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Macht in Konflikten – Macht von Konflikten

AFK-Jahreskolloquium 2011, 7.-9. April 2011, in Kooperation mit der Ev. Akademie Villigst

von Christine Schnellhammer und Friedrich Plank

Das Jahreskolloquium der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung 2011 wurde in Kooperation mit der Ev. Akademie Villigst organisiert und fand vom 7.-9. April 2011 an der Akademie statt. Gefördert wurde die Tagung durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) und die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).Auf dem Kolloquium wurde dem komplexen Verhältnis von Macht und Konflikten nachgegangen, u.a. anhand der Frage, welche Rolle Macht bzw. mächtige Akteure für die Entstehung, die Eskalation, aber auch die Prävention und Bearbeitung von Konflikten spielen. Zudem gehen von Konflikten und ihren Austragungsformen (z.B. Sanktionsdrohungen, militärischer Abschreckung etc.) Machtwirkungen aus, etwa auf die Veränderung von Institutionen, die Handlungsmöglichkeiten von Konfliktparteien außerhalb des Konfliktaustrags oder die Wahrnehmung von Konfliktlinien, womit Themen benannt sind, die auf verschiedenen Panels des AFK-Kolloquiums behandelt wurden.

Eröffnung

Das AFK-Kolloqium wurde inhaltlich mit dem Vortrag von Vivienne Jabri (London) zum Thema »Cosmopolitan Wars and the Transformation of Global Politics« eröffnet. Für Vivienne Jabri ist die Ursache der Entstehung neuer Kriege im Wandel vom Politischen zum Gesellschaftlichen zu sehen. Die Definition des Internationalen, welche über die Wichtigkeit des Staates hinaus auch nicht-staatliche Akteure und den Schutz des Menschlichen beinhaltet, führte die Rednerin zu einem Paradox in Kants Kosmopolitismus. Dieses bestehe in der engen Beziehung zwischen dem kosmopolitischen Ethos und dem Bekenntnis zu modernen Institutionen. Im Gegensatz zu Kant bzw. Habermas sei die internationale Neugestaltung von Bevölkerungen, deren Konsequenzen das Führen von Kriegen im Namen der Humanität und Interventionen seien, nicht Bestandteil der Lehre von Foucault. Die gefährliche Vermischung von Krieg und Frieden bei Habermas müsse stärker thematisiert werden, und letztlich müsse man eine Entscheidung treffen zwischen Foucault und Habermas.

In der darauf folgenden Diskussion sorgte diese Dichotomie zwischen Habermas und Foucault für rege Beteiligung. Während sich Foucaults Kritik an strukturellen Machtbeziehungen auf die weltpolitische Realität konzentriert, möchte Habermas einen Ideal-Zustand aufzeigen.

Breit gefächerte Panels

In den sich anschließenden Panels waren die Faktoren »Macht« und »Machtverteilung« ebenso Gegenstand der präsentierten Papiere wie etwa Piraterieforschung in Deutschland. Mit nichtstaatlichen Gewaltakteuren beschäftigten sich auch weitere Papiere, welche den Fokus z.B. auf Rebellen im Kosovo, die Hisbollah oder Nichtregierungsorganisationen legten. Weitere Panels hatten die Analyse von (Be-) Deutungsmacht und »Interventionen im Rahmen des Konzeptes der Transitional Justice« zum Thema. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr – unter anderem anhand des Soldatenbildes und der Wirkungen von Soldatenverwundung oder -tod – wurden ebenso thematisiert wie »Macht in Interventionsprozessen« und »Macht (und Akteure) im Konflikt«. In anderen Panels beschäftigten sich die TeilnehmerInnen mit diskursiven Konstruktionen von Macht und Konflikt oder auch mit dem Faktor Macht in der Hochschullehre.

Neue Publikationsstrategie der AFK und Christiane Rajewsky-Preis

Mit der veränderten Konzeption der AFK-Kolloquien durch einen offenen »Call for Panels and Papers« geht auch eine neue Publikationsstrategie der AFK einher, die beim Kolloquium vorgestellt wurde: Die Sammelbände der AFK-Schriftenreihe werden ab 2012 durch die»Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung« (ZeFKo) abgelöst, die als reviewed journal zweimal pro Jahr erscheint. Die ZeFKo veröffentlicht methodisch reflektierte Studien aus unterschiedlichsten Disziplinen zu allen Fragestellungen der Friedens- und Konfliktforschung. Die neue Zeitschrift soll ein wichtiges Kommunikationsforum für die Auseinandersetzung um begriffliche, theoretische, methodische und konzeptionelle Fragen der Forschung zu Gewalt, Konflikt und Frieden sein und dabei insbesondere auch die interdisziplinären Debatten in der Friedens- und Konfliktforschung anregen.

Den Christiane Rajewsky-Preis 2011 erhielt Claudia Brunner für ihre Dissertation: »Sinnformel Selbstmordattentat. Epistemische Gewalt und okzidentalistische Selbstvergewisserung in der Terrorismusforschung«.1 Die Arbeit untersucht, in welcher Weise die englischsprachige Terrorismusforschung sich mit Selbstmordattentaten befasst. Mehrheitlich, so das Ergebnis der Studie, wird ein Bild vom Selbstmordattentat gezeichnet, das von vornherein die Bekämpfungsperspektive der Politik übernimmt. Vielfältige Ungleichheiten und Herrschaftsverhältnisse werden ausgeblendet und zugleich politische Maßnahmen gerechtfertigt, die nur schwer vereinbar mit dem eigenen Wertesystemen sind. Die Arbeit führt unterschiedliche Wissenstraditionen zusammen und bietet eine überzeugende methodische Umsetzung theoretischer Debatten. Zugleich trägt sie mit ihrer kritischen Reflektion zu der Art von sozialwissenschaftlicher Grundlagenforschung bei, die dringend nötig ist, um neue Denkräume öffnen und friedlichere Handlungsweisen finden zu können.

Keynote und abschließender Roundtable

Als Einstieg zum abschließenden Roundtable hielt Anja Weiß (Duisburg) einen Impulsvortrag, der sich mit symbolischer Herrschaft auseinandersetzte. Der Begriff der symbolischen Herrschaft gehe auf Pierre Bourdieu zurück und meine die selbstverständliche Akzeptanz von hegemonialen Strukturen in der Gesellschaft. Der Kulturbegriff sei hingegen recht vage definiert. Kultur werde aber dort sichtbar, wo sich Gesellschaften sehr schnell wandeln, Kompromisse durch Machtgefälle zwischen Gruppen behindert werden und ein Teil der Bevölkerung schließlich von der Kompromissbildung ausgeschlossen wird. Die Austragung interkultureller Konflikte führt in einer symmetrischen Konstellation zumeist zur Verfestigung von Stereotypen. In einer asymmetrischen Konstellation existieren indessen immer eine dominante und eine dominierte Gruppe. Aus der Asymmetrie folgt, dass sich die Austragung kultureller Konflikte äußerst schwierig gestaltet. Wie kann man aber agieren unter der Prämisse, dass der Konflikt weiter besteht? Hegemonieverhältnisse müssen deutlich gemacht und differenzierte Strategien für Dominierte entwickelt werden. Macht, Asymmetrie, Konflikt und symbolische Herrschaft seien eng miteinander verklammert.

Die Anregungen der Keynote von Anja Weiß wurden auf dem Abschlusspanel von Julika Bake, Werner Distler, Hartwig Hummel und Christoph Weller aufgegriffen. So wurde in einer engagierten Diskussion herausgearbeitet, dass Machtgefälle und Asymmetrien häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar seien. Die Gleichzeitigkeit von Machttypen finde ihren Ausdruck darin, dass die dominante Gruppe in einer Arena möglicherweise zugleich Dominierte innerhalb einer anderen Arena ist. Im weiteren Verlauf der Diskussion ergänzte Anja Weiß, dass es ihr in der vorgestellten Analyse vor allem um die Darstellung des ständigen Anpassungsdrucks gehe, welcher auf stabil institutionalisierten Machtverhältnissen und mangelnder Artikulationsfähigkeit einer dominierten Gruppe beruhe.

Resümee

Insgesamt hatten die über hundert TeilnehmerInnen des AFK-Kolloquiums 2011, unter denen der wissenschaftliche Nachwuchs stark vertreten war, viele Möglichkeiten, Einblicke in aktuelle Forschungsfragen und -projekte der Friedens- und Konfliktforschung zu erhalten und sich aktiv in anregende fachliche Diskussionen einzubringen. Zudem wurde auf dem Jahreskolloquium der neue AFK-Arbeitskreis »Kultur und Religion« gegründet, der sich mit der inter- bzw. transdisziplinären Erforschung kultureller und religiöser Aspekte von Frieden und Konflikt beschäftigt.

Einen ausführlichen Tagungsbericht mit Beschreibungen aller Panels und Papiere, die außerdem im virtuellen Paper-Room des Kolloquiums abrufbar sind, finden Sie auf der AFK-Webseite
www.afk-web.de/afk-home/aktivitaeten/tagungsberichte.html.

Anmerkungen

1) Eine Rezension des aus dieser Dissertation hervorgegangenen Buches findet sich in dieser Ausgabe von W&F. [die Red.]

Christine Schnellhammer und Friedrich Plank unter Mitarbeit von Lisa Bunselmeyer, Yvonne Eifert, Jana Groth und Pia Popal

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