in Wissenschaft & Frieden 2011-4: »Arabellion«, Seite 23–26

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Assad ist angezählt

Aber noch ist das syrische Regime nicht am Ende

von Patrick Seale

Nach der Machtübernahme der Rebellen in Libyen richten sich die Augen der Welt noch mehr auf den blutigen Machtkampf in Syrien. Der Autor erklärt, warum er glaubt, der syrische Präsident Assad und sein Regime seien zwar schwer angeschlagen, aber noch nicht am Ende, und weshalb Syrien im engen Beziehungsgeflecht des Nahen Ostens eine besondere Rolle spielt.

Präsident Bashar al-Assad kämpft um sein politisches Überleben, vielleicht sogar um sein nacktes Überleben. Seine brutale Unterdrückung der Protestbewegung in Syrien stieß international auf Verurteilung. US-Präsident Barack Obama und die Regierungschefs von Großbritannien, Frankreich und Deutschland forderten ihn zum Rücktritt auf. Selbst das Schwergewicht der arabischen Welt, Saudi Arabien, hat seinen Botschafter aus Damaskus zurückgezogen, ebenso einige kleinere Golfstaaten. Der Hohe Kommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Navi Pillay, legte dem UN-Sicherheitsrat einen Bericht vor, der in grausigen Details beschreibt, wie zivile Protestteilnehmer ermordet und gefoltert werden. Und es gibt Bestrebungen, den Export von syrischem Öl nach Europa mit Sanktionen zu belegen1 – diese Exporte machen etwa 30% des Staatseinkommens aus.

Noch aber trotzt Assad dem Druck. Offenbar will er bis zum Ende kämpfen. Unbeirrt, trotz gnadenloser Repressionen, schwellen die Freitagsdemonstrationen von Woche zu Woche an, und ihre Tonlage hat sich verhärtet. Immer häufiger erschallen lautstarke Rufe nach dem Sturz des Regimes. Wütende Demonstranten sagen, dass schon mehr als 2.000 von ihnen umgebracht und über 13.000 verhaftet wurden, viele davon brutalst gefoltert, während das Regime behauptet, es bekämpfe eine aus dem Ausland gesteuerte „Konspiration“ und „bewaffnete Gangs“ hätten bereits 120 Sicherheitskräfte getötet. Ein sektiererischer Bürgerkrieg nach irakischem oder libanesischem Vorbild ist der Alptraum jedes Syrers. Niemand will das wirklich – weder das Regime noch die große Mehrheit der Opposition. Allerdings gibt es Randgruppen, die glauben, dass jedes andere Regime, selbst das extremste, besser sei als das von Assad.

Die Opposition hat die nackte Wahl: entweder das Regime mit äußerster Kraft zum Sturz bringen, wie das manche möchten, oder mit dem Regime zusammen ein neues und besseres Syrien aufbauen. Ersteres ist gefährlich: Wenn die Baathisten stürzen, wer tritt an ihre Stelle? Letzteres setzt redliche Absichten voraus: Es heißt darauf zu vertrauen, dass Assad tatsächlich radikale Reformen umsetzen und mittels eines nationalen Dialogs einen effektiven Wandel hin zur Demokratie in Gang setzen will. Er hatte schon einmal einen Versuch gestartet, einen solchen Dialog zu initiieren, konnte bislang aber nicht überzeugen – vor allem, weil das Morden nicht aufhörte. Im August z.B. unterzeichnete er ein Gesetz zur Einführung eines Mehrparteiensystems, eine solche Reform ist aber undenkbar, solange die Gewalt anhält.

Das Regime konnte bei der Machtprobe bislang nicht punkten. Die Führung hatte das Wesen des Volksaufstands lange nicht begriffen, und ihre Reaktionen darauf waren geprägt von Inkompetenz. Wie Assad selbst wurden offensichtlich auch die Sicherheitsdienste von der Entwicklung überrascht. Mit dem Einsatz scharfer Munition gegen die Demonstranten in der südsyrischen Stadt Dara’a gleich nach Ausbruch der Proteste bewiesen sie eine zügellose und arrogante Geringschätzung des Lebens der Bürger – genau die Geringschätzung, die in einem Land nach dem anderen der Motor des »Arabischen Erwachens« war.

Die Reden Assads seit dem Beginn der Proteste waren eine Public Relations-Katastrophe – weit entfernt von dem zündenden, dramatischen Appell an die Nation, den seine Unterstützer erwarteten und den der Anlass gebot. Vor allem aber hat er es versäumt, seine brutalen Sicherheitsdienste in Schranken zu halten und den Schießereien, willkürlichen Verhaftungen, Prügeln und Folterungen, die international auf Abscheu stießen, ein Ende zu setzen. Und die ganze Zeit war von der Baath-Partei – gemäß dem berüchtigten Artikel 8 der syrischen Verfassung „Führer von Staat und Gesellschaft“ – buchstäblich nichts zu hören, wodurch sich der weit verbreitete Eindruck bestätigt, dass die Partei zur bloßen Hülle verkommen ist, die sich nur noch für die Wahrung ihres politischen Monopols, ihrer Privilegien und ihres korrupten Patronage-Netzwerks interessiert.

Hat das Regime seine Schwäche bewiesen, so trifft das auf die Opposition allerdings noch mehr zu. Sie will das System herausfordern, weiß aber offensichtlich noch nicht, wie – außer durch die Inszenierung einer Revolte und die Veröffentlichung von Videos, die die brutalen Unterdrückungsmaßnahmen der Regierungskräfte zeigen. Sie ist vielfach zersplittert in Säkularisten, Bürgerrechtsaktivisten, Demokraten und Islamisten unterschiedlichster Prägung, in die Oppositionellen in Syrien selbst und die Exil-Oppositionellen, die zu den vehementesten Gegnern des Regimes gehören, in diejenigen, die nach einer Intervention des Westens rufen, und diejenigen, die jegliche Einmischung von außen ablehnen, in die wütenden, arbeitslosen Jugendlichen auf der Straßen und die ehrwürdigen Persönlichkeiten aus der Opposition, geheiligt durch Jahre im Gefängnis und überwiegend schon recht betagt. In einer versöhnlichen Geste hatte das Regime ein Reiseverbot, von dem etliche Oppositionelle betroffen waren, aufgehoben, u.a. für den Veteranen der Menschenrechtsbewegung, den Aktivisten Haitham al-Maleh, 81, dem im Juli zu seiner großen Überraschung erlaubt wurde, Damaskus zu verlassen und an einem Oppositionstreffen in Istanbul teilzunehmen. Es hat sich aber noch keine einheitlich Führung herauskristallisiert; manche sagen, zumindest diejenigen in Syrien hätten Angst vor Verhaftung.

Das Treffen im Juli in Istanbul war das zweite seiner Art in der Türkei, und offensichtlich erfreute es sich einer gewissen Unterstützung durch Premierminister Recep Tayyip Erdogans AKP, der Regierungspartei mit konservativ-islamischem Einschlag. Aber aus keiner der beiden Konferenzen ging eine geeinte Führung oder ein klares Programm hervor, geschweige denn eine alternative Regierung. Bei den Oppositionsgruppierungen, die sich bisher zu Wort gemeldet haben – die Nationale Demokratische Gruppe, die Unterzeichner der Erklärung von Damaskus, der Rat zur nationalen Rettung, die Lokalen Koordinationskomitees in Syrien –, handelt es sich um lose Zusammenschlüsse einzelner Personen mit kaum einer echten Struktur und mit wenig neuen Ideen, geeint lediglich durch das Ziel, der Herrschaft der Familie Assad und ihrer Kumpane ein für allemal ein Ende zu setzen.

In Wahrheit – Tunesien und Ägypten werden sich dessen langsam bewusst – ist es außerordentlich schwierig, einen Übergang von einem autokratischen, hoch zentralisierten Ein-Parteien-System zu etwas zu bewerkstelligen, was einem demokratischen Pluralismus nahe kommt. Das geht nicht an einem Wochenende oder in einem Monat. In Europa hat es etliche Jahrhunderte gedauert. Ebenso wenig wie in den meisten arabischen Staaten gibt es in Syrien Erfahrung mit freien Wahlen, und es gibt keine richtigen politischen Parteien, keine freien Gewerkschaften, keine staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Institutionen, keine Gewaltenteilung, keine unabhängige Justiz, kaum echte politische Bildung. Das syrische Parlament ist eine Farce.

Alles in Syrien muss von Grund auf neu aufgebaut werden – einschließlich der Staatsideologie. Die alten Slogans aus der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg – Antikolonialismus, revolutionärer Sozialismus, Baathismus, radikaler Islamismus, arabische Einheit und arabischer Nationalismus, ja selbst der Arabismus – alles muss überdacht, über Bord geworfen oder zumindest auf einen neuen Stand gebracht werden.

Wie in Ägypten und Tunesien ist eine der Schlüsselfragen überhaupt, wie sich die islamistischen Bewegungen in ein demokratisches System einbinden lassen. In Syrien war die Muslimbruderschaft verboten – die Mitgliedschaft unterliegt gar der Todesstrafe –, seit sie 1976-1982 gegen das Regime des damaligen Präsidenten Hafez al-Assad, Bashar al-Assads Vater, einen Aufstand führten, der in der Stadt Hama in einem Massaker unterging. Nach Angaben von Human Rights Watch wurden damals zwischen 5.000 und 10.000 Menschen getötet, als die Regierung darum kämpfte, den islamischen Aufständischen die Kontrolle über die Stadt wieder abzuringen. Diese Kämpfe haben sich in das kollektive Gedächtnis der meisten Syrer eingebrannt. Aber sie haben für unterschiedliche Menschen eine unterschiedliche Bedeutung. Aus Sicht des Regimes war Hama unerlässlich, um das Land vor dem islamistischen Terrorismus zu retten. Für die Opposition, vor allem für die sunnitischen Muslime, war es ein verbrecherisches Massaker, das nach Ansicht mancher nach Rache ruft.

Es ist also nachvollziehbar, dass gewisse Bevölkerungsgruppen, vor allem die Christen (zehn Prozent der Bevölkerung) und die Alawiten (etwa zwölf Prozent), sehr beunruhigt sind. Das Regime wird von Alawiten, einem Zweig des schiitischen Islam, dominiert, insbesondere in den Offizierskorps und den Sicherheitsdiensten. Sie würden zum direkten Ziel, sollte eine extreme Sunni-Regierung an die Macht kommen. Syrien ist ein Mosaik aus Konfessionen und ethnischen Gruppen, daher ist der Wunsch nach Toleranz, nach einer im Wesentlichen säkularen Regierung tief verwurzelt. Für viele besorgte Säkularisten ist die Türkei ein Modell, da Erdogans AKP gezeigt hat, dass der Islam durchaus mit Demokratie einhergehen kann.

Bedarf an neutralen Vermittlern

Da es ein unermessliches Unterfangen ist, Demokratie nach Syrien zu bringen, und da jeder Wandel mit Überlebenschance unweigerlich Zeit braucht, kamen einige Beobachter zum Schluss, dass ein Dialog zwischen dem Regime und der Opposition der sicherste Weg nach vorne sei. Aber wo anfangen, wenn zwischen den beiden Lager ein abgrundtiefer Hass steht? Ohne Frage, das Regime muss zuerst aufhören, seine Bürger umzubringen, und die Opposition muss sich mit dem Gedanken eines allmählichen Wandels vertraut machen. Zunächst muss sich die Situation aber unbedingt beruhigen.

Eine Friedenssicherungsmission durch neutrale Länder wie Indien, Brasilien und die Türkei könnte da sehr hilfreich sein. Jimmy Carter könnte die Mission leiten. Seine moralische Autorität und seine Schlichtungserfahrung genießen allgemeinen Respekt. Es wäre Aufgabe der Mission, die Voraussetzungen für einen ernsthaften Gedankenaustausch zu schaffen und dafür zu sorgen, dass das Regime echte demokratische Reformen nicht nur verspricht, sondern auch durchführt. Letztlich müssten freie Wahlen unter internationaler Aufsicht das Ziel sein.

Assads Regime zieht seinen Legitimationsanspruch aus zwei Punkten: dass es Israel und seinen amerikanischen Unterstützern Paroli bietet und dass es seinen Bürgern – zumindest bis zur aktuellen Krise – eine lange Periode der Sicherheit und Stabilität verschafft hat, auch wenn der Preis dafür das Fehlen politischer Freiheiten war. Jeder Syrer weiß um das schreckliche Schicksal von zweien seiner Nachbarn: des Libanon mit seinem grausamen Bürgerkrieg (1975-1990) und des Irak mit seinem bluttriefenden Konflikt zwischen den Sunniten und den Schiiten, der 2003 durch die Invasion der USA entfesselt wurde.

Assad mag also angeschlagen sein, erledigt ist er aber noch längst nicht. Einige oppositionelle Hardliner lehnen jeden Gedanken an Dialog mit ihm ab. Andere Oppositionelle zeigen sich flexibler, bestehen aber darauf, dass zuerst das Morden aufhören muss. Je stärker die Repressionen werden, desto mehr gewinnen die Hardliner an Grund.

Es gibt drei Szenarien, die zum Ende des Regimes führen könnten: eine Spaltung des Militärs und der Sicherheitskräfte, ein ernsthafter Streit innerhalb des Regimes oder der Familie Assad oder ein katastrophaler wirtschaftlicher Zusammenbruch. All dies ist möglich, scheint aber nicht unmittelbar bevorzustehen.

Bis auf wenige Ausnahmen haben sich das Militär und die Sicherheitskräfte dem Regime gegenüber loyal verhalten. So lange dies so bleibt, wird es für die Opposition schwierig, das Regime zu stürzen. Die herrschende Familie und das Regime bilden nach wie vor eine einheitliche Front. Es gab zwar einige Gerüchte über Auseinandersetzungen zwischen dem Präsidenten und seinem Bruder Maher, einem Hardliner und Kommandeur der Prätorianergarde des Regimes, es ist aber kaum etwas darüber an die Öffentlichkeit gedrungen.

Die Wirtschaft gibt natürlich Anlass zu Sorgen. Der Tourismus in Syrien ist kollabiert, die Inlandinvestitionen sind versiegt und das syrische Pfund hat erheblich an Wert eingebüßt. Nach der ersten Euphorie über den »Arabischen Frühling« wird den meisten Menschen jetzt bewusst, dass es nicht nur darum geht, ein neues politisches System aufzubauen, ob in Syrien, Tunesien, Ägypten oder im Jemen. Es muss auch eine Lösung für die enormen sozialen und wirtschaftlichen Probleme Syriens und der anderen Länder in der Region gefunden werden: Bevölkerungsexplosion, außer Kontrolle geratene Jugendarbeitslosigkeit, eine verarmte Mittelklasse und eine bettelarme Arbeiterklasse, ungezügelte Steigerung der Lebenshaltungskosten, eine mehr oder weniger bankrotte Regierung, eine Politik der ökonomischen Liberalisierung, von der nur eine winzige und korrupte Elite profitiert, und Missachtung der Arbeiterrechte, sei es auf dem Land oder im Gewerbe und in den Fabriken.

Die reichen Golfmonarchien können sich vom Ärger freikaufen und tun das auch. Saudi Arabien beispielsweise hat angekündigt, 70 Mrd. Dollar in preisgünstiges Wohnen zu investieren. Syrien mit einer ähnlichen Bevölkerungszahl kann von solchen Zahlen nur träumen. Kuwait, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, hochvermögende Scheichtümer mit gigantischen Vermögen in Herrscherhand, haben versprochen, Tunesien aus seinen aktuellen Schwierigkeiten zu helfen. Auch nach Ägypten fließt Geld, ebenso nach Oman und Jemen. Auch Syrien wird Hilfe brauchen, wenn die Krise anhält. Aber auf wen kann es sich verlassen? Wenn es hart auf hart kommt, hilft der iranische Bündnisgenosse vielleicht mit ein oder zwei Milliarden aus. Aber Iran hat selbst genug Probleme.

Die syrische Wirtschaft kann vermutlich noch einige Monate vor sich hin stolpern, ohne das Regime zu gefährden. Syrien hat bewiesen, dass es Sanktionen widerstehen kann, da es im Gegensatz zu den meisten arabischen Staaten bei der Lebensmittelversorgung weitgehend unabhängig ist – die Ernte dieses Jahr wird auf 3,6 Millionen Tonnen geschätzt. Mit einer Ölförderung von 380.000 Barrel pro Tag und jeder Menge Gas ist es auch bei der Energieversorgung zu einem gewissen Maße autonom. Aber selbst mit europäischen Sanktionen ist es schwierig, ein weltweites Ölexportverbot zu verhängen. Kurzum, das Regime ist trotz all seiner Fehler und Schwächen kein leichter Gegner.

Assads Aktivposten

Bashar al-Assad steckt zwar tief in Schwierigkeiten, ist aber offensichtlich noch nicht am Ende. Nach der NATO-Intervention in Libyen – um erst gar nicht von den Konflikten in Afghanistan, Pakistan und im Irak zu reden – hat keine externe Macht, und zuallerletzt eines der westlichen Länder, Ambitionen auf eine neue Militärintervention. Russland hat sich zwar in jüngerer Zeit alarmiert gezeigt von den Vorgängen in Syrien, würde aber ebenso wie China im UN-Sicherheitsrat eine Verurteilung Syriens verhindern. Außerdem ist Syrien für die Stabilität der östlichen arabischen Welt absolut kritisch, so dass keiner der arabischen Nachbarstaaten ein Interesse an seiner Destabilisierung hat. Die Saudis und einige andere Golfstaaten haben zwar ihre Botschafter abgezogen, und die Arabische Liga und der Golf-Kooperationsrat haben Assad aufgerufen, das Morden zu stoppen, aber sie haben nicht seinen Rücktritt verlangt.

Im Vergleich mit den anderen arabischen Ländern, die dieses Jahr von der Revolutionswelle betroffen waren, ist Syrien ein Sonderfall. Tunesien beispielsweise ist aus geographischen Gründen mehr oder weniger immun gegen die stürmischen Strömungen der arabischen Politik (auch wenn viele Flüchtlinge aus Libyen dort Zuflucht suchten). Selbst die Geschehnisse in Libyen haben sich trotz ihres gewaltsamen Austrags kaum auf die arabische Welt ausgewirkt. Und sogar die Revolution in Ägypten hat die politische Landkarte im arabischen Raum bislang nicht radikal verändert. Fraglos wird Ägypten in Zukunft einen großen Einfluss auf die arabischen Länder und die arabisch-israelischen Beziehungen haben, aber noch ist es vor allem mit sich selbst und seinen immensen Problemen beschäftigt.

Syrien hingegen liegt mitten im politischen Zentrum der östlichen arabischen Welt. Es liegt an der Bruchlinie zwischen den sunnitischen und den schiitischen Ländern. Es ist Israels hartnäckigster Gegner. Es war bis zur aktuellen Krise der Dreh- und Angelpunkt für die Türkei in ihrer Arabienpolitik. Als sich die Beziehungen der Türkei mit Israel abkühlten, wurde eine türkisch-syrische Allianz ins Leben gerufen, die für die Geopolitik der Region sehr wichtig ist. Es kam inzwischen zwar zu Spannungen wegen des brutalen Vorgehens der syrischen Sicherheitskräfte, noch aber hat sich die Türkei nicht von Syrien abgewandt. Die Türkei möchte bei der Stabilisierung der Lage gerne eine Schlüsselrolle spielen und drängt Assad, seine Kräfte zu disziplinieren und das Morden zu stoppen.

Syrien ist immer noch der dominante externe Faktor im Libanon. Im Bündnis mit der Hisbollah ist es die stärkste Partei im Land und stellt die schlagkräftigsten Streitkräfte. Israel und die Vereinigten Staaten dämonisieren die Hisbollah weiterhin als terroristische Organisation, dabei ist sie einfach eine schiitische Widerstandsbewegung, die es geschafft hat, Israel nach 22 Jahren Besatzung (1978-2000) aus dem Südlibanon zu vertreiben. Die Hisbollah wurde sogar erst durch die israelische Besatzung hervorgebracht. Zum großen Ärger Israels hat die Hisbollah eine gewisse Fähigkeit erlangt, weitere aggressive Akte Israels abzuwehren und hat 2006 bei der letzten israelischen Invasion des Libanon seine Stärke bewiesen. Natürlich würde Israel die Achse Teheran-Damaskus-Hisbollah – in den letzten drei Jahrzehnten das Haupthindernis einer regionalen Hegemonie Israels – gerne zerschlagen. Aber das wäre nur unter erheblichen Risiken möglich.

Die Hisbollah wird vor allem von syrischen Oppositionellen im Libanon für ihren Schulterschluss mit dem repressiven Assad-Regime kritisiert. Das heroische Bild der Hisbollah als Israels Widersacher hat darunter gelitten. Dennoch aber bleibt die Tatsache bestehen, dass Syrien, der Iran und die Hisbollah gemeinsam die Konfrontation mit Israel und den Vereinigten Staaten schultern, seit Ägypten mit dem Friedensvertrag mit Israel 1979 aus der arabischen Gleichung verschwand und die übrige Region den Machtansprüchen Israels überließ. Das wurde vor allem 1982 deutlich. Im selben Jahr, in dem die syrische Armee das Massaker von Hama verübte, marschierte Israel in den Libanon ein. Bei seinem Versuch, die PLO zu zerschlagen und den Libanon dem syrischen Einfluss zu entreißen und dem eigenen Machtbereich unterzuordnen, tötete Israel damals mehr als 17.000 Menschen. Im Falle des Erfolgs wäre Syriens Sicherheit hoffnungslos unterminiert worden, und Israel hätte uneingeschränkt über die Levante herrschen können. Damals hat Hafez al-Assad die israelischen Pläne durchkreuzt. Er hielt es für einen seiner größten Triumphe, weil dadurch Syrien geschützt und der Libanon im arabischen Lager gehalten wurde.

Dieses ganze Beziehungsgeflecht, sowohl mit Freunden als auch mit Feinden, würde bei einem Fall des Regimes Assad zerreißen. Das macht in der Region und darüber hinaus große Sorgen und ist einer der Gründe, warum Bashar al-Assad doch noch überleben könnte.

Wenn die Proteste in Syrien bedrohlicher werden und das Morden weitergeht, sollte niemand erwarten, dass das Regime kampflos untergeht. Nur selten begehen Regime politischen Selbstmord oder kapitulieren freiwillig vor ihren Feinden, vor allem, wenn massive Vergeltungsmaßnahmen drohen. Das Regime Assad hat unter Vater und Sohn mehr als vier Jahrzehnte überdauert, zahlreiche Krisen überlebt und viele Feinde ausgeschaltet. In diesem Punkt unterscheidet es sich nicht von den anderen in der Region.

China hatte sein Tiananmen-Massaker, Russland seinen erbitterten Krieg in Tschetschenien. Iran zerschlug die Grüne Bewegung, die Präsident Ahmadinejads Sturz wollte. US-Außenministerin Hillary Clinton hat Assads Legitimität in Frage gestellt und die internationale Gemeinschaft aufgerufen, mit Syrien keine Geschäfte mehr zu machen, aber die Syrer wissen sehr wohl, dass Amerika in seiner Bilanz, seine Feinde aufzuspüren und zu vernichten, eher noch schlechter dasteht sie selbst. Nach dem Angriff vom 11.9. überfiel diese große Bastion der Demokratie 2001 Afghanistan und 2003 aufgrund von fingierten und erfundenen Anschuldigungen den Irak. Hunderttausende kamen um, und mehrere Millionen wurden zu Flüchtlingen im Inland oder im Ausland. Syrien bietet bis heute mehr als einer Million irakischer Flüchtlinge, Opfer des Krieges der USA, Zuflucht.

Wenn die Gewalt in Syrien zunimmt, droht die Gefahr einer blutigen sektiererischen Abrechnung. Schon jetzt ist es eine Frage von töten oder getötet werden. Deshalb sollten alle, denen die syrischen Menschen und die regionale Stabilität am Herzen liegen, darauf hinwirken, dass möglichst rasch ein nationaler Dialog stattfindet und ein Machtwechsel mit demokratischen Mitteln anstatt durch einen Bürgerkrieg herbeigeführt wird.

Dieser Artikel erschien in »The Nation« (Ausgabe vom 12. September 2011). Wir bedanken uns für die Übersetzungs- und Abdruckrechte.

Anmerkung

1) Die EU-Außenminister verhängten am 2. September 2011 ein Ölembargo gegen Syrien. Auf Betreiben von Italien, einem der Hauptimporteure des Öls, tritt das Embargo aber erst im November 2011 in Kraft. [d.Ü.]

Patrick Seale ist britischer Journalist und arbeitet zum Nahen Osten. Er schrieb etliche Bücher, u.a. »The Struggle for Syria«, »Assad of Syria: The Struggle for the Middle East« und «The Struggle for Arab Independence: Riad el-Sohl and the Makers of the Modern Middle East«.
Übersetzt von Regina Hagen

in Wissenschaft & Frieden 2011-4: »Arabellion«, Seite 23–26

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