in Wissenschaft & Frieden 2011-3: Soldaten im Einsatz, Seite 57–58

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Genderperspektiven in der Friedensforschung

Tagung des Netzwerks Friedensforscherinnen der AFK,
6.-7. April 2011, Schwerte

von Rita Schäfer

Am 6. und 7. April 2011 kamen auf Einladung des Netzwerkes Friedensforscherinnen der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK) über vierzig zumeist junge Wissenschaftlerinnen in Schwerte zusammen, um aktuelle Forschungsergebnisse zu diskutieren. Ziel war es, neue empirische oder theoretische Studien vorzustellen und feministische sowie gender-sensible Forschungsansätze abzuwägen. Ausgangspunkt der Überlegungen war die These der Veranstalterinnen, insbesondere der AFK-Frauenbeauftragten Bettina Engels und Sara Clasen, dass Frauen- und Gender-Themen zwar allmählich in der deutschen Friedens- und Konfliktforschung Einzug halten, die Auseinandersetzung sich aber meist auf empirische Untersuchungen beschränkt und es kaum Rückbezüge zur theoriegeleiteten Forschung gibt. Um so mehr galt es nun, theoretische, konzeptionelle und methodische Reflexionen sowie empirische Befunde in vergleichender Perspektive zu erörtern, um differenzierte Auseinandersetzungen innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung voranzutreiben.

Nach einem ernüchternden Einführungsreferat von Ramona Schürmann, Technische Universität Dortmund, über berufliche Perspektiven von Wissenschaftlerinnen, das vor allem den beschleunigten Prozess des Stellenabbaus und der Entfristung von Arbeitsverträgen problematisierte, fokussierte der erste Themenblock auf den so genannten »Embedded Feminism« und die diskursive Legitimation von Gewalt. Andrea Nachtigall von der Alice-Salomon-Hochschule Berlin und Torsten Bewernitz, Universität Münster, präsentierten wesentliche Ergebnisse ihrer Dissertationen. Konkret illustrierten sie mediale Gender-Zuschreibungen in der Berichterstattung über den Kosovo-Konflikt bzw. den Afghanistan-Krieg. Gerade durch die gelungene Bildauswahl, die politische Einordnung und den Vergleich der Darstellungen gelang es diesen Referenten eindrücklich, grundlegende Strukturen sowie länder- und zeitspezifische Besonderheiten herauszuarbeiten. Sie zeigten auf, wie meinungsbildende Massenmedien politische Forderungen zur Verwirklichung von Frauenrechten instrumentalisierten und damit die Wahrnehmung zum Zweck der Legitimierung militärischer Interventionen manipulierten. Für die Lebensrealität der Frauen vor Ort interessierte sich hingegen kaum ein Journalist oder Politiker. In der anschließenden Diskussion wurde erörtert, wie die Friedens- und Konfliktforschung solchen Verzerrungen und Vereinnahmungen gegensteuern kann.

Auch Claudia Brunner, Universität Klagenfurt, stellte anhand einer anschaulichen Bildauswahl und treffend ausgewählten, aussagestarken Zitaten zentrale Erkenntnisse ihrer Dissertation vor. Unter dem provokanten Titel »Wenn die Terrorismusforschung zum Feminismus konvertiert« bot sie eine überzeugende Analyse der Gender-Stereotypen in der vorrangig von US-amerikanischen Wissenschaftlern dominierten Terrorismusforschung. Sie konzentrierte sich auf Studien über Selbstmordattentate und kritisierte die plakative Sexualisierung der Täterinnen und Täter sowie die kontextlose Kulturalisierung ihres Handelns. Unter Bezug auf feministische Ansätze zur Analyse politischer Gewalt verurteilte sie die Instrumentalisierung frauenrechtlicher Forderungen durch staatliche Entscheidungsträger im Spannungsfeld von innerer und äußerer Sicherheit.

Ronja Eberle, Doktorandin der Gender-Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin, skizzierte zentrale Thesen ihres Promotionsprojektes. Darin geht es um öffentliche Debatten über das Anti-Pornographiegesetz in Indonesien. Sie ordnete dieses in die aktuelle politische Situation, konkret in den verstärkten Nationalismus, ein und stellte Rückbezüge zur jahrzehntelangen Militärherrschaft her. Deutlich wurde, dass es für die Friedens- und Konfliktforschung erkenntnisreich sein kann, die Militarisierung von Gesellschaften und deren mittel- und langfristigen Folgen stärker in den Blick zu nehmen. In der anschließenden Diskussion ging es um die Bedeutung von Diskursanalysen für die Friedens- und Konfliktforschung. Herausgearbeitet wurden die nationalistische Funktionalisierung von Gender-Diskursen und die Deutungsmacht von Medien im Dienste politischer Entscheidungsträger. Gleichzeitig wurde die Notwendigkeit unterstrichen, solche Akteure und Institutionen sowie deren Ideologien genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein zweiter Themenblock widmete sich konzeptionellen und methodischen Forschungsfragen. Hier stellte Ruth Streicher, Doktorandin am Graduiertenkolleg für islamische Gesellschaften der Freien Universität Berlin, methodische Reflexionen über ihre gerade durchgeführte Feldforschung im Süden Thailands vor. Sie eröffnete Einblicke in die Machtdynamiken einer Konfliktregion, in die sie persönlich verstrickt wurde, und erläuterte, wie sie sich in konkreten Situationen dazu positionierte. Aufschlussreich waren ihre Überlegungen zu verschiedenen intersektionalen Identitätskategorien, zumal sie keineswegs nur als junge Forscherin wahrgenommen wurde, sondern von den unterschiedlichen Konfliktparteien auch mit religiösen Zuweisungen versehen wurde. Streicher betonte, dass eine geschlechterpolitische Ethnographie mit einem hohen Maß an Selbstreflexion Gewaltanalysen konzeptionell vertiefen kann.

Bettina Engels und Corinne Gayer, beide Doktorandinnen am Institut für Politikwissenschaften der FU Berlin, boten den Einstieg in eine Grundsatzdebatte über die Frage, wie feministisch die gender-sensible Friedensforschung sein soll. Sie zeigten das Strukturproblem auf, wo Forschungsbeiträge im Spannungsfeld zwischen Empirie und Theorie, zwischen Wissenschaft und Praxis zu verorten seien, zumal die Mainstream-Forschung faktisch immer noch reserviert ist gegenüber Gender-Studien bzw. feministischen Ansätzen. Wichtig sei es, Lagerbildungen zu vermeiden und den Dialog mit der Mainstream-Forschung zu suchen, ohne jedoch zur Verfestigung von Machtverhältnissen beizutragen. Gleichzeitig sind Gender-Forscher und -Forscherinnen, insbesondere diejenigen mit einem feministischen Selbstverständnis, mit dem Paradox konfrontiert, emanzipatorische Ansprüche verwirklichen zu wollen, ohne polarisierte Geschlechterzuschreibungen zu reproduzieren oder gar zu verstärken.

In der anschließenden Diskussion plädierten etliche Wissenschaftlerinnen dafür, eine herrschaftskritische Position beizubehalten und Gender als politischen Begriff zu nutzen, zumal Gender-Zuschreibungen als gesellschaftliche Konstrukte zu erfassen seien. Aus diesem Verständnis heraus könnten auch feministische Forschungen von empirischen und praxisorientierten Gender-Studien profitieren, wobei kritische Selbstreflexionen für feministische Forscherinnen ebenfalls notwendig und sinnvoll seien. Immer wieder wurde die Frage aufgeworfen, wie die Theorieentwicklung vorangetrieben werden kann, zumal sie ein großes Desiderat auch hinsichtlich der mangelnden fachlichen Wertschätzung ist. Abschließend wurde die universitäre Verortung einer gender-kritischen oder feministischen Friedens- und Konfliktforschung problematisiert, wobei die unzureichende Beachtung dieser Themen in der Lehre kritisiert und eine systematischere Institutionalisierung im Lehrbetrieb gefordert wurde.

Insgesamt bot dieser Workshop wichtige Impulse für weitere Forschungen und den fachlichen Dialog. Wünschenswert wäre es, wenn bei kommenden Gender-Veranstaltungen noch mehr männliche Wissenschaftler, insbesondere Vertreter der Mainstream-Forschung, daran partizipieren würden.

Weitere Informationen und Mailingliste u.a. mit Konferenzhinweisen und Stellenausschreibungen: afk-web.de/netzwerk-friedensforscherinnen.

Rita Schäfer

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