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Widerstand – Gewalt – Umbruch

AFK-Jahreskolloquium 2012, 22.-24. März 2012, in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Villigst, in Schwerte

von Marika Gereke

Das Jahreskolloquium 2012 »Widerstand – Gewalt – Umbruch« der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK) wurde in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Villigst organisiert und fand in deren Räumlichkeiten in Schwerte statt. Gefördert wurde die Tagung durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF), die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und den NOMOS-Verlag.

Vor dem Hintergrund des so genannten »arabischen Frühlings« befasste sich das diesjährige AFK-Kolloquium mit dem Thema »Widerstand, Gewalt, Umbruch – Bedingungen gesellschaftlichen Wandels«. Das komplexe Wechselspiel von Widerstand, Gewalt und Umbruch wurde in den Panels und Roundtables aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven und mit unterschiedlichen analytischen Herangehensweisen in den Blick genommen. Dabei wurde anhand vielfältiger Fragestellungen den Bedingungen gesellschaftlichen Wandels nachgegangen, und es wurde die Bedeutung und Legitimität von Gewalt und Widerstand in politischen Umbrüchen reflektiert.

Breit gefächerte Themen, Perspektiven und Methoden

Inhaltlich wurde das Jahreskolloquium mit einem Roundtable zur Bedeutung von Gewalt und Gewaltlosigkeit beim Widerstand gegen herrschende Regime eröffnet. Es griff ein bereits in den Anfängen der Friedens- und Konfliktforschung formuliertes Dilemma auf, indem es auch die Frage nach der Legitimität von Gewalt im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche aufwarf. Hinsichtlich des Spannungsfeldes von Gewalt und Gewaltlosigkeit in Umbruchprozessen wurde Gewalt als kulturelles, sozialisiertes Phänomen diskutiert, die Motivationen und Erfolgsbedingungen von gewaltlosem Widerstand kontrovers erörtert sowie die Rolle der internationalen Gemeinschaft beleuchtet. Damit wandte sich bereits die Eröffnungsrunde einigen Aspekten zu, die im weiteren Verlauf der Tagung immer wieder aufgegriffen wurden.

Die Rolle der internationalen Gemeinschaft wurde insbesondere in vier theoretisch und methodisch kontrastierenden Beiträgen in den Blick genommen, die sich unter der Fragestellung »Wer will Peacebuilding?« mit Widerstand im Kontext internationaler Interventionen in Nachkriegsgesellschaften auseinandersetzten. Herausgearbeitet wurde anhand verschiedener empirischer Fallbeispiele, dass internationale Interventionen einerseits inhärent konfliktive Prozesse sind, die lokale Formen von Widerstand provozieren; andererseits wurde verdeutlicht, dass Peacebuilding-Maßnahmen auch auf die Etablierung lokaler Widerstandsfähigkeit abzielen müssten und in diesem Sinne die produktive Konfliktdynamik stärker beachten sollten. Übergreifend wurde festgehalten, dass in der Debatte um Peacebuilding die intervenierenden Akteure bislang bevorzugt und die lokalen Akteure sowie die widerständigen Bewegungen stärker berücksichtigt werden müssten.

Weitere Panels widmeten sich den Schwierigkeiten des Umgangs mit Gewalt in und nach Bürgerkriegen sowie den Herausforderungen, eine konstruktive Konfliktbearbeitung zu schaffen und gesellschaftliche Lernprozesse anzustoßen. Die Bewältigung von Bürgerkriegen, die durch eine soziokulturelle und räumliche Nähe der Konfliktparteien gekennzeichnet sind, sei ein komplexes Unterfangen, das vor allem eine Förderung der Fähigkeit zur konstruktiven Konfliktbearbeitung verlange. Gerade im Hinblick auf friedenspädagogische Projekte wurde jedoch konstatiert, dass über deren Wirkung bislang kaum Wissen existiere und lokale Gewaltakteure auf diese Weise nur schwer zu erreichen seien.

Welche Faktoren Akteure zu gewaltsamem oder gewaltlosem Widerstand verleiten und unter welchen Bedingungen Transformationsprozesse von Gewalt begleitet werden bzw. friedlich verlaufen, war Gegenstand mehrerer Panels. Diese Fragen wurden an unterschiedlichen empirischen Fällen – u.a. auch am Beispiel der ägyptischen Revolution – sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene analysiert. Dabei wurde insbesondere auch das Verhältnis von Struktur und Akteur problematisiert, dessen Dualität die auf der Tagung vorgestellten kulturwissenschaftlichen Zugänge mithilfe des Konzepts der Kultur aufbrechen möchten. Betont wurde jedoch, dass für ein umfassenderes Verständnis der erklärenden Faktoren weitere vergleichende Arbeiten im Sinne einer Friedensursachenforschung notwendig seien.

Darüber hinaus wurden widerständige Bewegungen aus einer Geschlechterperspektive beleuchtet, indem die feministische Spezifik der Frauenwiderstandscamps im Hunsrück, politische Akteurinnen in der palästinensischen Gesellschaft und die Biografien nordirischer Aktivistinnen in den Blick genommen wurden. Aus einer feministisch-postkolonialen Perspektive wurden zudem die diskursiven Darstellungen und (medialen) Inszenierungen von Krieg und Gewalt aufgezeigt. Hervorgehoben wurde, dass die theoretisch-analytischen Potenziale einer feministisch-postkolonialen Perspektive in der Friedens- und Konfliktforschung erst in jüngster Zeit erkannt würden und weiter verfolgt werden sollten.

Der nicht nur methodologisch bedeutsamen Grundsatzfrage »Wozu welche Friedenstheorie?« widmete sich ein Gespräch mit Dieter Senghaas. Ein zentraler Aspekt war dabei, inwiefern Theorie stets in einem bestimmten, zeitlich geprägten »Wirklichkeitsbild« gefangen sei. Daran anknüpfend wurde diskutiert, ob ein theoretischer Friedensentwurf, der die Zukunft in den Blick nehmen möchte, auf der Basis eines induktiven, an der Empirie orientierten Vorgehens entwickelt werden könne. In diesem Zusammenhang wurde auch auf potentielle Asymmetrien in der wissenschaftlichen Theoriebildung verwiesen und danach gefragt, inwiefern eine an der Empirie orientierte Theoriebildung bestimmte soziale Kategorien reproduziere.

Den Abschluss des Jahreskolloquiums bildete ein multidisziplinäres Roundtable, dessen Kernthematik nach den zukünftigen Entwicklungen und Chancen der politischen und sozialen Umbrüche in der Region Mittlerer Osten und Nordafrika (MENA) fragte. Einerseits wurde festgehalten, dass aus den Umbruchprozessen selbstbewusste und kritische BürgerInnen hervorgegangen seien und neue Debatten über die sozialen Verhältnisse geführt würden. Andererseits wurde betont, dass die zukünftige Entwicklung der MENA-Region schwer prognostizierbar sei und die Möglichkeit verschiedener Entwicklungspfade bestünde. Zugleich wurde am Beispiel Ägyptens darauf verwiesen, dass diese Widerstandsbewegung nur mit einem gewissen Gewaltpotential möglich gewesen sei und keine nachträgliche Romantisierung stattfinden solle. Gerade im Hinblick auf die Heterogenität der arabischen Länder wurde auch vor der Schaffung neuer Konstrukte gewarnt und eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des »Westens« nahe gelegt.

Das Roundtable bildete einen sehr gelungenen Abschluss einer Tagung, deren Themenstellungen von den gesellschaftlichen Umbrüchen in der MENA-Region inspiriert waren und die damit aufgeworfene Fragen nicht nur theoretisch und konzeptionell bearbeiten konnte, sondern auch Bezüge zu aktuellen Entwicklungen herstellte.

Verleihung des Christiane-Rajewsky-Preises 2012

Den diesjährigen Christiane-Rajewsky-Preis erhielt Silja Klepp für ihre Dissertation »Europa zwischen Grenzkontrolle und Flüchtlingsrecht: Eine Ethnographie der Seegrenze auf dem Mittelmeer« (siehe S. Klepps Artikel in dieser Ausgabe von W&F). Gewürdigt wurde insbesondere das innovative Vorgehen der Preisträgerin, die mithilfe eines mehrdimensionalen, polyphonen Forschungsansatzes die Praktiken und Handlungslogiken der verschiedenen Akteure im europäischen Grenzraum erfasste. Zudem wurde hervorgehoben, dass Silja Klepps Arbeit ein wesentliches Anliegen der Friedens- und Konfliktforschung aufgreife, indem sie das tief greifende Spannungsfeld zwischen Grenzkontrollen und Flüchtlingsrechten transparent mache und die Notwendigkeit, die menschenrechtlichen Maßstäbe im europäischen Raum zurechtzurücken, einfordere.

Resümee

Die Tagung verdeutlichte, dass Widerstand, Gewalt und Umbruch komplexe Phänomene sind, die vielfältige Formen annehmen können und deren Dynamik und Prozesshaftigkeit berücksichtigt werden muss. Zugleich zeigte sie auf, dass die Analyse, Beurteilung und Erklärung dieser Phänomene immer auch einer Reflexion der zugrunde liegenden Bewertungsmaßstäbe bedarf. In diesem Sinne bot das AFK-Kolloquium 2012 den TeilnehmerInnen die Möglichkeit, vielfältige Blickweisen auf die Thematik »Widerstand – Gewalt – Umbruch« kennen zu lernen und Einblicke in aktuelle Forschungsfragen und -projekte der Friedens- und Konfliktforschung zu erhalten sowie sich aktiv in anregende fachliche Diskussionen einzubringen.

Ein ausführlicher Tagungsbericht mit den Beschreibungen aller Panels und Papers, die außerdem im virtuellen Paper-Room des Kolloquiums abrufbar sind, ist auf der AFK-Webseite afk-web.de zu finden.

Marika Gereke

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