey & Kessler 2008; Waldzus et al. 2004; Wenzel et al. 2003).

Aufgrund von Beobachtungen hinsichtlich der Nutzung der unterschiedlichen sozialen Kategorien seitens der Medien, war die Grundidee des Experiments zu überprüfen, ob es einen Unterschied macht, wenn man in den Protestierenden aufgrund von Medienberichten ein Mal die soziale Gruppe der »Araber«, ein anderes Mal die Gruppe der »Muslime« sieht. Übertragen auf das IPM heißt die Frage: Inwiefern beeinflusst eine Manipulation der übergeordneten sozialen Kategorien »Kultur« (arabisch bzw. Araber) und »Religion« (islamisch bzw. Muslime) die Bewertung des Arabischen Frühlings und seiner Akteure?

Die übergeordnete Kategorie wurde experimentell manipuliert, indem in einer Fragebogenversion von Protesten in der »arabischen Welt« gesprochen wurde, während in der zweiten Fragebogenversion von Protesten in der »muslimischen Welt« die Rede war. Die Teilnehmenden wurden jeweils einer dieser Fragebogenversionen randomisiert zugeordnet. In den Bögen mit dem Begriff »arabische Welt« handelte es sich bei der Fremdgruppe um Araber, im Bogen mit dem Begriff »muslimischeWelt« um Muslime. Die Stichprobe bestand aus 66 Teilnehmenden und war überwiegend im studentischen Milieu verortet.

In dieser Studie war es interessanterweise nicht möglich, die Vorhersagen des Modells der Eigengruppenprojektion am Beispiel des Arabischen Frühlings zu bestätigen. Ein Zusammenhang zwischen dem Effekt der Eigengruppenprojektion und der Bewertung der Protestierenden konnte nicht festgestellt werden. Auch die Manipulation der übergeordneten Kategorie »Kultur« und »Religion« hatte keinen signifikanten Einfluss auf die Eigengruppenprojektion und die Bewertung der Protestierenden. In der Studie wurden hingegen zahlreiche potentielle Herausforderungen identifiziert, die bei der Übertragung von sozialpsychologischen Theorien auf komplexere soziale Konflikte auftreten können. Probleme mit der Interpretation der sozialen Kategorien sollen hier exemplarisch vorgestellt werden.

Bei der Konzeption der Studie war vor allem die Wahl der sozialen Kategorien problematisch. Ausgangssituation war die eingangs geschilderte Beobachtung, dass in der medialen Berichterstattung zum Arabischen Frühling teils von der »arabischen«, teils von der »islamischen Welt« die Rede war. Das Konstrukt des »Arabischen« erwies sich für Theoretiker wie Versuchspersonen als schwer greifbar. Die sprachliche Unterscheidung wurde in der Studie schließlich als kulturelle und religiöse Kategorie interpretiert. Ist die Deutung der religiösen Kategorie weitestgehend unproblematisch, so bietet doch die Kategorie »Kultur« Anlass zur Kritik, ist doch auch die Religion Bestandteil von Kultur, was eine klare Abgrenzung sehr schwer macht (vgl. Saraglou & Cohen 2011). Auch wenn beispielsweise im Libanon ein arabisches Selbstverständnis jenseits des Islams existiert, so bildet der Islam doch für einen Großteil der arabischen Welt ein gemeinsames kulturelles und identitätsstiftendes Fundament. Womöglich wäre Ethnie eine begriffliche Alternative, wobei auch bei diesem Begriff eine Unschärfe zu anderen, beispielsweise zum Begriff der Nation, existiert. Gerade beim Arabischen Frühling ist dies, allein aufgrund der unterschiedlichen nationalen Entwicklungen, nicht zu vernachlässigen. Diese Problematik zeigt die Schwierigkeiten, vor denen man steht, wenn man eine sozialpsychologische Grundlagentheorie auf komplexere soziale Konflikte übertragen will.

Kategorien in der Berichterstattung über den Arabischen Frühling

Beispiele aus der medialen Berichterstattung zum Arabischen Frühling sprechen für die grundsätzliche Richtigkeit des Eigengruppenprojektionsmodells.

Bei der Rezeption der unterschiedlichen Formen von Medienberichten über den Arabischen Frühling (kommentierte Live-Übertragungen im Fernsehen, Zeitungsartikel etc.) war zu beobachten, dass die Nutzung der sozialen Kategorien »arabisch« und »islamisch« von Seiten der Medien nicht unproblematisch ist. Natürlich wurden die Protestierenden in Ägypten, Tunesien und anderen Ländern häufig entsprechend ihrer Nationalität bezeichnet. Sehr oft war aber auch ganz allgemein von »Arabern« und seltener von »Muslimen« die Rede. Entsprechend dieser Beschreibungen änderten sich auch die Schauplätze der Proteste von konkreten Städten und Ländern zu theoretischen Platzhaltern. Ereignisse in Tunesien strahlten nicht mehr aus nach Ägypten oder in den Jemen, sondern in die »arabische Welt« oder die »islamische Welt«.

Die Begriffe »arabische Welt« und »islamische Welt« werden hier vielfach synonym verwendet. Die im eigentlichen Sinne islamische Welt, in der die Araber lediglich eine Minderheit darstellen, wird in Artikeln gemeinhin nicht konkret angesprochen. Wie zu erwarten, wird zudem bei religiösen Subthemen häufiger von »islamischer Welt« gesprochen und bei nicht spezifisch religiösen Subthemen häufiger von »arabischer Welt«. Dies sind jedoch nicht die einzigen beobachteten Tendenzen.

Wenn es um den Einfluss des Islams bzw. von Islamisten auf die Staaten des Arabischen Frühlings geht und damit einhergehend um den schwindenden Einfluss des Westens, stellen die Berichte das Islamische anstatt das Arabische in den Vordergrund. Konkrete Anlässe waren in letzter Zeit vor allem die guten bis sehr guten Ergebnisse der »islamistischen« Parteien bei den letzten Wahlen. Beispielsweise im Spiegel: „Damit bestätigt sich ein eindeutiger Trend: Wo immer im islamischen Nahen Osten zuletzt freie Wahlen stattfanden, haben religiöse Parteien gewonnen – 2006 im Gaza-Streifen, 2010 im Irak, 2011 in der Türkei, in Tunesien, in Marokko.“ (Steinvorth 2011)

In diesem Beispiel fällt zudem eine andere begriffliche Ungenauigkeit auf. Der »Nahe Osten« erstreckt sich in Nordafrika nach allgemeinem Sprachgebraucht in der Regel westlich bis Ägypten und nicht bis nach Marokko. Es scheint in diesem Kontext allgemein ein Bedürfnis zu geben, bestimmte Begriffe (islamisch, islamistisch, Naher Osten, …) zu benutzen, obwohl sie inhaltlich nicht korrekt oder zumindest äußerst unscharf sind. Der Begriff der »arabischen Welt« indessen kommt dann vermehrt vor, wenn ein Artikel keine religiöse Dimension besitzt und mehr oder weniger neutral berichtet (z.B. Wirtschaftsberichte).

Diese Beispiele zeigen, dass soziale Kategorien nicht immer nach rationalen Gesichtspunkten gewählt werden. Es muss daher Gründe geben, die eine rein rationale oder politisch korrekte Wahl der sozialen Kategorien mitunter verhindern. Das IPM versucht, mit der Eigengruppenprojektion einen dieser Gründe zu beschreiben.

Fazit

Die Beispiele aus der medialen Berichterstattung und die hierbei beobachtete tendenziöse Nutzung von sozialen Kategorien sprechen nicht gegen die Annahmen des Eigengruppenprojektionsmodells, sondern bestärken darin anzunehmen, dass die Schwierigkeiten in der Forschung keine etwaige Unschärfe der sozialpsychologischen Theorien offenbaren, sondern lediglich erneut die stets unterschätzte Komplexität von modernen sozialen Konflikten zutage bringen. Das angesprochene Verhältnis von Kultur und Religion ist nur ein Beispiel dafür, wie unklar sich uns soziale Kategorien in der Realität noch immer darstellen. Es ist zudem nicht plausibel anzunehmen, dass es folgenlos bleibt, wenn wir Menschen vornehmlich als Teil einer spezifischen Ethnie, Sprachgemeinschaft, Religionsgemeinschaft oder anderen denkbaren Teilidentitäten darstellen oder wahrnehmen – und dabei andere große Teilbereiche dieser Individuen komplett ausblenden. Erst recht dann nicht, wenn bekannt ist, dass die so fokussierten Teilbereiche eng mit negativen Vorurteilen verbunden sind (vgl. z.B. Zick, Küpper & Hövermann 2011).

Der aufgedeckten Unschärfe kann mit vertiefter Forschung begegnet werden. So muss man sich in Zukunft beispielsweise mit dem Problem der überlappenden Kategorien befassen. Hier wäre es zum Beispiel sinnvoll, Methoden zu entwickeln, welche die Kategorisierung der Versuchspersonen nicht manipulieren, sondern lediglich erfassen; dies jedoch mit einer erhöhten Komplexität, sodass es möglich wird zu verstehen, welche Rolle etwa das »Moslem-Sein« in unserem Bild eines Arabers spielt und umgekehrt.

Betrachtet man Berichterstattung über den Arabischen Frühling, hier speziell die Nutzung sozialer Kategorien, sieht man mitunter, dass soziale Kategorien gemessen an konkreten Sachlagen teils falsch oder zumindest äußerst fragwürdig genutzt werden. Dieses Verhalten – ob bewusst oder nicht – ist zu benennen und zu hinterfragen. Die Kenntnis basaler sozialpsychologischer Prozesse, wie der Eigengruppenprojektion, kann neue Formen fundierter Kritik ermöglichen und sie antreiben. Natürlich bedeutet dies auch neue Herausforderungen für die Produzenten von Berichterstattung, etwa für den Friedensjournalismus, und zwar insofern die subtile Frage der Wahl und Legitimität von Kategorien bei der Analyse und Beschreibung von Konflikten sehr viel stärker beachtet werden sollte. Dies bietet aber auch große Chancen, weil das Hinterfragen und Aufbrechen etablierter Kategorisierungen ein wichtiger Schritt beim Auflösen dualer Freund-Feind-Darstellungen sein kann, welche Konflikte simplifizieren und so Eskalationenen erleichtern.

Auf der anderen Seite sollte jedoch klar sein, dass die Medienkritik zum jetzigen Zeitpunkt nicht lückenlos sein kann. Bis die Auswirkungen der Kategorisierungen tiefer verstanden wurden, ist über diese folglich auch nicht in befriedigender Weise zu urteilen. Neben der Aufklärung und vorsichtigen Kritik ist es daher an allen zu versuchen, eine persönliche Sensibilität für diesen Aspekt von Berichterstattung zu kultivieren. Wo immer konkrete soziale Konflikte und ihre Protagonisten einseitig mittels Zuschreibung von sozialen Kategorien beschrieben werden, sollten wir innezuhalten und diese Zuschreibung und ihr Wirken auf uns hinterfragen.

Literatur

Hajatpour, R., Jaeger, K., Jaeger, R., ElOuazghari, K., Brakel, K., El Husseini, A.M. und Loetzer, K.D. (2011): Länder der Region im Porträt. In: Arabische Zeitenwende. Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« B39/2011, S.16-35.

Mummendey, A. und Kessler, T. (2008): Akzeptanz oder Ablehnung von Andersartigkeit: Die Beziehung zwischen Zuwanderern und Einheimischen aus einer sozialpsychologischen Perspektive. In: Kalter, F. (2008) (Hrsg.): Migration und Integration. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 48, S.513-528.

Saroglou, V. & Cohen, A.B. (2011): Psychology of Culture and Religion: Introduction to the JCPP Special Issue. Journal of Cross-Cultural Psychology, 42(8), S.1209-1319.

Steinvorth, D. (2011): Zerstört die Tempel. Der Spiegel, 12. Dezember 2011.

Tajfel, H., & Turner, J. C. (1986). The social identity theory of intergroup behaviour.In: S. Worchel & W. G. Austin (eds.): Psychology of intergroup relations. Chicago, IL: Nelson-Hall, S.7–24).

Turner, J. C., Hogg, M. A., Oakes, P. J., Reicher, S. D. and Wetherell, M. S. (1987): Rediscovering the social group: A self-categorization theory. Oxford: Blackwell.

Waldzus, S., Mummendey, A., Wenzel, M. and Boettcher, F. (2004). Of bikers, teachers and Germans: Groups’ diverging views about their prototypicality. British Journal of Social Psychology, 43, S.385-400.

Wenzel, M., Mummendey, A., Weber, U. and Waldzus, S. (2003): The Ingroup as Pars Pro Toto: Projection From the Ingroup Onto the Inclusive Category as a Precursor to Social Discrimination. Personality and Social Psychology Bulletin, 29(4), S.461-473.

Zick, A., Küpper, B. und Hövermann, A. (2011).Die Abwertung des Anderen: Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung. Friedrich-Ebert-Stiftung.

Uwe Drexelius studierte Erziehungswissenschaften, Philosophie sowie Sozialwissenschaften und arbeitet derzeit an der Universität Bielefeld zu interreligiösen Beziehungen aus sozialpsychologischer und religionspsychologischer Perspektive.

in Wissenschaft & Frieden 2013-1: Geopolitik, Seite 44–46

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