in Wissenschaft & Frieden 2011-4: »Arabellion«, Seite 31–32

zurück vor

Digitale Revolution?

Soziale Netzwerke in Nordafrika

von Nazir Peroz

Elektronische Medien haben die politischen Aktionsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft verändert – und das nicht nur »im Westen«. Das Internet spielt z.B. in China eine große Rolle. Und nun bewies es seine Tauglichkeit zur Mobilisierung auch im arabischen Raum.

Seit dem Beginn der politischen Unruhen in Tunesien überschlagen sich in Nordafrika die Ereignisse – und die Weltöffentlichkeit ist immer gut informiert. Junge Tunesierinnen und Tunesier und Online-Aktivisten, die sich überwiegend mit Mobiltelefonen über Internet-Anwendungen vernetzten, erreichten so von Anfang an mit ihrer Stimme die Weltöffentlichkeit und verbreiteten aktuellste Informationen (Essa 2011). Diese Bewegung wurde möglich, weil die staatliche Kontrolle im Internet – anders als in China oder dem Iran – in Tunesien aufgrund mangelhafter Fachexpertise des technischen Personals unzureichend war. Dem Beispiel der tunesischen Protestbewegung folgten Aktivisten in Nachbarländern mit ähnlichen politischen Verhältnissen und brachten weitere Regierungen, z.B. im Jemen, in Ägypten, in Libyen und in Syrien, ins Wanken und teilweise sogar zum Sturz. Die Machthaber in Ägypten versuchten anfangs zwar gezielt, Kommunikationswege abzuschalten, konnten dies aber nicht dauerhaft durchsetzen (Schumann 2011).

Bedeutung des Internet und der digitalen Netzwerke

Die flächendeckende Verbreitung des Internet begann zunächst mit der kommerziellen Nutzung der E-Mail-Kommunikation Anfang der 1990er Jahre. Wenige Jahre später entwickelte sich das World Wide Web zum Standard für die Verbreitung von Informationen jeder Art. Es gilt als eine der größten Veränderungen der Medienlandschaft seit der Erfindung des Buchdrucks, mit großen Auswirkungen auf verschiedenste Bereiche des alltäglichen Lebens.

Eine zunehmende Bedeutung erhält das Internet durch die Nutzung von digitalen sozialen Netzwerken. Die Benutzer erstellen dabei eigene Inhalte und können selbst aktiv werden, z.B. durch die Verbreitung von Informationen oder die Mobilisierung zu Aktionen. Zu den bekanntesten dieser Dienste gehören Facebook, Myspace, Twitter, XING und Linkedln.

In kurzer Zeit entwickelten sich die digitalen sozialen Netzwerke zu einem neuen Kommunikationsmedium, welches sich zum Austausch und zur Weiterverbreitung von Informationen und damit auch zum Mittel der politischen Bildung entwickelt hat. Das Internet und die digitalen sozialen Netzwerke beeinflussen inzwischen den Alltag und prägen die persönliche Lebensgestaltung vieler Menschen sowie die Entwicklung des gesellschaftlichen Raumes. Sie geben Menschen, die in geschlossenen, autoritären Systemen leben, neue Hoffnung und stellen sie auch vor neue Herausforderungen. Hier kann sich jede Nutzerin und jeder Nutzer zum politischen Geschehen äußern. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer kann sowohl Sender als auch Empfänger sein.

Somit kommt dem Internet heute eine ganz neue politische Bedeutung zu. Dies erkannten auch die Menschen in Tunesien und in Ägypten. Vor allem junge Menschen in diesen Ländern nutzen die digitalen sozialen Netzwerke, um die Weltgemeinschaft nach Jahrzehnten der Unterdrückung auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie schufen eine Weltöffentlichkeit und drängen mit Nachdruck auf politische und gesellschaftliche Veränderung in ihren Ländern.

Auch wenn auf den Bildern und in den Berichten alle Aktionen sehr spontan aussehen – es bedarf doch außer dem ungeheuren Veränderungswillen, der durch wirtschaftliche Not, Steigerung der Nahrungsmittelpreise und Perspektivlosigkeit der jungen Menschen ausgelöst wird, auch einer gewissen Koordination, also einer politischen Bewegung. Eine solche Bewegung bewirkt gleichzeitig eine virtuelle politische Bildung entlang der eigenen politischen Interessen und fördert durch die Diskussion von Befindlichkeiten, Kritik, Weltanschauungen etc. einen kulturellen Wandel.

Diese politische Bewegung hat vielen Menschen in Staaten mit ähnlichen politischen Verhältnissen die Hoffnung gegeben, ihr politisches Schicksal selbst bestimmen zu können. Was diese Menschen wollen, ist Demokratisierung der Gesellschaft, Freiheit, Wohlstand, Selbstbestimmung und letztlich eine offene Gesellschaft, Transparenz sowie die Verwirklichung von Menschenrechten.

Das Internet als Instrument politischer Bewegungen

Grundsätzlich können das Internet und die digitalen sozialen Netzwerke der Entwicklung von Demokratie und Partizipation nützlich sein. Sie erleichtern und ergänzen alle Formen der Beteiligung an Diskussionen und Debatten. Die digitalen sozialen Netzwerke fördern den Austausch zwischen Menschen innerhalb einer Gesellschaft und erhöhen damit politische Teilhabe und Einflussnahme.

Bewegungen, die versuchen, auf politische Entscheidungen oder die öffentliche Meinungsbildung Einfluss zu nehmen, brachten sich früher auf der Straße oder über Printmedien zu Gehör. Mit dem Internet und den digitalen sozialen Netzwerken hat sich das geändert, außerdem wurde die Kommunikation stark beschleunigt. Online-Diskussionen und Online-Propaganda sind daher geeignete Instrumente zur Verbreitung und Umsetzung politischer Forderungen. (Dies gilt natürlich ebenso für die Verbreitung populistischer Parolen durch radikale Kräfte. (Konopka 2011))

Mittels digitaler sozialer Netzwerke werden Individuen und Gruppen in die Lage versetzt, sich zu bestimmten Anlässen oder Themen zusammenzuschließen, um Ziele gemeinsam durchzusetzen. Interessant ist dabei, dass in digitalen sozialen Netzwerken der räumlich abwesende Mensch Präsenz zeigt und auf vielen Aktionsfeldern gleichzeitig virtuell aktiv sein und eine Vielzahl politischer Ziele unterstützen kann. Das Beispiel der nordafrikanischen Staaten hat gezeigt, wie digitale soziale Netwerke dabei helfen, innerhalb kurzer Zeit politisch geschlossene Systeme zu sprengen.

Eine besonders wichtige Rolle nehmen die neuen Kommunikationsformen offenbar bei der Organisation des transnationalen Protests und der transnationalen Solidarisierung ein. Von wesentlicher Bedeutung für die Arbeit und die Selbstdarstellung zivilgesellschaftlicher Gruppen scheint die Möglichkeit zu sein, Informationen zu sammeln und an Mitglieder und die interessierte Öffentlichkeit via Websites, Mailinglisten oder Mobiltelefone zu verbreiten. Umgekehrt können interessierte Menschen selbst einfach Informationen direkt bei den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren abrufen und sich im Netz artikulieren. Zu beobachten sind auch Fälle, in denen es Nutzerinnen und Nutzern gelingt, beispielsweise über Weblogs (Blogs) Einfluss auf politische Themen auszuüben.

Kluft durch fehlende Voraussetzungen

Die digitalen sozialen Netzwerke sind ein komplexes Phänomen, das von zahlreichen sozialen, wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und technischen Faktoren abhängt. So setzt die Nutzung der Potenziale des Netzes als Raum politischer Kommunikation neben Medienkompetenz auch politisches Wissen, Engagement sowie vor allem funktionierende IT-Strukturen voraus. Die neuen Formen der Kommunikation im Internet und der damit verbundene kulturelle Wandel stellen viele Länder also vor große Herausforderungen.

Zwar kann die Nutzung der digitalen sozialen Netzwerke nach den Ereignissen in Tunesien, Ägypten und anderen Ländern in der Region sicherlich als Chance zur Unterstützung und Stärkung der Demokratiebewegung und allgemein der politischen Bildung, der Selbstdarstellung, der Meinungsbildung und der Mobilisierung der Massen verstanden werden. Mit wachsendem Gewicht der sozialen Medien steigt aber auch die Gefahr der Exklusion. Vor allem in Afrika, Südamerika und Asien haben zahlreiche Menschen aufgrund ihres sozioökonomischen Status, Bildungsabschlusses, Alters etc. keinen Zugang zu digitalen sozialen Netzwerken und sind damit vom Zugang zu politischen Informationen, der Transparenz politischer Prozesse und auch der Teilhabe an Entscheidungsfindungen und damit von der aktiven Teilhabe an der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Wenn Menschen, unabhängig davon, an welchen Orten und zu welcher Zeit sie sich befinden, zur Partizipation an der Gesellschaft, zur Selbstbestimmung ihres Handelns durch politisches Bewusstsein und zur Kommunikation zwischen politischen Akteuren befähigt werden sollen, dann ist es notwendig, allen gleichermaßen die Voraussetzungen zur Nutzung des Internets zu ermöglichen, damit sie sich eben jene Informationen beschaffen und Fähigkeiten aneignen können. Das aber braucht Zeit.

Internetpräsenz hängt von soliden und funktionierenden IT-Strukturen ab, vor allem von der zuverlässigen Versorgung der erforderlichen Geräte mit Elektrizität. Ohne Strom funktionieren weder Computer noch das Internet. Aber gerade daran fehlt es in vielen Ländern. Nur etwa 8% der ländlichen Bevölkerung in Afrika sind an das Stromnetz angeschlossen. In einigen Ländern fällt der Strom landesweit häufiger für eine ganze Woche aus. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten afrikanischen Land, haben nur ca. 40% der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität (Peroz 2010). Der Bevölkerungsanteil mit Zugang zum Internet liegt in den USA bei über 74% und in Westeuropa bei über 50%. Neueste Zahlen zeigen, dass von ca. 991 Millionen Einwohnern in Afrika nur ungefähr zehn Millionen Zugang zum Internet haben.

Doch nicht nur die fehlende IT-Infrastruktur ist ein Problem. Es sind auch Ungleichheiten in der Bildung und in der Ausbildung, die Mängel an der Medienkompetenz verschärfen, anstatt bildungsschwache Menschen gezielt zu fördern. So haben ca. 90% der afrikanischen Internetnutzer eine Hochschulausbildung und kommen aus der einkommensstärksten Schicht (Peroz 2010). Für die übrigen Menschen fehlen in der Regel politische Bildungsprogramme, die auch nachhaltig umgesetzt werden.

Das erste Ziel der globalen Initiative »Bildung für alle«, die im Jahr 2000 auf dem Weltbildungsforum in Dakar von der UNESCO gestartet wurde (UNESCO o.J.) – allen Kindern bis zum Jahr 2015 den erfolgreichen Abschluss der Primarschule zu ermöglichen – wird von vielen dieser Ländern nicht erreicht werden, weil die Voraussetzungen hierfür fehlen. Verschärft wird die Lage in vielen Ländern durch mangelhafte Verwaltungsstrukturen, ineffektive Bürokratie, Korruption und andere Faktoren.

Die massiven Protestbewegungen der letzten Monate haben bereits zum Sturz einiger Machthaber in den nordafrikanischen Ländern geführt. An den Macht- und Verwaltungsstrukturen, an Bürokratie, Korruption und anderen behindernden Faktoren hat sich jedoch bislang kaum etwas geändert. Es ist nun die Aufgabe der neuen Regierungen dieser Länder und der Weltgemeinschaft, diese Strukturen nachhaltig zu reformieren und damit die Motivation und den Antrieb der jungen Menschen zur Veränderung zu erhalten, um ihnen eine Perspektive zu ermöglichen und die Länder vor künftigem Chaos zu bewahren.

Literatur

Azad Essa: In Search of an African revolution. International media is following protests across the »Arab world« but ignoring those in Africa. Al Jazeera, 21.2.2011.

Harald Schumann: Digitaler Krieg: Was ist der Cyberwar? Tagesspiegel vom 30. Januar 2011, S.2.

Nazir Peroz (2009): IT-Strategie und politische Bildung für arme Länder. In: Bernd Overwien und Hanns-Fred Rathenow (Hrsg.): Globalisierung fordert politische Bildung. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.

Melitta Konopka: Das Internet als Instrument zur politischen Mobilisierung. 26. Juli 2011; suite101.de.

Nazir Peroz (2010): Strategieentwicklung für bestimmte Entwicklungsländer im Bereich Informationstechnologie. Berlin: Pro BUSINESS GmbH.

Deutsche UNESCO Kommissione.V. (o.J:): Bildung für alle; unesco.de/efa.html.

Dr. Nazir Peroz ist Leiter des Zentrums für internationale und interkulturelle Kommunikation (ZiiK) an der Fakultät Elektrotechnik und Informatik der TU Berlin. Er leitet das Arbeitsgebiet Informatik und Entwicklungsländer.

in Wissenschaft & Frieden 2011-4: »Arabellion«, Seite 31–32

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden