in Wissenschaft & Frieden 2012-3: Klimawandel und Sicherheit, Seite 2

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Kein Frieden ohne Klimaschutz

von Bentje Woitschach

Klimapolitik galt viele Jahre lang als weiches Politikfeld; im Gegensatz zu harten Bereichen wie Wirtschaft und Sicherheit wurde ihr entsprechend wenig Aufmerksamkeit zuteil. Dies änderte sich spätestens 2006, als die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Dimension von Klimapolitik verstärkt ins Blickfeld rückte. So warnte der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, vor den massiven ökonomischen Verlusten aufgrund eines ungebremsten Klimawandels und verglich die möglichen Schäden mit den Zerstörungen der beiden Weltkriege. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen bezeichnete ein Jahr später die zu erwartenden klimatischen Veränderungen als Bedrohung innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Stabilität. Auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bezeichnete 2011 die Folgen langfristiger Klimaveränderungen in einer offiziellen Erklärung als Sicherheitsbedrohung. Binnen weniger Jahre wurde der Klimawandel zur zentralen Überlebensfrage der Menschheit und damit zu einem bedeutenden Thema in der sicherheitspolitischen Debatte.

Weltweit konkurrieren immer mehr Länder um knapper werdende Ressourcen. „Krieg ums Wasser“, „Klimakriege“ oder „Krieg ums Öl“ sind nur einige Publikationstitel, die uns dramatische Zukunftsszenarien ausmalen. Den Klimawandel als alleinige Ursache derartiger Konflikte auszumachen, ist sicher zu kurz gegriffen – verschärfen wird er sie jedoch allemal. In der sicherheitspolitischen Debatte gilt der Klimawandel daher vor allem als Bedrohungsmultiplikator. Insbesondere in Entwicklungsländern droht eine Verschärfung der Ernährungssituation durch Versalzung und Degradierung landwirtschaftlicher Nutzflächen. Auch zunehmend gewalttätig ausgetragene Verteilungskonflikte um Wasser sind zu erwarten. Die Energiesicherheit ist gefährdet aufgrund der Verknappung fossiler Rohstoffe. Extreme Wetterereignisse und Naturkatastrophen werden häufiger auftreten und können ganze Gesellschaften destabilisieren. Kleine Inselstaaten und küstennahe Gebiete drohen überflutet zu werden, klimabedingte Massenmigration kann die Folge sein.

Gerade in der Verkörperung des Klimaflüchtlings als Sicherheitsbedrohung – ein Bild, das in diesem Heft hinterfragt wird – zeigt sich die zunehmende Versicherheitlichung des Klimadiskurses. In zahlreiche nationale Sicherheits- und Verteidigungsstrategien hat der Klimawandel bereits Einzug gehalten. Die Gefahr, dass daraus in Zukunft auch Legitimationshilfen für militärisches Aufrüsten und Eingreifen erwachsen, liegt auf der Hand. Obendrein verschiebt die Konstruktion des Klimawandels als Sicherheitsbedrohung die politische Aufmerksamkeit auf prekäre Weise: weg von der Bekämpfung der Ursachen des Klimawandels, hin zur einseitigen Bearbeitung des Sicherheitsproblems.

Dennoch: Die enge Verknüpfung von Klima und Sicherheit birgt nicht nur Gefahren, sondern auch erhebliche Chancen für Konfliktprävention und Friedenskonsolidierung. Die Vernetzung beider Themen gilt mittlerweile als Schlüssel erfolgreicher Krisenprävention. „Umweltkooperation als Sprungbrett“ für vertrauensbildende Maßnahmen und Konfliktbearbeitung ist ein in diesem Heft verwendetes Schlagwort. Drohen künftig vermehrt Konflikte um Wasser und Land, können Klimaanpassungsmaßnahmen diesen Spannungen entgegenwirken durch Um- und Neuverteilung von knappen Wasser- und Nahrungsmittelressourcen. Initiativen zur Katastrophenvorsorge bieten die Chance, die Verwundbarkeit betroffener Gesellschaften zu reduzieren. Rivalisierende Gruppen können auf diese Weise in kooperative Maßnahmen eingebunden, krisenanfällige Gesellschaften stabilisiert werden. Auch regionale und kontinentübergreifende Energiepartnerschaften bieten – bei verantwortungsvoller Umsetzung – die Möglichkeit kooperativer Lösungsansätze für Fragen der Klima-, Ernährungs-, Wasser- und Energiesicherheit.

Nicht ohne Grund haben Al Gore und der Weltklimarat (IPCC) im Jahr 2007 den Friedensnobelpreis erhalten. Damit stellte das Nobelpreiskomitee klar: Die Bekämpfung des Klimawandels ist Voraussetzung für ein zukünftiges friedliches Zusammenleben auf dem Planeten. Die internationale Mobilisierung gegen die drohende Klimakatastrophe, für die Gore und der IPCC ausgezeichnet wurden, eröffnet Chancen zur Kooperation, zu einem weltweiten Zusammenrücken angesichts einer gemeinsamen Bedrohungslage. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Friedensbewegten und Umweltaktivisten, zwischen Klimaschützern und Konfliktbearbeitern, die bisher noch in den Kinderschuhen steckt, ist daher ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Denn der Klimawandel bedroht die Lebensgrundlagen eines Großteils der Menschheit – seine gemeinsame Bekämpfung ist daher ein friedenspolitisches Gebot.

Ihre Bentje Woitschach

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