in Wissenschaft & Frieden 2013-1: Geopolitik, Seite 27–30

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Geopolitik à la Huntington

von Fabian Virchow

Der im Dezember 2008 verstorbene US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington übt mit seinen Veröffentlichungen, die sich nach dem Ende der West-Ost-Konfrontation mit der Erarbeitung eines neuen Paradigmas zum Verständnis globaler Politik und internationaler Beziehungen befassten, bis heute großen Einfluss aus. Das von ihm popularisierte Konzept des »Clash of Civilizations«, dessen grundlegende Perspektiven, Begriffe und Interpretationen in die Diskurse zentraler gesellschaftlicher und politischer Gruppen eingeflossen sind und das Alltagsverständnis vieler Menschen hinsichtlich globaler Entwicklungen und aktueller Konflikte und deren Dynamiken beeinflusst haben, greift auf geopolitische Denkfiguren zurück.1

Die von Huntington zunächst in der Zeitschrift »Foreign Affairs«, einige Jahre später dann umfänglich in Buchform ausgearbeitete These vom »Clash of Civilizations« besagt, dass nach dem Ende der Blockkonfrontation die zentralen weltpolitischen Konfrontationen mit zunehmender Gewaltsamkeit an den Berührungslinien von Zivilisationen bzw. Kulturkreisen ausgetragen würden (vgl. Huntington 1993; 1996).

Den zentralen Unterschied zur Phase des »Kalten Krieges« sieht Huntington darin, dass nicht mehr politische Ideen- und ökonomische Interessendifferenzen als wichtigste Konfliktgeneratoren gelten können, sondern das unterschiedliche kulturelle Profil der jeweiligen »Kulturkreise«. Mit der Betonung der Aggregationsebene »Kulturkreis« sieht Huntington in der »Kultur« bzw. in »kultureller Identität« den entscheidenden identitätsstiftenden Faktor, durch den sich die verschiedenen Akteure einer Agglomeration als Teil eines gemeinsamen »Kulturkreises« verstehen. Elemente, die Huntington zufolge »kulturelle Identität« konstituieren, sind Familie, Verwandtschaft, Abstammung („blood“), Sprache, geteilte geistige Vorstellungen, Werte, Bräuche und Institutionen. Besondere Betonung findet die Religion, die er wiederholt als das „principal defining characteristic“ (Hauptcharakteristikum) von Kultur markiert (Huntington 1996, S.21, 66, 253). Die Zentralität des Faktors Religion wird daran deutlich, dass die von Huntington zur Bezeichnung der »Kulturkreise« gewählten Begrifflichkeiten und charakterisierenden Beschreibungen stark auf Religion verweisen. Er nennt wahlweise sieben oder acht »Kulturkreise«: den sinischen, den japanischen, den hinduistischen, den islamischen, den westlichen (katholisch-protestantisch), den christlich-orthodoxen, den lateinamerikanischen und – möglicherweise – den afrikanischen.2

Für Huntington stellen die »Kulturkreise« primordiale und stabile Bezugssysteme dar, deren kulturelle Attribute wenig wandlungsfähig sind. Die Konstruktion essentialistisch bestimmter »Kulturkreise« verknüpft Huntington mit Grundfragen menschlicher Existenz (Wer sind wir? – Wer ist nicht »wir?«) und dem geopolitischem Determinismus folgenden Gegensatz-Paar »wir« und »die«. Auch wenn geographischen und territorialen Faktoren als solchen keine konstituierende Bedeutung für die »kulturelle Identität« der einzelnen »Kulturkreise« zugebilligt wird, so werden diese doch als geographisch abgrenzbare Entitäten präsentiert – nicht zuletzt in einer vielfach an den Schulunterricht erinnernden plakativen Visualisierung als tektonische Einheiten, deren Zusammenprall immer wieder zu gewaltigen Erschütterungen führt.

Die Art der Beziehungen zwischen einzelnen »Kulturkreisen« ist variativ – sie reichen von Allianzbildung bis hin zu erbitterter Feindschaft. Der »westliche Kulturkreis« befinde sich insbesondere mit dem Islam und China in einer Konfrontation. Huntington unterstreicht die Relevanz, die er der Unausweichlichkeit des »Zusammenpralls der Kulturkreise« zuschreibt, nicht nur mit dem Hinweis auf die Revolution im Iran im Jahr 1979, sondern auch mit der These, dass der Konflikt zwischen »dem Islam« und »dem Westen« bereits seit 1300 Jahren andauere. Die Konflikte an den Bruchlinien („fault line wars“) träten periodisch auf, seien endlos und tendierten zu besonderer Gewaltförmigkeit (Huntington 1996, S.252).

Theoretische Evidenz

Die Sozialwissenschaften blicken auf eine lange Tradition der Konzeptualisierung von »Zivilisation« zurück. Die Ausbreitung des Terminus war verknüpft mit einer Pluralisierung des Verständnisses vom Kern der »Zivilisation« (Cox 2000; Arnason 2001). Verstanden einige darunter einen auf Rationalität und Vernunft beruhenden europäischen Entwicklungsweg, der zum Vorbild und Maßstab aller anderen Gesellschaften erklärt wurde, so betonten andere die Pluralität der »Zivilisationen« und der ihnen je spezifischen Rationalitäten und Ziele. Auch die Konturierung eines Konzepts von »Kultur«, welches einer als mechanisch, universalistisch und aufklärerisch-rationalistisch gekennzeichneten »Zivilisation« gegenübergestellt wurde, war Teil des sich entwickelnden Diskurses, in dem manche Interpretation von »Kultur« völkisch-biologistische Grundzüge aufwies. Diese betonten das je Spezifische von »Kultur«, ja gelegentlich die exklusive Verfügung über »Kultur«.

Zwar verweigert sich Huntington der modernisierungstheoretischen Annahme des »einen« Entwicklungsweges, zugleich impliziert seine Konzeptualisierung freilich eine eindeutige Hierarchie, in der der »Westen« als moralisch überlegen, wenn auch als gefährdet bestimmt wird. Huntington affiziert den Kern der »westlichen Zivilisation« als europäisch und sieht diese hinreichend beschrieben durch die Elemente Erbe der Klassik, Katholizismus und Protestantismus, Sprachenvielfalt, Trennung religiöser und weltlicher Autorität, Rechtsstaatlichkeit, sozialer Pluralismus, Repräsentationsorgane und Individualismus (Huntington 1996, S.69). Den Wesenskern der »westlichen Zivilisation« in der Magna Charta, einem Spezifikum Englands im Mittelalter, zu verorten, verabsolutiert allerdings einen der Entwicklungswege in Europa, kann jedoch angesichts so unterschiedlicher Varianten wie dem bürokratischen Preußen oder dem patrimonialen Frankreich nicht als prototypisch für die »westliche Zivilisation« gelten (vgl. Melleuish 2000, S.117-118).

Von zentraler Bedeutung ist, dass Huntington die verschiedenen »Kulturkreise« als abgeschlossene stabile Entitäten begreift, ohne freilich zu bestimmen, wie und warum verschiedene auf den Gesamtkomplex »Kultur« bezogene Faktoren wie Religion, Ethnizität oder Sprache zur Konstituierung eines »Kulturkreises« beitragen. Zugleich werden in den »Kulturkreisen« recht disparate Gesellschaften subsumiert. So hat etwa Senghaas skeptisch gefragt, ob es tatsächlich erklärungstüchtig sei, so unterschiedliche Varianten islamisch geprägter Gesellschaften wie die Theokratie Irans, den aufgeklärten Absolutismus des jordanischen Königshauses, das post-koloniale Regime Ägyptens oder die opportunistische Indienstnahme des Islam im Irak unter Saddam Hussein gemeinsam einem islamischen »Kulturkreis« zuzuordnen (Senghaas 1998. S.74).

Auch eine theoretisch stringente Bestimmung der Verwerfungen zwischen den »Kulturkreisen« bleibt nur vage angedeutet; warum etwa wird von einer »civilizational difference« zwischen Japan und China, nicht jedoch zwischen Vietnam und China gesprochen? Warum wird das vielfach fragmentierte subsaharische Afrika ebenso als kulturell einheitlich betrachtet wie Japan? Warum wird die Bruchlinie zwischen der Orthodoxie und dem westlichen »Kulturkreis« veranschlagt, nicht jedoch zwischen Katholizismus und Protestantismus? Was grenzt Lateinamerika angesichts des starken europäischen Einflusses vom westlichen »Kulturkreis« ab?

Hinsichtlich der Homogenitäts- bzw. Impermeabilitätsannahme Huntingtons wurden zahlreiche Einwände formuliert. Die mit einem kulturalistischen Determinismus verbundene Perspektiveneinschränkung übersieht, dass – um in der verwendeten Terminologie zu bleiben – »Kulturkreise« niemals exklusiv und undurchlässig bzw. gar geographisch exakt zu bestimmen waren. Tatsächlich finden sich zahlreiche Beispiele für die wechselhaften Interaktionsprozesse zwischen den verschiedenen Weltregionen (Zolberg/Woon 1999; Akhavi 2003), wobei deren Identifizierung als identitär und territorial abgrenzbare »Kulturkreise« historisch vergleichsweise junge Konstruktionen sind. So nahm die Vorstellung eines »Europa« und von »Europäern« im politischen Diskurs erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts systematisch Gestalt an, während zuvor die Kategorie des Christentums den wirkmächtigen Marker darstellte. Dessen geographische Grenzen waren jedoch angesichts christlicher Gemeinden in Anatolien und der Kreuzzüge keineswegs auf »Europa« beschränkt. Während Huntington in den »Kulturkreisen« stabile Muster der Weltinterpretation ausmacht, die sich gegenüber Veränderungen und äußeren Einflüssen als resistent erweisen und etwa das Verlassen der einem »Kulturkreis« originär zugeschriebenen Religion nicht vorsehen, entspricht diese Annahme keineswegs den realhistorischen Prozessen.

Zu den zentralen Annahmen des »Clash of Civilizations«-Paradigmas gehört die These, dass der Bedeutungszuwachs von Kultur als Differenzierungs- und Diskriminierungsmerkmal zu einer Zunahme der Konflikte zwischen (Gruppen aus) den verschiedenen »Kulturkreisen« führt. Obwohl diese Schlussfolgerung für das Paradigma zentral ist, bleibt bei Huntington offen, warum es zu einem Zusammenstoß der »Kulturkreise« kommen soll; aus der schlichten Bedeutungszunahme von kulturellen bzw. religiösen Faktoren ergibt sich dies jedenfalls nicht: Zum einen besteht keine Zwangsläufigkeit, dass sich ein kulturelles Revival auf der Aggregationsebene »Kulturkreis« statt etwa im Kontext von Ethnie, Nation oder Tribalismus manifestiert (Rajendram 2002). Die schlichte Extrapolation individueller Einstellungs- oder Verhaltensmuster – etwa das Bekenntnis zu einer Religion – auf höhere Aggregationsebenen bleibt jedenfalls ein problematisches Unterfangen. Auch wenn jede Gruppe durch die Konstituierung als Gruppe Ein- und Ausschlüsse entlang bestimmter Kriterien oder Merkmale vornimmt, so muss dies jedoch nicht notwendig zur Verfeindung oder gar Gewalt führen.

Empirische Evidenz

Mit der Formulierung des »Clash of Civilizations«-Paradigmas Anfang der 1990er Jahre hatte Huntington explizit die prognostische Aussage verbunden, dass die Konflikte zwischen den »Kulturkreisen« an Zahl, Dauer und Grad der Gewaltförmigkeit zunehmen würden. Diese angenommene Entwicklung globaler Politik ist aufgrund des inzwischen verstrichenen Zeitraums auch einer empirischen Überprüfung zugänglich. Unterschiedlich fokussierte, meist quantitativ angelegte Untersuchungen haben dies inzwischen geleistet.

Ted R. Gurr, Gründer und Direktor des »Minority at Risk Project«, mit dessen Datensätzen Huntington gearbeitet hatte, kam in zweifacher Hinsicht zu anderen Schlussfolgerung als Huntington; danach sind so genannte »ethno-politische« Konflikte zwischen Gruppen verschiedener »Kulturkreise« nicht zuerst durch kulturelle Faktoren und deren Aufwertung nach dem Ende des West-Ost-Konflikts zu erklären, sondern durch politische Transformationsprozesse. Außerdem habe die Zahl solcher Konflikte nach dem Ende des »Kalten Krieges« nicht zugenommen (1994).

Wie ethnische Konflikte aufgrund kultureller Verschiedenheit (civilizational conflicts) im und nach dem »Kalten Krieg« lediglich eine Minderheit darstellen, so stellen die von Huntington als bedeutendste Konfliktkonstellation prognostizierten Konflikte zwischen dem »Westen« einerseits und dem sinischen/konfuzianistischen bzw. dem islamischen »Kulturkreis« andererseits lediglich eine kleine Minderheit dar. Die meisten Konflikte finden innerhalb der jeweiligen »Kulturkreise« statt. Schließlich zeigt die Untersuchung auch, dass von einer generellen Zunahme der Gewalt bei Konflikten zwischen Akteuren aus verschiedenen »Kulturkreisen« keine Rede sein kann (vgl. Fox 2005).

Huntington hat gegen einige der ersten Arbeiten, die sich der empirischen Überprüfung seiner Prognose mit quantitativen Methoden widmeten, eingewandt, dass sie aufgrund der Wahl des Untersuchungszeitraums eine empirische Überprüfung der Entwicklung der Konfliktkonstellationen und seiner Thesen für die Zeit nach dem Ende des »Kalten Krieges« gar nicht haben leisten können. Errol A. Henderson (2005) hat sich daraufhin den intra-staatlichen Konflikten zugewandt; seine Auswertung zeigt zwar eine Zunahme der ethnisch bzw. religiös einzuordnenden innerstaatlichen Gewaltkonflikte. Sobald er jedoch die Codierung der einzelnen Konfliktakteure in Orientierung an Huntingtons Zuordnung zu »Kulturkreisen« vornimmt, verliert sich dieser Effekt. Auch hier zeigt sich, dass ein erheblicher Teil dieser Konflikte innerhalb dessen ausgetragen wird, was Huntington als »Kulturkreisen« bestimmt hat, so etwa die Konflikte in Ruanda und Burundi oder der Konflikt zwischen den Krahn und den Gio in Liberia (Henderson 2005).

Weitere empirische Studien haben sich mit der von Huntington gesetzten Unterschiedlichkeit der einzelnen »Kulturkreise« befasst. Mungiu-Pippidi/Mindruta (2002) haben hinsichtlich der Gesellschaften Rumäniens, Bulgariens und der Slowakei, die der huntingtonschen »Kulturkreis«-Logik zufolge distinkten »Kulturkreisen« angehören, gezeigt, dass in allen drei Gesellschaften trotz unterschiedlicher kulturell-religiöser Profile mit dem »populistischen Syndrom« eine durchaus vergleichbare Reaktionsform auf die Verwerfungen des Systemwechsels entstanden ist. In einer weiteren Arbeit haben White, Oates und Miller (2003) repräsentative Individualdaten aus den postkommunistischen Ländern Ukraine und Bulgarien dahingehend untersucht, inwiefern sich die Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung zu wirtschaftlichen und politischen Ordnungsformen (z.B. »starker Führer« oder »Marktwirtschaft«) von denen der muslimischen Minderheiten unterscheiden. Denn gemäß des »Clash of Civilizations«-Paradigmas wäre zu erwarten, dass hier Religion im Unterschied zu Alter, Einkommen oder Bildungsniveau ein signifikanter Faktor ist. Dies Ergebnis stellte sich jedoch nicht ein. In den meisten Fällen gab es keine signifikante Differenz zwischen den Gruppen, d.h. es gab beispielsweise große Gemeinsamkeiten zwischen älteren Muslimen und Nicht-Muslimen; die Vermögenden in beiden Gemeinschaften waren enthusiastischer gegenüber der Marktwirtschaft eingestellt als diejenigen mit weniger Einkommen. Die hier über Sprache, Nationalität und Religion bestimmte Zugehörigkeit zu einem »Kulturkreis« hat wenig Einfluss auf die politische Bewertung gesellschaftlicher Strukturen.

Der im Verlauf der 1990er Jahre stattfindende Desintegrationsprozess Jugoslawiens und die ihn begleitenden gewaltförmigen Konflikte sind ebenfalls als Bestätigung des »Clash of Civilizations«-Paradigmas interpretiert worden – zunächst als Konflikt zwischen dem katholischen Kroatien und dem orthodoxen Serbien, dann zwischen dem orthodoxen Serbien und den Menschen muslimischen Glaubens aus dem Kosovo. Gerade das Beispiel des jugoslawischen Zerfallsprozesses macht jedoch deutlich, wie in Zeiten der Krise und der Transformation Distinktions- und Verfeindungsprozesse von Agenturen der Nationalisierung, Ethnisierung und Religionisierung befördert werden (vgl. z.B. Coakley 2004), die so in vielen Fällen die subjektive Vereindeutigung von Identitäten und die Vorstellung essentiellen Anders-Seins erst mit herbeiführen.3

Schließlich stellt die kriegerische Eskalation des Jugoslawien-Konfliktes einen Einwand gegen die These Huntingtons bereit, dass sich die einzelnen Staaten bevorzugt mit den anderen Staaten des als geteilt betrachteten »Kulturkreises« alliieren („bonding“). Während noch argumentiert wurde, »der Westen« habe sich aufgrund historischer Verbindungslinien sowie kultureller und religiöser Gemeinsamkeiten zur Unterstützung Kroatiens entschlossen, widerspricht das militärische Eingreifen zugunsten der mehrheitlich muslimischen kosovo-albanischen Bevölkerungsgruppe der »Clash of Civilizations«-Prognose des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers. Würde das huntingtonsche Paradigma des Bedeutungsgewinns der »Kulturkreise« zutreffen, so wäre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Frontenbildung entlang der von Huntington konstruierten »Kulturkreise«zu erwarten gewesen. Tatsächlich jedoch wurden die von Al Kaida verantworteten Aktionen auch von zahlreichen islamischen Staaten verurteilt, und keiner von diesen eilte den Taliban zu Hilfe.

Fazit

Huntington konzeptualisiert geopolitisches Denken insbesondere über die räumliche Verortung von »Religion« als dem zentralen Marker von »Kulturkreisen« und versteht Konfliktgeschehen damit weiterhin als territorial gebundenes und an Grenzen ausgetragenes Handeln. Trotz der unzureichenden theoretischen Fundierung und ausbleibender empirischer Evidenz erfreut sich die Vorstellung vom »Clash of Civilizations« weiterhin medialer Aufmerksamkeit und alltagswissentlicher Zustimmung.

Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bedeutung von Faktoren wie »Kultur«, »Religion« oder »Ethnizität« in aktuellen wie historischen Konflikten muss jedoch deren soziale Konstruiertheit und historische Gewordenheit anerkennen sowie die tatsächliche Heterogenität als geschlossen und uniform interpretierter »Kulturkreise« wahrnehmen – etwa hinsichtlich der islamischen Debatte um Demokratie oder des Vorhandenseins fundamentalistischer Strömungen in allen Weltreligionen. Schließlich bedarf es neben der Kritik und Überwindung eines gesellschaftlich tief eingelassenen kulturalistischen Essentialismus (Bielefeldt 2000) auch der Infragestellung in gesellschaftliche Wissensbestände sedimentierter, identitätsstiftender kultureller Praxen (Sayyad 2005), um der huntingtonschen »Geopolitik der Macht« entgegenzuwirken.

Anmerkungen

1) Der vorliegende Beitrag geht auf Virchow (2010) zurück. Dort auch weitere Literaturverweise.

2) Das Judentum gilt ihm nicht als kulturkreisprägend, den Buddhismus führt er in späteren Veröffentlichungen als eigenständigen »Kulturkreis« an, und für den japanischen »Kulturkreis« bleibt eine Spezifizierung (Shintô, Buddhismus, Konfuzianismus) aus.

3) Während sich 1985 nur knapp 40% der kroatischen Bevölkerung als katholisch bezeichnete, 60% hingegen als nicht religiös, so bot sich vier Jahre später ein völlig anderes Bild: Knapp 90% bezeichneten sich als katholischen Glaubens, während nur noch gut 10% sich als nicht religiös bezeichneten (Kunovich/Hodson 1999, S.651).

Literatur

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Arnason, Johann P. (2001): Civilizational Patterns and Civilizing Processes. In: International Sociology 16 (3), S.387-405.

Bielefeldt, Heiner (2000). »Western« Versus »Islamic« Human Rights Conceptions? In: Political Theory 28 (1), S.90-121.

Coakley, John (2004): Mobilizing the Past. Nationalist Images of History. In: Nationalism and Ethnic Politics 10, S.531-560.

Cox, Robert W. (2000): Thinking about Civilizations. In: Review of International Studies 26 (3), S.217-234.

Fox, Jonathan (2005): Paradigm Lost: Huntington’s Unfulfilled Clash of Civilizations Prediction into the 21st Century. In: International Politics 42 (4), S.428-457.

Gurr, T.R. (1994): Peoples against states: ethnopolitical conflict and the changing world system. In: International Studies Quarterly 38 (3), S.347-377.

Henderson, Errol A. (2005): Not Letting Evidence Get in the Way of Assumptions: Testing the Clash of Civilizations Thesis with More Recent Data. In: International Politics 42 (4), S.458-469.

Huntington, Samuel P. (1993): The Clash of Civilizations. In: Foreign Affairs 72 (3), S.22-49.

Huntington, Samuel P. (1996): The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York: Simon & Schuster..

Kunovich, Robert M./Hodson, Randy (1999). Conflict, Religious Identity, and Ethnic Intolerance in Croatia. In: Social Forces 78 (2), S.643-674.

Melleuish, Gregory (2000): The Clash of Civilizations: A Model of Historical Development? In: Thesis Eleven No. 62, S.109-120.

Rajendram, Lavina (2002): Does the Clash of Civilisations Paradigm Provide a Persuasive Explanation of International Politics after September 11th? In: Cambridge Review of International Affairs 15 (2), S.217-232.

Sayyid, S. (2004). Mirror, mirror. Western democrats, oriental despots? In: Ethnicities 5 (1), S.30-50.

Senghaas, Dieter (1998): Zivilisierung wider Willen. Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Virchow, Fabian (2010): Kulturkonflikte – Zur theoretischen und empirischen Reichweite des »Clash of Civilizations«-Paradigmas. In: Wilhelm Berger/Brigitte Hipfl/Kirstin Mertlitsch/Viktorija Ratkovic (Hrsg.): Kulturelle Dimensionen von Konflikten. Bielefeld: transcript, S.16-30.

White, Stephen/Oates, Sarah/Miller, Bill (2003). The »Clash of Civilizations« and Postcommunist Europe. In: Comparative European Politics 1, S.111-127.

Zolberg, Aristide R./Woon, Long Litt (1999): Why Islam Is Like Spanish: Cultural Incorporation in Europe and the United States. In: Politics & Society 27 (1), S.5-38.

Fabian Virchow ist Professor für Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns an der FH Düsseldorf.

in Wissenschaft & Frieden 2013-1: Geopolitik, Seite 27–30

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