in Wissenschaft & Frieden 2011-4: »Arabellion«, Seite 41–43

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Die Friedensnobelpreise 1926 und 1927

von Karlheinz Lipp

Der Friedensnobelpreis ist ein politischer Preis. Das wird deutlich in der Ehrung von Persönlichkeiten und Bewegungen, die sich besonders für Frieden und Verständigung, gegen Massenvernichtungswaffen und Menschenrechtsverletzungen eingesetzt haben. Das wird aber auch sichtbar, wenn Politiker ehemals verfeindeter Länder oder Konfliktparteien für Schritte zur Lösung der Probleme gemeinsam den Nobelpreis bekommen, z. B. Henry Kissinger und Le Duc Tho nach dem Vietnamkrieg, Jitzchak Rabin, Schimon Perez und Jassir Arafat nach der Vereinbarung von Oslo, John Hume und David Trimble nach dem Nordirland-Abkommen. Unser Autor behandelt eine Besonderheit in der Nobelpreisgeschichte. In zwei aufeinander folgenden Jahren wurden Politiker und Friedensaktivisten für ihre Arbeit am selben Projekt – der »Überwindung der so genannten deutsch-französischen Erbfeindschaft« – ausgezeichnet: 1926 die Außenminister Frankreichs und Deutschlands, Aristide Briand und Gustav Stresemann, und nur ein Jahr später der französische Friedensaktivist Ferdinand Buisson und der deutsche Pazifist Ludwig Quidde.

Der Krieg von 1870/71 und der Erste Weltkrieg 1914-18 waren der militärische Ausdruck der permanenten Rivalität und der sich verschärfenden Spannungen zwischen den beiden Nachbarstaaten Deutschland und Frankreich. Der Versailler-Vertrag, die Besetzung des Ruhrgebiets 1923 und der darauf folgende gewaltfreie deutsche Widerstand belasteten auch nach 1918 das deutsch-französische Verhältnis.

Einen Wendepunkt brachte das Jahr 1924. Die Konferenz von London läutete mit der vorläufigen Regelung der Reparationen eine Periode der Entspannung ein. Nur ein Jahr später brachte der Vertrag von Locarno – mit dem endgültigen Verzicht Deutschlands auf Elsass-Lothringen – einen weiteren, bedeutenden Schritt in Richtung Versöhnung. Am 10. September 1926 trat Deutschland dem Völkerbund bei. Bereits am 19. September kam es in Thoiry am Genfer See zu einem psychologisch wichtigen Gedankenaustausch der beiden Außenminister Aristide Briand und Gustav Stresemann, allerdings ohne konkrete politische Folgen. Das Friedensnobelpreiskomitee würdigte die Entspannungspolitik dieser beiden Politiker mit dem Friedensnobelpreis 1926.

Auch auf der außerparlamentarischen Ebene zeigte sich eine positive Entwicklung. So kam es, ebenfalls 1924, zu einem Redneraustausch zwischen französischen und deutschen Pazifisten. Damit sollte eine „Brücke über den Abgrund“ (so der französische Pazifist und Menschenrechtler Victor Basch) gebaut werden.

Im Jahre 1927 setzte das norwegische Friedensnobelpreis-Komitee einen weiteren politischen Akzent für die deutsch-französische Entspannungspolitik, indem es den Friedensnobelpreis den Friedensaktivisten Ferdinand Buisson und Ludwig Quidde zuerkannte.

In seiner Laudatio sagte der Vorsitzende des Komitees, Professor Dr. Frederik Stang, u.a.: „Wir werden nicht nur vonseiten von Staaten, vonseiten ihrer Organe und durch ihre Politik mit Krieg bedroht; die Psyche der Menschen, die Instinkte der Massen bergen ebenfalls dauernde Kriegsgefahren in sich. Aus diesem Grunde muss, ehe große Zahlen von Menschen für den Pazifismus gewonnen werden können, eine volksnahe Aufklärungsarbeit vorausgehen, eine Werbetätigkeit, die sich bemüht, die Massen von der Vorstellung abzubringen, der Krieg sei das einzige Mittel zur Lösung von Konflikten.

Diese Bemühungen setzten sich eines der höchsten Ziele: den friedlichen Wettbewerb der Völker und die Schaffung einer internationalen Organisation, die es ermöglicht, die Streitigkeiten zwischen Nationen zu bereinigen.

An solchen volksnahen Bemühungen für den Frieden haben Ferdinand Buisson und Ludwig Quidde einen hervorragenden Anteil. Sie haben an der vordersten Linie dafür gekämpft; sie haben die Friedensbewegungen in den beiden Ländern geleitet, wo diese Bewegung sich den größten Schwierigkeiten gegenüber sah, wo sie andererseits aber eine ganz besonders hohe Mission hatte: Frankreich und Deutschland.

Wenn das Nobelkomitee den diesjährigen Friedenspreis an Herrn Buisson und an Herrn Quidde verleiht, will es dadurch auf eine Zuversicht erweckende Tatsache aufmerksam machen: die Tatsache, dass in Frankreich und Deutschland eine öffentliche Meinung geschaffen worden ist, die für die friedliche Zusammenarbeit der Völker günstig ist; erst diese hat die Verständigung von Deutschland und Frankreich ermöglicht, welche durch die mit den Friedenspreisen von 1925 und 1926 gekrönten Verträge von Locarno besiegelt wurde.“ (Harttung, S.57-59)

Ludwig Quidde hielt am 12. Dezember 1927 seinen Nobelvortrag in Oslo über »Abrüstung und Sicherheit«, Ferdinand Buisson sprach nicht zum Auditorium, reichte aber im Frühjahr 1928 einige Thesen seiner Friedensarbeit ein.

Am 11. März 1928 traten Buisson und Quidde gemeinsam in Freiburg (Breisgau) auf. Auch vertreten waren das Auswärtige Amt, die Badische Staatsregierung und die Stadt Freiburg. Einen Tag später sprach Quidde in Köln allein, da der 87-jährige Buisson wegen einer Erkrankung nicht dabei sein konnte. Dieser Auftritt eines Pazifisten wurde von der NSDAP gestört und konnte erst nach einem Polizeieinsatz stattfinden. Auch bei der Abreise pöbelten Rechtsradikale Quidde auf dem Kölner Hauptbahnhof an.

Ein Vergleich von Buisson und Quidde zeigt einige Gemeinsamkeiten der beiden Friedensnobelpreisträger: Beide traten für die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland ein, beide äußerten sich als Pazifisten kritisch zu Rüstung und Krieg, beide beriefen sich auf den Friedenstheoretiker Immanuel Kant, beide verbanden Pazifismus mit menschenrechtlichem Engagement, so etwa der deutlichen Ablehnung des Antisemitismus.

Geschichtspolitik

Ganz vergessen sind die Friedensnobelpreisträger von 1927 in ihren jeweiligen Ländern nicht. In Frankreich sind Straßen u.a. in Arras, Begles, Bordeaux, Clichy, Courcelles-Les-Lens, Lyon, Marseille, St.Étienne und Paris nach Buisson benannt. Ferner gibt es Schulen u.a. in Antony, Brest, Clermont-Ferrand, Montauban, Niort, Rouen und Versailles, die seinen Namen tragen.

In Deutschland trägt (noch) keine Schule den Namen von Ludwig Quidde. Allerdings sind Straßen und Plätze nach ihm benannt, so in Bergisch Gladbach, Bingen, Bremen, Dortmund, Frankfurt/Main, Göttingen, Kassel, Köln, München (auch eine U-Bahnstation), Oelde und Osnabrück. Die Deutsche Bahn jedoch strich bereits vor einigen Jahren den ICE Ludwig Quidde, der Bremen und München verband.

Als besonders gelungen muss die Straßenbenennung im Berliner Bezirk Pankow angesehen werden. Nach Auskunft des dortigen Bezirksamts erfolgte 1994 die Umbenennung der Straße 64 in Ludwig-Quidde-Straße. Im Jahre 2006 beschloss der Bezirk die Umbenennung der Straße 49, die sich mit der Ludwig-Quidde-Str. kreuzt, in Ferdinand-Buisson-Straße. So sind die beiden Friedensnobelpreisträger auch per Straßennamen eng und höchst sinnvoll verknüpft.

„Abrüstung des Hasses“ Kurzbiographie Ferdinand Buisson

Geboren wurde Buisson am 20. Dezember 1841 in Paris als Sohn eines Richters und einer frommen, sozial-karitativen Mutter. Nach der Gymnasialzeit in St.Étienne und dem Studium an der Sorbonne verweigerte er den Loyalitätseid auf Kaiser Napoleon III. Daraufhin bekam er in Frankreich keine Anstellung und arbeitete daher als Lehrer in Neuchâtel in der Schweiz. Durch die Teilnahme am ersten internationalen Friedenskongress überhaupt, in Genf 1867, erfuhr der Lehrer die entscheidende politische Prägung. Er propagierte schon in dieser Zeit die Vereinigten Staaten von Europa, und zwei Jahre später auf dem nächsten Kongress in Lausanne forderte Buisson die Abschaffung der „Armeen, dieser Götter der Cäsaren und Napoleone“.

Nach dem Sturz Napoleons III. 1870 ernannte Unterrichtsminister Jules Ferry Ende der 1870er Jahre Buisson zum Generalinspektor des französischen Bildungswesens. Es gelang dem Protestanten, Philosophen und Pädagogen, den großen Einfluss des Klerus auf das Schulwesen zurück zu drängen. Damit zählte Buisson zu den Wegbereitern der Trennung von Staat und Kirche, die in Frankreich 1905 offiziell vollzogen wurde.

Als Mitglied der Radikalsozialistischen Partei setzte sich Buisson für die Menschenrechte ein, besonders für die Rechte der Frauen und für den Frieden. Sehr früh verlangte er, wie Émile Zola, eine Neubewertung des Prozesses gegen Dreyfus. Buisson gehörte zu den Mitbegründern der Ligue des Droits de l’Homme (Menschenrechtsliga), die noch heute existiert, und fungierte von 1913 bis 1926 als ihr Präsident. Ferner engagierte er sich für verfolgte Minderheiten (Polen, russische Revolutionäre, Juden). Von 1902 bis 1914 und von 1919 bis 1924 arbeitete Buisson als Abgeordneter seiner Partei im Parlament.

Ab 1896 lehrte Buisson als Professor der Pädagogik an der Sorbonne und setzte friedenspädagogische Impulse im Sinne einer Erziehung, die im Geiste der Aufklärung und der Toleranz stand. Hier folgte er seinem philosophischen Vorbild Immanuel Kant. So forderte Buisson bereits 1905 einen Abschied von dem weit verbreiten nationalistischen Geschichtsunterricht. Ferner sollten den Kindern und Jugendlichen Alternativen zu Gewalt, Krieg und Militär aufgezeigt werden, so etwa die internationale Schiedsgerichtsbarkeit.

Im Ersten Weltkrieg befürwortete Buisson den Verteidigungskrieg und setzte sich als Mitglied der französischen Völkerbundvereinigung für den Aufbau dieser neuen, internationalen Organisation ein. Nach 1918 engagierte sich der Pazifist und Menschenrechtler für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Ferner kritisierte Buisson den Versailler Vertrag als Hindernis zum Frieden. Im Jahre 1924 bereiste der Friedensaktivist mehrfach Deutschland und hielt Reden für die deutsch-französischen Versöhnung, so u.a. vor 1.500 Arbeitern der Firma Krupp in Essen und vor dem Reichstag in Berlin.

Seinen finanziellen Anteil des Friedensnobelpreises ließ Buisson Organisationen zukommen, die für den Frieden zwischen den Völkern eintraten. Er starb am 16. Februar 1932.

„Aufbau einer internationalen Rechtsordnung“ Kurzbiographie Ludwig Quidde

Ludwig Quidde wurde am 23. März 1858 in Bremen geboren und entstammte einer bürgerlich-konservativen Handelsfamilie. Er studierte Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft in Straßburg und Göttingen. Bereits 1881 engagierte sich Quidde politisch, indem er sich gegen den Antisemitismus der deutschen Studentenschaft wandte. Es folgte die Heirat mit einer so genannten Halbjüdin. Beruflich arbeitete der Historiker an der Herausgabe der Deutschen Reichstagsakten mit. Im Jahre 1887 wurde er zum außerordentlichen Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen. 1892 erfolgte die Berufung zum außerordentlichen Mitglied der Akademie selbst. Die sich abzeichnende akademische Karriere wurde 1894 jäh gestoppt, als der Historiker mit seiner Schrift »Caligula« eine geniale und treffsichere Satire auf Kaiser Wilhelm II. publizierte. Die von Quidde herausgegebene Zeitschrift für Geschichtswissenschaft wurde boykottiert, die Chance auf einen Lehrstuhl war abrupt blockiert. Zwei Jahre später agitierte der deutsche Pazifist gegen eine posthume Ehrung für Kaiser Wilhelm I. und musste dafür eine dreimonatige Haftstrafe antreten.

Ludwig Quidde entwickelte sich nun immer entschiedener zum Pazifisten. 1894 gründete er die Münchner Friedensvereinigung und erreichte durch seine Aufrufe zur Beendigung des Burenkrieges reichsweites Aufsehen. 1902 trat er in das Präsidium der Deutschen Friedensgesellschaft ein, 1914 wurde er zum Vorsitzenden gewählt. In der nationalen und internationalen Friedensarbeit wirkte Quidde sehr vielfältig. Ein wichtiger Aspekt bildete für ihn dabei die deutsch-französische Verständigung. Als Abgeordneter der liberalen Fortschrittlichen Volkspartei gehörte Quidde von 1907 bis 1918 dem Bayerischen Landtag an. Im Jahre 1919 erfolgte die Wahl Quiddes als Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei in die Nationalversammlung.

Während und nach dem Ersten Weltkrieg wurde Quidde innerhalb der deutschen Friedensbewegung von radikalen Kräften zunehmend als zu kompromissbereit und bürgerlich kritisiert. Er blieb zunächst Präsident der pazifistischen Dachorganisation Deutsches Friedenskartell, wurde jedoch im Jahre 1929 als Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft abgelöst.

Der Machtantritt der NSDAP vertrieb den nunmehr mittellosen 75-Jährigen ins Exil nach Genf. Quidde unterstützte von der Schweiz aus andere Flüchtlinge, gehörte immer noch dem Internationalen Friedensbüro an und verfasste im Auftrag des Nobelinstituts eine Geschichte der deutschen Friedensbewegung während des Ersten Weltkriegs. Er starb am 5. März 1941.

Quellen und Literatur:

Zeitschrift »Das Andere Deutschland«. März 1928.

Francois Beilecke/Hans Manfred Bock (Hrsg.): Demokratie, Menschenrechte, Völkerverständigung – Die Ligue des Droits de l’Homme und die deutsch-französischen Beziehungen von der Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg. In: lendemains, Nr.89/1998, S.7-102.

Ilde Gorguet (1999): Les mouvements pacifistes et la réconciliation franco-allemande dans les années vingt (1919-1931). Bern: Peter Lang.

Arnold Harttung (Hrsg.) (1971): Der Friedens-Nobelpreis. Stiftung und Verleihung. Die Reden der vier deutschen Preisträger. Gustav Stresemann, Ludwig Quidde, Carl von Ossietzky, Willy Brandt. Berlin: Berlin-Verlag.

Albert S. Hill (1985): Ferdinand Edouard Buisson. In: Biographical Dictionary of Modern Peace Leaders. Hrsg. von Harold Josephson. Westport/Connecticut und London: Greenwood Press. 1985, S.123f.

Karl Holl (2007): Ludwig Quidde (1958-1941). Eine Biographie. Düsseldorf: Droste.

Norman Ingram (1991): The Politics of Dissent. Pacifism in France 1919-1939. Oxford: Clarendon Press.

Otmar Jung (1990): Unterschiedliche politische Kulturen: Der Redneraustausch zwischen französischen und deutschen Pazifisten 1924. In: Detlef Lehnert/Klaus Megerle (Hrsg.): Politische Teilkulturen zwischen Integration und Polarisierung. Zur politischen Kultur in der Weimarer Republik. Opladen: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 1990, S.250-292.

Bernhard Kupfer (2001): Lexikon der Nobelpreisträger. Düsseldorf: Parmos.

Karlheinz Lipp, Reinhold Lütgemeier-Davin, Holger Nehring (Hrsg.) (2010): Frieden und Friedensbewegungen in Deutschland 1892-1992. Ein Lesebuch. Essen: Klartext

Michael Neumann (Hrsg.) (1989): Der Friedensnobelpreis von 1901 bis heute. Bd.4. Der Friedensnobelpreis von 1926 bis 1932. Zug: Edition Pacis.

Dr. Karlheinz Lipp ist Historiker und Mitglied im Arbeitskreis Historische Friedensforschung.

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