in Wissenschaft & Frieden 2012-2: Hohe See, Seite 52–53

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Vater im Krieg, Mutter in Pommerland?

BSV-Tagung zu »Geschlechterverhältnissen in Krieg und Frieden«, 16.-18 März 2012, Dortmund

von Judith Conrads

Welche Rolle spielt der Begriff »Macht« in Bezug auf Geschlechterbeziehungen? Wie wirkt sich der Faktor »Geschlecht« auf Konzepte von Sicherheit aus? Diese und andere Fragen diskutierten die etwa 60 Teilnehmenden auf der BSV-Tagung »Vater im Krieg, Mutter in Pommerland? – Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden«. Der Bund Soziale Verteidigung (BSV) hatte zu der Tagung eingeladen, um Friedensarbeit »durch die Genderbrille« zu betrachten. Damit folgte er der Erkenntnis, dass, solange Gender als Strukturkategorie sozialer Ordnung existiert, auch Fragen zu Krieg und Frieden nicht ohne eine explizite Genderperspektive zu bearbeiten sind. Denn, so die Ausgangsthese, wird der Blick auf die Geschlechterverhältnisse versäumt, so können Strukturen, die zur Eskalation der Gewalt beitragen, unberücksichtigt und als konfliktverschärfende Faktoren bestehen bleiben.

Die Journalistin und Autorin Ute Scheub erteilte in ihrem Einführungsvortrag dem Dualismus »friedfertige Frau – kriegerischer Mann« als vermeintlich biologisch basiertem Determinismus eine Absage: Nicht biologische Faktoren seien für Gewaltneigung bzw. Friedfertigkeit von Menschen ausschlaggebend, sondern die Kultur. Der Grad der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und der Friedfertigkeit einer Gesellschaft korrelierten dabei. Mit dem Fokus auf der Sozialisationsbedingtheit von geschlechtsspezifischem Verhalten war die Stoßrichtung der Tagung skizziert.

Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich der Situation von Frauen in Afghanistan und der Frage, wie ein geschlechtersensibler Friedensprozess aussehen müsste. Hierbei wurden die unterschiedlichen Ansätze der DiskutantInnen deutlich: Jessica Mosbahi von medica mondiale erklärte die Befreiung der afghanischen Frauen für gescheitert, wobei sie gleichzeitig anzweifelte, ob sie auf diesem – militärischen – Weg überhaupt möglich gewesen sei. Während der Herausgeber des Friedensmagazins aixpaix.de, Otmar Steinbicker, die Priorität darin sah, zunächst überhaupt Gespräche zu führen und Verhandlungen zu etablieren, egal mit wem (bzw. der Verfügbarkeit entsprechend ausschließlich mit den männlichen Vertretern der Konfliktparteien), und erst in einem nächsten Schritt auch die Integration von Frauen in den Friedensprozess forderte, betonte Mosbahi die Notwendigkeit einer aktiven Einbeziehung von Frauen auf dem Weg zum Frieden von Anfang an und warnte davor, dass für »schnelle Deals« die Frauenrechte auf der Strecke bleiben könnten. Es sei grundlegend, dass auch Frauen an den Verhandlungstischen säßen und den Friedensprozess aktiv mitgestalten könnten. Die Journalistin Shakiba Babori forderte von der internationalen Gemeinschaft, alle Finanzhilfen an die Garantie von Frauenrechten zu knüpfen. Weitgehend einig war man sich darüber, dass Verhandlungen mit allen Konfliktparteien stattfinden müssten, was Gespräche mit Taliban, aber eben, so Mosbahi und Babori, auch explizit Frauen einschließen müsse. Denn ein Friedensabkommen, welches ohne Frauen geschlossen würde, sei zum Scheitern verurteilt, weil ein Großteil der Bevölkerung damit unberücksichtigt bliebe. Daneben wurde deutlich, dass es in Afghanistan allen Schwierigkeiten zum Trotz politisch aktive Frauen gibt, die ihre Rechte selber formulieren und einfordern wollen und können. Es gilt also, so das Fazit, sie in der Artikulation ihrer Positionen zu unterstützen und Kanäle zu eröffnen, über die sich die afghanischen Frauen Gehör verschaffen können, sowohl in Afghanistan als auch international.

Heide Schütz vom Frauennetzwerk für den Frieden eröffnete den zweiten Tag mit einem Appell für eine sensiblere Wahrnehmung in Bezug auf Geschlechterverhältnisse und ihre Implikationen und kritisierte die Tendenz, Gender mit Frauen bzw. Frauenförderung gleichzusetzen. Heidi Meinzolt von der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit hob in ihrem Vortrag über die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates (UNSCR 1325, verabschiedet am 31. Oktober 2000) zu »Frauen, Frieden und Sicherheit« und der von ihr vertretenen Forderung eines Nationalen Aktionsplanes zur besseren Umsetzung der Resolution die Bedeutung der Resolution als völkerrechtliche Grundlage für einen geschlechtersensiblen Umgang in der Konfliktbearbeitung hervor, zeigte aber auch ihre Schwächen auf, insbesondere bezüglich der mangelnden Verbindlichkeit durch fehlende überprüfbare Indikatoren. Hieran schloss sich eine lebhafte Diskussion über das Für und Wider der Resolution an. Kritische Stimmen zeigten etwa das Risiko auf, dass die UNSCR 1325 in Konflikten wie Afghanistan als Legitimations- und Druckmittel für militärische Einsätze herangezogen werden könnte oder stellten das der Resolution zugrunde liegende Friedens- und Sicherheitsverständnis infrage. Auf der anderen Seite wurde argumentiert, dass die UNSCR 1325 immerhin ein erster Ansatz sei, um Veränderungen im Diskurs zu erreichen.

»Militarisierte Männlichkeit« – diesen Begriff stellte Rolf Pohl, Professor am Institut für Soziologie/Fach Sozialpsychologie der Leibniz-Universität Hannover, ins Zentrum seiner Ausführungen, die den Zusammenhang von militärischen Strukturen und der Förderung eines aggressiven und gewaltbereiten Verhaltens herausarbeiteten. Bei Soldaten werde eine „paranoide Abwehr-Kampf-Haltung“ gefördert, die auf die Überwindung der Tötungshemmung abziele. Für ihn stellt Gender mehr als ein soziales Rollenlernmodell dar, vielmehr manifestierten sich die Geschlechterbilder als körperlich verinnerlichte, tief sitzende innere Einstellungen. Die Herausforderung sei nun, Ansätze zu finden, an diese Einstellungen heranzukommen, um sie modifizieren zu können.

Beispiele von »best practice« und »lessons learned« in internationalen Projekten der Friedensarbeit mit einem speziellen Genderfokus lieferten das anschließende Podium sowie der Vortrag am Sonntag. Martina Grasse, Vertreterin von OWEN – Mobile Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung e.V., stellte das deutsch-kaukasische Gender-Projekt »OMNIBUS1325« vor, bei dem eine wichtige Erfahrung die je nach kulturellem Hintergrund unterschiedlichen Rollenbilder der verschiedenen Teilnehmenden gewesen sei. Eine große Diskrepanz nahm die ehemalige Friedensfachkraft des Zivilen Friedensdienstes (ZFD), Anne Dietrich, im Sudan zwischen den Erwartungen der geldgebenden Organisation, die Gender als Querschnittsthema entdeckt hätte, und den Gegebenheiten vor Ort wahr. Den größten Erfolg sah Dietrich in den Projekten und Anti-Gewalt-Trainings, welche Frauen und Männer gleichermaßen ansprachen, um mit ihnen über die bestehenden Geschlechterverhältnisse zu reflektieren. Als positives Beispiel gelungener Arbeit an Rollenbildern stellte Rita Schäfer das südafrikanische Männernetzwerk Sonke vor, das bei der Bearbeitung von Männlichkeitskonzeptionen ansetze, indem Männer in Trainings ihre Rollenbilder hinterfragten und sich um den Aufbau von Identitäten bemühten, die nicht auf gegenseitige Gewaltzufügung und Unterdrückung der Frau basieren. Die internationale Friedensorganisation Nonviolent Peaceforce (NP), die am Sonntag von Outi Arajärvi vorgestellt wurde, setzt ihre Teams von Friedensfachkräften geschlechterparitätisch zusammen. Gleichzeitig wies Arajärvi darauf hin, dass die NP bisher, wie viele andere, der Versuchung erlegen sei, darüber hinaus Gender mit Frauen gleichzusetzen und dementsprechend in Gender-Trainings auf Bewusstseinsarbeit bei Frauen, selten aber auch beim übrigen Teil der Bevölkerung abziele.

Der Samstagnachmittag wurde mit einer Arbeitsgruppenphase verbracht, in dem sich die Teilnehmenden mit »Gewalt und Geschlecht in Konflikt- und Postkonflikt-Situationen«, »Konzepten von Gewaltfreiheit im Licht von Gender« und der »Friedensbewegung unter der Genderlupe« beschäftigten bzw. in einer Theater-AG auf darstellerische Weise eigene Rollenbilder und Einstellungen zu Geschlechterverhältnissen reflektierten.

Ein zentraler Begriff, der immer wieder kritisch beleuchtet wurde, war jener der »Sicherheit«: Dessen Relativität machte Rita Schäfer am Beispiel von Nachkriegsgesellschaften deutlich, die häufig ein enormes Ausmaß an geschlechtsspezifischer Gewalt aufwiesen, so dass gerade für Frauen der Unterschied zwischen Kriegs- und Nachkriegszeit marginal sei, was jedoch in vielen herkömmlichen Sicherheitskonzepten nicht erfasst werde. Schäfer führt diese Gewalt auf mangelnde alternative Identifikationsmodelle für Männlichkeit zurück, was dazu beitrage, dass zur Identitätsstiftung auch in Nachkriegszeiten auf das Bild der militarisierten Männlichkeit zurückgegriffen werde. Ein weiterer Aspekt, der in vielen Beiträgen gestreift wurde, war die Frage nach den Geschlechterverhältnissen zugrunde liegenden Machtsstrukturen. So legte Rolf Pohl dar, wie Identität in der binären Geschlechterordnung durch Differenz gestiftet werde und dabei Männlichkeit und Weiblichkeit als hierarchisches System durch die Bewertung der Unterschiede konstruiert würden. Damit klang an, was auch an anderen Stellen dieser Tagung diskutiert wurde: Die Überlegung, wie geschlechtsspezifische Rollen und Bedürfnisse nicht nur speziell berücksichtigt, sondern die gesellschaftlichen Strukturen, durch welche sie erst erzeugt werden, auch hinterfragt und bearbeitet werden können. Zugespitzt wurde das in der Formulierung am Sonntag: „Brauchen wir das Geschlecht als soziale Ordnungskategorie überhaupt?“

Um über die Tagung hinaus die hier entstandenen Denkanstöße und Diskussionsansätze weiterzuverfolgen, wurde auf der anschließenden BSV-Mitgliederversammlung die Einrichtung der AG »Gesprächkreis Gender« beschlossen, die für alle Interessierten offen ist. Nähere Informationen zum ersten Treffen, das für diesen Frühsommer geplant ist, erteilt das BSV-Büro unter info@soziale-verteidigung.de oder 0571/29456. Eine Dokumentation der Tagung mit den Beiträgen der Referierenden wird in Kürze zur Verfügung stehen und kann beim BSV bestellt werden.

Judith Conrads

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