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Friedensdienst als Menschenwerk

Der Zivile Friedensdienst in Nepal

von Carola Becker

Der Zivile Friedensdienst (ZFD) ist ein ungewöhnliches Instrument. Zumindest finden dies manche der bestehenden oder potentiellen Partnerorganisationen in Nepal. Eher bekannt und weiter verbreitet ist finanzielle Unterstützung verschiedener Geber zu bestimmten Themen mit spezifischen Anforderungen, wobei die Partner als Durchführer oder Dienstleister ausgesucht werden. Personelle Zusammenarbeit, außer vielleicht in Form von zeitlich begrenzten Consultant-Einsätzen, ist eher unbekannt. Die Vorstellung, »ausländische Fremdkörper« in die eigene Mitte aufzunehmen, scheint vielen – insbesondere staatlichen Partnern – nicht nur auf den ersten Blick seltsam, fast bedrohlich. Die Organisationen, die sich trotz aller anfänglichen Zweifel auf diese Zusammenarbeit eingelassen haben, sind später in der Mehrheit positiv überrascht. Lerneffekte gibt es viele – für alle Beteiligten.

Der Zivile Friedensdienst

Ins Leben gerufen vor allem als gewaltfreie Alternative zu Militäreinsätzen, besteht der Zivile Friedensdienst (ZFD) als Instrument offiziell seit 1999. Alle Projekte des ZFD werden vom Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) geprüft und nach Genehmigung finanziert. Projekte beantragen können acht anerkannte Trägerorganisationen:

Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF)

Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH)

Christliche Fachkräfte International (CFI)

Deutscher Entwicklungsdienst (DED), seit dem 1. Januar 2011 aufgegangen in der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Evangelischer Entwicklungsdienst (EED)

EIRENE – Internationaler Christlicher Friedensdienst

Forum Ziviler Friedensdienst (forumZFD)

Weltfriedensdienst (WFD)

Manche dieser Träger kooperieren wiederum mit anderen Organisationen, wodurch das Netz noch erweitert wird. Zusammengehalten und organisiert sind die verschiedenen Träger über das Konsortium Ziviler Friedensdienst.

Ziel des ZFD ist es dazu beizutragen, Konflikte gewaltfrei zu behandeln, Gewalt zu reduzieren oder ganz zu verhindern und positiven Frieden zu fördern. Kern des ZFD ist die Entsendung von Friedensfachkräften. Diese arbeiten im Land oft eng mit einheimischen Fachkräften zusammen, die auch über das jeweilige ZFD-Projekt finanziert werden.

Der ZFD arbeitet im Rahmen von sieben Handlungsfeldern:

Aufbau von Kooperations- und Dialogstrukturen über Konfliktlinien hinweg (einschließlich Stärkung traditioneller Schlichtungsinstanzen)

Schaffung von Anlaufstellen und gesicherten Räumen für Unterstützung und Begegnung von Konfliktparteien

Stärkung von Informations- und Kommunikationsstrukturen zum Thema »Ursachen und Auswirkungen gewaltsamer Konflikte« (u.a. Friedensjournalismus, Vernetzung, Monitoring von Konfliktverläufen)

Reintegration und Rehabilitation der von Gewalt besonders betroffenen Gruppen (einschließlich Maßnahmen der psychosozialen Unterstützung/Traumabearbeitung)

Beratung und Trainingsmaßnahmen zu Instrumenten und Konzepten ziviler Konfliktbearbeitung sowie beim Aufbau von Strukturen

Friedenspädagogik (einschließlich Bildungsmaßnahmen zum Abbau von Feindbildern)

Stärkung der lokalen Rechtssicherheit (Beobachtung der Menschenrechtssituation, Schutz vor Menschenrechtsverletzungen, Aufbau und Stärkung lokaler Institutionen)

Pro Land sind im Schnitt zehn Fachkräfte im Einsatz (plus zehn Einheimische Fachkräfte). Natürlich ist es schwierig, mit so einer kleinen Zahl an Personal und auch nur begrenzten Projektmitteln weit reichende Wirkungen zu erzielen und dazu auch noch schnell sichtbar und möglichst messbar. Dennoch hat sich der ZFD in den letzten elf Jahren bewährt und wird zunehmend von Partnern nachgefragt. Die Veröffentlichung einer umfassenden Evaluierung des Instruments steht in den nächsten Monaten an.

Ausführlichere Informationen finden Sie auf www.giz.de/zfd und www.ziviler-friedensdienst.org.

Carola Becker

In Nepal gibt es viele Gründe für einen Einsatz des ZFD: Ein Jahrhunderte altes diskriminierendes Kastensystem, das laut Gesetz nicht mehr bestehen soll, das aber weiterhin als Tradition überlebt; knapp hundert verschiedene ethnische Gruppen mit vielen eigenen Sprachen; extreme Benachteiligung großer Teile der Bevölkerung (Frauen, ethnische Gruppen, niederen Kasten angehörende oder kastenlose Personen); das Fortwirken von feudalistischen Strukturen und Privilegien, wirtschaftliche Rückständigkeit und Abhängigkeit; ein zehnjähriger maoistischer Aufstand, der 2006 mit einem Friedensabkommen beendet wurde, das allerdings bisher in vielen Punkten nicht umgesetzt wurde. Eine neue demokratische und föderale Republik ist im Aufbau. Gerade bei letzterem wirken alte (Kasten) und neue Antagonismen (ethnischer Föderalismus) als sich gegenseitig bestärkende Hemmnisse. Nach dem Bürgerkrieg konnte bislang keine stabile Regierung gebildet werden, die Verabschiedung der Verfassung bleibt ungewiss. Das Konsensgebot der provisorischen Verfassung verhindert bislang die Aushandlung tragfähiger politischer Kompromisse, jeder scheint jeden blockieren zu wollen. Die Ursachen des gewalttätigen Konfliktes werden in der Politik meist ausgeblendet. Dazu kommen Straflosigkeit und Patronage, verbunden mit sich in zivilem Ungehorsam übenden Gruppierungen polit-krimineller Natur, die das schon arme Land wirtschaftlich und sozial beschädigen. Insgesamt also schier unbegrenzte Ansatzmöglichkeiten für Maßnahmen der Zivilen Konfliktbearbeitung.

Der ZFD soll in jedem Land in nicht mehr als zwei Handlungsfeldern agieren. Keine leichte Entscheidung bei so viel Bedarf – wo ansetzen: an der Aufarbeitung der Vergangenheit, an der Vermeidung weiterer Konflikte, an den nach wie vor bestehenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten? Am besten scheint eine geschickte Kombination, um konzentriert zu agieren und umfassende Wirkungen zu erzielen. Die in Nepal festgelegten Handlungsfelder sind »Beratung und Trainingsmaßnahmen zu Instrumenten und Konzepten ziviler Konfliktbearbeitung sowie beim Aufbau von Strukturen« und »Stärkung der lokalen Rechtssicherheit (Beobachtung der Menschenrechtssituation, Schutz vor Menschenrechtsverletzungen, Aufbau und Stärkung lokaler Institutionen)«. Beide haben sich bisher gut bewährt.

Das ZFD Programm in Nepal mit dem Titel »Systematische Stärkung und Vernetzung lokaler und nationaler Friedenspotenziale in der Post-Kriegsphase« läuft seit 2008. Allgemein beabsichtigt der ZFD Veränderungen von Verhalten, Strukturen und Prozessen. Das ZFD-Programm der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Nepal will durch seine Maßnahmen zur Verringerung von struktureller Gewalt und Diskriminierungen beitragen: Individuelle, soziale und politische Konflikte sollen in Zukunft zunehmend auf konstruktive und transformative Weise bearbeitet werden. Der Zugang zu einem funktionierenden Rechtssystem soll sich verbessern. Zielgruppe ist die gesamte nepalische Bevölkerung, insbesondere diskriminierte und marginalisierte Gruppen.

Maßnahmen des ZFD in Nepal

Momentan arbeiten sieben internationale und drei nationale Fachkräfte beim ZFD der GIZ in Nepal. Eine weitere Fachkraft ist von der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) geschickt, zwei Stellen sind über die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) in Kooperation mit der Kurve Wustrow und drei weitere mit Peace Brigades International (PBI) im Land. Die Stellen über die Kurve Wustrow sind im Bereich der Beratung in Ziviler Konfliktbearbeitung angelegt, während PBI sich auf die Begleitung von Menschenrechtsaktivisten/innen spezialisiert.

Die Fachkräfte der GIZ konzentrieren sich auf die Stärkung der Kapazitäten in Ziviler Konfliktbearbeitung und die Unterstützung beim Zugang zu Recht. Sie tragen damit im weitesten Sinne zur Stärkung der Menschenrechte und dem Wunsch der bislang Ausgeschlossenen nach einer gerechteren Gesellschaft bei.

Im ersten Bereich kooperieren ZFD-Fachkräfte mit nepalesischen Partnerorganisationen, die selbst im Bereich der Zivilen Konfliktbearbeitung aktiv sind. Es geht hier vor allem um das Training von bestimmten Methoden und Kapazitäten, wie zum Beispiel Mediation, Konfliktanalyse, Konflikttransformation oder Konfliktsensibilität, kombiniert mit einem gewissen (je nach Partner unterschiedlich starken) Anteil an Organisationsentwicklung. So wird sichergestellt, dass nicht nur die inhaltlichen Fähigkeiten unterstützt werden, sondern auch die administrativen und organisatorischen, die dringend notwendig sind, um Personal und andere Ressourcen effektiv und sinnvoll zu nutzen.

Seit 2008 unterstützen beispielsweise eine Friedensfachkraft und eine Einheimische Fachkraft das Forum for the Protection of People’s Rights Nepal (PPR). PPR ist eine Nichtregierungsorganisation mit Hauptsitz in Katmandu, die sich in den Bereichen Friedensförderung, Menschenrechte und Stärkung der Rechtsstaatlichkeit engagiert. Als erste Partnerorganisation im ZFD sah sich PPR zunächst als Ausführer des Programms. So waren sie es von verschiedensten ausländischen Institutionen gewöhnt, mit denen sie bis dahin zu tun hatten. Trotz ausführlicher Vorgespräche kam die Botschaft, in ihrer Mitte und gemeinsam mit ihnen werde eine Fachkraft arbeiten, nicht an. Und da war nun plötzlich der junge Mann Anfang 30 mit einer großen Portion Enthusiasmus, Hintergrund in der Friedensforschung und vorheriger Nepalerfahrung. Wohin mit ihm? Wie ihn vorstellen? Was mit ihm besprechen? Will er uns kontrollieren? Wollen wir ihn überhaupt? Was kann er denn anbieten? Mit diesen und ähnlichen Fragen überhäuften der Direktor der Partnerorganisation und sein Stellvertreter den damaligen ZFD-Koordinator. Der wiederum wunderte sich: „Das hatten wir doch alles im Detail besprochen.“ Es war klar, theoretische Vorgespräche sind eines, die Realität dann doch wieder ganz anders, die Erwartungen auf allen Seiten unterschiedlich, aber, wie sich nach ersten Monaten der vorsichtigen Annäherung herausstellte, keineswegs unvereinbar.

Unter anderem nutzte PPR die ZFD-Unterstützung für seinen Strategiebildungsprozess, gefolgt von einem einjährigen modularen Mediationstraining für PPR-Mitarbeiter/innen und eine Gruppe von 20 Mediator/innen aus ganz Nepal.

Traditionell war und ist in Nepal Schlichtung als Konfliktbearbeitungsmethode verbreitet. Wie in anderen Ländern auch, üben die Dorfältesten eine Art von Richterrolle aus. Oft funktioniert diese Methode gut und wird von allen Beteiligten akzeptiert. Dennoch wird in den letzten Jahren der Ansatz von Mediation zunehmend bekannt. Vor allem Frauen und Angehörige niedriger Kasten sehen ihre Interessen besser vertreten von Mediator/innen, die sie selbst auswählen können. Allerdings verwechseln viele Mediator/innen ihre Rolle mit der von Schlichtern. Die Idee, Konfliktparteien so anzuleiten, dass sie selbst zu annehmbaren Lösungen kommen, ist noch relativ neu. Hier liegt ein starker Fokus der angebotenen Trainings. Wichtig ist auch, über den eigenen Status als Mediator/in zu reflektieren. Aufgrund des überall präsenten Kastensystems ist es sehr schwierig, sich von Vorurteilen gegenüber niedrigeren (und auch höheren Kasten) freizumachen. Diese müssen von den Mediator/innen zuerst erkannt, dann akzeptiert und verändert werden. Dies ist ein langwieriger Prozess, der weit über den Mediationsansatz hinausgeht. Hier wird als Nebeneffekt an eingefahrenen Strukturen gearbeitet. Allein schon ein gemeinsames Training in einem Raum ist für viele neu und gewöhnungsbedürftig.

Ein relativ neuer Partner des ZFD-Programms ist die Organisation Forum for Protection of Public Interest (ProPublic). ProPublic ist eine renommierte Nichtregierungsorganisation mit Fokus auf »gute Regierungsführung«, Umweltthemen und Konfliktbearbeitung. Die Friedensfachkraft soll gemeinsam mit der einheimischen Fachkraft ab Mitte 2011 das Mediationsprogramm von ProPublic in verschiedenen Distrikten Nepals planen und durchführen. Ob die vielen Gespräche und die gemeinsame Prüfung der geplanten Zusammenarbeit (viele Vorbereitungstreffen, die in einem umfassenden Prüfbericht alle Aspekte der Kooperation festhalten) ausreichen, um Missverständnissen vorzubeugen, muss sich noch zeigen.

Eine weitere Maßnahme im ZFD-Programm ist die »Regionale Konfliktbearbeitung« für Multiplikator/innen im Konfliktbereich, zum Beispiel Mediator/innen, Menschenrechts- oder Frauenaktivist/innen und Mitglieder der lokalen Friedenskomitees. Die Trainings werden in Kooperation mit verschiedenen Partnerorganisationen im ganzen Land angeboten und durchgeführt. Hier ist die Situation anders – nicht eine feste Partnerorganisation, sondern viele, meist sehr kleine an abgelegenen Orten. Dennoch gibt es auch hier genug Raum für Missverständnisse und auseinander klaffende Erwartungen. Selbst an die von der Hauptstadt weit entfernten Orte (oft nur in zwei Reisetagen zu erreichen) ist die Erwartung der uneingeschränkten finanziellen Unterstützung vorgedrungen. Auch hier kommt immer wieder Verwunderung auf, wenn die Fachkräfte eine Zusammenarbeit vorschlagen.

Zwei Friedensfachkräfte und eine einheimische Fachkraft sind in dieser Maßnahme tätig. Nach der Auswahl von Organisationen zur Zusammenarbeit werden Reihen von unterschiedlichen Trainings gemeinsam geplant und durchgeführt. Die Trainings sind alle partizipativ ausgerichtet und integrieren die persönlichen und beruflichen Erfahrungen der jeweiligen Teilnehmer/innen. Ausgesucht werden letztere von den Partnerorganisationen, aber zuerst werden Auswahlkriterien gemeinsam mit den Fachkräften festgelegt. Inklusion ist hier ein wichtiges Schlagwort. Das bedeutet, Frauen sollen an den Trainings teilnehmen. Das ist an vielen Orten noch immer sehr ungewöhnlich. Auch die gemeinsame Teilnahme von Angehörigen unterschiedlicher Kasten ist oft sehr schwierig und für alle Beteiligten eine neue Erfahrung. Der Fokus der Trainings liegt auf der Stärkung von konstruktiven Rollen in lokalen und übergreifenden Konflikten und auf der Verbreitung gewaltfreier Konfliktbearbeitung, um so zu sozialem Wandel in den jeweiligen Heimatregionen der Teilnehmer/innen beizutragen.

Je nach den Interessen und Hintergründen der Zielgruppen werden Mediationstrainings oder andere, vielfältige und angepasste Methoden angeboten, um Raum zur kritischen Reflektion über Gewalt und Frieden zu geben. Unter anderem dient auch das Forumtheater als Werkzeug zum Anstoß von öffentlichem Dialog über Konfliktsituationen. Laienschauspieler/innen spielen auf einer Bühne im Ort Konflikte unterschiedlichster Art, von häuslicher Gewalt über problematische Landrechte bis zu politischen Interessenskonflikten. Kurz vor der Eskalation des Konflikts wird das Stück angehalten und das Publikum befragt, wie die Situation weitergehen sollte oder könnte. Verschiedene Vorschläge werden von den Zuschauer/innen eingebracht und dann auf der Bühne umgesetzt. Verschiedene Entwicklungen einer Konfliktsituation werden so ausprobiert und diskutiert. Angeleitet werden die Einbeziehung des Publikums und der weitere Verlauf des Stücks von einer oder einem der Schauspieler/innen, dem so genannten Joker. Vorbereitet wird das Stück in einem mehrtägigen Workshop, angeleitet von der Friedensfachkraft. Welche Konflikte gespielt werden sollen, entscheiden die Teilnehmer/innen, sie stellen auch den Joker.

Die meisten der Trainings sind als längere Prozesse angelegt. Es soll immer ausreichend Raum und Zeit gegeben sein zur Selbstreflexion sowie zur kritischen Betrachtung von existierenden sozialen Normen und Werten, von Vorurteilen und Diskriminierungsmechanismen im alltäglichen Leben. Die Selbstreflexion ist gleichzeitig einer der schwierigsten, jedoch auch wichtigsten Aspekte der Trainings. Nur wenn sich an den Denkstrukturen etwas ändert, kann das Verhalten beeinflusst werden, und nur so können sich langfristig eingefahrene Strukturen wandeln.

Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte

Ein anderer, nicht weniger wichtiger Bereich des ZFD ist die Förderung von Rechtstaatlichkeit und Menschenrechten. Straffreiheit ist ein ernstes Thema in Nepal. Verantwortliche für schwere Menschenrechtsvergehen während der Zeit des bewaffneten Konflikts haben bisher weitestgehend Straffreiheit genossen. Bis Anfang 2011 wurden keine Täter für Menschenrechtsverletzungen verurteilt. Gleichzeitig gibt es noch immer mehr als 1.300 Vermisste und Tausende seelisch und körperlich Verletzte. Alle haben das Recht auf Wissen, auf Wiedergutmachung und letztlich auf Versöhnung.

Noch steht die lange geplante Gründung einer »Truth and Reconciliation Commission« aus und geht in allgemeinen politischen Querelen unter. Eine ZFD-Maßnahme unterstützt aber die Untersuchungen massiver Menschenrechtsverletzungen. Ein Experte arbeitet im Rahmen des ZFD-Programms mit der National Human Rights Commission Nepal (NHRC) und fördert die Mitarbeiter/innen im Bereich der forensisch-anthropologischen Untersuchungen sowie bei der Aufklärung von außergerichtlichen Tötungen und den Schicksalen von Vermissten.

Hier war die Lage anders als bei den übrigen Maßnahmen. Es war für die Partner von Anfang an eindeutig, warum sie die Fachkraft brauchen, was sie erreichen möchten, welcher Bedarf ansteht. Dennoch fehlte es auch hier nicht an unterschiedlichen Erwartungen. Die Menschenrechtskommission erwartete zwar keine finanzielle Förderung, sah sich auch nicht als Durchführer des ZFD-Programms in Nepal, betrachtete aber die Mitarbeit der Fachkraft mit einer großen Portion Skepsis: Ist dies ein Spion? Will er unsere Bücher kontrollieren? Spricht er etwa für alle ausländischen Geldgeber? Hier half nur die außerordentliche Expertise der ZFD-Fachkraft. Er bringt langjährige Erfahrung aus anderen Ländern mit und kann Fachwissen anbieten, das es in Nepal nicht gibt, das aber dringend gebraucht wird. Plagen muss sich die Fachkraft jetzt »nur« mit politisch bedingten Verzögerungen in den Aufklärungsarbeiten.

Konkrete Wirkungen können alle ZFD-Maßnahmen vorweisen. Vor allem der partizipative Ansatz, auch das Bestehen auf inklusiver Zusammenarbeit und natürlich das Vermitteln kreativer Methoden und spezifischen Fachwissens stärken lokale Kapazitäten, verändern Denkansätze, Verhalten und, ganz langsam und ansatzweise, auch Strukturen.

Kooperation mit GIZ-Programmen

Seit einigen Monaten hat der ZFD Nepal eine Fachkraft für Konfliktsensibilität zur Beratung der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit, ein sehr spannendes und wichtiges Feld, wenn auch nicht typisch für den ZFD und nicht wirklich Teil des Instruments. Der ZFD arbeitet an Konflikten (working on conflict), der Ansatz der Konfliktsensibilität bezieht sich auf Vorhaben in Konfliktgebieten (working in conflict). Ob Teil des Instruments oder nicht, der Ansatz der Konfliktsensibilität ist extrem wichtig und sinnvoll. Hier zeigt sich ganz klar, dass es anfängliche Unsicherheiten oder Bedenken auch zwischen deutschen Vorhaben geben kann. „Sollen wir nun kontrolliert werden, das haben wir doch schon alles im Blick, wir kennen unsere Wirkungen und Einflüsse.“ Solche und ähnliche Reaktionen gibt es manchmal anfangs, wenn es darum geht, die einzelnen Programme, Projekte, Maßnahmen oder Vorhaben konfliktsensibel (oder konfliktsensibler) auszurichten. Letztendlich geht es vor allem um Reflexion der Arbeit über die geplante und beabsichtigte Arbeit selbst hinaus. Da hilft es gelegentlich, anzuhalten und kritisch zu überprüfen, mit Hilfe eines Blicks von außen, ob nicht vielleicht ungewollte und unbeabsichtigte Wirkungen entstehen.

Bewährt hat sich in Nepal auch der enge Austausch und teils die direkte Kooperation mit anderen Programmen der Entwicklungszusammenarbeit. Ein Beispiel hierfür ist Support to the Peace Process (STPP), ein großes Programm der früheren GTZ in den so genannten »Cantonments« (Internierungslager oder groß angelegte Wartezentren für die ehemaligen maoistischen Kämpfer/innen). Mitarbeiter/innen in neu angelegten Bildungszentren werden in Konflikttransformation ausgebildet. Neu angewendet wird jetzt auch hier die Methode des Forumtheaters, das bisher extrem gut angenommen wird.

Ausblick

In Zukunft ist geplant, die Zusammenarbeit mit den anderen GIZ-Programmen zu verstärken, auch um mehr Friedensfachkräfte in abgelegenen Regionen anzusiedeln. Mehr Fokus auf Versöhnungsarbeit steht in den nächsten Jahren an und wird vom nepalesischen Ministerium für Frieden und Wiederaufbau angefragt. Unentschieden sind zwar die politische Situation und der weitere Konfliktverlauf, klar hingegen ist der starke Bedarf an Maßnahmen der Zivilen Konfliktbearbeitung, wie der ZFD sie anbietet. Mit einer größeren Anzahl Fachkräfte und einer vermehrten engen Zusammenarbeit aller Vorhaben, werden sich auch die angestrebten Wirkungen noch besser erzielen lassen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass mit der richtigen Herangehensweise, einer intensiven Vorbereitung aller Beteiligten und genug gutem Willen von allen Seiten die Erfahrungen im ZFD außerordentlich positiv sind. Festgefahrene Strukturen können in Frage gestellt oder aufgeweicht werden. Sowohl Mitarbeiter/innen der lokalen Partnerorganisation als auch die Fachkräfte können von der Zusammenarbeit immens profitieren. Dies dauert manchmal etwas, es braucht eine gewisse Gewöhnungsphase, Geduld und Empathie. Für beide Seiten mag diese höchst intensive Art der personellen Zusammenarbeit neu und ungewohnt sein, aber wenn genug Offenheit und Neugier vorhanden ist, klappt das in den meisten Fällen. Natürlich werden alle Beteiligten »vorgewarnt«: die Partner in langwierigen, ausführlichen und detaillierten Prüfungen, die Fachkräfte in Auswahlverfahren und umfassenden Vorbereitungen. Dennoch ist die Realität letztendlich immer wieder ganz anders. So bleibt es spannend. So wird aus einem Instrument Menschenwerk.

Carola Becker ist Politologin und seit 2005 beim ZFD tätig. Von 2005 bis 2008 unterstützte sie als Friedensfachkraft eine palästinensische Organisation in Bethlehem. Von 2008 bis 2010 arbeitete sie als ZFD-Koordinatorin beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Ramallah. Seit April 2010 ist Carola Becker ZFD-Koordinatorin in Nepal. Vor ihrer Zeit beim ZFD arbeitete sie für eine US-amerikanische Organisation in Projekten der Friedensförderung im Nahen Osten.

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