in Wissenschaft & Frieden 2011-3: Soldaten im Einsatz, Seite 28

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Friedensbewegung an die Schulen!

von Jenny Becker und Peter Becker

Die Kooperationsvereinbarungen von Bundesländern mit der Bundeswehr haben vielfältige Reaktionen der Friedensbewegung ausgelöst. Jenny und Peter Becker geben einen kurzen Überblick und beleuchten ein Beispiel.

Immer häufiger kommen Jungoffiziere in die Schulen, um über sicherheitspolitische Themen zu sprechen und für eine Ausbildung innerhalb der Institution Bundeswehr mittelbar zu werben. Dazu hat die Bundeswehr bereits mit acht Bundesländern Kooperationsvereinbarungen getroffen.

Um Lobbyarbeit gegen diese Vereinbarungen zu betreiben, haben sich in den letzten Monaten etliche thematische Sub-Netzwerke der bekannten Friedensorganisationen gebildet, darunter die Projekte »Friedensbildung, Bundeswehr & Schule« der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden/AGDF und der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer/EAK (friedensbildung-schule.de, umfassende Materialsammlung unter http://bit.ly/pnZR97), »Schulfrei für die Bundeswehr« der DFG-VK Baden-Württemberg (schulfrei-für-die-bundeswehr.de), die Netzwerke Friedensbildung in Rheinland-Pfalz und Hessen sowie die Kampagne »Friedensbewegung an die Schulen!« von EN-PAZ und der Stiftung Friedensbewegung (en-paz.de und stiftungfriedensbewegung.de).

Dabei wurde klar, dass ein mit den Kooperationsvereinbarungen vergleichbares Angebot geschaffen werden muss, um die »Schuleinsätze« der Bundeswehr zumindest konterkarieren zu können. Es sollen also zukünftig ReferentInnen der Friedensbewegung an die Schulen gehen, um über Erfahrungen im Freiwilligendienst und als Friedensfachkräfte zu berichten oder als motivierte ExpertInnen aus Forschung und Lehre über gewaltfreie Konflikttransformation oder umstrittene Bundeswehreinsätze zu berichten.

Allerdings entzündete sich im Verlauf der Diskussion auch ein Konflikt innerhalb der Friedensbewegung: Die einen legen Wert auf die Bündelung von Ressourcen zur Abschaffung der Bundeswehr-Länder-Abkommen, die anderen auf den Abschluss von ebenbürtigen Kooperationsvereinbarungen der Länder mit den Dachverbänden des Friedensdienstes. Eine solche Vereinbarung steht in Rheinland-Pfalz vor dem Abschluss.

EN-PAZ – Lernplattform für Friedenserziehung

Die Bundeswehr ist aber nicht nur mit ihren Jugendoffizieren, sondern (ausgestattet mit einem Etat von 24 Mio. Euro ) auch im Bereich der Lehrmittelerstellung für schulische und außerschulische Anforderungen sehr gut aufgestellt; auf ihre Angebote wird von zahlreichen Lehrkräften gerne zurückgegriffen. Dieses Material ist gut, greift aber in punkto ziviler Konfliktbearbeitungsmethoden natürlich zu kurz; ferner ist es grafisch und inhaltlich ganz auf die Bundeswehr als attraktiven »zivilen« Arbeitgeber zugeschnitten.

Dem will EN-PAZ – eine Initiative getragen von der Stiftung Friedensbewegung, der GEW, der EN-PAZ Community und einigen Freiwilligen und Ehrenamtlichen – gegensteuern. Als Beitrag zur »Erziehung zur Friedfertigkeit und Friedensfertigkeit« stellt EN-PAZ kostenlos aktuelle Arbeitsmaterialien für Lehrkräfte und SchülerInnen online, die überwiegend aus der Friedens- und Konfliktforschung bzw. der nationalen Friedensbewegung stammen.

Weltkarte und Quartett

Die Weltkarte und das Quartett bieten einen spielerischen Einstieg in das Thema Konflikt. Über die Weltkarte »Zivile Konfliktbearbeitung« kann man anhand der geographischen Lage kleiner Bömbchen sehen, wo überall auf der Welt Konflikte ausgetragen werden. Ein Klick auf diese ruft eine Seite mit Hintergrundinformationen, Perspektiven bzw. Lösungsvorschlägen zum jeweiligen Konflikt sowie weiterführenden Links und Quellen auf.

Das »Quartett« hat den Anspruch, persönliche, innergesellschaftliche, internationale und selbst systemische Konflikte wie z.B. Ressourcenkonflikte nebeneinander auszuspielen. EN-PAZ geht dabei vereinfacht gesagt davon aus, dass ein intrapersoneller Konflikt den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt wie ein internationaler Konflikt.

Freiwilligendienst

EN-PAZ stellt Organisationen aus dem Sektor Frieden/Völkerverständigung vor, die Freiwilligendienste anbieten. Nach der Abschaffung von Wehrpflicht und Ersatzdienst haben viele gemeinnützige Vereine Personalprobleme. Hier wird die Freiwilligenarbeit zwischen Schule und Studium beworben und SchulabgängerInnen schmackhaft gemacht, auf diese Weise auch etwas für sich selbst zu tun. Ein Auslandsjahr oder ein sozialer Dienst im Inland kann das ganze Leben prägen, bevor Berufsausbildung oder Studium jede freie Zeit für unkonventionelle Erfahrungen nehmen. Neben einem Kurzprofil der Organisationen werden zukünftig auch Infos zum Bewerbungsverfahren und Erfahrungsberichte geliefert.

Werkzeugkoffer

Hier werden Texte von EN-PAZ mit Fallbeispielen aus der zivilen Konfliktbearbeitung und Friedensarbeit sowie externe Arbeitspapiere für Friedensbildungsprojekte zum Download bereitgestellt.

Für den »Werkzeugkoffer» sucht EN-PAZ noch weitere Ehrenamtliche sowie Honorarkräfte: info@en-paz.de. Jenny Becker ist Diplomjuristin der Universität Köln und hat den MA Friedens- und Konfliktforschung in Marburg absolviert. Sie arbeitet als EN-PAZ Projektleiterin. Peter Becker ist Energierechtsanwalt und Gründer der IALANA Deutschland sowie der Stiftung Friedensbewegung.

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