in Wissenschaft & Frieden 2011-4: »Arabellion«, Seite 45–46

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Peacebuilding is not a puzzle

von Natascha Zupan

Frieden und Entwicklung: Diese beiden Bereiche sind vielfältig miteinander verknüpft. Bei den zunehmenden Landkonflikten springt dies besonders in Auge, die konstruktive Rolle von Bildung bei der Prävention und Transformation von Gewaltkonflikten ist ein anderes Beispiel. Viele Organisationen sind sich der Überschneidung bewusst, manche arbeiten deshalb auch in beiden Bereichen. So liegt es nahe, sich besser zu vernetzen, sich über die praktische Arbeit auszutauschen und miteinander zu kooperieren. Zu diesem Zweck hat sich die »Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung« zusammengeschlossen, die kürzlich den zehnten Geburtstag feiern konnte.

Die britischen Wissenschaftler, die seit einigen Jahren am Overseas Development Institute (ODI) zu Komplexitätstheorien in der Entwicklungspolitik arbeiten – zum berühmten Flügelschlag des Schmetterlings also und seinen unvorhersehbaren Folgen für die Umwelt – , würden wohl so urteilen: „Peacebuilding is not a puzzle, it’s a mess“.1 An diese »Chaostheorien« haben die staatlichen und zivilgesellschaftlichen Gründungsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) vor zehn Jahren sicherlich nicht gedacht, als die Idee entstand, zu Fragestellungen der entwicklungspolitischen Friedensarbeit zusammenzuarbeiten.2 Aber ihnen war bewusst, wie komplex die Herausforderungen in diesem Bereich sind, dass sich einzelne Problemstellungen in (Post-) Konfliktgesellschaften nicht wie Puzzleteile klar voneinander abgrenzen lassen, sondern in dynamischen und manchmal schwer durchschaubaren Wechselbeziehungen zueinander stehen.

Folgt man den Kategorien der Komplexitätstheorien, hat man es hier mit einem klassischen »Durcheinander« zu tun. Das ODI empfiehlt in Antwort darauf u.a. dezentrale Entscheidungsstrukturen, Kooperation und Netzwerkbildung sowie den kontinuierlichen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Die Initiatoren von FriEnt haben diese Empfehlungen gewissermaßen vorweg genommen: In gemeinsamen Vernetzungs- und Lernprozessen sollen die unterschiedlichen – und vielfältigen – Perspektiven, Erfahrungen, Arbeitsansätze und Partnerzugänge der FriEnt-Mitglieder zusammengeführt werden.3 Informations- und Wissensvermittlung, die Gestaltung eines offenen Dialogs zwischen den Organisationen, Beratung sowie Impulse für Kooperation gehören zum Kernmandat des FriEnt-Teams.4

Seit den Anfängen der Arbeitsgemeinschaft hat sich vieles im Bereich der entwicklungspolitischen Friedensarbeit getan: Das Handlungsfeld hat sich ausdifferenziert und professionalisiert, auf nationaler wie multilateraler Ebene sind neue Strukturen geschaffen worden, Strategien, Arbeitsansätze und Analysemethoden wurden weiterentwickelt. Mit den Kriegen in Kosovo, Afghanistan und Irak haben sich aber auch die Rahmenbedingungen für zivile Krisenprävention und Friedensförderung verändert. Nicht »Frieden und Entwicklung«, »do no harm« oder Präventionsmechanismen prägen die heutigen Debatten, sondern »Sicherheit und Entwicklung«, das Zusammenwirken ziviler und militärischer Akteure im Rahmen von »whole of government approaches« sowie »Statebuilding« und der Umgang mit »fragilen Staaten«.

Diese Entwicklungen hatten und haben Auswirkungen auf die Arbeitsgemeinschaft und ihre Mitglieder. Zum einen gibt es aufgrund der Ausdifferenzierung eine große Vielzahl von Themen und Sektoren, was sich auch im Arbeitsprogramm widerspiegelt. So beschäftigt sich FriEnt u.a. mit Prävention im Kontext gesellschaftlichen und politischen Wandels, Friedensentwicklung und Sicherheit, Paradigmen der Friedensförderung, Transitional Justice sowie Prozessen auf EU- und UN-Ebene. Zum anderen hat der Diskurs um Sicherheit und Entwicklung in den letzen Jahren sehr viel Zeit und Ressourcen absorbiert. Weniger Raum blieb hingegen für das Nachdenken über eine Konkretisierung der in der Entwicklungspolitik eher vage formulierten »strukturellen Prävention« und das sektorspezifische Mainstreaming. Beiden Aspekten möchte FriEnt in Zukunft verstärkt Aufmerksamkeit widmen. Bildung und Friedensförderung sowie Land- und Ressourcenkonflikte sind auch vor diesem Hintergrund Themenschwerpunkte. Im Sinne eines Agenda-Keeping bleibt die praktische und konzeptionelle Weiterentwicklung von Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung somit Priorität der Arbeitsgemeinschaft.

Was haben wir aus zehn Jahren interinstitutionelle Zusammenarbeit gelernt? Die Erfahrungen lassen sich auf einen kurzen Nenner bringen: In der Arbeitsgemeinschaft, und insbesondere in der Arbeit des FriEnt-Teams, spiegeln sich zentrale Herausforderungen entwicklungspolitischer Friedensarbeit in (Post-) Konfliktgesellschaften im »Kleinen« wider: Offenheit und Vertrauensbildung benötigen Zeit und Geduld, sichtbare »Produkte« entstehen dabei zunächst nicht. Wahrnehmungen gegenüber »dem anderen« müssen durchbrochen, unterschiedliche Positionen und Arbeitsweisen verständlich gemacht werden. Alte Konfliktlinien, nicht nur zwischen »dem Staat« und »der Zivilgesellschaft«, sondern auch zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen können Kooperation und Synergiebildung ebenso erschweren wie unterschiedliche Arbeitsabläufe, Zeitdruck oder Konkurrenz. Und obwohl es nicht an fundierten Kenntnissen, Konzepten und gut aufgearbeiteten Erfahrungen fehlt, lässt der Arbeitsalltag eine entsprechende Umsetzung in die Praxis nur bedingt zu.

Vor diesem Hintergrund versteht sich das FriEnt-Team als Übersetzer, Faszilitator und Impulsgeber. Die interinstitutionelle Zusammensetzung ist kein Koordinationsmechanismus, sondern ermöglicht vor allen Dingen Freiraum für kritische Reflektion, Dialog-, Vernetzungs- und Lernprozesse.

Anmerkungen

1) Ben Ramalingan and Harry Jones (2006): Exploring the science of complexity: Ideas and implication for development and humanitarian efforts. Overseas Development Institute. Harry Jones (2011): Taking responsibility for complexity. How implementation can achieve results in the face of complex problems. Overseas Development Institute.

2) Zu den Anfängen der Arbeitsgemeinschaft siehe das Interview mit Adolf Kloke-Lesch und Jürgen Nicolai in: FriEnt: Entwicklung für Frieden. Berichte 2009-2010. Juli 2011.

3) Die Arbeitsgemeinschaft setzt sich seit 2011 aus neun Mitgliedern zusammen: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Evang. Entwicklungsdienst (EED), Friedrich Ebert Stiftung (FES), Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Heinrich Böll Stiftung (hbs), Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe (KZE)/Misereor, Konsortium Ziviler Friedensdienst, Plattform zivile Konfliktbearbeitung/Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), Zentrum für internationale Friedenseinsätze (ZIF).

4) Das FriEnt-Team setzt sich überwiegend aus Mitarbeitenden der Mitgliedsorganisationen zusammen. Weitere Informationen zu den Aufgaben und Schwerpunkten von FriEnt findet sich unter frient.de.

Natascha Zupan ist Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt).

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